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StartseiteCampus & KarriereAnalphabetismus ist kein Randproblem08.02.2012

Analphabetismus ist kein Randproblem

Fast jeder Zehnte kann in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben

900 Unterrichtsstunden benötigt ein Erwachsener durchschnittlich, um Lesen und Schreiben zu lernen. Doch die Schwelle für Analphabeten, überhaupt einen Kurs aufzusuchen, ist hoch, meist aus Scham.

Von Jürgen König

Deutschland hat sich verpflichtet, innerhalb der UN-Weltalphabetisierungsdekade von 2003 bis 2012 die Quote der Analphabeten zu halbieren. (picture alliance / dpa)
Deutschland hat sich verpflichtet, innerhalb der UN-Weltalphabetisierungsdekade von 2003 bis 2012 die Quote der Analphabeten zu halbieren. (picture alliance / dpa)

Für Jörg Maas von der Stiftung Lesen ist es ein "Skandal", dass in Deutschland siebeneinhalb Millionen Erwachsene - zwischen 18 und 64 Jahren - nicht richtig lesen und schreiben können, von einer der "ganz großen Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem" sprachen andere Sachverständige. Matthias Anbuhl vom Bundesvorstand des DGB:

"Wir sehen auch, dass dieses Problem kein reines Migrantenproblem ist, sondern fast 60 Prozent der funktionalen Analphabeten haben Deutsch als Erstsprache, und daran kann man eigentlich auch schon erkennen: Das Thema Analphabetismus ist kein Randphänomen, sondern es ist ein Problem der Mitte der Gesellschaft. Es trifft auch diese Menschen besonders, weil gesellschaftliche Teilhabe nicht möglich ist, wenn man keine Zeitung lesen kann, wenn man keine Bücher lesen kann, es ist zumindest immer sehr eingeschränkt möglich, und es trifft sie auch in der Arbeitswelt."

Obwohl Deutschland sich verpflichtet hat, innerhalb der UN-Weltalphabetisierungsdekade von 2003 bis 2012 die Quote der Analphabeten zu halbieren, wurde das Thema "Alphabetisierung" bei uns nie zum wirklich großen Thema. Dass sich das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz der Länder im Dezember 2011 auf eine "Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung" verständigten, wurde von allen Sachverständigen begrüßt, wenn auch mit dem Hinweis, andere Länder hätten solche Maßnahmen schon viel früher ergriffen. Wie dringend derlei geboten sei, führte Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg aus, werde sich spätestens 2014 zeigen, wenn die Ergebnisse der PIAAC-Studie vorlägen, einer internationalen Vergleichsstudie der Fähigkeiten Erwachsener:

"Wenn sich Frankreich schon vor zehn Jahren eine nationale Strategie aufgelegt hat, England ebenfalls, Irland, viele andere, USA, Kanada sowieso - dann ist zu erwarten, dass wir in PIAAC vielleicht mäßig gut dastehen und vielleicht auf den demografischen Wandel etwas besser vorbereitet sein sollten, als wir es jetzt sind; wir haben gegenwärtig immer dann, wenn wir von Bildungspolitik sprechen, eine Gleichsetzung mit Schulpolitik. Das ist manchmal auch eine personenbezogene Frage. Viele kennen sich in der Schulpolitik besser aus - und kennen diese sehr kompliziert aufgestellte Weiterbildung nicht unbedingt sehr gut, da spielt die Länder eine Rolle, die Finanzierung ist gemischt und Ähnliches - auf Dauer handeln wir uns damit meines Erachtens ein Problem ein. Es wäre intelligent uns auf den demografischen Wandel so vorzubereiten, dass wir auf PIAAC eine Antwort haben, wenn es kommt."

Einen Großteil der Alphabetisierungsarbeit leisten in Deutschland die Volkshochschulen, 90 Prozent der Kurse finden dort statt. Da viele Betroffene aus Scham und Angst um ihren Arbeitsplatz sich zu ihrer Lese- und Schreibschwäche nicht bekennen mögen, so Ulrich Aengenvoort vom Deutschen Volkshochschulverband, sei es nötig, in möglichst vielen Bereichen der Gesellschaft aktiv zu werden.

"Wir stellen fest, dass es bisher seitens der Länder noch kein ausreichend finanziertes Angebot gibt, es wird sehr wichtig sein, dass die Maßnahmen, die der Bund initiiert, auch begleitet werden von einem ausreichenden Kursangebot, das ja von den Ländern bereitgestellt werden muss. Ich glaube, wenn hier nicht ganz erheblich draufgesattelt wird, dann wird es sehr, sehr schwierig sein, auch im Zusammenhang mit der öffentlichen Kampagne, die initiiert werden soll, die übrigens sehr wichtig ist, denn es reicht nicht aus, alleine nur Kursangebote zu finanzieren, sondern es geht ja auch darum, für das Problem zu sensibilisieren und die Betroffenen zu mobilisieren."

Einem Erwachsenen in einer Kursgruppe in 900 Unterrichtsstunden Lesen und Schreiben beizubringen, rechnet Ulrich Aengenvoort vor, würde etwa 4700 Euro kosten, die Alphabetisierung von 100.000 Erwachsenen entsprechend 470 Millionen Euro. Wahrlich viel Geld - und doch auch wieder nicht: Großbritannien investierte in eine Grundbildungskampagne während der letzten zehn Jahre 3,6 Milliarden Euro.

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