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StartseiteBüchermarktSatiriker mit pessimistischem Menschenbild30.11.2017

350. Geburtstag von Jonathan SwiftSatiriker mit pessimistischem Menschenbild

Nach einem Abstecher nach London und einer eher enttäuschenden Rückkehr nach Irland schrieb Jonathan Swift "Gullivers Reisen". Eine Satire in Form eines Reisebuchs, in der es um Politik, Staatstheorie, das Wesen des Menschen an sich geht, sagte Literaturwissenschaftlerin Aileen Douglas im Dlf.

Ayleen Douglas im Gespräch mit Tanya Lieske

Porträt von Jonathan Swift ( imago/United Archives International)
Selbstbeschreibung Jonathan Swifts: "Als seine Bachelor-Prüfung anstand, hat er diese nur mit Mühe und Not bestanden." ( imago/United Archives International)
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Gulliver und die Marsmonde

Aileen Douglas: Swift ist ja in Dublin geboren, und er hat mal gesagt, das sei eher durch Zufall geschehen. Aber er hat dann ab 1713 viel Zeit in Dublin verbracht, die ganze zweite Hälfte seines Lebens, weil er Dekan an der Kirche von Saint Patrick war. Er spielte eine wichtige Rolle im Leben der Stadt. Swift hat hier am Trinity College studiert, einen sehr traditionellen Studiengang wie er im 17. Jahrhundert üblich war, aristotelische Physik, Latein, Griechisch und etwas Hebräisch.

Tanya Lieske: War es damals schon erkennbar, dass einer der größten Schrifsteller und Satiriker der Neuzeit unterwegs war?

Douglas: Man geht davon aus, dass er mit einer seiner berühmtesten Satiren, "A Tale of a Tub" begonnen hat, als er noch hier am Trinity College war. Aber der Studiengang hat nicht gerade viel für seine Entwicklung als Satiriker gebracht. In seiner Autobiografie lässt er uns wissen, dass er lieber Romanzen und Geschichtsbücher gelesen hat, als seine vorgeschriebenen Lehrbücher.

Enttäuscht, dass er zurück nach Irland musste

Lieske: Er ging als junger Mann zurück nach England, verband sich erst mit den Whigs dann mit den Tories. Er war erst ein Schützling von Queen Anne, fiel dann aus ihrer Gunst. Er kam dann zurück, wurde hier ordiniert, wie war das für ihn, Dean an einer Kirche in Irland zu sein?

Douglas: Swift war sehr ehrgeizig, er war 1710 nach England gegangen im Auftrag der Church of Ireland und erhoffte sich dort viel, er wollte einen Bischofssitz bekommen oder so. Also er war schon etwas enttäuscht, als er wieder zurück nach Irland gehen musste. Das merkt man vor allem an seinen Briefen, die er an seine großstädtischen Freunde in London geschrieben hat, an Alexander Pope zum Beispiel. Da betont er immer wieder, wie miserabel es ihm angeblich ging, er spricht von dem "elendigen Irland". Aber mit der Zeit hat er sich eingelebt in Dublin und begonnen, sich zu identifizieren mit dem Anliegen des Lands, vor allem in ökonomischer Hinsicht.

Lieske: Sie haben eben den Namen Alexander Popes erwähnt, der ja ein sehr wichtiger Freund und Gefährte für ihn war. Zusammen haben sie einen Schreibzirkel gegründet, den Scriblerus Club, was muss man sich darunter vorstellen?

Freundeskreis mit Pope und Arbuthnot

Douglas: Zwischen 1710 und 1713 hat Swift in London gelebt und es gab es diesen Freundeskreis um Alexander Pope und um John Arbuthnot, das war der Leibarzt der Königin. Sie hatten diesen Klub gegründet und verfassten satirische Texte, sie machten sich vor allem über neue Ideen zum Erwerb von Wissen und Erkenntnis lustig. Pope war ein sehr wichtiger Freund für ihn. Es gibt diesen langjährigen Briefwechsel zwischen Swift und Alexander Pope, man kann hier sehr viel über die Zeit erfahren, ihre Briefe sind sehr erhellend.

Lieske: In Dublin entstand dann auch sein wichtigstes Werk, für das er heute berühmt ist, "Gullivers Reisen", 1726 veröffentlicht, die angebliche Reise des angeblichen Kapitäns Gulliver zu vier Inseln: Liliput, Brobdingnag, der Inselgruppe Laputan, zu den Houyhnhnms. Sehen Sie dieses Buch als Reise-Satire, als politische Satire oder doch vielleicht auch als innere Reise eines Mannes?

Douglas: Ja, es ist auf jeden Fall eine Satire. Eine Satire, in der es um politische Korruption geht, aber auch eine Satire seiner Zeit. Es geht oft um verdrehte Ideen darüber, wie man zu Wissen gelangen kann. Das sind Seitenhiebe auf die Royal Society. Aber der Text geht noch viel tiefer, er geht über die Zeit hinaus, in der er entstanden ist. Swift beschäftigt sich damit, was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein.

Gulliver begibt sich in dieser Reise von Ort zu Ort, mal ist er ein Zwerg, dann ein Riese, und ganz am Ende, im vierten Buch, befindet er sich zwischen diesen wunderbaren, rationalen Pferden und den Yahoos, das sind schreckliche, humanoide Kreaturen. Am Ende weiß Gulliver selbst nicht mehr genau, wo er hingehört. Ich glaube, dass Swift vor allem eine Satire auf den Stolz der Menschen geschrieben hat und auf unseren Anspruch darauf, dass wir den Fortschritt der Welt in irgendeiner Weise beeinflussen können.

