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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturZeitlose Parabel über Macht19.05.2014

"Animal Farm"Zeitlose Parabel über Macht

George Orwell hat mit "Animal Farm" einen Klassiker der politischen Literatur geschrieben. Das Buch ist eine Generalabrechnung mit der kommunistischen Revolution 1917. Seine weitsichtige Kritik kam zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs vielen zu früh: In Großbritannien wollte zunächst niemand das Werk veröffentlichen.

Von Mirko Smiljanic

Drei Schweine stehen in einem Stall und gucken in die Kamera. (dpa/picture alliance/Bernd Wüstneck)
Schweine übernehmen in "Animal Farm" die Macht über den Hof (dpa/picture alliance/Bernd Wüstneck)

Märchen sind nicht immer märchenhaft schön: Wölfe fressen Großmütter, Stiefmütter meucheln schöne Töchter, Hexen landen im Ofen. Märchen sind mitunter brutal. Und das Märchen "Farm der Tiere", geschrieben von George Orwell, dem Großmeister gesellschaftskritischer Romane? Ist ebenfalls brutal. Trotzdem gibt es wohl keine Schülergeneration, die nicht "Farm der Tiere" gelesen hat - zum Glück!

"Mr. Jones von der Herrenfarm hatte die Hühnerställe zur Nacht zugesperrt, war aber zu betrunken, um auch noch daran zu denken, die Schlupflöcher dicht zu machen."

Der britische Schriftsteller George Orwell (AP)Der britische Schriftsteller George Orwell (AP)

Dieser Satz steht am Anfang von George Orwells Generalabrechnung mit der kommunistischen Revolution. Geschrieben von November 1943 bis Februar 44 - also noch vor dem Sieg Russlands über Nazideutschland - zeigt Eric Arthur Blair, so der Geburtsname Orwells, dass Revolutionen zwar Macht verschieben, gesellschaftliche Grundstrukturen aber nicht antasten: Wenige Mächtige beuten viele Rechtlose aus! Wie dieser Mechanismus funktioniert, zeigt Orwell am Aufstand der Tiere auf der Farm des Säufers Mr. Jones. Er tyrannisiert seine Tiere und hält sie wie Sklaven. Bis der "Alte Major", ein im ganzen Land berühmter Zuchteber, von einen "sonderbaren Traum" erzählt: vom Traum der Freiheit.

"Verdienen wir ein solches Schicksal? Ist dieser Hof zu arm, um uns alle zu ernähren? Nein, meine Freunde, im Gegenteil, dieser Hof ist reich, aber nie wird uns Bauer Jones unseren rechtmäßigen Anteil geben!"

Hierarchien entwickeln sich neu

Er habe nicht mehr lange zu leben, erzählt der "Alte Major" im Zeichentrickfilm "Aufstand der Tiere" aus dem Jahr 1954, sein Leben war gar nicht so schlecht, immerhin habe er 400 Kinder gezeugt. Seine Mittiere aber, die Schweine Napoleon und Schneeball; die Zugpferde Boxer und Kleeblatt; Benjamin, der Esel; Muriel, die weiße Ziege; die vielen Rinder, Hühner und Hunde, ihr Schicksal sei trostlos. Einige werden bis zum Umfallen arbeiten, andere würden geschlachtet und verkauft. In so einer Situation sei Widerstand das Gebot der Stunde.

"Vertreibt diesen gemeinen Tyrannen! Dann werden wir alle reich und frei!"

Der Funke springt über. Allerdings kann der alte Major, der in dieser Fabel Karl Marx oder Lenin repräsentiert, die Revolution nicht mehr anführen: Er stirbt und hinterlässt zunächst ratlose Tiere. Bis die intelligenten Schweine - allen voran der machthungrige Napoleon und der redegewandte Schwatzwutz - aus dem Traum des Zuchtebers ein Denkgebäude entwickeln, den Animalismus, der nur ein Ziel hat: die Befreiung vom Menschen! Tatsächlich vertreiben die Tiere Mr. Jones und bewirtschaften die Farm in Eigenregie. Leider nur sind die Erträge kümmerlich, was mit mehr Arbeit und noch mehr Enthusiasmus kompensiert wird - immerhin sind die Tiere Besitzer der Produktionsmittel, außerdem sollen die Ernten künftig brüderlich geteilt werden. Doch es kommt anders. Zwischen den Tierarten entwickeln sich Hierarchien mit dem Ergebnis, dass die einen mehr zu fressen bekommen als andere. Außerdem gibt es Spannungen zwischen Napoleon und Schneeball. Es kommt zum Eklat, Schneeball muss fliehen. Napoleon, mit dem Orwell Josef Stalin darstellt, tritt vor die versammelten Tiere.

"Von heute an werde ich Eure Interessen wahren, treffe ich für Euch die Entscheidungen."

Bezüge zu heutigen Entwicklungen

George Orwell war überzeugter "demokratischer Sozialist", womit er sich vom Sozialismus sowjetischer Prägung strikt abgrenzte. 1937 kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der "Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit", einer von Stalin als trotzkistisch eingestuften politischen Gruppe. Der Verfolgung durch moskautreue Sozialisten konnte er sich nur durch Flucht aus Spanien entziehen. Stalins brutale "Säuberungen" und die Erfahrungen in Spanien waren Grundlage für das Buch "Farm der Tiere" - eine beißende Abrechnung mit dem totalitären Sowjetregime. Eine weitsichtige Kritik, die allerdings manchen britischen Politikern zu früh kam: Das Buch hätte ihrer Ansicht nach zu diesem Zeitpunkt - also noch während des Krieges - nicht publiziert werden dürfen. Orwell hatte große Probleme, überhaupt einen Verlag zu finden.

"Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher."

Nach dem Krieg sah die Situation ganz anders aus: Der amerikanische Geheimdienst CIA hatte 1950 die Filmrechte von "Farm der Tiere" gekauft, um den Stoff propagandistisch zu nutzen. Und heute? Lassen sich Bezüge zu aktuellen Entwicklungen herstellen? Ja, nämlich dort, wo eine Revolution nicht zur erhofften Verbesserung der Lebensumstände führt, sondern zu neuen ungerechten Machtstrukturen.

"Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war."

George Orwell: "Animal Farm", auf Deutsch: Die Farm der Tiere. Diogenes Verlag, 132 Seiten 8,90 Euro. Englisches Original: Klett Verlag, 8,99 Euro.

 

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