Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteCorso"Strong and stable, my arse"08.06.2017

Anti-May-Plakat"Strong and stable, my arse"

Mit dem Votum für den Brexit hat es begonnen: Britische Künstler mischen sich wieder ein in laufende Debatten. Plakate eigneten sich dafür besonders, denn jeder komme daran vorbei, erläutert die Kulturjournalistin Louise Brown. Turner-Preisträger Jeremy Deller karikiert Theresa Mays Motto "Stark und stabil - von wegen".

Louise Brown im Gespräch mit Susanne Luerweg

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Eines der Plakate von Jeremy Deller - strong and stable my arse - Londoner Bürger gehen daran vorbei. (Bild: imago stock&people / Yui Mok / PA Wire General Election 2017) (imago stock&people /  Yui Mok / PA Wire General Election 2017 )
Der politische Künstler und Turner-Preisträger Jeremy Deller nimmt das Motto "Stark und Stabil" von Theresa May aufs Korn. (imago stock&people / Yui Mok / PA Wire General Election 2017 )
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Susanne Luerweg: Banksy wollte gemalte Souvenirs verschenken , wenn man nicht die Tories wählt. Das wurde ihm allerdings verboten. Turner-Preisträger Jeremy Deller, der durfte allerdings ein Plakat gestalten, das mit deftigen Worten Teresa Mays Wahlkampf karikiert. "Strong and stable, my arse", was so viel übersetzt heißt wie : "stark und stabil, von wegen" – und das ist seit geraumer Zeit auf Litfaßsäulen, Bussen und Bahnen in England zu lesen. Künstler und Kreative mischen sich in den Wahlkampf ein und heute wird gewählt. Aber über den Wahlkampf und die Renaissance des Plakates, darüber wollen wir mit Louise Brown sprechen.

Zunächst die Frage: Haben Sie den Eindruck, dass das Plakat im Rahmen des Wahlkampfs eine Renaissance gefeiert hat?

Louise Brown: Also ich finde, das kann man schon sagen. Bei der letzten Wahl setzten die meisten irgendwie schon auf Social Media – und das ist schon, dieses Mal, schon aufgefallen: Man hat deutlich mehr Plakate in den Straßen gesehen. Und teilweise auch sehr witzige, teilweise sehr bunte, teilweise sehr schlichte – aber alle mit einer politischen Message und das ist schon aufgefallen.

Luerweg: Turner-Preisträger Jeremy Deller – der ist ja schon ein ziemlicher Hochkaräter aus der Kunst- und Kulturszene. Gibt es noch andere, die sich in der Form eingemischt haben?

Brown: Also, so hochkarätige Künstler weniger. Die meisten Plakate stammen eher von vielleicht unbekannteren Designern oder Künstlern. Aber das macht das alles, finde ich, auch ganz erfrischend. Also es gibt zum Beispiel von dem Designer Supermundane ein sehr schönes Plakat – mit so einem Riesenauge, so im Big-Brother-Look drauf. Es gibt aber auch sehr schöne Plakate von den beiden Künstlern Kennardphillipps: Darauf ist zum Beispiel Theresa May oder Cameron – aber gesichtslos – zu sehen auf einem Hintergrund, mit diesem lachsfarbenen Financial Times Papier, genau.

"May als Wackelpudding"

Luerweg: Und es trifft immer nur May? Also immer nur die Tories? Oder ist der Herausforderer von der Labour Partei, Herr Corbyn, auch mal irgendwie Zielscheibe gewesen?

Brown: Zielscheibe nicht, nein. Eher, es gibt auch einige Plakate, aber da wird er eher von den Corbynistas ja eher sehr gefeiert. Sie kennen vielleicht dieses Plakat von Robert Indiana, dieses Love-Poster mit diesen Love-Buchstaben? Das hat man zum Beispiel umgewandelt in Corbyn. Also solche Sachen. Und er wird auf den Plakaten eher gefeiert, während May … Naja, da gibt es zum Beispiel ein sehr schönes Plakat von Theresa May als Wackelpudding. Also stark und stabil? Naja.

