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Mittwoch, 24.01.2018
StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Gefahr, dass dieses Modell schadet"08.01.2018

Arbeitszeitflexibilisierung"Gefahr, dass dieses Modell schadet"

Die IG Metall fordert ein Recht auf eine zeitweise Arbeitszeitverkürzung. Ein höherer Fachkräftemangel, Kostenschock für die Unternehmen und Auswirkungen für gering Qualifizierte nennt Alexander Spermann als mögliche Konsequenzen. Diese müssten deshalb vorab in Experimentierräumen untersucht werden, sagte der Arbeitsmarkt-Experte im Dlf.

Alexander Spermann im Gespräch mit Silke Hahne

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Eine Stechuhr in einem Düsseldorfer Unternehmen.  (imago / photothek)
Umfragen zeigen: fast jeder zweite Beschäftigte wünscht sich eine Arbeitszeitverkürzung. (imago / photothek)
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Silke Hahne: Im Zentrum steht dabei die Frage: Kann die IG Metall ihre Arbeitszeitforderungen durchsetzen – und wenn ja, zu welchen Bedingungen? Heute Morgen hat der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann bei uns im Programm gesagt: Vier bis fünf Prozent der Beschäftigten würden eine befristete, verkürzte Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Das wären 200.000 Mitarbeiter. Schon jetzt klagen viele Betriebe aber darüber, überausgelastet zu sein – und führen das laut dem Institut der deutschen Wirtschaft zu großen Teilen auf zu wenige qualifizierte Arbeitnehmer zurück. Vor der Sendung konnte ich Alexander Spermann, Arbeitsmarkt-Experte an der Universität Freiburg, fragen: Setzt die IG Metall sich durch – steuern wir auf einen massiven Fachkräftemangel zu?

Alexander Spermann: Fachkräftemangel ist ein echtes Problem in der Wirtschaft. Wir haben beobachtet, dass die Rente ab 63 bereits die Fachkräfte deutlich verknappt haben - über 100.000 innerhalb kürzester Zeit und inzwischen fast eine halbe Million. Wenn jetzt noch mal 200.000 dazu kämen, hätten wir ein zunehmendes Fachkräfteproblem in einer Zeit, wo wir wirklich jede qualifizierte Fachkraft benötigen.

Hahne: Das heißt, die Forderung der IG Metall nach verkürzen der Arbeitszeit ist eigentlich irrational?

Spermann: Nein, die Forderung ist völlig rational, denn nach repräsentativen Umfragen wissen wir, dass fast jeder zweite Beschäftigte sich eine Arbeitszeitverkürzung wünscht. Insofern macht es absolut Sinn, dieses Thema in den Fokus zu nehmen und zu sehen, inwieweit man hier den Bedürfnissen der Arbeitnehmer noch mehr entgegenkommen kann durch Flexibilisierung der Arbeitszeit.

Teilzeit mit Lohnausgleich: viele rechtlich offene Fragen

Hahne: Allerdings arbeiten ja jetzt auch schon Menschen in Teilzeit, und zwar ohne Lohnausgleich. Ist es rechtlich überhaupt darstellbar, dass jetzt andere Beschäftigte Zuschüsse erhalten könnten, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren?

Spermann: Das ist rechtlich eine offene Frage. Es gibt dazu ein von Gesamtmetall, also dem Arbeitgeberverband, in Auftrag gegebenes Gutachten, das die rechtliche Problematik thematisiert. Aber es ist auch klar, dass dieses ein interessengebundenes Gutachten ist, und man muss abwarten, wie sich dieses rechtlich entwickelt.

"Kostenschock für Unternehmen"

Hahne: Was wäre denn Ihre Einschätzung? Sind die Metaller untereinander so solidarisch?

Spermann: Es ist auf jeden Fall ein Kommunikationsproblem, dieses zu vermitteln. Wir hatten das auch im Rentenbereich gesehen. Ab einem bestimmten Stichtag gab es dann die Rente ab 63 ohne Abschläge. Da haben Sie einfach ein Gerechtigkeitsthema wie in sehr vielen Bereichen. Ab einem bestimmten Stichtag gilt dann eine neue Regelung. Insofern ist das eine kommunikative Herausforderung für die Gewerkschaften.

