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StartseiteKultur heuteMeister der post-seriellen Musik29.03.2020

Zum Tod des Komponisten Krzysztof PendereckiMeister der post-seriellen Musik

Mit seinen eigenwilligen Klangkompositionen erregte Krzysztof Penderecki Ende der 1950er-Jahre erstmals Aufsehen. Experimente mit verschiedenen Klangfarben, Glissando- und Vibratotechniken sorgten für einen weltweiten Erfolg. Jetzt ist der polnische Komponist im Alter von 86 Jahren gestorben.

Von Frieder Reininghaus

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Der polnische Dirigent Krzysztof Penderecki im Februar 2013 in der St. Petersburg Philharmonie.  (picture alliance / Ruslan Shamukov)
Der polnische Dirigent Krzysztof Penderecki (picture alliance / Ruslan Shamukov)
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Zur rechten Zeit entwickelte er Weltläufigkeit: Krzysztof Penderecki war gerade 26 Jahre alt, als 1959 die interessierte Öffentlichkeit und auch westliche Beobachter auf ihn aufmerksam wurden. Der polnische Komponistenverband, die beweglichste der staatlichen Musik-Organisationen des real existierenden Ostblocks, hatte drei seiner Arbeiten mit Preisen bedacht. Das waren deutliche Zeichen der "Öffnung". Denn die prämierten Arbeiten machten von avancierten Stimm- und Instrumentaltechniken Gebrauch. Sie entwickelten zugleich, und das war Grundlage des Erfolgs, appellativen Charakter und starke emotionale Effekte.

Rasch und steil ging es aufwärts. Der aus dem kleinpolnischen Karpatenvorland stammende Penderecki, Jahrgang 1933, erhielt eine Professur an der Musikhochschule in Krakau, an der er zuvor studiert hatte.Mit Threnos , ein den Opfern von Hiroshima gewidmetes Musikwerk, war der internationale "Durchbruch" erreicht. Das Thema der Komposition und seine dramatische Behandlung hatte die zuvor noch "schrecklich" radikal anmutenden Mittel schlagartig plausibel werden lassen: die Härte der Klangflächen, in denen sich Mikrointervalle bewegten, die Cluster und das Schwirren, das aus neuartigem Gebrauch der Streicherbögen resultierte.

Neuartige Mikrointervalle

Für die 700-Jahr-Feier des Doms zu Münster lieferte Penderecki 1966 eine Lukas-Passion. In ihr flossen viele musikalische Ströme zusammen und wurden, vermittels strenger Konstruktion zu neuer Synthese geführt: Mittelalterliche Organum-Technik und neue Mikro-Intervall-Strukturen, Motetten-Satz, spätbarocke Modelle und Zwölf-Ton-Technik. Kontemplative und gewaltig aufgewühlte Chor-Sätze wechseln mit lyrischen Solo-Arien und psalmodierenden narrativen Partien.  Erkennbar wurde, dass sich die von Penderecki wie mit breitem Pinsel hingeworfenen Arbeiten in der Auseinandersetzung mit dem Rituellen auch einer neuen Anverwandlung von Tradition zuwandten. Zu seinem dreichörigen ‚Stabat mater‘ erläuterte der mit Kardinal Wojtyla, dem nachmaligen Papst Johannes Paul II., eng verbundene Komponist:

"Ja, und dann schrieb ich Stabat mater, wo ich zurückging auf die Technik der Renaissance, auf die großen niederländischen Meister. Das hatte ich auch in der Schule studiert natürlich und dann hat sich ergeben, dass daraus eine andere Sprache entstanden ist."

Diese "andere musikalische Sprache" wurde in Pendereckis erster Oper wirkungsmächtig: "Die Teufel von Loudon", uraufgeführt 1969 an der Staatsoper Hamburg. Gestützt auf den Roman von Aldous Huxley zur Lebens- und Leidensgeschichte eines attraktiven und wortgewaltigen französischen Geistlichen aus der Zeit Ludwigs XIII. geht es, durchaus mit Anspielungen auf die damaligen Verhältnisse in Polen, um einen krassen Fall von Hysterie unter Ordensschwestern, um Häresie und die brutale Verfolgung eines sogenannten Hexers.

Nicht wiederholbarer Erfolg

Den nachhaltigen Erfolg der "Teufel" erzielten die folgenden Opern nicht mehr. Weder "Paradise Lost" nach John Milton noch "Die schwarze Maske" nach Gerhart Hauptmann. Penderecki, der sich auch als Dirigent profilierte, verlegte sich schwerpunktmäßig aufs Schreiben von Konzerten und Symphonien. Er wurde auch auf diesem Feld höchst erfolgreich, indem er die einst als radikal neu wahrgenommenen Momente seines Kompositionsstils weitgehend eliminierte. Insgesamt hinterlässt er ein gewaltiges Œuvre, mit dem er sich, nach Karol Szymanowski und Witold Lutosławski, neben Henryk Górecki und Krzysztof Meyer, in das Quintett der großen polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts einreihte.

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