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StartseiteBücher für junge Leser"Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen"19.01.2019

Zum Tod von Mirjam Pressler"Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen"

Sie war die deutsche Stimme von Amos Oz und hat die Geschichte der Familie Frank erzählt. Mehr als 50 Kinder- und Jugend-Romane hat sie geschrieben, über 300 Bücher übersetzt. Mirjam Pressler ist im Alter von 78 Jahren gestorben ist. Ein Portrait.

Von Tanya Lieske

Die Schriftstellerin Mirjam Pressler bei einer Lesung in München am 13. Juni 2018 (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
Die Schriftstellerin Mirjam Pressler (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
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"Ich bin Mirjam Pressler. Und ich hatte eine beschädigte Kindheit, und ich finde es faszinierend, wie Kinder und Jugendliche es schaffen, sich aus Scherben eine Identität aufzubauen und einen Lebensentwurf zu finden. Das ist das, was mich am meisten interessiert an Menschen."

Mirjam Pressler sitzt in ihrem hellen Arbeitszimmer. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Druckfahnen und Manuskripte, und überall sind Bücher – Bücher, die sie geschrieben hat, Bücher die sie übersetzt hat, Bücher, die sie lesen will. Der Raum gehört zu einer Autorin und Übersetzerin, die produktiv ist wie kaum eine andere. Seit ihrem Debüt vor dreißig Jahren hat Mirjam Pressler fast 50 Bücher geschrieben für Kinder und Jugendliche, und rund 300 Titel hat sie übersetzt – Hebräisch, Englisch, Niederländisch und Afrikaans sind ihre Sprachen. Als sie Kind war, wollte Mirjam Pressler Klavier spielen, doch es hat in ihrer Kindheit immer nur zum Notwendigsten gereicht, und oft genug hatte sie noch nicht einmal das. Mirjam Pressler spricht nicht viel über ihre Kindheit, doch ihre Bücher geben Auskunft. Zum Beispiel ihr Roman "Novemberkatzen". Das sind Katzen, die so schwach sind, dass sie auf dem Land ertränkt werden – manchmal werden sie auch in einer Plastiktüte auf den Müll geworfen.

"Novemberkatzen"

"‘Novemberkatzen‘, sagt die Mutter. ‚Keiner will Novemberkatzen, die taugen nichts.‘
‚Mama, bitte‘, sagt Ilse. ‚Bitte, bitte.‘
‚Nein.‘ Das Gesicht der Mutter, mager, schuppig, müde, wird noch härter. ‚Es geht nicht. Die Schusters würden ja nichts sagen, aber die Kniesers. Du weißt doch, wie die Kniesers sind.‘
Ilse weiß es. (...). Im Gemeindehaus dürfen keine Haustiere gehalten werden.
‚Bitte, Mama. Es ist doch noch so klein. Die Knieser merkt es gar nicht.‘
‚Ein paar Tage‘, sagt die Mutter. ‚Ein paar Tage. Dann muss es weg.‘
Ilse nickt, streichelt das Kätzchen. ‚Schau mal, fast schwarz ist es. Findest du, dass Mohrle ein schöner Name ist?‘
Die Mutter lässt sich auf einen Stuhl sinken. ‚Ja‘, antwortet sie, ‚es ist ein schöner Name. Aber ich bin sehr müde. Hast du Nudeln und Hackfleisch gekauft?‘ (Auszug aus "Novemberkatzen")

"Da ist sehr viel Autobiografisches dran", sagt Pressler über "Novemberkatzen". "Diese Großmutter ist sozusagen meine Pflegemutter, und die Kinder sind ihre Enkelkinder, und eigentlich wollte ich ein Buch schreiben über dieses zweite Mädchen. Das erste Mädchen war hübsch und gescheit und brav und angepasst und der ging es eigentlich ganz gut. Das zweite war nicht hübsch und nicht brav, und der ging es nicht gut. Dann kamen zwei Jungs und dann kam ich. Und ich habe unter dieser zweiten sehr gelitten, weil sie immer den Druck, den sie abgekriegt hat, an mir ausgelassen hat. Ich war viel kleiner und schwächer und dann habe ich angefangen zu schreiben, und ich habe aus ihr und mir eine gemischte Figur gemacht. Ich habe nicht groß nachgedacht, ich habe es einfach nur geschrieben."

