• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWenn Blicke töten können11.02.2016

AberglaubeWenn Blicke töten können

In Südamerika schützt man sich vor ihm, indem man Kleidungsstücke verkehrt herum anzieht, in Mitteleuropa sind Hufeisen weit verbreitet. Der Glaube an den bösen Blick ist auf fast allen Kontinenten heimisch, seine kulturelle Wirksamkeit jedoch kaum erforscht. Der Berliner Kulturwissenschaftler Christian Breuer ist dem nachgegangen.

Von Norbert Lang

Ein Auge blickt durch eine Schlüsselloch. (picture alliance / dpa / Romain Fellens)
Ein Auge blickt durch eine Schlüsselloch. (picture alliance / dpa / Romain Fellens)

"Nicht wir – andere glauben daran, die einfachen Leute auf dem Land, die Ungebildeten, die alten Weiber." Aussagen dieser Art hörte der Berliner Kulturwissenschaftler Christian Breuer oft, wenn er in Süditalien nach dem "Malocchio" fragte. Malocchio – das ist die italienische Bezeichnung für den Glauben an den "bösen Blick", für die Idee, dass man Anderen allein durch Ansehen großes Unheil bringen kann, ein Glaube, der im Christentum, im Islam, Juden-tum und Hinduismus auftaucht, in Mythen und Erzählungen. Um diesen Glauben kulturhistorisch zu untersuchen, verbrachte Christian Breuer mehrere Jahre in Palermo – schließlich steht Süditalien in dem Ruf, ein Zentrum für den Glauben an den bösen Blick zu sein. Doch vor Ort war man zunächst wenig auskunftsfreudig:

"Also es wirkt so, im Gespräch mit den Leuten, als ob der Malocchio nicht sehr bedeutend wäre, dieser böse Blick. Aber wenn man etwas tiefer schürft und die Leute näher kennenlernt, dann merkt man wirklich, und vor allem auch in den höheren Ständen also vom Universitätsprofessor abwärts, wie stark das das Verhalten auch determiniert und die Leute ganz selbst-verständlich Amulette eingesteckt haben und gar nicht weiter darüber nachdenken, welche Bedeutung die eigentlich haben."

Gefährlich ist Lob

"Non è vero, ma ci credo" – "Es ist nicht wahr, aber dennoch glaube ich daran" – dies ist für Christian Breuer das Grundprinzip des Glaubens an den bösen Blick: Niemand bekennt sich öffentlich zu ihm, dennoch wird und wurde er rege praktiziert: Mussolini etwa soll Menschen mit dem bösen Blick – die sogenannten Jettatori – mehr gefürchtet haben, als seine politischen Widersacher. Palmiro Togliatti, in der Nachkriegszeit langjähriger Chef der Kommunistischen Partei Italiens, wird nachgesagt, er habe stets ein paar Eisennägel in der Hosentasche getragen. Und Eisen wird in Italien die Eigenschaft zugeschrieben, vor dem bösen Blick zu schützen. Die Funktionsweise des bösen Blicks ist dabei in vielen Kulturen ähnlich: Stets haftet ihm etwas Unausgesprochenes an, er bleibt vieldeutig, agiert im Halbdunkeln, gleicht fast einem Tabu:

"Es funktioniert meistens unbewusst, deswegen, wenn man wen böse anblickt, mit bewusster Intention, dann ist das weitaus weniger gefährlich, weil man sich ja dann schützen kann. Als viel gefährlicher wird angesehen: Zum Beispiel Lob. Weil, im traditionellen Kontext, was ja psychoanalytisch auch durchaus korrekt ist, wird angenommen, hinter der bewussten Äußerungsebene des Lobes verbirgt sich ein unbewusster Neid. Und dann wird es gefährlich."

Vielfältige Abwehrmaßnahmen

Es folgen: Krankheiten, Unglücke und andere Übel. Nach traditionellem süditalienischem Verständnis gibt es jedoch vielfältige Abwehrmaßnahmen gegen den bösen Blick: Zauberinnen, sogenannte Fattucchiere, können in Ritualen feststellen, ob man tatsächlich von einem bösen Blick "befallen" ist. In einer konkreten Situation, in der ein böser Blick droht, können neben Amuletten auch bestimmte Gesten schützen. Mit oftmals obszönen Handbewegungen wird der böse Blick dann von seinem eigentlichen Ziel auf die Hand abgelenkt. Sexuelle Konnotationen wie diese sind für Christian Breuer Hinweise auf die "phallische Natur" des bösen Blicks. Eine Verbindung, die auch sprachlich gezogen werden kann, schließlich bedeutet der lateinische Begriff für den bösen Blick "Faszinum" gleichzeitig auch Phallus.

