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StartseiteBüchermarktChronist des Kalten Krieges14.12.2020

Zum Tod von John le CarréChronist des Kalten Krieges

Seine Bedeutung als Chronist des Kalten Krieges ist nicht zu überschätzen - der britische Schriftsteller John le Carrè hat in seinen gefeierten Romanen immer wieder die Schattenseiten der Weltpolitik zwischen Ost und West thematisiert. Carrés Bücher zielten auf die Conditio Humana in kalten Zeiten.

Ulrich Noller im Gespräch mit Angela Gutzeit

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Der britische Bestsellerautor John le Carre, aufgenommen am 16.10.2017 in einem Hotel in Hamburg. (dpa)
John le Carrés Bücher entfalten immer wieder eine fast unheimliche Aktualität (dpa)
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Mit seinem dritten Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam", erlangte der britische Schriftsteller John le Carré Weltruhm. Im Mittelpunkt sein Protagonist George Smiley, der auch in weiteren Romanen Carrés auftauchte und eher die Figur des Zweiflers als die des Helden á la James Bond abgab. Rund 60 Millionen Bücher weltweit verkaufte der Meister des Spionage-Thrillers, allein 20 Millionen vom "Der Spion, der aus der Kälte kam", erschienen 1963. Am Samstag ist John le Carré im Alter von 89 Jahren in der Grafschaft Cornwall gestorben.

Spionage im Dienst der Krone

Entscheidend für seinen Weg zum gefeierten Autor des Spionage-Romans sei seine eigene Tätigkeit als Geheimdienstagent gewesen, so sagte der Kölner Journalist und Krimi-Experte Ulrich Noller. Carré sei einige Jahre lang, in den 50er- und 60er-Jahren, für sein Heimatland als Spion tätig gewesen - "zunächst für den Auslandsgeheimdienst und im Zuge dessen immer wieder in Deutschland, in Bonn und in Hamburg", so Noller. Und Deutschland sei deshalb auch immer wieder ein zentraler Handlungsort seiner Romane.

Moralist und Aufklärer

Carrés Hochzeit war die des Kalten Krieges in der Nachkriegsära Europas. Auf die Frage, wie sich Carré denn politisch in seinen Romanen positioniere, meinte Noller: "Er positioniere sich als Zweifler, als Skeptiker", der die Frontstellung zwischen Ost und West über seine Figuren immer wieder moralisch in Frage stellt. "Die konkrete Frage, die dabei gestellt wurde", so Noller, "war die: Mit welchen Mitteln darf ein Westen, der sich demokratisch versteht, der den Menschenrechten folgt, eigentlich vorgehen gegen den Osten?" Es ging ihm um die Wiedersprüche im Handeln der Großmächte, speziell des Westens. "Und das war damals natürlich eine sehr progressive und unzeitgemäße Art und Weise auf die internationeln politischen Prozesse zu gucken." Insofern habe Carré seine Protagonisten von Anfang an, angefangen von seinem Romandebüt "Schatten von gestern" (1961), als Individuen angelegt, die gegen stärkere Systeme und Organisationen antreten und dabei in größte Schwierigkeiten geraten.

Mit dem Ende des Kalten Krieges verlagerte John le Carré seine Handlungen auf andere, nicht weniger brisante Themengebiete: Waffenhandel ("Der Nachtmanager", 1993), die schmutzigen Praktiken der Pharmaindustrie ("Der ewige Gärtner", 2003), die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost ("Die Libelle", 1986). Über sechs Jahrzehnte, so Krimi-Experte Noller, habe Carré die Begleitlektüre zur Zeit geschrieben. "Das ist eine Literatur, die einem ganz viel sagt über (...) die Umstände, in denen man lebt."

Übersetzer Peter Torberg zum Tod von John le Carré Sein Übersetzer Peter Torberg beschrieb John Le Carré im Dlf als einen bescheidenen und verschlossenen Mann mit einem klaren moralischen Kompass. Torberg hob die "sehr feine, sehr englische" Sprache des Autors hervor und betonte: "Hätte er keine Spionagekrimis geschrieben, würden wir ihn heute als hohen Literaten ansehen."

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