Als Jüdin in der Pflegefamilie

Mirjam Pressler wurde im Juni 1940 in Darmstadt geboren. Ihre Mutter war Jüdin, und sie hat für ihr Kind eine Pflegefamilie gefunden. Mirjam Pressler weiß, was es bedeutet, elternlos aufzuwachsen, unerwünscht zu sein, keinen Platz zu haben. Man kann in ihrem Werk suchen nach den Stimmen der Waisenkinder und der Heimkinder, und man wird sie durchgängig finden. Die beschädigte Kindheit ist ein Thema ihrer Generation – bei Mirjam Pressler findet es sich noch verstärkt durch den Widerhall der Schoah.

Da ist zum Beispiel Halinka. Sie ist 12, sie ist Jüdin, sie lebt in einem Heim. Für diesen Roman hat Mirjam Pressler lange gebraucht. Er wurde 1994 veröffentlicht und war nie geplant, er entstand aus einer Kurzgeschichte heraus.

"Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen"

"Tante Lou hat mich auf ihren Schoß gezogen und mich gestreichelt, und geweint hat sie auch ein Bisschen. Dann hat sie gesagt: ‚Deine Mutter ist eine kranke Seele. Wenn jemand Schlimmes und Grausames erlebt, dann wird er dadurch nicht automatisch ein besserer Mensch. Genauso gut kann es sein, dass er selbst schlimm und grausam wird.‘ Mehr hat sie aber nicht sagen wollen." (Auszug aus: "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen")

Der Roman trägt den langen Titel: "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen". Halinka findet das Glück eher unverhofft. Sie sammelt mit den anderen Heimkindern für das Müttergenesungswerk – auch wenn sie keine Mütter kennt, die genesen müssen, und schon gar keine, die zu viel waschen und kochen. Zur Belohnung wird sie zu einem Ausflug eingeladen. Im Schlosspark von Schwetzingen hat sie ein Schlüsselerlebnis. Sie sieht dort eine Statue. Es ist die Nymphe Galatea:

 "Wie eine wirkliche Frau sieht sie aus. Als wäre irgendwann einmal eine wunderschöne Frau aus einem Teich gestiegen und durch diesen prachtvollen Park gegangen, und irgendein Zauberer war so begeistert von ihr, dass er sie erhalten wollte. Du sollst nie alt werden, hat er gesagt. So wie du jetzt bist, jetzt in diesem Augenblick, sollst du bleiben.
Früher habe ich nie darüber nachgedacht, dass andere Menschen anders leben. Früher habe ich auch nie darüber nachgedacht, dass es unendlich viele Dinge gibt, die einfach nur nützlich sind, zum Beispiel ein Kochtopf und eine Schere. Dass es aber außerdem noch andere Dinge gibt, die einen verzaubern können, weil sie nämlich schön sind. Und selten. Plötzlich weiß ich es: Verglichen mit den nützlichen Dingen ist Schönheit etwas Überflüssiges. Aber etwas, was man trotzdem unbedingt braucht. Ich jedenfalls werde es immer brauchen, das weiß ich in diesem Moment genau." (Auszug aus: "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen")

Vom Glück, dass der Jeans-Laden gekündigt wurde

Pressler: "Ich habe Kunst studiert, ich wollte mal eine große Malerin werden. Dann habe ich geheiratet, Kinder bekommen, wurde bald geschieden, musste das Geld verdienen. Das ist natürlich mit Kunst nicht zu machen. Dann habe ich einen Jeansladen aufgemacht. Den hatte ich acht Jahre, und dann würde mir der Laden gekündigt, und ich musste mir etwas Neues überlegen. Ich habe dann eine Halbtagsstelle in einem Büro angenommen, damit ich nachmittags zuhause bin für die Kinder. Und was eine Frau halbtags verdient in einem Büro reicht in einer Stadt wie München für die Miete, nicht mehr. Ich musste mir also überlegen, was ich zusätzlich machen kann. Und da habe ich angefangen zu schreiben. Und ich habe erst später gemerkt, dass das für mich das Richtige ist. Ich liebe Bücher, ich lese gerne, ich schreibe gerne. Es hat auch von Anfang an geklappt. Ich hatte von Anfang an Erfolg und ich kann nur sagen, ich bin sehr glücklich darüber, dass mir der Laden damals gekündigt wurde."

