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StartseiteEuropa heuteEngland - Summerhill School heute08.03.2018

68 - Europa auf den Barrikaden (4/5)England - Summerhill School heute

Freiheit statt Unterdrückung: Alexander Sutherland Neill steht für einen Erziehungsstil, der in der 68er Furore machte. Der Schotte begeisterte mit seinen Schriften und seiner "Summerhill School" die Studenten auf den Barrikaden. Dabei ging es Neill gar nicht um grenzenlose Freiheit, wie viele 68er meinten.

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Das Hauptgebäude der Summerhill School in in Suffolk, England (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)
Die Summerhill School in England beruft sich auf demokratische Grundsätze des Lernens. Sie wurde 1921 von A.S. Neill gegründet. (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)
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Es wirkt gemütlich in dem Blockhaus auf dem weitläufigen Gelände von Summerhill. Im Nebenzimmer liegen Matratzen auf dem Boden. Einige Jugendlichen hören Musik und bewerfen sich mit Kissen. Andere reden mit ihrem Lehrer. Es ist wie immer - wie seit den Tagen des Reformpädagogen A. S. Neill gilt als wichtigstes Prinzip in Summerhill : Niemand muss lernen, alles ist freiwillig.

Porträt von Alexander Sutherland Niell, Gründer der Summerhill School  (imago)Der Gründer der Summerhill-School: Alexander Sutherland Neill (imago)

Im Musikgebäude nebenan übt ein Schüler Schlagzeug, ein anderer experimentiert mit Klängen am Synthesizer. Henry Redhead ist ein Enkel von A. S. Neill, jenes Mannes, der die 68er-Bewegung mit seinem antiautoritären Konzept mitgeprägt hat. Seit drei Jahren ist Redhead in der Schulleitung.

Es lebe die Fantasie

"Wir wollen, dass die kleineren Kinder ihre Freiheit und Abenteuer finden. Sie können ihrer Fantasie folgen und machen, was immer sie möchten. Wenn sie wollen, können sie in die Klassenräume gehen. Aber die Kinder sind völlig frei darin, zu kommen und zu gehen, wie sie möchten."

Es ist schwer zu sagen, wie viele Kinder gerade keine Lust haben oder doch, am Unterricht teilzunehmen. Henry Redhead weiß es auch nicht und fügt belustigt hinzu, über so etwas führe man hier in Summerhill auch keine Statistik.

Hinter der Eingangstür zum Blockhaus liegt der Chemie- und andere naturwissenschaftliche Klassenräume. Hier herrscht reger Unterrichtsbetrieb mit Glaskolben und Reagenzgläsern.

"Wir haben hier Acid. Wir machen hier Farben. Wir versuchen, die ganzen Farben vom Regenbogen zu kriegen. Da muss man ziemlich aufpassen, es kann halt verbrennen. Das verändert dann die Farbe."

Das Parlament der demokratischen Schule "Summerhill School" in England trifft sich in der Versammlungshalle. (imago / United Archives International Summerhil)Wöchentlich trifft sich das Parlament der demokratischen Schule (Archivbild 2013) (imago / United Archives International Summerhil)

Individualität ja, Beliebigkeit nein

Jedes Kind bekommt ab neun Jahren seinen individuellen Stundenplan, der dann doch weitgehend eingehalten wird. Denn in Summerhill herrscht mitnichten grenzenlose Freiheit. Es gibt etwa 140 Schulregeln. Sie wurden alle demokratisch von den Schülerinnen und Schülern selbst in Meetings beschlossen.

Zoe Redhead sitzt in einem Sessel in ihrem Büro. Sie ist die Schulleiterin und Tochter des Schulgründers. A.S. Neill. Ein Schwarz-Weiß-Foto an der Wand hinter ihr zeigt sie, wie sie als Siebenjährige auf dem Schoß ihres Vaters sitzt. Dessen berühmtes Standardwerk trug den deutschen Titel "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill".

