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StartseiteInterviewLucha (Grüne): „Wir sind gewappnet“11.07.2020

Zweite CoronawelleLucha (Grüne): „Wir sind gewappnet“

Weltweit steigen derzeit wieder die Corona-Neuinfektionen. Deutschland habe seit der Situation im März dazugelernt und Schutzvorkehrungen aufgebaut, sagte der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) im Dlf. Zu einem Lockdown wie damals werde es nicht kommen, man müsse aber wachsam bleiben.

Manne Lucha im Gespräch mit Rainer Brandes

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Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). (imago images / Arnulf Hettrich)
Man müsse sich nach wie vor sehr vorsichtig verhalten, sagte der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) im Dlf. Ihm sei angesichts der vielen Lockerungen auch nicht ganz wohl. (imago images / Arnulf Hettrich)
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Rainer Brandes: 50- bis 60.000 Neuinfektionen pro Tag, so sieht die Corona-Lage im Moment in den USA aus. Auch in Südkorea steigen die Zahlen wieder. Das Land hatte eigentlich geglaubt, Corona schon hinter sich gelassen zu haben. Auch näher an uns dran gibt es steigende Zahlen: Oberösterreich hat wieder eine generelle Maskenpflicht eingeführt, Bulgarien, Rumänien, Serbien melden steigende Zahlen. In Deutschland dagegen sagt Bundesfinanzminister Olaf Scholz, wir hätten den ganzen Schlamassel hoffentlich bald hinter uns. Aber sind wir da zu optimistisch? Das kann ich Manne Lucha fragen. Der Grünen-Politiker ist Landesgesundheitsminister in Baden-Württemberg.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte) (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Brandes: Herr Lucha, sind wir vorbereitet auf eine zweite Welle?

Lucha: Wir sind sehr gut vorbereitet im Erkennen derzeit von kleineren Herden, dass wir sofort reagieren, wenn wir lokale Ausbruchsgeschehen und Infektionsgeschehen haben, um sehr schnell zu reagieren, um einzuschränken. Das ist die Basis für eine systematisierte Vorbereitung, wenn das Infektionsgeschehen größer wird. Wir haben uns ja gemeinsam auch mit dem Bundesgesundheitsminister und den Kolleginnen und Kollegen der Länder verständigt auf Ablaufpläne, wenn wir 35 Infizierte pro 100.000 in einer Woche haben, was wir da für Stufen wählen. Die nächste Stufe wäre dann 50, und die übernächste Stufe wäre dann, wenn wir ein allgemein ausgebreitetes Geschehen haben.

Einige Menschen sitzen mit Mundschutz in der Straßenbahn in Hannover. (dpa / Ole Spata) (dpa / Ole Spata) COVID-19 - Kommt eine zweite Welle?
In Deutschland steigt wieder die Zahl der Corona-Neuinfektionen. Sollte es nach den Ferien zu einer zweiten Welle kommen, müssen die Konsequenzen dennoch nicht dramatisch sein, so Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth.

Brandes: Aber die Frage ist, ob wir so ein neues ausgebreitetes Schema, wie Sie es nennen, ob wir das nicht extra riskieren sozusagen, weil es gibt wieder die ersten Konzerte in Großraumhallen, die ersten Bundesländer wollten schon wieder die Maskenpflicht beim Einkaufen aussetzen. Wiegen wir uns also zu sehr in Sicherheit?

Lucha: Ja, da müssen wir nach wie vor auf große Achtsamkeit achten. Sie haben richtigerweise gesagt, wollten die Maskenpflicht aufheben, das konnten wir gemeinsam verhindern, dass einzelne Vorgaloppierungen wieder zurückrudern. Nach wie vor gilt das magische AHA – Abstand, Hygiene und in den unübersichtlichen Situationen der Atemschutz, die Maske. Nach wie vor sollen wir uns da sehr vorsichtig verhalten und gleichzeitig wir als öffentliches Gesundheitswesen, auch unsere Partner in der medizinischen Versorgung schnell und stark sein: zu identifizieren, diagnostizieren und zu behandeln.

"Bürger wollen die Lage mitbestimmen"

Brandes: Gleichzeitig ist es aber ja schon in allen Bundesländern so, dass immer mehr wieder möglich ist, immer mehr wird gelockert, obwohl – hat das ZDF-Politbarometer gerade ergeben – 69 Prozent der Deutschen erwarten durch den Sommerurlaub jetzt einen Anstieg der Corona-Zahlen. Sind die Menschen in Deutschland vielleicht realistischer in der Prognose als die Politik?

Lucha: Nein, ganz und gar nicht. Mir ist auch nicht ganz wirklich wohl, und wir können ja auch nur appellieren an die Menschen in der Auswahl ihres Sommerurlaubs, ihres Sommerurlaubsorts, genau darauf zu achten. Wir sind natürlich auch im ständigen Austausch mit dem Robert-Koch-Institut, das ja auch die Einschätzung der Länder nimmt, ob dort erhöhte Infektionsgefahr ist, ob es Reisewarnungen gibt – für Serbien gilt jetzt schon eine 14-tägige Quarantäne –, dass wir auch aufklären an den Grenzen, aufklären die Menschen selbst. Was mich schon ganz froh stimmt, trotz allem: 50 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger haben in diesem Jahr ihr Urlaubsverhalten verändert und werden das auch inländisch machen. Das ist auch der Hinweis, dass sie selbst die Lage mitbestimmen wollen.

Bergleute in Katowice werden in einem gelben Zelt auf das Corona-Virus getestet.   (imago images / CTK Photo / Grzegorz Klatka ) (imago images / CTK Photo / Grzegorz Klatka ) Pandemie-Prävention - Baden-Württemberg diskutiert über Corona-Tests für Lehrende
Nach den Sommerferien soll an Schulen der Regelbetrieb wieder aufgenommen werden – ohne Abstands- und ohne Maskenpflicht. Das versetzt vor allem viele Lehrkräfte in große Sorge.