Mirjam Presslers Debüt "Bitterschokolade", ein Roman über eine Essstörung, erschien 1980 und wurde gleich mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Das Preisgeld reichte aus, um weiter zu schreiben, realistische, erzählende Romane aus der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen. Mirjam Pressler fing auch an zu übersetzen und gilt heute als eine der renommiertesten Übersetzerinnen der israelischen Gegenwartsliteratur, sie hat Autoren wie Uri Orlev, Zeruya Shalev und Amos Oz ihre deutsche Stimme gegeben.

Chronistin versunkener jüdischer Lebenswelten

Seit rund zehn Jahren lässt sich in ihrem Werk ein neuer Themenschwerpunkt ausmachen: Mit Romanen wie "Shylocks Tochter", "Golem, stiller Bruder" und "Nathan und seine Kinder" wird Mirjam Pressler zur Chronistin versunkener jüdischer Lebenswelten. Sie bewahrt den Alltag im Ghetto und nutzt die Chance, Stoffe der Weltliteratur aus einer neuen, zum Beispiel weiblichen Perspektive zu erzählen:

Pressler: "Es hat angefangen mit Shylocks Tochter. Und es hat mich interessiert, wie haben Juden damals gelebt. Es ging um diese Shylock-Geschichte. Was ich dem Shakespeare ja wirklich übel nehme, ich halte das für antisemitisch wie er da mit Shylock umgegangen ist, und ich wollte mal sehen, wie so eine Geschichte auch anders erzählt werden kann von einem anderen Punkt aus. Und ich habe nur vom Ghetto aus erzählt. Und das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht."

"Golem, stiller Bruder"

"Es war, als hätte die Verzweiflung den Himmel über der Judenstadt verdunkelt, als hätte sie die Sterne verhüllt, um keine Hoffnung aufkommen zu lassen, als erfüllte sie die Luft zwischen Himmel und Erde, um auch die Vögel am Singen zu hindern. Es war, als hätten sogar die Häuserwände sich mit Verzweiflung vollgesogen, um sie in die Wohnungen auszustrahlen und dadurch alle anderen Gedanken aus den Herzen der Menschen zu vertreiben." (Auszug aus "Golem, stiller Bruder")

Pressler: "Der Golem hat mich immer interessiert als der Traum des Menschen, Leben schaffen zu können. Das ist ja wirklich ein uralter Traum. Und immer wenn ich gehört habe, künstliche Intelligenz, das geklonte Schaf, da habe ich gedacht, das ist der Golem. Denn warum will man diese künstliche Intelligenz? Man will, dass es einem besser geht, man will Vorteile haben. Der Golem bedeutete ja immer auch Schutz haben. Und dann habe ich ihn eben geschrieben."

"Jankel hörte sein Blut in den Ohren rauschen und das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber er konnte sich nicht rühren. Er starrte dieses Gesicht an, das menschliche Züge trug und doch nichts Menschliches ausstrahlte, dem jedes Leben fehlte, jeder Hauch der Seele, die im Antlitz eines Menschen sichtbar wird. Es war, wie geschrieben steht: seine Seele war gebeugt zum Staube, sein Leib lag zu Boden." (Auszug aus "Golem, stiller Bruder")

Auch ihr Roman "Golem stiller Bruder" ist ein Buch, in dem Mirjam Pressler mit ihrer Fähigkeit beeindruckt, die Atmosphäre und den Alltag im Prager Ghetto um 1600 lebendig werden zu lassen. Da Mirjam Pressler äußerst penibel recherchiert, darf man den vielen alltäglichen Details in diesem Roman vertrauen. Auch die Sprache ist bemerkenswert. Sie ist metaphorisch, ans Alte Testament angelehnt und sie formt zunehmend die Wahrnehmung des Waisenjungen Jankel. Eine solche Hinwendung zum Thema der Religion gehört für Mirjam Pressler zum Handwerk der Schriftstellerin.

