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StartseiteEssay und DiskursTransparenz und Kontrolle25.05.2014

Aufgeklärte GesellschaftTransparenz und Kontrolle

In drei Schritten versucht dieser Essay, unsere Gegenwart als eine Welt vollendeter Aufklärung zu begreifen. Der emanzipatorische Anspruch der Aufklärung war immer verbunden mit der Suche, der Umerziehung oder dem Ausschluss des "Anderen", der dieser allgemeinen Forderung nach Transparenz nicht folgen würde.

Von Wolfgang Dreßen

Arbeiten der Wiener Künstlerin Renate Korinek und des Künstlers Thomas Poggenhans aus Münster. Auf dem Bild zu sehen sind "Macht oder Machtanmaßung, 2004-2008" und "Zombies, 2006" (im Hintergrund). (picture-alliance/ dpa / Ingo Wagner)
Die technischen Möglichkeiten folgen dem Anspruch, eine dauernde Gegenwart lückenloser Transparenz herzustellen. (picture-alliance/ dpa / Ingo Wagner)

Diese Welt wird inzwischen konstruiert. Die technischen Möglichkeiten folgen dem Anspruch, eine dauernde Gegenwart lückenloser Transparenz herzustellen. Einen verantwortlichen Marionettenspieler gibt es nicht, wir alle sind Teil dieser aufgeklärten Welt. Diejenigen, von denen auch nur angenommen wird, dass sie nicht dazugehören bleiben ausgeschlossen. Alles muss offenliegen, jede Verschleierung, jedes Versteck, jede Flucht gelten als Angriff, der möglichst unmittelbar beantwortet werden soll. 


Das Manuskript in voller Länge:

Berlin im Februar 2014. Zwei öffentliche Sonntagsvorlesungen an der Humboldt-Universität: Der Leiter eines Instituts für Technologie zeigt Möglichkeiten, durch technische Tricks unsere Daten besser zu schützen. Eine Sozialwissenschaftlerin sorgt sich um die Förderung von Neid in sozialen Netzwerken.

Zeitgleich zeigt Harun Farocki im Hamburger Bahnhof seine Videoinstallation "Ernste Spiele": Amerikanische Soldaten werden in Computersimulationen trainiert, sogenannte Gegner mit intelligenten Waffen aufzuspüren und zu töten, technisch genauer: auszuschalten. Die Soldaten spielen dann am Computer die Einsätze nach, um sie zu bewältigen.

Noch berichten die Zeitungen über die Ausspähaktionen der NSA. Das Thema wird bald durch eine aktuellere Debatte verdrängt werden.

Berichte über Hinrichtungen durch Drohnenangriffe sind kaum mehr eine Meldung wert. Obwohl Harun Farocki von "ernsten Spielen" schreibt, erscheint der Umgang mit dem Netz, in dem wir uns täglich bewegen, unernst, selbstverständlich.

Manchmal wird noch an den "Big Brother" in Orwells "1984" erinnert. Nur, dieser eine verantwortliche "Große Bruder" ist nicht auszumachen. Wir bewegen uns in einem "Netz", in dem wir alle mitspielen und uns weder verstecken können, noch verstecken wollen. Wir stellen uns aus und bestätigen dadurch unsere Existenz.

Transparenzgesellschaft

Wir sitzen im Glashaus, in dem niemand den ersten Stein werfen will. Nur wer sich dieser restlosen Transparenz unterwirft, gilt als unverdächtig. Denn er hat nichts zu verstecken.

"Der Transparenzzwang stabilisiert das vorhandene System sehr effektiv. Die Transparenz an sich ist positiv. Ihr wohnt nicht jene Negativität inne, die das politisch-ökonomische System radikal infrage stellen könnte. Sie bestätigt und optimiert nur das bereits Bestehende. Daher geht die Transparenzgesellschaft mit der Post-Politik einher. Ganz transparent ist nur der entpolitisierte Raum [...] Transparenz und Wahrheit sind nicht identisch."

Der koreanische Philosoph Byung-Chul Han von der Universität der Künste Berlin charakterisiert vor einer großen Medienöffentlichkeit diese Transparenzgesellschaft. Diese Transparenzgesellschaft erscheint als ein perfektes Herrschaftssystem, das keinen Herrscher mehr braucht, weil niemand ernsthaft etwas Anderes will. Gesichert wird diese allgemeine Bejahung des Bestehenden durch umfassende Sichtbarkeit.

"Alles muss sichtbar werden. Der Imperativ der Transparenz verdächtigt alles, was sich nicht der Sichtbarkeit unterwirft. Darin besteht ihre Gewalt. Der Transparenzgesellschaft erscheint jede Distanz als Negativität, die es zu eliminieren gilt. Sie stellt ein Hindernis für die Beschleunigung der Kreisläufe der Kommunikation und des Kapitals dar."

Diese Transparenz basiert auf einem allgemeinen Verdacht, der sich gegen jeden richtet, von dem auch nur angenommen werden kann, dass er nicht mitspielt. Deshalb muss buchstäblich jede Ecke und jede Sekunde ausgeleuchtet werden. Das positive Leben wird nur gesichert durch das möglichst allwissende Auge. Die Transparenzgesellschaft folgt nicht aus einer eher zufälligen technischen Entwicklung und ist deshalb auch nicht mit technischen Tricks zu überwinden. Sie verwirklicht Postulate der Aufklärung, die bereits im 18. Jahrhundert aufgestellt wurden.

