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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Zwei Publikationen über den islamisch-arabischen Kulturraum03.01.2005

Zwei Publikationen über den islamisch-arabischen Kulturraum

Serauky: Die arabische Kulturwelt und Europa; Bergedorfer Gesprächskreis: Mittlerer Osten und westliche Werte - Ein Dialog mit dem Iran

<strong>Natürlich gibt es auch in Amerika geistige Marodeure. Es kann auch sein, dass Bush, Rumsfeld und Cheney solche historischen Wurzeln im kollektiven Gedächtnis unbekannt sind. Und es mag auch sein, dass viele schlaue Europäer um diese geistesgeschichtlichen Zusammenhänge wissen und sich im Wissen um ihre völkerrechtstheoretischen Erkenntnisse selbstgerecht als die besseren Abendländer dünken. Ein Unterschied jedoch ist zukunftsentscheidend, und der hat eben mit der von den Europäern belächelten religiösen Komponente zu tun: Die Amerikaner erwarten das Heil nicht vom Staat. In diesem Punkt sind die Europäer den islamischen Staaten auch näher, und das mag vielleicht auch erklären, warum der Islam in Europa noch so oft verklärt wird. Man weist auf die wissenschaftlichen und geistigen Errungenschaften hin und vergisst, dass dies weitgehend Geschichte ist. Eberhard Serauky hat sich dieser Kulturwelt angenommen.</strong>

Von Reinhard Backes

Der Islam wird in Europa oft noch verklärt betrachtet. (AP)
Der Islam wird in Europa oft noch verklärt betrachtet. (AP)

Viele Bücher sind inzwischen auf dem Markt, die sich mehr oder minder kompetent mit dem Islam beschäftigen. Zwei Neuerscheinungen könnten dazu beitragen, das Wissen über den islamisch-arabischen Kulturraum zu vertiefen: Im Glanze Allahs - Die arabische Kulturwelt und Europa von Eberhard Serauky, und: Mittlerer Osten und westliche Werte - Ein Dialog mit dem Iran. Der zweite Titel, mehr ein Protokoll, denn ein Buch, dokumentiert Diskussionen und Gespräche im Rahmen des 127. Bergedorfer Gesprächskreises. Auf Einladung der Hamburger Körber-Stiftung hatten sich im Oktober 2003 amerikanische, arabische und europäische Intellektuelle zum Meinungsaustausch im iranischen Isfahan getroffen.

Dass die arabische Kulturwelt in der Vergangenheit Bedeutendes - etwa auf dem Gebiet der Mathematik, Medizin und Philosophie - geleistet hat, ist bekannt. Serauky beschreibt auf mehr als 200 Seiten nicht nur diese Errungenschaften, die das europäische Denken seit dem 8. Jahrhundert beeinflusst haben; er erklärt auch, wie es dazu kam, wie die militärisch-politische Expansion die kulturelle nach sich zog.

Am Anfang steht dabei das Papier - oder vielmehr die Kunst, es herzustellen: Auf ihren Eroberungszügen gelangen die Araber bis nach Samarkand, wo sie 751 chinesische Truppen vernichtend schlagen. Unter den Gefangenen sind auch einige Papiermacher, die ihre Kunst preisgeben. Nach und nach verbreitet sich die neue Technik im islamischen Kulturraum. Im 12. Jahrhundert erreicht sie Spanien, buchstäblich befördert durch ein Nachrichten- und Postwesen, das umsichtige Machthaber zur Festigung ihrer Herrschaft aufbauten. Beide Errungenschaften befruchten Schreibkultur, Schulwesen, Gelehrsamkeit und Literatur. Mit Technik allein ist es aber nicht getan. Es bedarf aufgeklärter Herrscher, die der Kultur zum Durchbruch verhelfen - etwa des Anfang des 9. Jahrhunderts in Bagdad regierenden Kalifen al-Mamun, wie der Autor schreibt:

In dieser Epoche ereignet sich ein umstürzlerisches Ereignis. Denn in seiner festen Überzeugung, dass nur die Vernunft sich durchsetzen wird, legt der Kalif al-Mamun fest, dass ab sofort der Koran erschaffen sei. Diese Position legt er als Staatsdogma fest. Damit rückt er entschieden von der islamischen Orthodoxie ab, die am Wortsinn des Koran und seiner ewigen Natur festhält. Eine Allmacht der Vernunft soll uneingeschränkt herrschen. Dieses erste Drittel des 9. Jahrhunderts wird zum goldenen Zeitalter der Literatur. Der Rationalismus dominiert in einer bisher nicht gekannten Art.