Pressler: "Die Religion bedeutet mir nicht viel, ich bin nicht religiös. Ich interessiere mich für Religionen, aber nur insofern, als ich versuche zu verstehen, was die Leute früher in ihrem Kopf hatten, was sie gedacht haben. Mich interessieren die Weltbilder, die entstehen. Aber ich führe überhaupt kein religiöses Leben."

Ein Jahr im Kibbuz

Nach ihrem Studium hat Mirjam Pressler ein Jahr lang in einem Kibbuz gelebt. Geblieben ist ihr aus jener Zeit eine Liebe zum und eine intime Kenntnis des Orients. Im Kibbuz bleiben wollte Mirjam Pressler nicht. Schon als Heimkind hat sie um Orte der Einsamkeit und der Stille gerungen.

Pressler: "Ich bin damals in ein Kibbuz gegangen, aber das war wohl eher eine politische Entscheidung. Ich wollte dieses Leben in Gemeinschaft, kein Privateigentum, keine Hierarchien, alles wird gemeinsam gemacht, es wird gemeinsam gearbeitet, und so habe ich mir das Leben vorgestellt. Und dann war ich dort und habe gemerkt, dass ich so was überhaupt nicht kann. Ich war sozial gar nicht fähig dazu."

"Malka Mai"  - ein Brief wird zum Roman

Mitte der Neunziger Jahre bekam Mirjam Pressler Post aus Tel Aviv. Eine ältere Dame namens Malka Mai schickte ihr eine kurze Zusammenfassung ihres Lebens. Wäre Malka Mais Kindheit ein Roman, man würde es kaum glauben:

Als Siebenjährige hat sie fast ein halbes Jahr allein in einem Ghetto in Polen gelebt. Mirjam Pressler führte Interviews mit der erwachsenen Malka Mai, musste aber erfahren, dass diese sich kaum an Einzelheiten erinnern konnte – sie hatte fast alles verdrängt. Mirjam Pressler hat den Roman trotzdem geschrieben. Er ist ein Beispiel dafür, dass Literatur Lücken schließen kann, dort, wo das Gedächtnis der Zeitzeugen versagt. Mirjam Pressler unterscheidet in ihrer Poetik zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der wahrscheinlichste Fluchtweg von Mutter und Töchtern aus Polen in heutige Ukraine lässt sich rekonstruieren – das wäre der Teil der Wahrheit. Die Innenwelt ihrer Figuren hat Mirjam Pressler neu erschaffen. Das ist Wahrhaftigkeit.

"‘Malka‘, sagt die Mutter. ‚Du bleibst ein paar Tage hier, bei der Familie Kopolowici. Und wenn es dir wieder besser geht, bringt Herr Kopolowici dich mit der Eisenbahn zu uns. Wir müssen nach Munkatsch und du bist zu krank um mitzukommen.‘
Malka brauchte lange, um die Worte zu verstehen, und auch dann waren sie nicht klar und es fiel ihr schwer, den Sinn zu erfassen. Aber ‚du hier‘ und ‚wir Munkatsch‘ drang zu ihr durch. Sie weinte. ‚Ich will nicht hier bleiben‘, sagte sie. ‚Ich kann gut laufen, das weißt du doch. Ich bin kein kleines Kind mehr.‘
Die Mutter zog sie hoch, so dass sie im Bett saß, legte die Arme um sie und drückte sie an sich. ‚Es geht nicht anders, es muss so sein, wir haben keine Wahl.‘
Malka wollte betteln, wollte schreien, doch dann sah sie das Gesicht ihrer Mutter, sah, dass Minna den Tränen nah war, und verstand, dass es wirklich so sein musste. Deshalb schluckte sie das bittere Gefühl, das in ihrer Kehle aufstieg, hinunter und schwieg." (Auszug aus: "Malka Mai")

Dieser Roman ist aus zwei Perspektiven erzählt. Auch die Mutter bekommt eine Stimme.

Pressler: "Bei Malka war es so. Malka ist ja dieses kleine jüdische Mädchen, was zurückgelassen wird. Und ich wollte es eigentlich nur von Malka aus schreiben, aber dann fand ich diese Vorstellung, dass eine Frau ihr Kind zurücklässt, so erschreckend und so unbegreiflich, dass sie mir einfach mit hinein geraten ist. Ich mache Malkas Mutter ja keinen Vorwurf, sie hat die Situation nicht gemacht, sie hat keine Schuld, und sie hat mit dieser Entscheidung ja wahrscheinlich auch allen das Leben gerettet. Aber sie hat das Kind zurückgelassen, und so ist sie mir mit hinein geraten."

Malka ist auf sich gestellt, landet im Ghetto, versteckt sich immer, wenn die Deutschen das Ghetto räumen, hat Hunger, friert, bekommt Typhus, überlebt. Sie kappt alle Bindungen und alle Erinnerungen an ihr früheres Leben. Nur so kann sie mit dem Trauma des Ausgesetztseins umgehen, und so erklärt sich literarisch, warum die echte Malka nichts mehr weiß. Als die Figur Malka ihre Mutter wieder trifft, erkennt sie sie kaum. Das ist kein Happy End. Mirjam Pressler gehört zu jenen Autorinnen, die die Wahrheit immer für zumutbar halten, auch und gerade für Kinder.

Pressler: "So lange es Kinder gibt, die damit leben müssen, kann man durchaus erwarten, dass auch Kinder davon lesen. Kinder, denen es gut geht, die einen vollen Bauch haben, die in der Wärme sitzen, können durchaus auch andere Sachen lesen, das ist ihnen zuzumuten. In ihrem Denken sind sie oft sehr sehr weit, in dem, was sie sich vorstellen können, was sie nachempfinden können, sind sie keineswegs kleine Kinder, und da denke ich, muss ich nicht extra irgendetwas Tröstliches einbauen in eine Geschichte, die nichts Tröstliches hat."

"Grüße und Küsse an alle"

Vor kurzem kam ein erstaunlicher Fund auf Mirjam Pressler zu. Buddy Elias, der Cousin der Anne Frank, und seine Frau Gerti hatten in Frankfurt auf dem Dachboden des Stammhauses der Familie Frank Briefe gefunden.

Pressler: "Die Familie bedeutet mir jetzt inzwischen sehr viel. Ich habe fünf Jahre insgesamt über Anne Frank gearbeitet. Ich habe diese historisch kritische Ausgabe übersetzt, ich habe andere Sachen übersetzt, die zum Umkreis gehören.

"Ich habe diese neue Leseausgabe zusammengestellt, und dann die Biografie geschrieben ‚ich sehne mich so.‘ Und dann dachte ich eigentlich, fünf Jahre reichen. Und dann kamen die mit diesem unglaublich Fund von Briefen, und als sie mir erzählt haben, dass sie auf dem Dachboden 6.000 Briefe gefunden haben, und dass das jetzt alles geordnet ist, und ob ich daraus ein Buch mache? Und das wichtigste war eigentlich, dass mir sofort klar war, dass es keine übliche Methode gibt, wie man daraus ein Buch macht, denn es ist ja keine Korrespondenz, es ist ja nicht ein Brief, eine Antwort und noch ein Brief, es ist keine Handlung da, keine Geschichte."

"Das Haus war groß genug, um allen Platz zu bieten, später reichte es sogar noch für die Familien von Leni und Otto. Und um das Haus herum war ein schöner Garten, in dem die Kinder spielen konnten. Dienstboten, die alles in Ordnung hielten, waren leicht zu finden, immer mehr arme Mädchen drängten aus den Dörfern in die Städte und verdingten sich bei den Reichen. Alice musste nicht arbeiten, sie gab nur Anweisungen. Es ist davon auszugehen, dass sie nie in ihrem Leben einen Putzlappen angerührt oder einen Teller abgespült hat. Auch ihre Tochter Leni tat das nicht. Deren Schwiegertochter Gerti wir später erzählen: ‚Wenn auf dem Tisch ein Fleck war, deutete Leni darauf und sagte zu mir: Wisch das bitte weg! Nie hätte sie das selbst gemacht.‘ Und Buddy, ihr Sohn wird sagen: ‚Meine Mutter konnte höchstens Teewasser kochen!‘" " (Auszug aus: "Grüße und Küsse an alle")

Alice Frank, die Großmutter der Anne Frank, eine kultivierte, schöne Frau, die unermüdlich schrieb, hat es Mirjam Pressler besonders angetan. In ihrem Arbeitszimmer bewahrt Mirjam Pressler ein gemaltes Kinderportrait der Alice Frank auf und ein paar Handarbeiten:

Pressler: "Die hat so viel Handarbeit gemacht! Das war wahrscheinlich für einen Krageneinsatz. Das ist alles handgemacht, das nennt man glaube ich Weißstickerei. Es gibt haufenweise Sachen, die sie gemacht hat, Einsätze für Blusen und Kleider, und solche Dinge hat sie zusammengenäht zu ganzen Vorhängen, das ist unglaublich, was sie alles gemacht hat."

