Heinlein: Wie gut ist denn das Rote Kreuz über die humanitäre Situation im Irak informiert? Auf welche Quellen stützen sich Ihre Informationen?
Ipsen: Ich glaube schon, dass das Rote Kreuz sehr gut informiert ist, weil es ständig das heißt vor Beginn des Konflikts und während der Gesamtdauer des Konflikts eine Delegation von rund zehn Personen in Bagdad selbst gehabt hat und diese auch Bewegungsfreiheit gehabt hat, zusammengearbeitet hat im Übrigen mit rund 120 Mitgliedern des irakischen Roten Halbmonds, der dortigen "Rot-Kreuz-Gesellschaft". Wo die Not entstand, wo die dringendsten Hilfen notwendig sind, konnten wir durch diese Delegation jeweils feststellen.
Heinlein: Der Kriegsverlauf stagniert ja gegenwärtig. Es gibt Artilleriegefechte und Bombenangriffe auf die Städte. Dort drohen Häuserkämpfe. Welche Auswirkungen hat denn dieser Kriegsverlauf für die Situation der Zivilbevölkerung?
Ipsen: Gerade das ist nicht das Gefährlichste für die Zivilbevölkerung. Wenn in den Großstädten nicht rechtzeitig evakuiert wird - und das ist offenbar nicht die Entscheidung der irakischen Regierung -, dann werden die Zivilpersonen zwischen die Fronten geraten. Sie werden unmittelbar betroffen sein von den Häuserkämpfen. Verluste unter der Zivilbevölkerung in erheblichem Maße wären dann unvermeidlich. Auch darauf haben wir uns, so bedauerlich dies ist, einstellen müssen. Wir haben dafür Sorge getragen, dass wir beispielsweise im Irak jetzt in der Lage sind, bis zu 7.000 Kriegsverletzte chirurgisch und ärztlich zu versorgen. Wir werden diese Kapazität noch erhöhen.
Heinlein: Wie sehr sind denn die Hilfsorganisationen auf die Zusammenarbeit mit den Amerikanern und Briten, also mit den Angreifern angewiesen? Gestern gab es ja heftige Kritik von Seiten des Kinderhilfswerkes UNICEF.
Ipsen: Ich kann in diesem Zusammenhang zunächst nur für das Rote Kreuz sprechen. Das Rote Kreuz, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen und die Kriegsparteien haben eigentlich den ungehinderten Einsatz vereinbart. Insbesondere hat das Rote Kreuz insofern einen gewissen Vorteil, als es direkt als Mandatsträger in den Genfer Konventionen genannt ist und eben auch deshalb als einzige große Hilfsorganisation ständig präsent sein konnte. Im Übrigen scheint es mir aber so zu sein, dass doch gewisse Hemmnisse für Hilfsorganisationen bestehen. Es gibt ja die bekannte Anmeldepflicht in Katar. In ein Kampfgebiet hineinzukommen, ist ohnehin nur möglich mit Gestattung der Konfliktparteien.
Heinlein: Bedeutet diese Notwendigkeit zur Anmeldung, dass diese zivilen Helfer, die internationalen Hilfsorganisationen sich unter die Direktive der Militärs stellen müssen?
Ipsen: Eindeutig für das Rote Kreuz nicht. Das Rote Kreuz ist gesichert durch die Genfer Konventionen, welche dem Roten Kreuz die Tätigkeit im Konfliktgebiet, wenn es überhaupt zugelassen wird, garantieren. Allerdings sind einzelne Hilfsorganisationen immer wieder von den Kriegsparteien in früheren Konflikten behindert worden. Wir hoffen sehr, dass das in diesem Konflikt nicht der Fall sein wird.
Heinlein: Wie professionell und wie neutral sind hier die Briten und Amerikaner mit ihrer Hilfe für die Menschen im Irak? Denn genau auf diesen Punkt zielte ja die gestrige Kritik.
Ipsen: Nun, es ist zwar die Pflicht von Streitkräften der Besatzungstruppen, die Zivilbevölkerung im besetzten Gebiet auch zu versorgen, nur sind der Erfüllung dieser Pflicht oft Grenzen gesetzt, die ganz einfach darin bestehen, dass häufig die kämpfende Truppe selbst schwer zu versorgen ist. Deshalb ist dies schon herkömmlich eine Aufgabe der großen Hilfsorganisationen. Wir sind sicher, dass gerade das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das sich bisher immer durchgesetzt hat in solchen Fällen, sich auch im Irak durchsetzen wird und die Hilfe, soweit dies überhaupt möglich ist, sicherstellen wird.
Heinlein: Was ist denn Ihr Eindruck nach den Ihnen vorliegenden Informationen? Sind die Angloamerikaner bereit und in der Lage, die Versorgung der Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten sicherzustellen, so wie es die Genfer Konvention vorschreibt?
