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StartseiteKultur heuteErzähler der stehengebliebenen Zeit19.06.2020

Zum Tod von Carlos Ruiz ZafónErzähler der stehengebliebenen Zeit

Carlos Ruiz Zafón habe in seinen Romanen eine sepiagetönte alte Welt erschaffen, sagte der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay zum Tod des spanischen Beststeller-Autors. Kurioserweise hätten die Schilderungen eines fiktiven vergangenen Barcelona aber zur Popularität der Stadt heute beigetragen.

Paul Ingendaay im Gespräch mit Antje Allroggen

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Der Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón (dpa/Christophe Gateau)
Unterwegs in den Geheimnissen der Vergangenheit: der Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón (dpa/Christophe Gateau)
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Carlos Ruiz Zafón sei ein bescheidener, introvertierter Mensch gewesen, sagte der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay im Deutschlandfunk. Er habe andere Menschen gescheut und sich zum Schreiben zurückgezogen. Seine Fantasy-Schmöker seien geprägt von Motiven wie Verbrechen, geheimen Botschaften, Labyrinthen und Bibliotheken.

Kinderfantasien

Eine sepiagetönte alte Welt habe er erschaffen, in der das Personal aus Drachen, bösen Leuten und schönen Frauen bestand. Eine Kinderfantasie, die auch die Leser in den Bann geschlagen habe. Mit solchen stilisierten Realitäten suchte er, dem modernen Barcelona eine alte, vergangene Welt entgegenzusetzen. Er habe immer in der Vergangenheit gelebt und dort, wie er selbst sagte, die Dinge gefunden, die ihm gefallen, so der Literaturexperte Ingendaay.

Großartiger Handwerker 

Interessant sei, dass er mit der fiktiven Erschaffung eines vergangenen Barcelona die Attraktivität der zeitgenössischen Stadt gefördert habe, weil es Leserinnen und Leser nach der Lektüre an die beschriebenen Orte zog.

Die Kenntnis über die Geschichte und die Fertigkeit des Schreibens habe er sich mit viel Aufwand angeeignet, bis er so gut war, das die Leser nicht anders konnten als die Seiten zu wenden. Die späteren Bände seien epigonal und litten an der Wiederholung, "Der Schatten des Engels" und "Die Spur des Windes" seien die originelleren Bücher.

Das ist leichte Kost, schätzt Paul Ingendaay das Werk ein, aber er habe "Respekt vor dem Menschen und dem Handwerker und dann ist es einfach nur die Frage, wollen sie 800 Seiten Unterhaltung lesen".

In den Winkeln Barcelonas

Er hat in den Winkeln Barcelonas die stehengebliebene Zeit erforscht und diese Zeit als die seine gewählt. Politisch sei er sehr nüchtern gewesen, habe sich aber wenig für die Realität in der Franko-Diktatur interessiert und sei sehr kritisch auch gegenüber der dann später demokratischen Gegenwart gewesen. Die meiste Zeit lebte er in Los Angeles gelebt, um Abstand zu seiner alten Heimat zu halten. 

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