Brandes: Sie haben eben zu Beginn unseres Gesprächs ja auch gesagt, wir sind in der Lage, sehr schnell auf lokale Ausbrüche zu reagieren, aber malen wir mal den Teufel an die Wand: Angenommen, wir haben im Herbst dann wieder einen Anstieg in ganz Deutschland, dann müssten wir ja eigentlich wieder einen Lockdown fürs Land beschließen, aber können wir uns das sozial und auch wirtschaftlich überhaupt erlauben?

Lucha: Ich denke, dass diese Form von Lockdown, den wir im Februar, März – beginnend im März, Vorbereitungen im Februar – getätigt haben, war ja auch aus der Situation, dass wir mit dieser Form von Pandemie keine Erfahrung hatten. Wir hatten das medizinische, pflegerische System, es gab auf der ganzen Welt nicht mehr ausreichend Schutzausrüstung. Das alles waren Notwendigkeiten. Wir hatten keine Zugangswege, die Krankenhäuser hatten keine ausreichenden Hygienewege gehabt für Infizierte, Nichtinfizierte. Das alles haben wir durch die Krise aufgebaut und gelernt gleicherweise in allen Ländern. Wir werden in Baden-Württemberg am Montag mit unserer Taskforce, einem großen Krisenstab, einen Letter-of-Intent unterzeichnen mit den Akteuren, mit denen wir die Krise in der Vergangenheit doch sehr gut gemeistert haben: Was müssen wir besser machen, was muss schnell gehen, haben wir genug Testkits, können wir die Fieberambulanz in 24 Stunden aufbauen, sind die Krankenhäuser ausgerüstet, haben wir genug Schutzmaterial? Wir haben jetzt für acht Wochen vorgegeben, überall ausreichend Reservematerial zu haben. Wir als Land selbst wollen bei Masken bis zu 200 Tage halten. Ich denke, da ist schon eine andere Dynamik, drum werden wir diese Form von Lockdown sicher in ganz Deutschland nicht machen. Aber es kann natürlich dazu führen, dass es gleichzeitig zu mehreren lokalen Beschränkungen kommt. Das beste Beispiel war ja jetzt die Situation im Landkreis Gütersloh, wie schnell das ausgerufen wurde. Auch hier haben wir gelernt, dass wir eventuell noch eine Idee kleinräumiger ausrufen, aber auch das sind alles Dinge, die uns nicht mehr so in Bedrängnis bringen, wie es zu Beginn dieses Jahres war.

Nächsten Wochen bis zur Erkältungssaison nutzen

Brandes: Jetzt haben Sie aufgezählt, was alles nötig ist im Gesundheitswesen dafür. Können Sie das denn garantieren, also haben die Krankenhäuser jetzt genug Schutzausrüstung, genug Schutzkleidung?

Lucha: Wir gehen davon aus, aber wir fragen das natürlich jetzt auch ab. Wir selbst als Land haben im Moment Überbestände, wir verteilen das gerade systematisch an unsere sogenannten Bedarfsträger, die diese brauchen. Das ist jetzt genau der Gegenstand, dass wir die nächsten Wochen bis zur Erkältungssaison so nutzen, dass wir nicht nur bei der Schutzkleidung, zum Beispiel, das vergisst man immer, ein großes Problem war, dass wir das Narkotikum Propofol nicht mehr hatten, weil Varese in Norditalien komplett gesperrt war – da wird 95 Prozent in diesem Industriegürtel produziert. Das alles wollen wir sicherstellen, und das haben wir systematisiert auf unseren To-do-Listen.

Brandes: Heißt das dann, wenn ich Sie so höre, dass wir tatsächlich sagen können, weil wir ja auch im März, April, wo wir richtig hohe Zahlen hatten, nie an die Grenze unseres Gesundheitssystems gekommen sind und wir jetzt noch besser ausgestattet sind, heißt das dann, wir können uns erlauben, einfach höhere Zahlen zu haben, weil unser Gesundheitssystem damit zurechtkommt.

Lucha: Ja, das ist eine ganz zweischneidige Formulierung.

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht"

Brandes: Aber es klingt so, wenn Sie das so sagen.

Lucha: Wir müssen alles tun, um jedem Szenarium so gerecht zu werden, dass wir die Menschen anständig und ordentlich behandeln können. Wir wissen ja, dass fünf Prozent der Infizierten sehr schwer erkranken und ein Prozent lebensbedrohlich. Genau da wollen wir schon noch ansetzen. Die beste Behandlung ist die, die wir nicht benötigen, das heißt, nach wie vor Infektionsketten nicht möglich zu machen. Wir sind nach wie vor dabei, sobald eine Infektion auftaucht, die Quarantänemaßnahmen, Kontaktpersonen identifizieren, Symptomatische wie Asymptomatische zu testen – das war am Anfang der Corona-Krise ja auch nicht so. Wir haben jetzt überall ausreichend Testkapazitäten, da haben wir unsere Hausaufgaben gemacht. Ich möchte nicht von erlauben reden, sondern wir sind gewappnet. Ich möchte das nicht natürlich nicht hervorrufen und sozusagen Unkenrufe aussenden, das wäre die falsche Botschaft, nach dem Motto – so haben es ja am Anfang die Schweden gedacht: Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, das wird es schon schaffen. Das Ergebnis war, die haben eine Letalitätsrate gehabt, die jetzt dazu führt, dass es einen großen Untersuchungsausschuss im Land gibt. Das entspricht auch übrigens nicht meinem und unserem Menschenbild.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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