Luerweg: Warum eigentlich gerade Plakate? Also man würde ja so ein bisschen denken, die sind definitiv out of time, out of fashion?

Brown: Ja. Aber man kennt es ja, mit Twitter und Facebook erreicht man ja eher seine Bekannten oder Freunde, also Menschen, die man schon kennt. Mit so einem guten, alten Plakat, da hat man vielleicht die Chance, jemanden zu erreichen, den man eben nicht kennt: Ein Passant, der möglicherweise vielleicht mal kurz draufschaut und auch mal, kurz mal stehenbleibt und darüber nachdenkt.

"Es begann mit dem Brexit"

Luerweg: Die Kunst ist so ein bisschen irgendwie wieder in der Politik angekommen, hat man das Gefühl. So jahrelang hat man sich vielleicht nicht so eingemischt. Wolfgang Tillmanns, der deutsche Fotokünstler, hat letztes Jahr, als es um die Brexit-Abstimmung ging, ja eine Plakat-Kampagne gestartet, jetzt eben Jeremy Deller. Ist bei Ihnen auch das Gefühl, Frau Brown, dass sich die Künstler und Kreativen, ähnlich wie in Amerika, jetzt in England auch stark wieder ins politische Geschäft einmischen?

Brown: Also ich habe schon das Gefühl, dass da wieder ein bisschen mobilisiert wird, jetzt unter der Tory-Regierung. Und ich sage auch bewusst: Tories. Also nicht nur May. Sie haben es ja auch schon erwähnt, die Kampagne von Wolfgang Tillmanns letztes Jahr, also mit Brexit, damit begann das schon. Und ein sehr schönes Beispiel ist jetzt in diesem Sommer, in der Serpentine-Gallery, die Ausstellung von Grayson Perry, der das Thema "Brexit und Populismus" auf seinen berühmten Vasen gebracht hat. Und er ist zum Beispiel auch jemand, der es sich sehr stark zur Aufgabe gemacht hat, mit seiner Kunst die breite Bevölkerung zu erreichen und nicht eben nur die Kunst-Elite.

Luerweg: Jetzt ist es ja so, heute wird gewählt. Der Wahlkampf, der muss immer ruhen einen Tag vorher, also da war gestern Schluss. Glauben Sie, heute sind noch mal ein paar neue Plakate aufgetaucht? Irgendwie so Last-Minute-Aufforderungen?

Brown: Nee, das glaube ich nicht. Also ich glaube, dass alle jetzt gebannt irgendwie zuhause sitzen und bei Twitter oder beim Fernsehen nachgucken, was nun heute passieren wird. Und, aber, naja … Viele Designer haben die Plakate ja auch zum Download bereitgestellt. Angesichts dessen, was vermutlich in Großbritannien passieren wird, mit dem Brexit, da kann man sich vielleicht zur Aufmunterung so ein Plakat mal runterladen und an die Wand hängen zuhause.

"Die Wunderwaffe der Briten"

Luerweg: Ich wollte gerade sagen, das analoge Plakat hat zwar eine Renaissance gefeiert, aber das ist natürlich doch auch dann wieder in den Social Media überall angekommen. Und es wurden dann ganz lustige neue Kreationen der verschiedenen Plakate dann entwickelt, auf Instagram gepostet, auf Facebook und so weiter und so fort. Also ganz ohne Social Media geht es zum Schluss dann vielleicht doch nicht?

Brown: Was vor allem auffiel, ob bei Social Media oder bei den Plakaten: Also diese wunderbare Wunderwaffe der Briten, der Humor. Also der war einfach immer stark vertreten.

Luerweg: Ja, es hat ja auch jemand kandidiert, der Mister Fischstäbchen heißt, glaube ich.

Brown: Genau.

Luerweg: Louise Brown über die Renaissance des Plakats im britischen Wahlkampf. Und da wird ja heute abgestimmt. Wie das Ergebnis sein wird, das erfahren wir dann heute abend. Frau Brown, vielen Dank für das Gespräch.

Brown: Ja, vielen Dank.

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