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StartseiteBüchermarktTalent zum Glücklichsein23.05.2019

Zum Tod der Schriftstellerin Judith KerrTalent zum Glücklichsein

Als Illustratorin preisgekrönter Kinderbücher war Judith Kerr vor allem in Großbritannien eine bekannte Größe. Auch hierzulande hat sie die Herzen der Leser gewonnen - mit ihren Bildergeschichten über Kater Mog und nicht zuletzt mit dem autobiografischen Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

Von Brigitte van Kann

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Ein schwarz-weiß-Porträt von Judith Kerr, Kinderbuchautorin, in Berlin geboren, lebte aber in London. (imago / Tagesspiegel / Mike Wolff)
Judith Kerr, eine international renommierte Autorin mit Talent zum Glücklichsein (imago / Tagesspiegel / Mike Wolff)

Was für ein Leben! Judith Kerr war neun Jahre alt, als ihr Vater, der namhafte Berliner Kritiker und Autor Alfred Kerr – von jemand Wohlmeinendem gewarnt – wenige Tage vor der Machtergreifung Hitlers bei Nacht und Nebel Deutschland verließ. Seine Frau und die beiden Kinder folgten kurz darauf. Am Morgen nach ihrer Flucht standen bereits die Häscher vor dem Haus der Familie – offenbar war eine Geiselnahme geplant, um den erklärten Hitlergegner Kerr zur Rückkehr zu zwingen und ihm den Prozess zu machen.

Über die Schweiz, wo die Kerrs ein knappes Jahr blieben, bevor klar war, dass die Schweizer Presse wenig Interesse hatte, einen Gegner der neuen Macht zu drucken, führte der Weg nach Paris. Judith Kerr und ihr Bruder besuchten eine französische Schule. Das Lernen fiel den Kindern leicht, für sie hatte das neue Leben einen Hauch von Abenteuer – während ihr Vater kaum Publikationsmöglichkeiten fand und wenn, dann waren sie schlecht bezahlt. In einem Interview anlässlich ihres 95. Geburtstags im Sommer 2018 sagte Judith Kerr:

"Niemand konnte mir meine glückliche Kindheit nehmen und ich muss sagen, dass ich auch nachher glücklich gewesen bin, denn ich fand es so interessant in andere Länder zu gehen. Und meine Eltern waren großartig: Sie haben uns irgendwie den Eindruck vermittelt, dass das Alles ein großes Abenteuer war. Als wir in Paris lebten, da standen mein Vater und ich einmal am Fenster und schauten hinunter auf die Dächer von Paris, und da soll ich gesagt haben: "Ist es nicht herrlich, ein Flüchtling zu sein?!"

Neustart in England

1935 verließen die Kerrs Paris und zogen nach London. Auch hier war das Leben schwer für die Eltern, doch sie fühlten sich aufgenommen. Selbst während des Kriegs erfuhren die "freundlichen gegnerischen Ausländer", wie man die aus Nazideutschland Geflohenen offiziell deklarierte, Unterstützung und Solidarität, etwa in Form von Stipendien für die Schulbildung der Kinder. Judiths Bruder Michael verbrachte zwar einige Monate in einem Internierungscamp, doch kaum war er durch höchste Fürsprache daraus befreit, stand ihm die Royal Air Force offen, wo er einer der wenigen deutschen Piloten wurde.

All das und noch viel mehr erfährt der Leser in Judith Kerrs wunderbarer Autobiografie, die zu ihrem 95. Geburtstag in der schönen deutschen Übersetzung von Ute Wegmann erschien. Sie trägt im englischen Original den Titel "Creatures" und heißt im Deutschen "Geschöpfe. Mein Leben und Werk". Judith Kerrs Ehemann, der Fernsehautor Tom Kneale, hatte seine Eltern immer seine "creatures", seine Geschöpfe genannt, im witzigen Wortspiel die Rollen des Kindes und seiner Erzeuger umkehrend. Die Autorin erzählt in diesem Buch von ihrer Kindheit und Jugend im Exil in England, von der Kriegszeit und ihrem Kampf um eine Ausbildung an der Kunstschule, von ihren Kindern und ihren Büchern.

Augenweide und Schule des Lebens

Dieses Buch ist nun Judith Kerrs Vermächtnis geworden. Neben ihren Erinnerungen enthält es eine Fülle von Zeichnungen und Illustrationen, ja ganze Seiten aus ihren berühmten Kinderbüchern von den Abenteuern des Katers Mog und der herrlichen Bildergeschichte vom "Tiger, der zum Tee kam". Eine Augenweide! Wer Enkelkinder oder Nichten und Neffen mit erstem Lesestoff oder mit Anfängerlektüre in englischer Sprache versorgen will, findet hier reichlich Anregungen. Judith Kerrs Autobiografie ist aber auch eine Schule des Lebens – wie man nicht verzagt, aus allem das Beste macht, seine Gaben nach Kräften entfaltet und glücklich ist, so glücklich, wie nur eben möglich. Darin sah sie, eine vor dem Holocaust Gerettete, sogar ihre Pflicht:

"Es ist mir sehr klar, dass ich ein Leben gehabt habe, das anderthalb Millionen andere Kinder nicht hatten. Was hätten sie alles gemacht in ihrem Leben, wie glücklich wären sie gewesen, überhaupt nur einen kleinen Teil davon zu haben. Also muss man das soweit wie möglich gut machen."

