Montag, 08. August 2022

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Zum Tode von Günter Grass
Ein unbequemer Bürger

Von Norbert Seitz | 13.04.2015

    Günter Grass (M) am 25.04.1969 während einer Diskussion auf der Mitgliederversammlung des deutschen PEN-Zentrums in Mannheim.
    Günter Grass (M) am 25.04.1969 während einer Diskussion auf der Mitgliederversammlung des deutschen PEN-Zentrums in Mannheim. (dpa / picture alliance / Roland Witschel)
    Günter Grass 2013 im Gespräch mit Denis Scheck: "Ich glaube, dass nicht nur ich, sondern viele meiner Generation mit dazu beigetragen haben, indem wir uns politisch engagiert haben, dass aus diesem Dreizonen-Gebiet der westlichen Bundesrepublik eine Schuldemokratie entstand. Das ist ein langsamer, mühsamer Prozess gewesen. Und ich sehe, weil ich die Augen offen habe, wie das, was aufgebaut worden ist, aus eigenem Willen und Eigensinn und Egoismus langsam zerstört wird."
    Selbstlobend pflegte er zu Lebzeiten seine politischen Verdienste als Mahnwächter und Antreiber hervorzukehren. In den frühen 60er-Jahren hatte er über die moralische Ikone Willy Brandt den Weg in die deutsche Politik gefunden. Es war die Zeit, als die "geistigen Arbeiter", Intellektuelle und Künstler sich nach der bleiernen Ära einer 20-jährigen Unionsherrschaft, und mitgetragen vom Protest der 68er, für einen Wechsel engagierten. Eine Zeitlang schien es so, als hätte sich die Schriftstellerzunft vom "Trommler" Günter Grass in einen SPD-Wahlverein verwandeln lassen.
    Doch der nervige Schriftsteller hat seinen Willy stets mehr gemocht als dieser ihn, auch wenn Brandt wusste, dass er seinem ersten Literaten für all seine unerschöpflichen Wahlkampfdienste Dank schuldete. Nach dessen großem Wahlsieg von 1972 war Grass einer der ersten, der sich öffentlich, reichlich naiv, darüber mokierte, dass der demokratische Sozialismus immer noch auf sich warten lasse, bis er diesen, als die deutsche Einheit bevorstand, in greifbarer Nähe gesehen habe, wie uns Fritz J. Raddatz in seinen Tagebüchern berichtet. Dabei war Grass zunächst kaum als glühender Anhänger eines geeinten Deutschland in Erscheinung getreten. In seinem legendären TV-Disput mit "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein im Frühjahr 1990, warf er ein, dass bei allem, was sich nunmehr an Wiedervereinigung andeute, man Auschwitz mit zu bedenken habe. Überzeugen konnte er damit nicht einmal seine Freunde. Diesen ging er 1992 vorübergehend von der Fahne, als im Bundestag eine breite Mehrheit der von ihm attackierten Asylrechtsänderung zustimmte.
    Das Flüchtlingsthema sollte ihn von nun an nicht mehr loslassen. So trat Günter Grass in der Frankfurter Paulskirche 1997 in seiner Laudatio auf den jüngst verstorbenen Friedenspreisträger Yasar Kemal als Ankläger der Asylpolitik auf, die er als "eine demokratisch abgesicherte Barbarei" geißelte. Die Presse sprach hinterher von der letzten anachronistisch gewordenen Pose eines linken Großkritikers. Grass ließ sich davon aber nicht beeindrucken. Mit seiner Novelle "Im Krebsgang", die an den Untergang des Flüchtlingsbootes der "Wilhelm Gustloff" erinnerte, stieß er die Debatte um eine deutsche Opfergeschichte mit an. Diese wollte er zu einem Thema der politischen Linken machen, die nicht im Verdacht stand, damit NS-Historie zu relativieren oder aufzurechnen.
    Doch Grass stand sich danach wieder selbst im Wege. Denn bei Erscheinen seines Buches "Beim Häuten der Zwiebel" musste er eingestehen, 60 Jahre seine eigene Biografie verfälscht zu haben. Der gebürtige Kaschube gehörte als 17-Jähriger der Waffen-SS an. Dies hätte man ihm sicher verziehen, wenn er nicht all die Jahre so vehement als selbstgerechter Chefankläger bundesdeutscher Karrieren von früheren Nazis in Erscheinung getreten wäre. Das verspätete Outing des Literaturnobelpreisträgers schien sich zur regelrechten Staatsaffäre auszuweiten, als Grass in seinem Interview mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher auch noch drauflegte, wonach es im Nachkriegsbiedermeier der Adenauer-Ära spießiger zugegangen sei als in der für Jugendliche so anziehenden Abenteuerwelt der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.
    Selbst wohlwollende Freunde rieten ihm fortan, öfter mal zu schweigen und seinen moralischen Rigorismus zu zügeln, was freilich der kaum zähmbaren Natur des politisierenden Schriftstellers zuwider war. So geriet der große Günter Grass mit seinem israelkritischen Scheingedicht "Was gesagt werden muss" ins Feuer der Kritik und damit auch ins politische Aus. Doch selbst schon schwer angeschlagen, wollte er sich bis ans Ende den Mund nicht verbieten lassen und wurde nochmals während des NSA-Geheimdienstskandals überdeutlich:
    "Das ist ja Kinderkram, was der Staatssicherheitsdienst der DDR gemacht hat, gemessen an dem, was die Vereinigten Staaten von Amerika, die Gewährsmacht unserer demokratischen Freiheit, aufgebaut hat. Das ist ein Skandal ohnegleichen, der einfach hingenommen wird, damit das europäisch-atlantische Bündnis nicht zerbröckelt, ein lächerlicher Vorwand."
    Ein echter Grass - moralisch empört, mit waghalsigem Vergleich. Doch, wo er recht hatte, hatte er recht:
    "Wenn man auf Demokratie setzt, muss man auch mit dem Freund kritisch umgehen."