Aber viel wichtiger ist, dass diese Forderung, wie sie im Raum steht, einen Kostenschock für die Unternehmen bedeutet, der dazu führen wird, dass die Produktivität steigen muss für die verbliebenden Beschäftigten. Das heißt, der Druck für diejenigen, die weiterhin arbeiten, der wird höher.

Hahne: Diesen Zusammenhang haben Sie in einem Gastbeitrag für die "Badische Zeitung" am Wochenende auch dargelegt, und da sagen Sie auch, weniger Arbeit bei Lohnausgleich, das führt auch zu weniger Beschäftigung und damit auch möglicherweise dazu, dass Menschen, die weniger qualifiziert sind, dann ihre Jobs verlieren.

Spermann: Das wissen wir aus der Arbeitszeitverkürzung in den 80er-Jahren. Die 35-Stunden-Woche hat dazu geführt, allerdings bei vollem Lohnausgleich, dass die Beschäftigung insgesamt im Bereich der Metall- und Elektroindustrie abgenommen hat. Und wir wissen aus den deutschen, aber auch aus den französischen Erfahrungen mit der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, dass insbesondere die gering Qualifizierten getroffen sind. Deren Beschäftigung ist massiv nach unten gegangen.

"Gewerkschaft ist hier in einem Dilemma"

Hahne: Gering Qualifizierte sind ja auch häufig die, die wenig verdienen. Die IG Metall argumentiert zum Thema Lohnausgleich, wir wollen damit auch schlechter bezahlten Arbeitnehmern die Gelegenheit geben, weniger zu arbeiten, zum Beispiel, um Angehörige zu pflegen oder Kinder großzuziehen. Schadet das Modell nicht im Endeffekt denjenigen, denen die IG Metall sagt, hier jetzt helfen zu wollen?

Spermann: Das ist tatsächlich die Gefahr, dass dieses Modell schadet. Was wir wissen ist, was gut ist für die gering Qualifizierten, nämlich Lohnzurückhaltung. In der Vergangenheit hat auch in der Metall- und Elektroindustrie die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Arbeitgeberverbänden Lohnzurückhaltung realisiert – mit der Konsequenz, dass die Beschäftigung von gering Qualifizierten tendenziell zugenommen hat. Wir wissen, Lohnzurückhaltung kann die Beschäftigung der gering Qualifizierten in die Höhe treiben. Allerdings hat das einen Preis und der Preis heißt mehr Beschäftigung im Niedriglohnsektor und der Preis heißt auch höhere Lohnungleichheit. Deshalb ist die Gewerkschaft hier in einem Dilemma. Sie weiß, was gut ist für die gering Qualifizierten, ist aber nicht weiter bereit, diesen Preis dann zu zahlen. Die Lohnsteigerung, die ja eine Arbeitszeitverkürzung bedeuten würde bei teilweisem Lohnausgleich, hat allerdings genau das Problem, dass die gering Qualifizierten am stärksten getroffen werden können.

Lern- und Experimentierräume zum Austesten notwendig

Hahne: Wäre ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma, mal so ins Blaue gesprochen, massiv die Löhne zu erhöhen, dafür die Regelungen zur Arbeitszeit, wie sie sind, so zu belassen und damit zu erreichen, dass geringer bezahlte Menschen sich vielleicht doch in Zukunft leisten können, mal in Teilzeit zu gehen?

Spermann: Ich sehe die Zukunft eher darin, Arbeitszeitflexibilisierung in Lern- und Experimentierräumen auch zu testen. Dazu hatten sich sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer in der letzten Legislaturperiode unter der Moderation des Bundesarbeitsministeriums auch geeinigt. Das ist eine Empfehlung, die rauskam aus dem Dialog "Arbeiten 4.0". Diesen Weg sollten die Tarifparteien gehen, denn im Moment weiß niemand, welche Form der Arbeitszeitflexibilisierung sowohl den Arbeitnehmern als auch den Arbeitgebern zu Pass kommt. Die Arbeitgeber, wie in repräsentativen Umfragen ja zur Kenntnis genommen, die wollen weniger arbeiten. Die wollen mehr Zeit für Familie haben, mehr Zeit für Pflege und vielleicht auch mehr Zeit für Weiterbildung. Die Arbeitgeber müssen das auch finanziell stemmen und haben ein Fachkräfteproblem und von daher braucht es hier Lern- und Experimentierräume, und daraus kann man dann lernen, welche Art der Arbeitszeitflexibilisierung in der digitalen Welt zukunftsorientiert ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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