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StartseiteInterview"Amerikaner haben sich und der Region mit dem Einmarsch geschadet"19.08.2010

"Amerikaner haben sich und der Region mit dem Einmarsch geschadet"

Abzug bringt mehr Unabhängigkeit für politische Kräfte

Die USA hat den Großteil der letzten Kampftruppen aus dem Irak abgezogen. Die irakische Armee soll künftig selbst für Sicherheit sorgen. Nun müsse man helfen, ein stabiles Land aufzubauen, fordert Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Volker Perthes im Gespräch mit Friedbert Meurer

Die letzten US-Soldaten ziehen ab. (AP)
Die letzten US-Soldaten ziehen ab. (AP)
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Fast alle US-Kampftruppen verlassen "Schurkenstaat" Irak

Friedbert Meurer: Die USA rücken also stufenweise aus dem Irak ab. Heute oder zumindest in diesen Tagen ziehen sich die Kampftruppen der Amerikaner komplett zurück. Damit hat US-Präsident Barack Obama ein Wahlversprechen umgesetzt, ein zentrales. Es wird sich andererseits zeigen müssen, ob die Verhältnisse im Land, im Irak auch so stabil geworden sind, dass die US-Kampftruppen wirklich nicht mehr gebraucht werden. Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Guten Tag, Herr Perthes.

Volker Perthes: Schönen guten Tag, Herr Meurer.

Meurer: Auch in den USA und da besonders wird die Frage heftig diskutiert: War dieser Krieg all die Kosten wert, an Menschenleben und an Geld? Wie fällt aus Sicht der USA die Bilanz des Krieges aus?

Perthes: Ich glaube, die USA sind in der Frage so gespalten, wie sie das auch in anderen politischen Fragen sind. Die Anhänger der Demokraten, insbesondere von Präsident Obama werden sagen, der Krieg war es nicht wert, wir waren von Anfang an dagegen, und sie werden natürlich die materiellen Kosten, also was die Kriegskasse hat ausschütten müssen, aufführen, die 4500 amerikanischen Kriegstoten, aber vielleicht auch die zwei Millionen irakischen Vertriebenen und mehrere Hunderttausend wahrscheinlich irakische Ziviltote. Die Anhänger der Republikaner werden sagen, Präsident Bush hat das damals richtig gemacht, er hat ein unfreundliches, ein bösartiges, ein tendenziell terroristisches Regime sich vorgenommen, er hat amerikanische Macht gezeigt. Und dann gibt es sozusagen die Realisten, die nicht unbedingt der einen oder anderen Partei angehören, die eher auf die geopolitischen Verhältnisse schauen werden und sagen, das schlimmste Ergebnis aus amerikanischer Sicherheitsperspektive ist, dass der Krieg die Verhältnisse im Mittleren Osten so durcheinandergebracht hat, dass heute der Iran, was ja nicht gerade ein befreundeter Staat ist, der stärkste lokale Staat in der Region ist, der jetzt auch noch stärker werden wird, wenn die Amerikaner aus Irak abgezogen sind.

Meurer: Mal Sie um Ihre persönliche Einschätzung gefragt, die fiele also so aus: Strategisch haben sich die Amerikaner damit selbst geschadet?

Perthes: Ich glaube, die Amerikaner haben sich selbst und sie haben der Region geschadet, als sie damals einmarschiert sind. Nur wenn man einmal einmarschiert ist und dann feststellt, dass das vielleicht nicht die richtige Entscheidung war, kann man nicht einfach wieder abmarschieren. Deshalb hat das auch bei Obama noch lange gedauert, deshalb sind auch jetzt noch 50.000 amerikanische Soldaten da, die die irakische Armee trainieren sollen, bei der Terrorbekämpfung helfen sollen. Es lässt sich eben nicht einfach ungeschehen machen, was da ist, und das wäre politisch auch die falsche Frage, sondern man muss gucken, was macht man jetzt aus dem Land, was man hinterlassen hat, wie hilft man auch den irakischen Politikern, der irakischen Gesellschaft, hier ein vernünftiges stabiles Land aufzubauen, denn ganz so stabil ist es ja noch nicht. Wir sehen das an der Frage der Regierungsbildung. Seit einem halben Jahr nach den Parlamentswahlen ist es den irakischen Parteien noch nicht gelungen, einvernehmlich eine Koalition zu bilden.

