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70 Jahre nach seinem TodGandhis Gott

Vor 70 Jahren wurde Mahatma Gandhi ermordet. Sein Einsatz für Gewaltlosigkeit und Freiheit speiste sich auch aus seiner Religiosität. Der Hindu berief sich auf einen universellen Schöpfer. Im nationalistischen Hinduismus von heute ist davon wenig übrig.

Von Corinna Mühlstedt

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Aufnahme der Beisetzung Mahatma Gandhis nach seiner Ermordung am 30.01.1948 (imago stock&people)
Aufnahme der Beisetzung Mahatma Gandhis nach seiner Ermordung am 30.01.1948 (imago stock&people)
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"Die meisten Inder sehen in Mahatma Gandhi ein großes Vorbild. Er hat sich als Hindu in der Politik engagiert und zugleich die universellen Werte gelebt: Liebe und Mitgefühl, Gerechtigkeit und Wahrheit. Er sagte: Gott ist Wahrheit. Gott ist Liebe. Wir sollten uns auch heute an seiner Spiritualität und Ethik orientieren."

Mit diesen Worten würdigt der indische Hindu-Gelehrte Swami Agnivesh Mahatma Gandhis bleibende Bedeutung. Der hinduistische Mystiker und Menschenrechtler Gandhi wurde 1869 unter dem Namen Mohandas Karamchad geboren und erhielt später den ehrenvollen Beinamen "Mahatma" - "die große Seele".

Als junger Mann studierte er in London Jura und nahm 1896 eine Stelle als Anwalt in Südafrika an. Dort erlebte Gandhi erstmals die Brutalität der Rassentrennung. Er baute für seine Landsleute Interessenvertretungen auf und gründete das "Phoenix Settlement" - eine Modellsiedlung, in der Angehörige aller Kulturen zusammenleben.

Selbstverwandlung für Gesellschaftsveränderung

In Südafrika wurde Gandhi nach und nach bewusst, dass er die Gesellschaft nur verändern konnte, wenn er einen authentischen Lebensstil fand, der Gott angemessenen Raum gab. 1906 gelobte er den Verzicht auf weltlichen Besitz und Selbstdisziplin in Form von sexueller Enthaltsamkeit.

"Gott muss sich in jedem noch so kleinen Vollzug unseres Lebens ausdrücken. Das kann nur geschehen, wenn wir ihn umfassend wahrnehmen, realer als unsere fünf Sinne das zu tun vermögen. Eine solche Gotteserfahrung lässt sich durch nichts anderes beweisen als durch die Verwandlung, die ein Menschen in seinem Charakter erlebt, der Gottes Gegenwart wirklich gespürt hat. Solche Zeugnisse findet man hinreichend unter den Weisen und Propheten aller Länder und Glaubensrichtungen."

1907 begann Gandhi in Südafrika den Protest der Inder und Schwarzafrikaner gegen die britische Kolonialmacht zu organisieren. Dabei wurde der Begriff "Satyagraha" zu einem Kennzeichen seines politischen Handeln. Er steht für einen "gewaltfreien Widerstand", der aus der "Kraft der Wahrheit" lebt. Gandhi war sich drüber im Klaren, dass dieser Widerstand Opfer forderte. Er lehrte seine Mitstreiter, die "Satyagrahas", sich auf Gefangenschaft, Demütigungen und Schmerzen einzustellen. Enkelin Ela Gandhi erinnert sich:

"Für die Satyagrahas galten fünf Grundsätze, die ihre Aktionen letztlich zu einer spirituellen Konfrontation mit dem Bösen machten: Erstens, Satyagraha ist die Waffe der Mutigen, nicht die der Feigen. Zweitens, schlage nie zurück, gleich wie viel Leid du ertragen muss. Drittens, hasse die böse Tat, aber liebe den Feind. Viertens, zeige Entschlossenheit ohne den Gegner zu verletzen oder zu erniedrigen. Nimm dir vor, ihn mit Liebe zu überzeugen. Fünftens: Akzeptiere dein eigenes Leiden als Teil der Aktion." 

Rückkehr nach Indien

Nachdem Mahatma Gandhi mit dem Prinzip des Satyagraha in Südafrika viel erreicht hatte, beschloss er 1915 nach Indien zurückzukehren. Die Verhältnisse, die er dort vorfand, erschütterten ihn zutiefst: Während sich die britische Kolonialmacht an den Natur- und Bodenschätzen des Subkontinents bereicherte, herrschte in den meisten Regionen Indiens bittere Armut. Hungersnöte quälten das Volk.