Sie hat es gut gemacht. Im Krieg arbeitete sie für das Rote Kreuz und war trotz der deutschen Bomben und der schmalen Lebensmittelrationen glücklich, wie sie schreibt – über ihre Selbständigkeit, das erste selbst bezahlte Zimmer. Sie lernte das Land lieben, das sie aufgenommen hatte. Als der Krieg zu Ende war, erlebte sie sich inmitten einer fröhlich feiernden Menschenmenge und beschloss: "Das ist mein Land."

Gelassenheit, Witz, Freundlichkeit

Alles, was an britishness liebenswert und klug ist, vereinte die gebürtige Berlinerin Judith Kerr in ihrer Person: Gelassenheit, Witz, Freundlichkeit sprechen aus jeder ihrer Zeilen, aus jeder Zeichnung. Mit welcher Großzügigkeit sie, die international renommierte Illustratorin und Autorin, ihre Wegbegleiter ins Licht rückt und sich für deren Hilfsbereitschaft und alles, was sie von britischen Verlagsleuten, Graphikern und Buchgestaltern gelernt hat, bedankt! Viele dieser Weggefährten waren ihre Freunde geworden. Wenn es eine Begabung zur Freundschaft gibt, so müssen Judith Kerr und ihr Ehemann Tom Kneale, mit dem sie 54 Jahre zusammen war, sie besessen haben – ebenso wie das Talent, eine lange, beglückende Ehe zu führen, in der beiden nie der Gesprächsstoff ausgegangen ist.

Diskretion, Zurückhaltung, Loyalität – auch das gehört zum klassischen Britischsein dazu. Wenn sie schlimme Ereignisse erwähnt, wie den Freitod ihres Vaters, der nach einem Schlaganfall stark beeinträchtigt war, erspart sie sich und ihren Lesern peinigende Details und stimmt kein Lamento an. Seelenschau coram publico zu betreiben war nicht Judith Kerrs Stil. Von ihr kann man lernen, was Haltung ist. Im Februar 2019 wurde sie im "ZEITMagazin", nach ihrer Einschätzung der aktuellen Politik befragt, mit den Worten zitiert: "Ich hatte genug Politik in meinem Leben." Obwohl sie den Brexit bedaure, sei es nicht ihre Aufgabe, den Engländern zu sagen, was sie zu tun hätten.

Hauskater und Fuchs

Mit zarter Ironie begegnete Judith Kerr den Ungeschicklichkeiten ihrer einstigen Landsleute: Berliner Aktivisten, die sich mit dem Plan bei ihr meldeten, eine Schule nach ihr zu benennen, meinten, es gäbe da ein Hindernis: Eigentlich könne man Schulen nur nach verstorbenen Personen benennen. Judith Kerrs Ehemann kommentierte den Antrag aus Deutschland britisch-knapp mit den Worten: "Das geht zu weit." Die Schule erhielt den Namen dann doch zu Lebzeiten von Judith Kerr. Eine Kinderbuchlektorin, die ein Abenteuer des Katers Mog – eine tatsächlich im Hause Kerr beobachtete Freundschaft zwischen Hauskater und Fuchs – mit den Worten abschmetterte: "Füchse gehen nicht in die Häuser von Menschen." Sicher, es kommen auch keine Tiger zum Tee! Aber von solchen Dingen zu träumen und in Büchern davon zu lesen, macht Kindern doch gerade Freude!

Anders als in England, hat man Judith Kerr in Deutschland weniger als Schöpferin von Bilderbüchern wahrgenommen, sondern vor allem als Autorin des autobiografisch grundierten Jugendbuchs "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", das von den ersten Exiljahren einer aus Deutschland geflüchteten jüdischen Familie handelt. Dafür erhielt sie 1974 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ein Ereignis, das, wie sie sagte, "alles veränderte" in ihrem kritischen Verhältnis zu Deutschland.

"Ich war ein paar Mal zurückgekommen, als mein Vater in Hamburg starb und als meine Mutter in Berlin starb und auch zwischendurch. Viele Jahre lang war es mir irgendwie unheimlich. Man traf Menschen und man wusste nicht: Was hatten sie damals getan? Aber dann, als die Zeit verging, begegnete man neuen Deutschen, die noch nicht geboren waren, selbst ihre Eltern waren noch nicht geboren, als das alles geschah – und es ist wirklich ein anderes Land. Andere Menschen. Es ist eindrucksvoll!"

Nun ist Judith Kerr gestorben. In ihrer Autobiografie "Geschöpfe" hatte sie mit souveränem Humor einen Traum von der eigenen Beerdigung geschildert: "Nur die Kinder waren da", schrieb sie, "es war kalt und dunkel und ziemlich deprimierend, und als es vorbei war, sagte eins der Kinder: ‚Was sollen wir jetzt machen?’, und das andere antwortete: ‚Lass uns zu McDonald’s gehen!’ Und mir, ganz und gar jüdische Mutter, ging sogar in meinem Traum durch den Kopf: ‚Typisch! Sie haben mich kaum beerdigt, da gehen sie schon los und essen Junkfood!"

Judith Kerr: "Geschöpfe. Mein Leben und Werk".
Aus dem Englischen von Ute Wegmann.
Edition Memoria, Hürth bei Köln.
176 Seiten. 38 Euro.

Judith Kerr: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". Bd. 1–3. 
Limitierte Jubiläumsausgabe (Taschenbuch) zum 90. Geburtstag von Judith Kerr.
Aus dem Englischen von Annemarie Böll.
Ravensburger Buchverlag.
576 Seiten. 9,99 Euro.

Judith Kerr: "Ein Tiger kommt zum Tee".
Aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf.
Knesebeck Verlag, Münschen.
32 Seiten. 12,95 Euro.

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