Serauky, Orientalist und spürbar Liebhaber der arabisch-islamischen Kultur, fragt in seiner jüngsten Publikation auch nach den Ursachen des kulturellen Niedergangs; für den Islamwissenschaftler ist er eng mit dem politisch-wirtschaftlichen verbunden. Eine Ursache ist der modernen Wissenschaften wenig aufgeschlossene religiöse Dogmatismus. Die Bilanz: Nach Angaben der Vereinten Nationen erwirtschaften alle 22 arabischen Staaten zusammen kaum ein höheres Bruttoinlandsprodukt als Spanien, das unter den europäischen Volkswirtschaften an fünfter Stelle steht. 40 Millionen Spanier produzieren folglich mehr als 300 Millionen Araber. Serauky ergänzt:

Auch der Entwicklungsstand neuer Techniken kommt nicht voran. Das erweist sich darin, dass ägyptische Ingenieure in dem Zeitraum von 1980 bis 2000 nur 77 Patente in den USA anmeldeten. Aus Südkorea waren im gleichen Zeitraum 16.328 zu verzeichnen. Die Daten zeugen von einer wachsenden Rückständigkeit dieser Staatengruppe, in der sich nicht nur die reichsten Erdölvorkommen, sondern auch Erdölproduzenten der Welt befinden. Zu den negativen Erscheinungen kommt die Arbeitslosigkeit, die zwischen 15 und 20 Prozent beträgt, davon sind 60 Prozent Jugendliche betroffen.

Während Serauky sich bemüht, Historie neu zu vermitteln und zu bewerten, darf das von der Körber-Stiftung in Isfahan organisierte Forum als Versuch gelten, das Verständnis zwischen westlicher und arabischer Kultur zu fördern. Man bedenke, dass das Treffen stattfand, während im benachbarten Irak geschossen und gebombt wurde. Der Gedankenaustausch von Isfahan zum Thema "Kultur" ist sehr vielschichtig, nicht immer stringent, gerade deshalb aber äußerst aufschlussreich. Einig ist sich das Forum in der Ablehnung der militärischen Intervention der USA im Irak; Unterschiede werden dennoch deutlich, vor allem in der Bewertung der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion; politisch Strittiges wird nahezu ausgeklammert, allenfalls hier und da vorsichtig berührt. So betont etwa der ehemalige Mitarbeiter des Teheraner Außenministeriums Asghar Mohammadi:

Der Iran hat in seiner Geschichte oft einen positiven Austausch mit fremden
Kulturen erlebt. Auch heute besteht deshalb im Iran und in anderen orientalischen Gesellschaften die Bereitschaft zu einem Austausch mit anderen Kulturen, einschließlich der neuen globalisierten Kultur. Dabei besorgt uns nur eines: Der Westen propagiert den Pluralismus. Im politischen Bereich akzeptiere ich das, aber im gesellschaftlichen Bereich beachten die westlichen Länder unsere Eigenheiten zu wenig.


Im Gegensatz dazu die Position des außenpolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion Gert Weißkirchen, einer von mehreren deutschen Teilnehmern:

Unsere Aufgabe ist es, die jeder Kultur innewohnenden Gewaltpotentiale zu differenzieren, einzudämmen und produktiv zu nutzen. Gerade in Europa haben wir damit einige Erfahrungen gemacht. Eine der wichtigsten Lehren, die wir daraus gezogen haben, ist, Kultur und besonders Religion als die Angelegenheit von Individuen anzusehen. Eine Garantie der individuellen künstlerischen Freiheit und Säkularisierung sind die wichtigsten Schritte zu diesem Ziel.

Fazit: Mit Seraukys: Im Glanze Allahs und dem Bergedorfer-Protokoll liegen zwei Publikationen vor, zu denen all diejenigen greifen sollten, die sich ernsthaft mit dem Islam auseinandersetzen möchten. Beide Bücher beleuchten je eigene Facetten, reichen damit, für sich genommen, zwar nicht aus, alle Fragen, die gegenwärtige aufgeworfen werden, hinreichend zu beantworten; sie liefern aber je eigene Beiträge, die zum Verständnis des Islam wie der eigenen, europäischen Kultur beitragen können.


Serauky, Eberhard: Im Glanze Allahs - Die arabische Kulturwelt und Europa, Edition q im Be.bra Verlag, Berlin, 216 Seiten, Euro 24,50.

Mittlerer Osten und westliche Werte - Ein Dialog mit dem Iran; 127. Bergedorfer Protokoll, Edition Körber-Stiftung, Hamburg, 157 Seiten, Euro 11.

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