"Ich bin nicht gegen Autoritäten. Es kommt darauf an, wo sie herrühren. Nur weil jemand eine machtvolle Position hat, macht ihn das nicht zu einer schlechten Person."

Die Freiheit der anderen

Zoe Redhead wirkt bodenständig. Sie ist mit einem Farmer verheiratet und wohnt auf dem Bauernhof etwa eine Meile entfernt hier in Leiston, im Nordwesten Englands. Liebe- und verständnisvoll mit Kindern umgehen, das ja. Sie sollten sich gemäß ihrer Neigungen entwickeln können, aber auch respektieren, wo die Freiheit des anderen beginnt, sagt Redhead Eltern ließen sich heutzutage zu oft von ihren Kindern tyrannisieren.

".... Da kommt die Behauptung her, wir hätten jetzt Disziplin eingeführt. In Summerhill sagen wir zu den Schülern: Du kannst hier nicht einfach herumlaufen und dir alles erlauben. Das ist nicht okay!"

Der 14-jährige Phil bohrt jetzt in der Werkstatt an einem Holzstück. Phil wirkt höflich, überlegt, und weil er ein Faible für Mathe hat, steht auf seinem Stundenplan von Montag bis Freitag jeden Morgen erst einmal Mathe.

"In einer normalen Schule hat man 20 Stunden, nur für fünf interessierst du dich aber. Bei den anderen sitzt du nur sinnlos in der Klasse herum. Das ist einfach Zeitverschwendung."

"Es ist so befreiend. Ich kann mich so ausdrücken, wie ich das will. Es erlaubt dir, du selbst zu sein. Du wirst in keiner Weise kontrolliert."

Keine Kontrolle, freut sich die 14-jährige Amy. Fast wäre Summerhill deswegen von der britischen Schulaufsichtsbehörde geschlossen worden. Man konnte aber vor Gericht nachweisen, dass die Kinder am Ende doch ihren Abschluss schaffen und ihren Karriereweg gehen.

Zuspruch begrenzt

Aber Summerhill ist in England nicht zum Erfolgsmodell geworden. Henry Redhead, der Enkel des Schulgründers, wird zwar zu Kongressen eingeladen. Gerade englische Eltern aber sind fixiert auf Schul-Rankings, Tabellen, nur die Topschulen, auch unter den staatlichen, zählen. Es sind vor allem die Eltern, viele Deutsche darunter, die selbst als Schüler in Summerhill waren, die jetzt ihre Kinder in das private Internat schicken, das mit seinem antiautoritärem Konzept Furore machte. Aber auch immer mehr Eltern aus Asien schicken ihre Kinder, solche, die das rigide System zuhause ablehnen.

Zoe Redhead, Schulleiterin und Tochter und Henry Redhead, Enkel und Mitglied der Schulleitung (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)Zoe Redhead, Schulleiterin und Tochter von A.S. Neill und ihr Sohn Henry Redhead (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)

"Lernen, lernen! Erfolgreich sein! Und dann entstand da diese kleine Schule hier in Suffolk, die sagt: Nein, lass dein Kind in Ruhe. Lasst sie so, wie sein möchten."

Zoe Redhead ist heute 70 und sagt, nur ihre eigenen Söhne könnten die Schule einmal fortführen – sonst niemand. Summerhill ist eine kleine, verschworene Community mit gut 70 Schülern. Amira, 14 Jahre alt aus Birmingham, erzählt, wie sie sich am Ende in ihrer alten Schule nur noch verweigert habe. Summerhill sei genau richtig für sie. Die weit übergehende Mehrheit der englischen Eltern will ihr darin aber nicht folgen.

"Meine Noten wurden schlechter. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Mein Gehirn war vollgestopft mit Dingen, die mich nicht interessierten. Ich mochte keinen meiner Lehrer. Aber hier kann ich mich ihnen immer anvertrauen. Das macht diese demokratische Schule aus: Schüler und Lehrer bewegen sich auf demselben Level."

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