Samstag, 25. März 2023

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Zwei Jahre nach dem Referendum
Warten auf den Brexit

Der Brexit dauert. Unklarheit und Ungewissheit prägen die Stimmung auf der Insel - Panik jedoch nicht. Umfragen in Großbritannien zeigen, dass die allermeisten Briten zwei Jahre nach dem Referendum immer noch an ihrer Meinung festhalten. Das Land bleibt gespalten.

Von Friedbert Meurer | 23.06.2018

    Die Nationalflagge des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland weht am 20.03.2017 in London (Großbritannien) vor dem Elizabeth Tower (Big Ben).
    Vor zwei Jahren stellte sich Großbritannien die Frage: remain or leave? (Matt Dunham/AP/dpa)
    Der Bahnhof Liverpool Street im Osten Londons - von hier aus fahren die Züge nach Nordost-England. Das Unterhaus hat am Tag vorher nach langem Streit das EU-Ausstiegsgesetz beschlossen. Wie genau aber der Brexit aussehen wird und wohin die Reise jetzt gehen wird, das bleibt vielen der Passagiere unklar.
    "Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung das geht. Die Regierung weiß es anscheinend auch nicht."
    "Bis der Vertrag mit der EU steht, kann keiner etwas sagen. Wir werden in der Schwebe gehalten. Es weiß niemand, wie es weitergeht."
    Ein älteres schottisches Ehepaar aus der Nähe von Edinburgh hat vor zwei Jahren für den Brexit gestimmt, anders als die große Mehrheit in Schottland. Aber auch sie haben den Eindruck, dass sich nichts bewegt. Die Gegner des Brexits würden jede Gelegenheit nutzen, um den Prozess aufzuhalten, kritisieren sie.
    "Sie haben eine einfache Angelegenheit ziemlich kompliziert gemacht. Sie kämpfen zu sehr untereinander, anstatt etwas für den Brexit zu tun. Wenn sie damit aufhörten, sich zu bekriegen, dann wird das eine andere Geschichte."
    Briten halten an Meinung fest
    Umfragen in Großbritannien zeigen, dass die allermeisten Briten zwei Jahre nach dem Referendum an ihrer Meinung festhalten. Das Land bleibt gespalten, allenfalls ein klein wenig soll es jetzt eine knappe Mehrheit gegen den Brexit geben. Das behaupteten die Demoskopen aber auch schon vor dem Referendum und lagen falsch.
    Eine Krankenschwester aus der Nähe von Birmingham ist damals wie heute dagegen, dass die Briten die EU verlassen. Daran aber, dass das Ganze noch zurückgenommen wird zum Beispiel durch ein zweites Referendum, glaubt sie nicht.
    "Die Zeit für eine zweite Abstimmung ist abgelaufen, das hat man verpasst. Der Brexit wird Schritt für Schritt in den nächsten Jahren kommen. Wir müssen halt sehen, was passiert."
    Von allen relevanten Parteien sind nur die Liberaldemokraten dafür, die Briten noch einmal an die Wahlurnen zu rufen - und die Liberaldemokraten verfügen gerade einmal über zwölf Abgeordnete im Unterhaus. Sie vermeiden auch den Begriff "zweites" Referendum, um nicht den Eindruck zu erwecken, eine demokratisch getroffene Entscheidung revidieren zu wollen. Es soll darum gehen, über das "Wie" des Brexit abzustimmen, denn das sei doch vor zwei Jahren völlig unklar gewesen. Nicht wenige Briten aber meinen trotzdem, dass das ein Verstoß gegen die britische Idee des Fairplay wäre.
    Die Standhaftigkeit der Briten
    "Die Leute haben nun einmal so gewählt", sagt dieser Brite, der selbst für "Remain", also für den Verbleib in der EU gestimmt hatte. "Das wäre wie ein Tritt gegen die Demokratie. Die Menschen haben abgestimmt, also fangen wir damit an. Wir sind das Volk."
    Am Bahnhofskiosk liegt der "Daily Express" aus, der heute mit der Schlagzeile Stimmung macht, britische Touristen müssten bald 50 Pfund Visa-Gebühren bezahlen, wenn sie in die EU reisen wollen. Und der "Telegraph" fordert in großen Lettern. "Hört endlich mit dem Defätismus beim Brexit auf!"
    Unklarheit und Ungewissheit prägen die Stimmung auf der Insel beim Brexit, Panik aber nicht. Der Brexit dauert lange. Premierministerin Theresa May agiert extrem vorsichtig und schiebt viele Entscheidungen scheinbar endlos vor sich her. Ein Australier beobachtet von einer Bank aus das Treiben am Bahnhof. Den Brexit hält er für einen ziemlich dummen Fehler, aber man möge die Standhaftigkeit der Briten nicht unterschätzen.
    "England hat immer wieder sein Comeback. Es ist ein sehr starkes Land, auch wenn es für eine Weile turbulent zugehen wird."