"Alice lehnt am Fenster zur Straße, die Arme auf die Fensterbank gestützt, und beobachtet durch die Scheiben, wie sich der Abend über die Stadt senkt. Sie liebt die Dämmerung, die blaue Stunde zwischen Tag und Nacht, hat sie immer schon geliebt. (...) Sie dreht sich um, bleibt, mit dem Rücken ans Fenster gelehnt, stehen, und ihr Blick fällt auf das große, ovale Gemälde in dem schweren, vergoldeten Rahmen, das an der gegenüberliegenden Wand hängt. Sie betrachtet das kleine Mädchen, das sie einmal war." (Auszug aus: "Grüße und Küsse an alle")

Pressler: "Aber ich hatte auch ein wahnsinniges Glück. Alice hat in so einem schwarzen Heft über ihre Kindheit und Jugend geschrieben. Und das Heft ist erhalten. Und da steht dann zum Beispiel drin, dass ihr Großvater noch im Frankfurter Ghetto gewohnt hat in der Judengasse. Und das gab mir die Möglichkeit, dann auch noch über die Geschichte der Frankfurter Juden zu erzählen. Es war eine Frankfurter Familie, und alle, die in diese Familie eingeheiratet haben, sind alle Frankfurter geworden."

"Ja", sagt Mirjam Pressler auf Nachfrage, und sie sagt es ein wenig verlegen. Ja, eine Familie wie die der Franks, mit der sie so viel Zeit verbracht hat, hätte ihre eigene sein dürfen. Es ist: Ihre Herzensfamilie.

Pressler: "Diese Familie hatte einen Zusammenhalt, es ist eine hochkultivierte Familie, es ist eine Zeit, die vorbei ist, es ist eine Schicht, die es nicht mehr gibt, dieses gehobene Bildungsbürgertum, auch dieses Jüdische, Nichtreligiöse. Sie hatten keine religiöse Bindung. Aber es ist eine bestimmte Art, miteinander zu leben, miteinander umzugehen und die Welt zu sehen und sich der Welt gegenüber zu verhalten, die mich total fasziniert hat."

Die Pianistin, die nie gelernt hat, Klavier zu spielen

Zu einer Karriere als Pianistin, sagt Mirjam Pressler, hätte sie die Geduld gehabt, und den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy liebt sie ganz besonders. Einen Komponisten, der nicht nur den Namen des Glücklichen trug, sondern dessen Werk auch von großer Leichtigkeit ist.

Klavier spielen hat sie nicht mehr gelernt, und doch ist Mirjam Presslers Leben ein Beispiel dafür, dass gerade aus einer beschädigten Kindheit ein immenses schöpferisches Potential entstehen kann. Für all ihre Bücher und für alles, was sie uns darin erleben lässt, ist Mirjam Pressler an dieser Stelle zu danken.

(Wiederholung der Sendung vom 12.06.2010)

Die verwendeten Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

Mirjam Pressler: "Novemberkatzen", 1982.
Mirjam Pressler: "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen", 1994. Beide im Jubiläumsband, 432 S. 15,00 Euro.
Mirjam Pressler: "Shylocks Tochter", 1999; 268 S., 16,90 Euro.
Mirjam Pressler: "Malka Mai", 2001; Taschenbuch 328 S., 7,95 Euro.
Mirjam Pressler: "Golem, stiller Bruder", 2007; 376 S., 16,90 Euro.
Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder, 2009; 264 S., 16,95 Euro.
Alle erschienen bei Beltz und Gelberg, bis auf:

Mirjam Pressler: "Gerti Elias: Grüße und Küsse an alle. Die Geschichte der Familie von Anne Frank", S. Fischer Verlag; 425 S., 22.95 Euro.

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