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StartseiteInformationen am MorgenMuttersprachen im Klassenzimmer22.02.2020

ZweisprachigkeitMuttersprachen im Klassenzimmer

Schlechte Deutschkenntnisse und eine gebrochene Muttersprache: ein Problem von Kindern mit Migrationshintergrund. Linguisten wissen längst, dass das beste Rezept für ein gutes Deutsch eine gut ausgeprägte Muttersprache ist. Eine Grundschule in Berlin versucht, gegen "doppelte Halbsprachigkeit" vorzugehen.

Von Luise Sammann

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Schueler waehrend einer Unterrichtsstunde. Feature an einer Schule in Goerlitz, 03.02.2017. , available, , Goerlitz Deutschland PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xFlorianxGaertnerx Schueler waehrend a Lesson Feature to a School in Goerlitz 03 02 2017 available Goerlitz Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xFlorianxGaertnerx (imago images / photothek)
"Früher hieß es immer, sprechen Sie mit ihrem Kind zuhause Deutsch. Wir sagen den Eltern bewusst mittlerweile, sprechen Sie mit dem Kind zuhause die Muttersprache! Denn Deutsch, das machen wir hier" (imago images / photothek)
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Tag der Muttersprache "Deutschpflicht auf dem Schulhof ist Unsinn"

Die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. "Klein-Istanbul" wird das Viertel mit den vielen Dönerläden, den türkischen Apotheken und Nussläden gern genannt. Mehr als ein Drittel der Kreuzberger haben einen Migrationshintergrund. Doch entgegen aller Vorurteile sprechen die meisten Kinder, die heute in "Klein-Istanbul" aufwachsen, besser Deutsch als etwa Türkisch oder Arabisch. 

"Meine Söhne wollen immer nur Deutsch sprechen, sie vergessen ihr Türkisch", erzählt Taner, ein Kreuzberger Taxifahrer. Eine tiefe Furche bildet sich zwischen seinen buschigen Augenbrauen, wenn der 40-Jährige an die Türkischkenntnisse seiner Söhne denkt.

"Auch, wenn sie mit anderen Türken unterwegs sind, sprechen die Kinder untereinander Deutsch, nicht Türkisch. Wir haben Verwandte hier – wenn die in den Ferien in die Türkei fahren, können die Kinder dort kein Wort mehr sprechen!"

Ratlos zuckt der Familienvater mit den Schultern, kramt dann den Autoschlüssel aus der Tasche. Es ist Samstagvormittag. Taner hat Wochenenddienst. 

Auch Mirvat Adwan aus Syrien arbeitet samstags. In einem versteckten Kreuzberger Hinterhof liegt zwischen Mülltonnen und gusseiserner Feuertreppe der Eingang zu ihrer kleinen Arabischschule. "Kalamon" steht an der Tür. 

Die 43-jährige Journalistin hat die Schule vor zwei Jahren gegründet, weil sie die Sorgen ihrer türkischen Nachbarn in Berlin teilt.

"Die Mehrheit der Araber, besonders jetzt die Syrer, weil die so geflüchtet sind, also die sind gezwungen hierher zu kommen. Und die Sorge, dass ihre Kinder die Sprache verlieren, das ist ne große Sorge."

Muttersprache weitergeben, ein hartes Stück Arbeit

Adwan lebt und arbeitet seit gut zehn Jahren in Berlin. Ihre beiden Kinder sind hier geboren, gehen hier zur Schule, sprechen akzentfrei Deutsch. Dass sie daneben auch Arabisch, die Sprache ihrer Eltern, fließend sprechen, ist für Adwan ein hartes Stück Arbeit. 

"Dadurch, dass sie in die Kita, Schule mehr Zeit verbringen als zuhause, die Mehrheit der Eltern natürlich auch arbeiten, also man hat wirklich ganz wenig Zeit mit den Kindern. Und vor allem, wenn ich jetzt die Hausaufgaben mit meinem Sohn mache, dann werde ich die auf Deutsch, nicht auf Arabisch machen." 

Adwan setzt syrischen Kardamomkaffee auf, schmiert schnell ein paar Honigbrote für die Kinder, die jetzt eingemummelt in Mütze, Schal und Jacke zum samstäglichen Arabischunterricht hereinkommen. Jedes einzelne wird mit Umarmung begrüßt.

