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StartseiteInterviewAuch Buchenwälder und Eichen leiden unter der Dürre25.04.2020

Zustand deutscher WälderAuch Buchenwälder und Eichen leiden unter der Dürre

Der heimische Wald müsse umgeforstet werden, sagte Stefan Adler vom Nabu am "Tag des Baumes" im Dlf. Auch Laubbäume litten unter Wassermangel, könnten Trockenheit aber besser verkraften als Nadelbäume. Der Waldexperte rät dazu, Totholz im Wald zu lassen, damit es langfristig als Wasserspeicher fungieren könne.

Stefan Adler im Gespräch mit Britta Fecke

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Umgestürzte Fichten im Taunus aus der Vogelperspektive. (Imago / Jan Eifert)
Die deutschen Wälder sind in einem schlechten Zustand. Borkenkäferplagen, Trockenheit und Sturm machen ihnen zu schaffen. (Imago / Jan Eifert)
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Für Landwirtschaft und Wälder ist die derzeitige Trockenheit ein großes Problem. Nach den Dürren der letzten beiden Jahre - 2018 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 - fiel auch in diesem Winter fiel zu wenig Niederschlag. Es müssten nun Maßnahmen getroffen werden, damit der Wald wieder Wasser speichern könne - darunter der Rückbau von Entwässerungsgräben und das Belassen von abgestorbenen Baumstämmen im Wald, die zu Humus würden und ähnlich wie ein Schwamm Wasser speichern könnten, erklärt Stefan Adler, Waldpolitik-Referent des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) anlässlich des "Tag des Baumes" im Deutschlandfunk.

Landfristig müsse der Bestand umgeforstet werden. Nicht nur Tannen- und Fichtenforste, sondern alle Laubbaumarten leiden, doch Buchen und Echen könnten besser mit Trockenheit umgehen, so Adler.

Stefan Adler: Der Winter war ja in Deutschland nicht gleichmäßig, wir haben festgestellt, in Baden-Württemberg, in der Schwarzwaldgegend, ist zum Beispiel noch im März relativ viel Regen gefallen, aber es gibt andere Regionen wie zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, wo es ganz, ganz wenig Regen gab. Und man muss auch immer dazusagen, dass der Regen, der in den vergangenen Jahren 2018 und 2019 ausgeblieben ist, auch dazu geführt hat, dass unsere Wasserreserven im Boden schon aufgebraucht waren, und in vielen Regionen hat der geringe Niederschlag eben auch dazu geführt, dass diese Wassermöglichkeiten des Bodens gar nicht aufgefüllt wurden.

Alle Baumarten leiden unter der Trockenheit

Britta Fecke: Welche Baumarten sind denn besonders betroffen?

Adler: Vor allem ist es einmal die Region in Thüringen, aber auch in Brandenburg, am meisten betroffen sind vor allem auch Regionen des Mittelgebirges. Die Mittelgebirge sind in der Regel vollgepflanzt worden mit Fichten, und gerade die Fichte, die eine sehr flache Wurzel hat, die leidet am extremsten darunter, wenn kein Wasser mehr zur Verfügung steht. Man kann aber grundsätzlich feststellen, dass alle Baumarten momentan mit dieser Trockenheit sehr zu kämpfen haben.

Totholz "bisher absolute Mangelware im Wald"

Fecke: Nun sind ja vor allem die Fichten- und Tannenforste dem Borkenkäfer und dem Sturm zum Opfer gefallen. Kann man sagen aus Blick des Naturschutzes, dass eigentlich jetzt der Klimawandel und die Dürre dafür gesorgt haben, dass der Naturschutz sich durchsetzt – oder zumindest die Wünsche des Naturschutzes?

Adler: Ich würde sagen, dass es gar nicht darum geht, wer sich da durchsetzt, ob das der Naturschutz ist oder die Forstwirtschaft, sondern es geht darum, dass es ein großes Problem für den gesamten Wald und damit auch für die Bevölkerung geworden ist. Diese Dürre bietet natürlich auf der einen Seite die Chance, dass wir in Zukunft wieder mehr naturnähere Wälder haben, das heißt, wir haben mehr heimische Laubbaumarten in den Wäldern als im Vergleich mit den Monokulturen der Fichtenwälder. Allerdings merken wir auch, dass auch Buchenwälder und Eichen schon unter der Dürre leiden. Grundsätzlich kann man auch feststellen, die Dürre sorgt dafür, dass wir eine ganze Menge Totholz plötzlich im Wald bekommen, sofern man es denn liegenlässt. Das stellt zum einen eine Gefahr dar für die Sicherheit, aber das ist in den meisten Regionen gar nicht so problematisch, aber Totholz ist ein wesentliches Element, auf den eine ganze Menge Pilze und Insekten angewiesen sind. Und Totholz ist bisher eine absolute Mangelware im Wald. So bietet es natürlich die Chance, dass der Lebensraum Wald zum einen wieder reicher wird an Strukturen, aber auf der anderen Seite gilt es natürlich auch, einen Wald zu erhalten, damit die vielfältigen Leistungen des Waldes weiter vorhanden sind.