Gandhi übertrug daher das Konzept des Satyagraha auf die indischen Verhältnisse: Er gründete Zeitungen, organisierte gewaltlosen Widerstand und rief die Inder auf, die Zusammenarbeit mit den Briten zu boykottieren. Rasch gewann er Millionen von Anhängern.

"Wer in seinem Leben etwas von Gottes Gegenwart spüren will, muss seinem Glauben vertrauen. Glaube lässt sich nicht beweisen, doch er setzt auf die moralische Kraft, die diese Welt lenkt, und damit auf ein höchstes ethisches Gesetz: Das Gesetz der Wahrheit und der Liebe. Unser Glaube schenkt uns die Gabe der Unterscheidung und lässt uns alles zurückweisen, was der Wahrheit und der Liebe widerspricht. Glaube geht über die Vernunft hinaus."

Gandhi sitzt in einer undatierten Aufnahme bei Muslimen in Neu-Delhi und versucht, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Muslimen und den Hindus zu schlichten. (picture-alliance / dpa)Gandhi sitzt in einer undatierten Aufnahme bei Muslimen in Neu-Delhi und versucht, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Muslimen und den Hindus zu schlichten. (picture-alliance / dpa)

Gegen Brutalität und Willkür setzte Gandhi nichts als das Recht der Wahrheit und hatte mit seinen Aktionen abermals Erfolg: Die Kolonialmacht stellte den Indern die geforderte Selbstverwaltung konkret in Aussicht. Doch bald darauf entluden sich im Volk die seit Jahrzehnten aufgestauten Aggressionen in blutigen Konflikten zwischen Hindus und Muslimen.

Extremisten auf beiden Seiten

Der Historiker und Journalist Rajmohan Gandhi aus Neu-Delhi ist ebenfalls ein Enkel Mahatmas. Er hat die Zusammenhänge, die zum Tod seines Großvaters führten, erforscht und in einer Biographie veröffentlicht.

"Die muslimischen Führer sagten damals den Massen, dass die Muslime, die in Indien nur etwa 25 Prozent der Bevölkerung ausmachten, in einem befreiten Indien unweigerlich von der Hindu-Mehrheit unterdrückt würden. Gandhi war bemüht, die Muslime vom Gegenteil zu überzeugen, aber nur wenige schenkten ihm Glauben. Gleichzeitig waren fanatische Hindus erzürnt über Gandhis Engagement für die Rechte der Muslime und beschlossen, ihn zu töten." 

Mit Spiritualität in die Zukunft

70 Jahre nach Gandhis Tod zeigt der Hindu-Fundamentalismus in Indien heute erneut seine grausame Seite. Dabei richten sich die Aggressionen des Mobs nicht nur gegen Muslime, sondern in einigen Bundesstaaten auch gegen Christen: Kirchen brennen, Ordensleute werden ermordet. Swami Agnivesh erklärt jedoch:

"Extremistische Hindus benutzen in Indien seit der Kolonialzeit den Hin­duismus, um politisch Macht zu gewinnen. Aber sie sind letztlich nur eine kleine Gruppe. Das ist nicht der wahre Hinduismus. Die Mehrheit der Hindus glaubt an einen universellen Schöpfer, nennen Sie ihn Gott, Allah, Ishwar oder wie auch immer. Vor allem aber glauben sie, dass alle Menschen zu ein und derselben Familie gehören."

Armut und mangelnde Bildung machten Teile des Volkes allerdings manipulierbar, und skrupellose Politiker wüssten diese Chance zu nutzen, betont Gandhis Enkel Rajmohan. Die Spiritualität seines Großvaters sei daher zukunftsweisend, so der Friedensaktivist.

"Es waren nicht die Religionen, die in Indien oder anderswo auf der Welt zum Morden aufgefordert haben. Es waren die Flammen des Hasses, der Furcht und der Rache, die zu einem Feuer des Fanatismus und des Wahnsinns geschürt wurden. Der Geist der Religion gibt Menschen hingegen den Mut, Unrecht zu erkennen, zu benennen und zu korrigieren. Nur so können künftige Generationen vor dem erneuten Auflodern des Hasses geschützt werden."

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