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StartseiteBüchermarktPoet des nüchternen Pathos22.07.2019

Zum Tod von Werner SöllnerPoet des nüchternen Pathos

Werner Söllner sei eine zentrale Gestalt der rumänien-deutschen Poesie gewesen, sagte Literaturkritiker Michael Braun im Dlf. Dessen Spitzeltätigkeiten für die Securitate bewerte er mit Zurückhaltung. Man müsse sehen, dass der Autor sich intensiv mit der eigenen Verstrickung auseinandergesetzt habe.

Michael Braun im Gespräch mit Gisa Funck

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Der Lyriker Werner Söllner auf einem Sofa mit einem Buch. (s-w) (imago stock&people)
Der Lyriker Werner Söllner auf einem Sofa mit seinem letzten Werk "Knochenmusik" (imago stock&people)
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"Zum Verzeihen fehlt noch einiges" Schriftsteller Ernest Wichner ist empört über die Spitzel-Tätigkeit des Lyrikers Werner Söllner

Gisa Funck: Wie am Sonntag bekannt wurde, ist der rumänisch-deutsche Lyriker und Literaturwissenschaftler Werner Söllner am Freitag mit 67 Jahren gestorben. Werner Söllner wurde am 10. November 1951 in Horia, im Banat geboren. Er war also ein sogenannter "Banat-Schwabe", ein Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien. Und gleich als erstes die Frage an Sie, Michael Braun: Was war das Besondere an den Gedichten des deutsch-rumänischen Autors Werner Söllner?

Michael Braun: Als 1988 der Gedichtband "Kopfland. Passagen" von Werner Söllner erschien, war die Rezeption und Diskussion der sogenannten rumänien-deutschen Literatur gerade erst in Gang gekommen. Das hatte einfach damit zu tun, dass 1987 – also ein Jahr zuvor – ein großer Exodus eingesetzt hatte, aus Siebenbürgen und aus dem Banat. Also aus den deutschsprachigen Regionen Rumäniens. Sehr viele deutschsprachige Autoren sind damals nach Deutschland gekommen. Hertha Müller zum Beispiel und Richard Wagner oder auch die nicht so bekannten Johann Lippet und Horst Samson. Da setzte die Rezeption der rumänien-deutschen Literatur überhaupt erst ein. Und Werner Söllner war eine der zentralen Gestalten dieser rumänien-deutschen Poesie damals. "Einer der souveränsten Lyriker deutscher Sprache", so schrieb es damals die NZZ, als 1992 Söllners zweiter lyrischer Band erschien "Der Schlaf des Trommlers". Und dieser Lyriker zeichnete sich dadurch aus, dass er die zentralen Stimmen der poetischen Moderne in sein Werk aufnahm, nämlich Autoren wie Paul Celan (dem Werner Söllner sehr viel verdankt), aber auch Autoren, die damals in Westdeutschland eher bekannt waren wie Rolf Dieter Brinkmann – oder wie Peter Huchel. Also, das war so ein Dreieck: Paul Celan, Rolf Dieter Brinkmann und Peter Huchel, die Impulse dieser drei sehr verschiedenen flossen ein in die Gedichte von Werner Söllner.

Unterschiedliche Tonlagen

Funck: Söllner ist 1982 in die Bundesrepublik übergesiedelt – und nach ihm kam noch einmal ein ganzer Schwung rumänisch-deutscher Autoren nach Westdeutschland. Wie ist Werner Söllner denn in dieser Gruppe zu verorten, zu der etwa auch Hertha Müller gehörte, die 2009 den Literaturnobelpreis erhielt. Richard Wagner gehörte dazu, auch ein berühmter Name, und Ernest Wichner. In welchem Verhältnis stand Werner Söllner zu diesen anderen rumänisch-deutschen Autoren?

Braun: 1989, als eine Tagung zur rumänisch-deutschen Literatur stattfand, da hat man diese Autoren noch als Kollektiv wahrgenommen. Aber es waren damals schon sehr unterschiedliche Schreibansätze. Wenn wir nun den Werner Söllner nehmen: Der hat sich ja ganz unterschiedliche Maximen gegeben. Er sagte: "Meine Gedichte sind im Grunde orientiert an einem nüchternen Pathos" – oder an einer poetischen Lakonie, andererseits aber auch wieder an der Sprachmagie eines Paul Celan. "Nüchternes Pathos": Schon in dieser Formulierung steckt ja ein Widerspruch in sich, nämlich Nüchternheit auf der einen Seite und Pathos auf der anderen. Und diese unterschiedlichen Tonlagen, die zeigen sich auch in den zwei Gedichtbänden, mit denen Werner Söllner bekannt geworden ist, nämlich von 1988 "Kopfland. Passagen", in dem noch viele Töne im Sound von Rolf Dieter Brinkmann zu hören sind. Und dann 1992 "Der Schlaf des Trommlers", ein Band, in dem viele Gedichte eine Reminiszenz an Peter Huchel waren.   

"Man kann nicht sicher sagen, was seine Spitzelberichte bewirkten" 

Funck: Er ist ja sozusagen in der Nachfolge von Oskar Pastior nach Westdeutschland gekommen. Oskar Pastior war ja so eine Symbolfigur des literarischen Widerstands gegen Nicolae Ceausescu, den Diktator in Rumänien. Und Söllner rechnete man ja eigentlich auch zu dieser Schreib-Opposition gegen den bis 1989 herrschenden Ceausescu. Umso empörter reagierte dann die deutsche Öffentlichkeit, als Ende 2009 bekannt wurde, dass Werner Söllner als junger Mann Anfang der 70er-Jahre für den rumänischen Geheimdienst Securitate gespitzelt hatte. Sein Name tauchte in den IM-Akten von Richard Wagner auf. Wie blicken Sie heute, mit zehn Jahren Abstand, auf diesen Skandal rund um die IM-Aufdeckung von Werner Söllner zurück?

