Dalos: Guten Morgen.
Heuer: Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem Beitritt Ungarns zur Europäischen Union entgegen?
Dalos: Einerseits bin ich irgendwie glücklich über diesen Zeitpunkt und über den Erfolg meines Landes. Ich habe in den 70er Jahren, als diese Perspektive überhaupt noch nicht in Sicht war, einer demokratischen Opposition angehört, wo wir eigentlich immer wieder auf die Annäherung zu Westeuropa gesteuert haben. Das ist also die glückliche Seite dieses Tages. Andererseits weiß ich, dass es nicht leicht wird, eine wirkliche Integration zu schaffen, weil Ungarn, obwohl das Wachstum da ist, immer noch große soziale Schwierigkeiten hat.
Heuer: Auf die Schwierigkeiten kommen wir gleich noch zu sprechen. Vor gut 10 Jahren haben Sie geschrieben, Ungarns Chance liege darin, sich der europäischen Zivilisation anzuschließen ohne auf seine eigene Tradition und Kultur zu verzichten. Was bringt Ungarn denn mit in die Europäische Union, das andere Staaten nicht mitbringen können?
Dalos: Ich bin sicher, dass wir nicht so viele Rohstoffe und so viele Energien und eine solche Industrie mitbringen können als einige andere Staaten, aber Ungarn hat sehr viel Arbeitskraft, sehr viele innere Ressourcen und eine hervorragende und in Westeuropa sehr gut bekannte und anerkannte Kultur.
Heuer: Umgekehrt gefragt, was hat denn die Europäische Union Ungarn zu bieten, vielleicht mal abgesehen von den wirtschaftlichen Wohltaten dieses Beitritts?
Dalos: Ich nehme an, dass die Europäische Union vieles anzubieten hat, was politische Kultur und was Konfliktregelungen innerhalb einer offenen Gesellschaft bedeutet. Da hatten wir immer noch einiges zu lernen. Wir kommen aus einer Diktatur und in den Reflexen meiner Generation, aber vielleicht auch noch jüngerer Leute, sitzt immer noch etwas von dieser Diktatur. Es gibt noch gewisse Ängste und außerdem gibt es noch Reflexe, dass man allzu viel dem Staat zu verdanken hat. Was wir jetzt lernen müssen, ist, dass wir ebenso europäische Staatsbürger sind wie die Franzosen oder die Deutschen.
Heuer: Nun gab es aber schon vor dem Beitritt einen Streit in diesem größer gewordenen Europa. Ich nenne als Stichwort den Brief der Acht im Irak-Konflikt. War das denn ein guter Start?
Dalos: Ungarn hatte natürlich immer ein bisschen Unglück im Glück. Wir sind Mitglieder der NATO geworden und eine Woche später brach dann der Jugoslawien-Krieg aus, und jetzt wo wir sozusagen vor den Toren der EU sind, jetzt haben wir nicht das Vereinigte Europa vor uns, was eigentlich einer ganzen Generation zu Zeiten des Kalten Krieges vorschwebte. Allerdings gibt es auch Gutes daran, weil Ungarn hat innerhalb dieses Europas Möglichkeiten, zwischen streitenden oder diskutierenden Ländern auch zu wählen. Also, ich glaube, dass eine reiche, politische Führung und eine offene Gesellschaft fähig wird, diese europäische Interessen und die Interessen des Landes miteinander harmonisch zu verbinden.
Heuer: Aber in einer solchen Wahl, Herr Dalos, liegt ja schon zugleich etwas Trennendes innerhalb Europa. Ist vielleicht das Europa, das um Osteuropa erweitert wird, die Europäische Union nicht einfach zu groß, um noch mit einer Stimme sprechen zu können und, wenn Sie es auch so sehen, liegt darin nicht eine Gefahr?
Dalos: Vielleicht ist das aber eben die Chance, dass man nicht unbedingt und in jeder Frage mit einer Stimme reden muss, weil nicht nur Ungarn sondern auch sämtliche Staaten, die jetzt in dem ersten Kreis der EU beitreten werden, Vielfalt bringen. Ich bin und war auch nie dafür, dass Europa immer in einer Sprache spricht. Es ist gut, wenn Diskurs und Diskussionen laufen, zum Beispiel über den Krieg im Irak. Es ist einfach verständlich, dass die Interessenlage der unterschiedlichen Länder auch in diesem Krieg anders war, und Europa darf nicht mehr irgendwelche Nachahmungen des ehemaligen Ostblocks oder auch der ehemaligen Westkoalition sein.
Heuer: Sie sagen, Diskurs ist etwas Gutes. Sind die Ungarn streitlustig?
Dalos: Die Ungarn sind, wenn es die Innenpolitik anbelangt, ziemlich streitlustig, und, obwohl da manche Sachen geschehen oder auch darüber gesprochen werden, derer man sich nicht unbedingt rühmen kann - manchmal wird die Politik unterhalb der Gürtellinie gemacht -, finde ich es immer noch besser als das eisige Schweigen von potenziellen Wählern. Es ist immer besser, wenn in einer Politik gestritten wird als wenn 10 Prozent der Wahlberechtigten zu den Urnen gehen, was bei uns auch mal der Fall war.
Heuer: Sie haben sich nach der Wende über die politische Bedeutung des Schlangestehens in Ungarn geäußert und haben gesagt, dass bei diesem Schlangestehen immer politische Diskussionen geführt wurden. Wie politisch sind denn die Ungarn eigentlich heute?
Dalos: Das Schlangestehen war eine ziemlich typisch sozialistische Form, auch des Politisierens, und ich spreche von dem Schlangestehen nach 56, was damals für das Regime ziemlich gefährlich war, und ich glaube, dass die ökonomische Reform der späten 50er Jahre unter anderem darauf gerichtet war, dass diese Schlangen verschwinden. Heute gibt es andere auch demokratische Kanäle, wo sich der Ärger, die Enttäuschung oder Frustration unter Menschen äußern kann, und ich bin dafür, dass die Demokratie diese Kanäle aufrecht erhält, dass man den Leuten nicht die Lust an der Politik nimmt, damit diese Politik nicht in die Hände der Parteien gerät.
Heuer: Morgen findet das Referendum über den EU-Beitritt in Ungarn statt. Haben Sie keinen Zweifel, dass die Ungarn für die EU stimmen beziehungsweise dass auch genug Ungarn überhaupt abstimmen, denn es muss ja ein Quorum von 50 Prozent erreicht werden?
Dalos: Einerseits bin ich mir sicher, dass die Beteiligung ziemlich groß sein wird, andererseits herrscht doch so etwas wie ein Konsens auch über die Parteien, die ansonsten nicht besonders freundlich gegenüber einander sind, so dass das die einzige Lösung für das Land ist. Ich bin auch sicher, dass die Zahl der Beteiligten ziemlich groß wird. Die Ungarn sind inzwischen doch erwachsen und sie verstehen dieses Problem, und man kann sie nicht mit billigen, populistischen Slogans von Europa fernhalten.
Heuer: György Dalos war das, der ungarische Schriftsteller und Historiker. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Dalos.
Link: Die zehn Beitrittskandidaten
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