Pessimistisches Menschenbild

Lieske: Welches Menschenbild hatte er wohl?

Douglas: Es war sicher ein dunkler Blick in die Welt und auf uns Menschen. Swift war der Auffassung, dass wir Menschen zu Selbsttäuschungen neigen. Dass man sich Illusionen macht über die Wichtigkeit des eigenen Selbst. Ich glaube, er hielt die Menschen für sehr schwach, daher auch sein Beharren auf der Bedeutung der Kirche. Wären wir uns selbst überlassen, dann wären wir zum Scheitern verurteilt. Also, es war ein recht pessimistischer Blick auf die Natur des Menschen.

Lieske: Wir haben im Deutschen das Adjektiv "kafkaesk", und jeder weiß, was gemeint ist. Was wäre das entsprechende "swiftian" für Sie?

Douglas: "Swiftian", da schwingt Ärger mit, Swift spricht ja auch in seiner Grabinschrift von Savage Indignation, von seinem großen Ärger. Er hatte diese Vorstellung, dass wir uns in unserer menschlichen Gesellschaft das Leben selbst schwer machen, und das hat ihn geärgert. Also, "swiftian", das wäre ein Satiriker, der dem Leser seine eigenen Fehler vor Augen führt, aber er hat nicht die geringste Hoffnung, dass er damit Erfolg haben könnte.

Ein Mann der Sentenzen

Lieske: Swift war ein großer Mann der Sentenzen. Gibt es eine, die Sie besonders interessant finden?

Douglas: Wir haben Swift hier in diesem Sommer gefeiert, und eines der Zitate, die hier plakatiert waren, ging so: Falschheit fliegt und die Wahrheit hinkt hinterher. Und ich glaube, dass das heute noch sehr wichtig ist, in unseren Zeiten der Fake News, die es so schwer machen, die Wahrheit hinter dem Gedruckten und in der Zeitung zu erkennen.

Nach dem Gespräch in ihrem Büro führte Douglas, eine der größter Swift Kennerinnen unserer Zeit, durch einen Hintereingang ins Archiv des Trinity Colleges. Hier arbeitet Jane Maxwell, eine überaus Respekt einflößende Kuratorin, die im Zweifel das Leben eines Buches höher schätzt als das eines Bibliotheksbesuchers. Alle Originalmanuskripte des Trinity Colleges sind in ihrer Obhut. Mit strengen Anweisungen verlässt sie den Raum, eine schwere Tür fällt zu, dann hat Douglas, die am Trinity College Englisch lehrt, das Wort.

Douglas: Vor uns liegt ein ganz besonderes Manuskript, ein autobiografisches Fragment. Swift schreibt in seiner eigenen Handschrift über sein Leben bis zum Alter von ungefähr 30 Jahren. Wir erfahren viel über seine Kindheit, seine Jugend, über den Tod seines Vaters, darüber wie sich sein Onkel dann um ihn gekümmert hat, und natürlich auch über seine Zeit hier am Trinity College in Dublin.

Lieske: Doktor Douglas, für mich ist das alles nicht mehr lesbar, ich werde jedoch nicht viel näher kommen, weil Sie die Einzige sind, die diese kostbaren Seiten berühren dürfen. Können Sie uns eine kleine Passage vorlesen?

Selbstporträt in der dritten Person

Douglas: Also, das hier ist die Passage, in der Swift seine Geburt beschreibt. Es klingt ein bisschen merkwürdig, denn er schreibt über sich in der dritten Person: "Er wurde in Dublin am Tag des Schutzheiligen Sankt Andreas geboren." Dann erzählt er eine merkwürdige Geschichte, die davon handelt, dass seine Amme ihn nach England entführt hat, und dass er erst später als Kleinkind zurückkam. "Im Alter von sechs Jahren wurde er in Kilkenny eingeschult. im Alter von 14 Jahren wurde er zugelassen an der Universität von Dublin." Er schreibt, wie sehr seine Studien seinen Geist gelangweilt hätten, dass er sie vernachlässigte, weil er überhaupt keine Freude daran hatte.  "Stattdessen hat er sich mit Geschichte und mit der Poesie beschäftigt. Er war, was sein Betragen angeht, ein vorbildlicher Student. Aber als seine Bachelor-Prüfung anstand, hat er diese nur mit Mühe und Not bestanden, bekam seinen Abschluss mit der Bemerkung speciali gratia, dieser Eintrag findet sich immer noch in den Verzeichnissen der Universität." Also, das Letzte, womit man Swift normalerweise in Verbindung bringt, ist Langeweile.

Lieske: Das wäre dann ein Beispiel dafür, dass große Geister nicht immer ganz tolle Studenten gewesen sind?

Douglas: Ganz genau, und das erzähle ich auch meinen eigenen Studenten immer, es kann in jedem Fall Mut machen.

Christa Schuenke: Gullivers Reisen gibt es in einer Schmuckausgabe, illustriert von Anton Christian Kirchmayr. Sie ist 320 Seiten stark und ist im Manesse Verlag erschienen, 2006. Gerade erschienen eine ebenfalls sehr bibliophile Pocketausgabe, das sind 704 Seiten zum Preis von 28 Euro.

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