Ipsen: Also das kann ich bisher so nicht sagen. Ich wäre allerdings auch überfordert, eine umfassende Beurteilung über die Lage vor Ort geben zu müssen, denn diese ist an vielen Stellen so unklar - die Nachrichten sind widersprüchlich -, dass es vermessen wäre, eine positive Aussage auf diese Frage zu treffen.
Heinlein: Wie sehr unterstützt denn die irakische Seite Ihre Arbeit?
Ipsen: Die irakische Seite hat dem IKRK bisher die Möglichkeit gegeben, das, was das IKRK durchführen wollte, auch durchzuführen. Mir sind bisher keine einzelnen Behinderungen bekannt bis auf die Frage des Besuchs der Kriegsgefangenen. Nach einem Kenntnisstand wird immer noch über den Zugang zu den Kriegsgefangenen verhandelt, allerdings auf beiden Seiten.
Heinlein: Wie sehr instrumentalisiert denn Saddam Hussein die Not und das Leid seiner Bevölkerung für seine Zwecke, für die Propaganda?
Ipsen: Nun, Kriegsparteien pflegen das immer zu tun. Auch die irakische Regierung ist sicher darüber informiert, dass jede Meldung dieser Art weltweit verbreitet wird und dass die Nachteile und die zweifellos auch durch das Genfer Recht verbotenen Behinderungen oder gar Angriffe und Verletzungen der Zivilbevölkerung medienmäßig ausgeschlachtet werden, ist nicht verwunderlich, nur sollten wir auf der anderen Seite sehen, dass die Bilder, die wir bisher im Fernsehen wahrnehmen konnten, für sich schon Bände sprechen. Wenn etwa Stadtteile bombardiert werden, wenn etwa ein Bus, wenn auch irrtümlich, unter Feuer genommen wird, in dem mehrere Kinder ums Leben kommen, dann sind dies nun eindeutig Verhaltensweisen, die das Leiden der Zivilbevölkerung kennzeichnen.
Heinlein: Die irakische Armee hat ja auf eine Art Guerilla-Taktik umgestellt. Soldaten kämpfen in Zivil, es gibt Selbstmordanschläge und menschliche Schutzschilde. Ist unter diesen Umständen eine Kriegsführung gemäß der Genfer Konvention für die Briten und Amerikaner überhaupt möglich?
Ipsen: Die Genfer Konvention ist in jedem Falle einzuhalten. Darüber gibt es gar keinen Zweifel, denn die Genfer Konventionen befassen sich ausschließlich mit dem Schutz der Opfer, der wehrlosen und unschuldigen Opfer, und auch ein Kriegsgefangener ist in dem Moment wehrlos, in dem er eben in Gefangenschaft gerät. Was Sie ansprechen, ist die Frage des Rechts der Kriegsführung, eigentlich eine Frage der Haager Landkriegsordnung. Danach ist es natürlich verboten, an Kämpfen teilzunehmen, ohne dass der betreffende Kämpfer erkennbar ist. Die Guerillero-Taktik ist kriegsrechtlich nicht erlaubt, und in der Praxis behindert dieses natürlich dann auch eine klare Unterscheidung zwischen denjenigen, die kämpfen und kämpfen dürfen, und denjenigen, die es nicht dürfen und auch nicht tun, und das führt dann auch zu solchen wirklich schrecklichen Ereignissen wie zu diesem Angriff auf den Bus mit Frauen und Kindern.
Heinlein: Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung hier in Deutschland ist derzeit ja sehr gering für den Irak. Haben Sie eine Erklärung?
Ipsen: Sie ist außerordentlich gering, und dies liegt wahrscheinlich daran, dass viele Menschen meinen, derjenige, der das ausgelöst hat, also in diesem Fall die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich seien auch gehalten, für die Folgen einzutreten. Es wird dabei allerdings übersehen, dass die Menschen, die in der ersten Reihe betroffen sind, nämlich die Zivilpersonen und namentlich all die Menschen, Frauen und Kinder nun weiß Gott nichts für die Auslösung dieses Konfliktes können, nur leiden, und dass sie unsere Hilfe ganz einfach verlangen. Wenn ich mir vorstelle, dass wir nach unseren bisherigen Berechnungen etwa 150 Millionen Euro aufwenden müssen für die Hilfe, die allein das Deutsche Rote Kreuz beabsichtigt zu leisten, dann ist es natürlich einen sehr intensiven Appell an unsere Landsleute wert, sich doch nicht behindern zu lassen durch Überlegungen, lass mal die Verursacher das tun, sondern den unschuldigen Menschen zu helfen.
Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch.
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