Sonntag, 28. April 2024

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250 Jahre Lessings "Emilia Galotti"
Die verlorene Ehre eines bürgerlichen Trauerspiels

Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti" ist 250 Jahre nach  der Uraufführung zum ungeliebten Schulstoff geraten und darüber hinaus in #MeToo-Zeiten auch schwer vermittelbar. Womöglich bleibt aber heute wie damals eine entscheidende Botschaft des Stücks unerkannt.

Von Cornelie Ueding | 13.03.2022
Emilia Galotti (Katja Plodzistaya) wird von ihrem Vater Odoardo Galotti (Ulrich K. Müller) erstochen in dem Stück "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing - Probenfoto
"Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing 2017 im Volkstheater Rostock: Odoardo Galotti (Ulrich K. Müller) ersticht seine Tochter Emilia (Katja Plodzistaya) (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
"Ich kann sagen, dass ich in meinem Leben in keiner Tragödie so viel habe lachen hören, zuweilen bei Stellen, wo, meiner Meinung nach, eher hätte sollen geweinet, als gelacht werden …"
So der Bericht von Eva König, der Ehefrau von Gotthold Ephraim Lessing, über die Wiener Aufführung von Emilia Galotti. Was immer man vom Publikum eines bürgerlichen Trauerspiels erwarten konnte - auf keinen Fall wohl schallendes Gelächter.
Uraufgeführt wurde Emilia Galotti am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig - ohne den von manchen erwarteten Skandal und auch ohne den Autor, der an Zahnschmerzen litt. 

"Ehrenmord"-Konzepte des 18. Jahrhunderts

Das Thema war sehr nahe an der damaligen Realität: Dem Regenten irgendeines Duodezfürstentums steht gerade der Sinn nach der aparten Bürgerstochter, erste Annäherungsversuche scheitern. Also beauftragt er seinen Kammerherrn Marinelli, einen intriganten, gewissenlosen Höfling, zu jeder Schurkerei bereit, ihm das Mädchen zu beschaffen – bevor Emilia noch am selben Tag – heiratet. 
"Retten Sie mich, wenn Sie können ... Liebster, bester Marinelli, denken Sie für mich. Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären? ...“ / Marinelli: "Wollen Sie mir freie Hand lassen, Prinz?“

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Marinelli zögert nicht. Er lässt Emilia entführen und auf das Lustschloss des Prinzen bringen, wobei als Kollateralschaden auch noch ihr Verlobter zu Tode kommt. In dieser verzweifelten Lage tritt nun Emilias Vater auf den Plan, der ebenso sittenstrenge wie rigorose Odoardo. Für ihn wäre es das größte Übel, wenn die Tochter den Verführungskünsten des Fürsten nachgäbe und "ihre Ehre verlöre". Um dem zuvorzukommen, ersticht er seine Tochter - mit deren Einwilligung. 

Oszillierend zwischen Anstand und Begehren

Diese Vorführung rigoroser Moral der bürgerlichen Welt musste auf abgebrühte höfische Libertins geradezu vorsintflutlich und lächerlich wirken. Hier galante Hofdamen und routinierte Kurtisanen - dort Emilia - scheu, verängstigt, schockiert - ständig zwischen Beichtstuhl und Wohnstube hin und her huschend.
Erst auf den zweiten Blick entfaltet das Stück seine eigentliche Qualität: Die liegt in der Ambivalenz - nicht im Schematismus. Denn Lessing zeigt uns eine Emilia, die hin und her gerissen ist zwischen Anstand und Begehren.
Odoardo: „Auch du hast nur ein Leben zu verlieren."
Emilia: „Und nur eine Unschuld."
Odoardo: "Die über alle Gewalt erhaben ist."
Emilia: "Aber nicht über alle Verführung – Verführung ist die wahre Gewalt. / Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne, sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut."
Gemälde (Johann Heinrich Tischbe) des deutschen Lyrikers und Literaten Gotthold Ephraim Lessing.
Gotthold Ephraim Lessing war ein herausragender Vertreter der Aufklärung (picture alliance / dpa / Bifab)
Er zeigt uns ihre Mutter, die nicht nur - wie ihr Mann von ihr sagt - „eitel und dumm ist“, sondern auch im entscheidenden Moment reaktionsschnell und mutig sein kann. Ebenso wie die abgeschaffte Kurtisane Gräfin Orsina, die Verstand und leidenschaftliche Rachegelüste verbindet. Sie durchschaut das tückische und zynische Ränkespiel des Hofes blickscharf und stiftet Odoardo zum Tyrannenmord an:
Orsina: "Ich hab einen Dolch mitgebracht - … nehmen Sie geschwind, eh uns jemand sieht. Nehmen Sie ihn."
Odoardo: "Ich danke. Ich danke."
Orsina: "Mir wird die Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen.“
Und dann geraten gegen Ende des Stücks alle Figuren in Bewegung. Nicht zuletzt die bis dahin passive Emilia, die vehement dagegen protestiert, immer nur hin und hergeschoben zu werden:
„Will mich reißen; will mich bringen: will! will! / Als ob wir, wir keinen Willen hätten, mein Vater!“

Vorbote der Französischen Revolution

Die bisherigen Marionetten der Mächtigen beginnen sich zu emanzipieren und gehen dabei volles Risiko ein. Hier geht es um mehr als um eine persönliche Tragödie - hier beginnt moralischer Klassenkampf. Dies sind die ersten Vorboten der Französischen Revolution.
Heute ist Emilia Galotti fast ein Stück gesunkenes Kulturgut geworden – selten aufgeführt und überwiegend Pflichtlektüre an vielen Schulen. Man muss es halt lesen. Doch ab und an wagen sich moderne Theatermacher an dieses Stück, lassen statt der verschiedenen Stände, Adel und Bürgertum - fremde Kulturen aufeinandertreffen und hinterfragen das im Zeitalter der #MeToo- Bewegung schwer nachvollziehbare Bild der Frau als Opfer, das hier geradezu provozierend in Szene gesetzt wird.