Meurer: Ist vor diesem Hintergrund der Abzug zu verantworten, jetzt der Abzug der Kampftruppen und dann aller anderen Truppen bis Ende 2011?

Perthes: Ja, ich glaube, der Abzug ist notwendig. Er ist schon deshalb notwendig, weil je länger die amerikanischen Truppen dort bleiben, desto mehr werden die politischen Kräfte im Irak sich auch abhängig machen oder abhängig sein von der amerikanischen Hilfe. Das sehen wir ja auch jetzt, dass bestimmte politische Kräfte, die an der Regierung sind, oder auch in lokalen Regierungen sind, selber nicht die notwendige Verantwortung nehmen, zum Beispiel mit ihren Gegnern ins Geschäft zu kommen, weil sie wissen, im Zweifelsfall sind die Amerikaner da, die helfen uns dann. Und das ist auf lange Sicht, oder auf noch längere Sicht als die letzten sieben Jahre nicht gesund.

Meurer: Wie sieht der Irak in vier oder fünf Jahren aus?

Perthes: Wenn ich das wüsste, wäre das sicherlich gut. Aber hier gibt es verschiedene Szenarien und ich glaube, das wahrscheinlichste ist, dass wir ein pluralistisches, aber letztlich autoritäres Regime haben werden, pluralistisch im Sinne, dass verschiedene gesellschaftliche und politische Gruppen an der Macht beteiligt sind - das gilt natürlich für die Kurden im Norden, das gilt für die schiitischen Parteien, auch für die eine oder andere sunnitische Partei, aber autoritärer als das demokratische Regime, was Präsident Bush sich gewünscht hatte, als er Saddam Hussein hat stürzen lassen.

Meurer: Die Nachricht vom Abzug der Amerikaner aus dem Irak, Herr Perthes, könnte es möglich sein, dass sich das mäßigend in der arabischen Welt auswirken wird?

Perthes: Ich glaube, es wird einen positiven Einfluss auf das Image, auf das Bild der Amerikaner in der arabischen Welt haben, wobei es gleichwohl so ist, dass die arabische Welt die Amerikaner nicht nur am Irak-Einsatz misst und gerade Präsident Obama nicht nur am Irak-Einsatz misst, denn man wusste ja, dass er gegen den Irak-Krieg war und die Truppen dort herausführen wollte. Die arabische Welt misst die Amerikaner und insbesondere Präsident Barack Obama wieder stärker an der Frage der Fortschritte oder der ausbleibenden Fortschritte im nahöstlichen Friedensprozess.

Meurer: Wir schauen vor allen Dingen auf Afghanistan. Viele Truppen gehen ja sozusagen vom Irak direkt nach Afghanistan. Kann die internationale Staatengemeinschaft aus dem Irak-Krieg etwas für Afghanistan lernen?

Perthes: Ja. Man lernt immer und die Soldaten und ihre Befehlshaber lernen immer aus dem einen Krieg für den nächsten. Ob sie immer das richtige lernen, ist die Frage. Man sieht ja schon heute in Afghanistan, wo der gleiche General, Herr Petraeus, zuständig ist, der im Irak die militärische Wende herbeigebracht hat, dass hier gelernt wird, dass hier Lektionen umgesetzt werden. Man muss eben aufpassen, dass man nicht glaubt, es seien die gleichen Verhältnisse, die gleichen Gesellschaften. Aber man ist sicherlich in einer Phase, wo man auch hier in Afghanistan sagt, wir müssen zeitweise die internationalen Truppen noch erhöhen, wir werden auch mehr mit lokalen Kräften zusammenarbeiten müssen, auch mit solchen, die uns nicht besonders gefallen, und wir müssen uns darauf vorbereiten, auch indem wir ein Datum setzen – da ist man ja in Afghanistan bei, den Afghanen deutlich zu machen, dass sie sich nicht auf sehr, sehr lange Zeit oder gar auf ewig auf die Truppenanwesenheit der internationalen Gemeinschaft verlassen können.

Meurer: Das war Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik zum Abzug der US-Kampftruppen aus dem Irak. Herr Perthes, schönen Dank und auf Wiederhören.

Perthes: Sehr gerne, Herr Meurer. Tschüss!

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