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Entwässerungsgräben für mehr Wasser im Wald zurückbauen

Fecke: Sie haben es gerade gesagt, auch die heimischen Baumarten sind im Dürrestress. Wie soll denn da Wald nachwachsen, wenn kein Regen mehr kommt?

Adler: Der Regen kommt ja hin und wieder, auch wenn es weniger wird. Das Positive im Wald ist ja, dass er eine eigene Klimaanlage darstellt, und so der Wald durch sein Kronendach erst mal einen eigenen Sonnenschirm darstellt, sodass es unten im Wald gar nicht so heiß wird. Es gilt natürlich jetzt, verschiedene Maßnahmen zu treffen, damit möglichst viel Wasser im Wald bleibt. Das eine ist, dass man womöglich Entwässerungsgräben zurückbaut, das betrifft natürlich vor allem  die norddeutschen Regionen, wo ganze Landstriche durch Entwässerungsgräben geprägt sind. Auf der anderen Seite, in den Mittelgebirgen, wird sehr viel Wasser abgeleitet durch die von Lkw befahrbaren Wege und die Gräben, die es dazu gibt, aber auch über Rückegassen zum Beispiel. Und langfristig hilft auch Totholz, Wasser zu binden, weil aus Totholz wird Humus, und Humus ist wie ein wunderbarer Schwamm, der sehr lange Wasser halten kann und dann eben auch langsam abgeben kann. Es geht immer darum, die momentane Ausgangssituation, die sehr dramatisch ist, so weit es geht zu verlangsamen oder die negativen Auswirkungen zu verringern.

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Fecke: Das heißt, Sie plädieren dafür, das Totholz im Wald zu belassen, zumindest in Teilen.

Adler: Ja, das aus Artenschutzgründen sowieso schon immer, weil eben ganz viele Käferarten auf Totholz angewiesen sind. Aber jetzt kommt eben dieser neue Aspekt noch hinzu, er ist gar nicht so neu, aber jetzt sieht man, wie dramatisch wichtig er ist, dass eben die Böden möglichst dafür vorbereitet werden müssen, dass sie ihre Schwammfunktion tatsächlich voll ausfüllen können. Und so trägt Totholz auf Dauer, das dauert ja eine ganze Weile, bis ein abgestorbener Baum zu Totholz und zu Humus wird, sodass diese Funktion vielleicht erst in zehn, 20 Jahren zur Verfügung steht. Aber wir gehen davon aus, dass diese Witterungsbedingungen, wie wir sie jetzt 2018 und 2019 hatten und vielleicht auch 2020 wieder haben, in Zukunft ganz normal sein könnten. Das ist Stress pur für den deutschen Wald, umso wichtiger ist es, dass man eben heute dieses Holz zum Teil im Wald schon belässt.

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Rehwilddichten reduzieren und minimieren

Fecke: Welche Rolle spielt die Wilddichte bei der Regeneration des Waldes?

Adler: Die Wilddichte – wir sprechen vor allem über Rehe und Hirsche, manchmal auch über Muffelwild oder Dammhirsche oder in manchen Teilen auch Wildschweine, es sind ja nicht immer alle Tiere damit gemeint, sondern vor allem Tiere, die viele Samen fressen und die auch viele junge Triebe von Bäumen fressen. Man weiß das schon lange, dass wir momentan eine Situation haben, dass es deutschlandweit so viele Rehe gibt, dass die Naturverjüngung, also das Aufkeimen von natürlichen Samen, in der Regel sehr schnell aufgefressen wird eben von Rehen oder von Hirschen, sodass man in der unteren Schicht der Wälder so gut wie keine jungen Bäume hat. Die wären aber ganz dringend nötig, weil sie zum einen natürlich die Folgegeneration der vielleicht jetzt absterbenden Fichten darstellen, aber sie sorgen auch für Windruhe, sie sorgen für zusätzlichen Schatten und so weiter. Und das ist auch ein dringendes Anliegen und eine Art Schlüsselfunktion, dass wir gerade die Rehwilddichten so reduzieren und minimieren, dass eben der Wald sich wieder natürlich verjüngen kann. Das ist eine der zentralen Herausforderungen, und da müssen Forstwirtschaft, Naturschutz und die Jäger eng zusammenarbeiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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