"Das kann man ja auch wieder im Alltag erklären: Gerade Frauen empfinden ja zurecht oft einen penetrierenden Blick, wie es heißt, eines fremden Mannes in der U-Bahn zum Beispiel als sehr unangenehm. Und umgekehrt sind sozusagen die allermeisten Amulette beziehungsweise Abwehrmaßnahmen – am berühmtesten ist ja diese Mano Cornuta, mit ausgestrecktem Zeige- und kleinem Finger, die ja in der Heavy-Metal Szene umgedeutet verwendet wurde – das sind alles Phallussymbole. Oder kleine Cornicelli, so kleine Hörner, entweder richtig große Ochsenhörner oder auch Plastikimitationen. Das heißt, auch die Abwehr gegen den bösen Blick ist wiederum phallischer Natur. Und deswegen: Das ist ein zusätzlicher Grund für die Tabuisierung, diese sexuelle Konnotierung."

Der neidische böse Blick ist für Christian Breuer jedoch nicht nur Ausdruck unterdrückter Tabus, als weitreichende Kulturtechnik übernimmt er auch soziale Funktionen: Traditionelle Gesellschaften, in denen der Glaube an den bösen Blick besonders gut gedeiht, waren und sind meist wenig wohlhabend. In ihrer materiellen Armut sind sie zugleich von einem System der Egalität geprägt. Wann immer sich nun ein Individuum aus dieser Gleichheit erhebt – sei es durch Glück oder harte Arbeit – sorgt der böse Blick dafür, dass die vormalige Gütergleichheit wiederhergestellt wird.

Mittel gesellschaftlicher Sanktionierung und Kontrolle

"Man muss immer sehr aufpassen mit Kindern, weil natürlich Kinder, Neugeborene in traditionellen Gesellschaften das mit wertvollste Gut sind und natürlich zugleich auch das Verletzlichste. Also die sind natürlich in einem besonderen Maße diesem Neid oder diesem neidischen Blick ausgesetzt. Oder auch das Vieh, zum Beispiel Kühe, die ganzen Prozesse mit Milch – also sowohl im menschlichen Bereich, die Milch zu geben für Kinder, weil wenn die Milch der Mutter versiegt, war das früher natürlich eine Todesgefahr für das Kind. Und zugleich, wenn ein böser Blick ist, das verhindert zum Beispiel dann auch im traditionellen Kontext, dass die Milch gerinnt. Das wäre dann wieder die Unmöglichkeit der Butter-, der Käseproduktion und so weiter."

Gemäß dieser Vorstellung ist das Auge weit mehr als ein passives Organ der Wahrnehmung. In der Form eines bösen Blicks wird es vielmehr zu einem Mittel gesellschaftlicher Sanktionierung und Kontrolle – zum eigenständigen Akteur und Handlungsträger. So reicht die Vorstellung des Auges als aktiver Sinn demnach auch weit in die Kulturgeschichte zurück:

"Bis hinauf zu Kepler und dann weitergehend zu Descartes, also Anfang 17. Jahrhundert, galt eigentlich vorherrschend die sogenannte Sehstrahltheorie seit der Antike, die ja besagt hat, dass man ja wirklich glaubte, dass vom Auge tatsächlich etwas ausgeht. Dass das Auge quasi wie eine Hand, die Gegenstände abtastet und von diesen Gegenständen dann erst etwas zurückgestrahlt wird in das Auge. Aber der Ausgangspunkt sind die Strahlen aus dem Auge. Und damit kann man natürlich perfekt diese ganzen Phänomene wie böser Blick oder infizierender Liebesblick, der bei Ficino und bei Platon ganz stark thematisiert wird, kann man das erklären."

Durch den Blick des Anderen werden wir zum Subjekt 

Erst nach der Entdeckung des Netzhautbildes durch Johannes Kepler wurde die Sehstrahltheorie langsam verdrängt. Heute wird das Auge als ein rezeptives Organ angesehen, das Lichtreize nur passiv aufnimmt und an das Gehirn weitergibt, wo der eigentliche Seheindruck geschaffen wird. Doch trotz dieses Wissens hat sich die Vorstellung vom aktiven Auge im Glauben an den bösen Blick vehement gehalten – dies vielleicht auch, da der visuelle Sinn für die conditio humana eine so grundlegende, ja geradezu aktive Rolle spielt. Denn schließlich ist es der Blick der Anderen, der für unsere Rolle innerhalb der Gesellschaft so wichtig ist, ein Blick, der gerade deswegen zur Bedrohung werden kann, weil wir so abhängig von ihm sind. Christian Breuer:

"Diesen Test kann ja jeder machen: Ohne den Blick des Anderen, beziehungsweise ohne Hilfsmittel, wie einen Spiegel oder eine Fotografie, können wir immer nur einen wirklich relativ kleinen Teil unseres Körpers betrachten. Also alles, was am Rücken ist oder unser Hinterkopf, der wird uns immer, auf ewig unsichtbar bleiben. Das heißt: Wir benötigen den Blick des Anderen, um überhaupt zu einem Subjekt zu kommen. Und andererseits, und da würde dann der böse Blick wieder hineinkommen, andererseits ist das natürlich auch bedrohlich."

Christian Breuer: "'Und wo blicke können tödten ...'. Der Malocchio als begehrlicher Au-gen/Blick", Kadmos Verlag, Berlin 2015, 36,80 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk