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StartseiteBüchermarktMit der Bahn zum Mord18.09.2018

Zum Tod von Krimiautor -kyMit der Bahn zum Mord

Seine ersten Kriminalgeschichten schrieb der deutsche Schriftsteller Horst Bosetzky mit 25, um sich damit sein Studium zu finanzieren. Nun ist der unter dem Kürzel "-ky" bekannt gewordene Verfasser von über 60 Krimis und einer elfbändigen Familiensaga, in Berlin gestorben.

Von Peter Henning

Horst Bosetzky, 2010 (picture-alliance / Rolf Kremming)
Der Kriminalschriftsteller Horst Bosetzky (picture-alliance / Rolf Kremming)
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Nach einer Industriekaufmanneslehre bei Siemens hatte Horst Bosetzky 1963 ein Betriebswirtschafts- und Soziologie-Studium an der FU in Berlin begonnen, das er sich mit dem Schreiben von Kriminalgeschichten für Heftchenserien finanzierte. Denn schon früh entwickelte er eine Leidenschaft fürs Schreiben. 1938 in Berlin geboren, war der Verfasser von mehr als 60 Kriminalromanen einer, der sich schon früh für die Dialektik der Macht und ihrer bisweilen kriminellen Umsetzung interessierte.  Bosetzky, der sich im Rahmen seines Soziologiestudiums intensiv mit Organisationstheorien auseinandersetzte,- speziell mit dem Begriff: "Mikropolitik", hat in all seinen Romanen auf seine Weise Gesellschaftskritik betrieben, indem er, der überzeugte Sozialdemokrat, regelmäßig den Zeitgeist der 70er- und 80er-Jahre kritisch unter die Lupe nahm.

Er tat es in Form sogenannter Sozio-Krimis, die sich nicht alleine im Abspulen klassischer Täter-Opfer-Konstellationen erschöpften, sondern darüber hinaus fragten, welchen Anteil die aktuelle herrschenden sozio-politischen Verhältnisse an dem haben, was Menschen anderen Menschen antun. Dabei lagen seine Stärken in der Milieubeschreibung – gepaart mit der psychologisch stimmigen Beschreibung jener Motive, die Menschen dazu führen, kriminell zu werden und so zu agieren. So steckte der Soziologie Bosetzky, der den Menschen stets mit dem Blick des seinen Gegenstand interessiert studierenden Alltagsethnologen beschrieb, seinen erzählerischen Claim zwischen Whodunit, Milieu-Analyse und Menschenforschung ab.

Er trug das Pseudonym mit gutem Grund

Das Resultat waren Arbeiten wie sein 1972 von Wolfgang Petersen mit Jürgen Prochnow und Klaus Schwarzkopf verfilmtes Buch "Einer von uns beiden" (1972), in welchem Bosetzky die Geschichte eines Studenten erzählte, der per Zufall entdeckt, dass sein Professor seine Doktorarbeit abgeschrieben hat - und er diesen daraufhin erpresst. Von diesem Setting ausgehend entwickelte Bosetzky eine spannende Geschichte um Macht und deren Ausübung, die am Ende kulminiert in einem Kampf um Leben und Tod.

Bosetzky hatte seine Kriminalromane lange unter dem Kürzel "–ky" publiziert. Die Begründung dafür lieferte der Autor, der jahrzehntelang als bestallter Professor für Soziologie an der "Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege" in Berlin lehrte,  1981,  indem er damals verriet: "Ich wollte Karriere machen bei Hans Koschnik, dem damaligen Bürgermeister von Bremen, im Stab der SPD, und dachte: Wenn die erfahren, dass ich sozialkritische Krimis schreibe, nehmen die mich nicht."

Nun ist die Fahrt zu Ende

Bosetzky, der neben seinen zahlreichen Romanen wie "Ein Toter führt Regie" (1974), "Kein Reihenhaus für Robin Hood" (1979) oder "Der kalte Engel (2002) etliche Hörspiele und Drehbücher schrieb,  so für "Ein Fall für zwei" oder "SoKo 5113", war ein manischer Arbeiter. Denn darüber hinaus verfasste er von 1995 an eine 11-bändige, vom Jahr 1717 bis in das Jahr 2005 reichende,  weitgespannte  Familiensaga. Hinzu kamen zahlreiche Einzelveröffentlichungen, Berliner Straßenbahngeschichten etwa, in denen der passionierte S- und U-Bahnfahrer sein Berlin bis zuletzt aus der reizvollen Perspektive des vorbeifahrenden Beobachters beschrieb.

Trotzdem blieb Bosetzky einer, dessen Arbeiten das Hochfeuilleton eher geringschätzig behandelte und schon mal als Drehständerware abtat. Dieses Schicksal teilte er bis mit jüngeren Krimikollegen Ulf Miehe und Jörg Fauser, die längst als Begründer des modernen deutschen Kriminalromans gelten, indem sie – ähnlich wie der jetzt 80-jährig in seiner Geburtsstadt verstorbene Horst Bosetzky – Dostojewskys Schuld-und-Sühne-Dialektik in spannenden Berlin- und München-Endspiele transponierten.

"Ich habe immer neue Bilder vor mir, wenn ich so mit der U-Bahn um Berlin herumfahre" bekannte er einmal. "Und nicht selten hole ich mir bei diesem Seightseeing Ideen für neue Geschichten."

Nun ist seine Fahrt zu Ende. Doch seine Geschichten gehen weiter. Vielgestaltig hat dieser manische Schreiber sie vor uns ausgebreitet. Und nicht wenige von ihnen erscheinen plötzlich brandaktuell. So, als hätte Bosetzkys damals, in den Jahren ihrer Entstehung, beim Schauen aus dem U-Bahnfenster bereits weit über die damals herrschenden Verhältnisse  hinausgeblickt.

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