Braun: Ja, ich reagiere mit Zurückhaltung. Es ist ja so: Es gibt nicht nur den Fall Werner Söllner, und auch schon das Wort "Fall" ist schwierig in diesem Zusammenhang. Es gab und gibt ja auch andere Autoren, die verstrickt waren. Auch Oskar Pastior selbst wurde ja dann zur Last gelegt, dass er für die Securitate gearbeitet habe. Und es hatte ja auch damit zu tun: 2006 wurden die Archive des Geheimdienstes in Rumänien geöffnet – und bis heute kommen immer wieder neue Fälle gegenseitiger Bespitzelung unter Schriftstellerkollegen ans Tageslicht. Wie war es bei Werner Söllner? Nun, auch da gibt es unterschiedliche Bewertungen. Ganz verbittert und anklagend hat 2009 sein Dichterkollege Richard Wagner reagiert, indem er behauptet hat, Werner Söllners IM-Berichte hätten der sogenannten Aktionsgruppe Banat erheblich geschadet, in der viele dieser Autoren aus Rumänien wie Hertha Müller, Richard Wagner oder Ernest Wichner zusammengearbeitet haben.

Es gibt allerdings auch andere Bewertungen. Und man muss wissen: An einem bestimmten Punkt hatte Werner Söllner dann ja auch die Weiterarbeit mit der Securitate verweigert - und wurde dann selbst zum Opfer eines operativen Vorgangs der Securitate. Und bis heute kann man nicht mit letzter Sicherheit bewerten, was diese Spitzelberichte, die Söllner seinen Securitate-Leute damals geliefert hat, was die letztlich bewirkt haben.

"Man muss die gesamte Lebensgeschichte betrachten"

Funck: Söllner war ja auch noch sehr jung. Seine Zusammenarbeit mit der Securitate, die fällt in die Zeit 1971 bis 1973/74, so habe ich das gelesen. Das heißt, er war noch keine zwanzig Jahre alt, als er als IM dort angefangen hat. Und es gab ja auch Stimmen, etwa der Schriftstellerin Eva Demksi, die damals beschwichtigend sagten, Söllner habe erstens nicht an vorderster Front gespitzelt. Und er wäre zweitens vielleicht einfach auch jung und unbedarft gewesen. Also war diese Aufregung damals, 2009, vielleicht auch etwas zu groß, zu lautstark über Söllners IM-Tätigkeit – wie würden Sie das bewerten?

Braun: Es war natürlich schon so, dass die Autoren, die viele Jahre lang sehr eng mit Werner Söllner zusammengearbeitet hatten - nehmen wir Hertha Müller, Richard Wagner, Ernest Wichner, Johann Lippelt -, also für diese Autoren war es natürlich ein Schock, als plötzlich in den Akten auftauchte, dass IM Walter (wie Werner Söllners Deckname war) über gewisse Treffen mit ihnen dem Geheimdienst berichtet hatte. Das ist ja auch erst einmal eine furchtbare Enttäuschung einer Freundschaft! Aber ich finde halt, man kann hier nicht immer gleich mit dem Gestus totaler Verwerfung reagieren. Man muss auch die gesamte Lebensgeschichte eines Autors betrachten. Und man sollte nicht aus dem Blick verlieren: Wie hat sich dieser Autor selbst auseinandergesetzt mit der Geschichte seiner Verstrickung? Und Werner Söllner hat sich sehr intensiv mit der Geschichte seiner eigenen Verstrickung auseinandergesetzt. Das muss man auch respektieren, das jemand auf seine eigene Geschichte zurückblicken kann und sagen kann: "Ja, da habe ich falsch gehandelt!" Es gibt ja auch ganz andere - ignorantere - Fälle.

"Skepsis gegenüber dem eigenen dichterischen Wort"

Funck: Werner Söllner hat 1992 den Band "Der Schlaf des Trommlers" veröffentlicht und damit einen großen Erfolg gehabt. Aber danach, also nach der Publikation dieses Gedichtbandes, da ist er ja so ein bisschen verstummt, oder?         

Braun: Ja, das kann man so sagen. Er hat geschwiegen als Dichter und lange Jahre bis 2015 keinen Gedichtband mehr publiziert. Und das war einfach das Resultat einer zunehmenden Skepsis gegenüber dem eigenen dichterischen Wort. Das zeichnet ja die guten Dichter aus! Denn das sind diejenigen Dichter, die zunehmend skeptisch werden gegenüber den eigenen Artikulationsweisen. Aber es hatte vielleicht auch mit dem Riss der Biografie zu tun, von dem wir eben gesprochen haben.

Funck: Werner Söllner hat dann 2015, nachdem er als Dichter 23 Jahre lang geschwiegen hatte, noch einen letzten Gedichtband veröffentlicht: "Knochenmusik". Und viele Rezensenten haben diesen Gedichtband damals so gelesen, als wenn er sich darin noch einmal erklären wollte zu seinem Leben und auch zu seiner Spitzeltätigkeit für die Securitate. Kann man den Gedichtband "Knochenmusik" so verstehen?

Braun: Das ist durchaus der Fall gewesen. Ich glaube schon, dass das auch ein Versuch war, noch einmal als Dichter zur Sprache zu kommen – und gleichzeitig erklären zu wollen, warum das lyrische Ich, der Autor Werner Söllner so lange geschwiegen hatte – und wie er dann nach 2009 versucht hatte, aus seinem Lebensdilemma herauszukommen.      

Werner Söllner: "Knochenmusik. Gedichte"
Mit einem Nachwort von Eva Demski
Edition Faust, Frankfurt am Main. 72 Seiten, 18 Euro.

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