Insgesamt gebe es immer weniger Kinder in Berlin, die noch fließend Arabisch sprächen, so Adwan. Stattdessen steigt die Zahl derer, die den Kontakt zu Verwandten und Bekannten aus dem Heimatland der Eltern und Großeltern verlieren. 

"Also ich spreche gebrochen Farsi. Das ist das abgehakelte Farsi eines Kindes", gesteht Nani, die als siebenjährige mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland kam. "Dadurch haben wir auch unsere Verbindung zu den Verwandten ganz schön verloren eigentlich. Ja."

Selbst mit ihren eigenen Eltern kann die heute 37-Jährige nicht mehr über alles sprechen.

"Ich kann mit ihnen zum Beispiel nicht über Medizin sprechen richtig. Über meinen Beruf. Und wenn ich dann mal unbedingt was erklären soll, dann greife ich zu Stift und Papier oder hole meinen Anatomieatlas und zeige, was ich meine. Wir sind kreativ geworden darin, uns zu verständigen."

Auch auf akademischer Ebene hat es häufig Folgen, wenn die Muttersprache verloren geht. Und zwar besonders, wenn sie – anders als bei Nani – schon in den ersten Kindheitsjahren nicht gefördert wird. Denn Sprachwissenschaftler wissen längst: Das beste Rezept, um gut Deutsch zu lernen, ist eine gut ausgeprägte Muttersprache. Nur wer die hat, kann dann in Kindergarten oder Grundschule auch problemlos und spielend eine Zweitsprache wie Deutsch lernen. 

Die sogenannten "ZwErz-Klassen" für zweisprachige Erziehung

Andreas Kolbe, Leiter der Rixdorfer Grundschule im Berliner Bezirk Neukölln, bringt deswegen zu jedem Elterngespräch einen dringlichen Rat mit: 

"Früher hieß es immer, sprechen Sie mit ihrem Kind zuhause Deutsch. Wir sagen den Eltern bewusst mittlerweile, sprechen Sie mit dem Kind zuhause die Muttersprache! Denn Deutsch, das machen wir hier. Alles andere kann schnell zu etwas führen, was ich gern die doppelte Halbsprachigkeit nenne. Dass weder das Deutsche vernünftig angelernt ist, noch das Türkische in unserem Fall."

Ein Phänomen, das zwar wissenschaftlich nicht belegt – laut Sozialarbeitern und Lehrern in Vierteln wie Kreuzberg und Neukölln aber weit verbreitet ist. Die Rixdorfer Grundschule versucht ihm mit zweisprachiger Erziehung in Deutsch und Türkisch zu begegnen. Kinder, die hier in die sogenannten ZwErz-Klassen für zweisprachige Erziehung eingeschult werden, erhalten in der ersten bis dritten Jahrgangsstufe fünf Stunden Türkisch pro Woche. Fächer wie Sachkunde werden außerdem zweisprachig unterrichtet. Wer die türkische Muttersprache fördert, so die Idee, fördert automatisch das Deutsch der Kinder. Und zusätzlich ihr Selbstbewusstsein, weiß Türkischlehrerin Ilknur Geze.

"Weil da die Wertschätzung auch da ist, sind sie dann auch selbstbewusster. Weil es dann auch Spaß macht, weil sie sich dann auch als was Positives sehen. Und da kann man nicht sagen, dass irgendwie eine deutsche Sprache mehr Wert hat oder eine türkische. Hauptsache die Kinder haben eine Sprache, die sie richtig können, und wir unterstützen es. Und am Ende der sechsten Klasse können die Kinder beide Sprachen gut. In der Schrift und mündlich."

Was für Außenstehende eine Brennpunktschule sein mag, ist für die 48-Jährige– deren eigene Kinder inzwischen an der Universität sind – ein Vorzeigemodell. Ihre Augen leuchten, wenn sie vom Alltag an der Rixdorfer Grundschule erzählt, den erstaunlichen Erfolgsgeschichten einzelner Schüler, der Zusammenarbeit im deutsch-türkischen Kollegium.

"Also wenn wir das ernst nehmen, wenn wir Integration ernst nehmen, dann müssen wir Muttersprachen fördern", so die Schlussfolgerung von Sprachwissenschaftler Heiner Böttger, der seit Jahren zu den Auswirkungen bilingualer Erziehung forscht.

"Und dann haben wir auch diese Kinder mit Migrationshintergrund, die dann auch durchaus in die Gymnasien kommen, die studieren, die akzentfrei Deutsch sprechen. Das sind diese Kinder. Die haben diese Chancen."

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