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StartseiteMarkt und MedienDas nächste Opfer der Printkrise31.05.2014

AbendzeitungDas nächste Opfer der Printkrise

Das Münchener Boulevardblatt Abendzeitung ist insolvent. Viele Mitarbeiter sind vorerst in einer Transfergesellschaft untergekommen. Die Zeitung soll weiterhin erscheinen. Nach einer langfristigen Lösung wird noch gesucht.

Von Michael Watzke

Cover der Münchner Abendzeitung. Die Boulevard-Zeitung muss Insolvenz anmelden. (picture alliance / dpa / Foto: Nicolas Armer)
Die Münchner Abendzeitung muss Insolvenz anmelden. (picture alliance / dpa / Foto: Nicolas Armer)
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Es gab Zeiten, da war die Münchner Abendzeitung Kult. Wenn Klatschreporter Baby Schimmerlos mit seiner Verlegerin von Unruh verhandelte, dann war zumindest den Münchnern klar – hier ist die Abendzeitung gemeint.

"Wollen Sie mal meine Beine sehen?" / "Was?" / "Was Sie hier sehen, sind doch tadellose Beine, oder?" / "Ja, schön, sehr schön!" / "Und so will ich das morgen auch haben – in meiner Zeitung, exklusiv!"

Nun haben die echte Verlegerin Anneliese Friedmann und ihr Sohn Johannes den Geldhahn zugedreht – und die Nachfolger von Baby Schimmerlos wechseln in eine Transfer-Gesellschaft, sagt der Betriebsrats-Chef der Abendzeitung, Christian Rettermayer.

"Diese Transfergesellschaft, die jetzt erst mal vier Monate dauert - eventuell sind auch sechs Monate möglich, garantiert sind nur vier – bedeutet, dass die Kolleginnen und Kollegen Bewerbungs-Trainings machen können, sich fachlich weiter qualifizieren können. Und einfach noch mal Zeit gewonnen haben, um sich neu zu orientieren. Auch in andere Berufsbilder zu orientieren, ohne dass sie arbeitslos sind."

Von den 102 Mitarbeitern der AZ – davon etwa die Hälfte in der Redaktion – entschieden sich 94 für die Transfergesellschaft. Das lobt Christian Rettermayer als großen Erfolg des Betriebsrats, der aufgrund seiner guten Beziehungen nicht nur die Stadt München, sondern auch den Freistaat Bayern und den Bund als Geldgeber habe gewinnen können.

"Die Hoffnung stirbt natürlich zuletzt. Es wird jetzt also nicht sofort Schluss sein. Wir haben Möglichkeiten, uns neu zu orientieren, ohne dass wir sofort in die Arbeitslosigkeit fallen. Die Stimmung ist jetzt wieder wesentlich besser als vorher. Die Insolvenz-Verwaltung verhandelt ja weiterhin, und da verweise ich auch an die Insolvenz-Verwaltung."

Der Insolvenz-Verwalter Axel Bierbach allerdings will sich derzeit nicht im Interview äußern. In einer knappen Presse-Mitteilung erklärt er lediglich, die Abendzeitung werde auch im Juni noch erscheinen. Außerdem lobt Bierbach, dass der Verlag in den vergangenen Monaten die Voraussetzungen für die Transfergesellschaft geschaffen habe – durch, Zitat: "Fortschritte auf der Kosten- und Erlösseite." Damit spricht Bierbach auch die Verkaufspreis-Erhöhung an – um 40 Cent pro Zeitungsausgabe. Bei den Zeitungslesern kam das nicht gut an.

"Jetzt mittlerweile, wo die [AZ] einen Euro kostet – die sind ja gleich, zack!, extrem raufgegangen – da werden sie noch weniger lesen." / "Dass die mal Schluss macht, mein Gott, das war zu erwarten. Aber das kann man nicht ändern. Mir tun bloß die Arbeiter leid."

Für die Abendzeitungs-Mitarbeiter ist die Situation auf dem angespannten Medienmarkt tatsächlich schwierig. Für die Konkurrenten der AZ allerdings, die Boulevardzeitungen TZ und BILD München, könnte die Schließung des dritten Anbieters eine Chance sein, glaubt Medien-Experte Dr. Bernhard Goodwin von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die AZ habe sich im Zeitalter des Internet nicht ausreichend auf den Medienwandel eingestellt.

"Wenn wir die beiden Mitbewerber der AZ auf dem Münchner Boulevard-Markt anschauen, haben wir einerseits die BILD-Zeitung. Die hat mit dem Springer-Verlag ein ganz dickes Schiff im Hintergrund und deshalb geringere Schwierigkeiten, sich zu behaupten und zu wandeln. Die schafft es leichter, online zu reagieren. Weil es dort auch etwas damit zu tun hat: wie große Redaktion kann man dort bilden? Und auf der anderen Seite hat man die TZ, die ja mit dem Merkur verbündet ist, der als regionale Zeitung an vielen Stellen einen ganz anderen, auch langfristigeren Markt hat."

Die TZ und der Merkur haben angeblich schon Interesse an der Insolvenzmasse der AZ geäußert – konkret an der Abonnenten-Stammdatenbank. Eine Rettung der Abendzeitung wird dagegen immer unwahrscheinlicher. Auch, weil die Titel-Rechte an der Abendzeitung beim Nürnberger Telefonbuch-Verleger Gunther Oschmann liegen. Und der verlangt eine Millionensumme. Seit einigen Tagen erscheint die Abendzeitung mit dem Zusatz „Das Gesicht dieser Stadt". Insolvenz-Verwalter Bierbach will nämlich herausgefunden haben, dass die AZ ihre Titelrechte mit diesem Zusatz weiterhin selbst besitzt. Für einen möglichen Investor würde das allerdings eine große Unsicherheit bedeuten – und voraussichtlich einen teuren Rechtsstreit mit Gunther Oschmann. Am Ende könnte es sogar zwei Münchner Abendzeitungen geben – aber das wäre wohl eher Stoff für eine Fortsetzung von "Kir Royal".

"Schimmerlos!" / "Was?" / "Ich kauf' Dich einfach! Ich schick' Dir jeden Tag Cash im Koffer! Ich scheiß Dich so was von zu mit meinem Geld, dass Du keine ruhige Minute mehr hast. Und dann hab ich Dich. Dann gehörst Du mir. Gegen meine Kohle hast Du doch gar keine Chance!"

Derzeit ist bei der Abendzeitung allerdings kein so finanzmächtiger Investor in Sicht wie Generaldirektor Haffenloher aus "Kir Royal".

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