Rousseaus "Gesellschaftsvertrag

Das allwissende und alles sehende göttliche Auge der christlichen Tradition wurde in der Aufklärung säkularisiert. Auf dem Emblem der Französischen Republik von 1792 blickt ein Auge auf den Betrachter, der das Motto des Auges liest: "Ich richte mein Auge unbeirrt auf uns alle". Gesichert wird damit das Ziel der Republik. Es heißt: "Unteilbare Einheit".

Dieses Auge war kein jenseitiges Auge, sondern das Auge eines abstrakten Volkes, das jede Abweichung sanktioniert. Und der Betrachter weiß: Nur weil ich gesehen werde, bin ich anerkannt. Diese möglichst allgemeine Akzeptanz des säkularisierten göttlichen Auges war das Ergebnis eines Erziehungsprozesses. Der "Gesellschaftsvertrag" von Jean-Jacques Rousseau erschien 1762, gleichzeitig mit dessen Erziehungsroman "Émile".

"Es geht hier nicht um die Verwaltung des gesellschaftlichen Körpers, sondern um seine Konstituierung; ich bringe ihn zum Leben und Handeln. Ich beschreibe seine Triebfedern und Teile, ich ordne ihren Platz an. Ich versetze die Maschine in den Zustand zu laufen [...] jeder, der dem Allgemeinwillen den Gehorsam verweigert, [soll] von dem ganzen Körper zum Gehorsam gezwungen werden [...] das hat keine andere Bedeutung, als das man ihn zwingen wird, frei zu sein."

So definierte Rousseau das Ziel des Gesellschaftsvertrages. Erreicht werden soll ein Gehorsam, der als Freiheit erfahren wird. Bisherige Natur wird damit überwunden. In der "Natur" Rousseaus handelt jeder Mensch so, wie er soll:

"Wer den Mut besitzt, einem Volk ein Gesetzeswerk zu geben, muss sich imstande fühlen, gleichsam die menschliche Natur umzuwandeln, er muss dem Menschen die ihm eigentümlichen Kräfte nehmen, um ihn mit anderen auszustatten, die seiner Natur fremd sind.

Diese anerzogene zweite Natur des aufgeklärten Pädagogen erzieht zur allgemeinen Anpassung. Gelebt werden soll nach den Normen einer Arbeit, die sich an einem Markt orientiert und nicht mehr, wie bisher, an feudalen Abhängigkeiten. Diese selbst regulierte Gesellschaft schließt jeden aus, der sich den allgemeinen Anforderungen widersetzt. Jeder, der den verlangten Arbeitsprozessen nicht folgt, wird zum Feind der behaupteten allgemeinen Freiheit.

Erziehung soll diese Anforderungen verinnerlichen. Arbeit wird von Rousseau zur Natur und deshalb zum allgemeinen Glück erklärt:

"Sobald [das Kind] sich gut genug kennt, um zu begreifen, worin sein Wohlergehen besteht [...] ist es imstande, den Unterschied zwischen Arbeit und Zeitvertreib zu erfassen, und den Zeitvertreib nur noch als Erholung von der Arbeit zu betrachten."

Das Erziehungsziel wird nur erreicht durch intensive Beobachtung. Das Auge der republikanischen Gesellschaft wird zum Auge des Pädagogen.

"Ihr müsst [das Kind] ohne Unterlass beobachten und belauern, ohne dass es dessen gewahr wird, ihr müsst alle seine Gefühle voraus fühlen und denen zuvorkommen, die es nicht haben darf, kurzum es auf eine Weise beschäftigen, dass es sich nicht zu etwas nützlich fühlt, sondern glücklich ist."

Industrialisierung und die Umerziehung der Menschen

Die "Industrialisierung" des 19. Jahrhunderts verwirklicht diese "Verfleissigung" in der Arbeit an der "Maschinerie", in ihrer "Bedienung". Als Protest bleibt dann nur noch die Aushandlung eines marktgerechten Lohns. Als Feinde dieser Ordnung werden die Menschen gesehen, die sich der allgemeinen Arbeitsgesellschaft nicht unterwerfen oder von denen dies auch nur angenommen wird. Diese Menschen sollen umerzogen werden, wenn nicht anders möglich im Gefängnis, unter Zwang.

Die hierzu gebauten Einzelhaftgefängnisse basierten auf den Ende des 18. Jahrhunderts gemachten Vorschlägen des Engländers Jeremy Bentham. Das Benthamsche Gefängnis verwirklichte eine architektonische Kontrollgesellschaft. Der Aufseher in der Mitte eines sternförmigen Baus sieht in jede Zelle und beobachtet jeden Gefangenen. Die Gefangenen wiederum können den Aufseher nicht wahrnehmen und bleiben auch voneinander isoliert. Transparenz gilt nicht für alle.

Gearbeitet wird auf Treträdern. Die Gefangenen dürfen nicht wissen, was mit diesen Rädern angetrieben wird. Denn erzogen wird zur abstrakten Arbeit. Erst wenn diese Erziehung erfolgreich sein wird, können die Gefangenen in die Gesellschaft der Gleichen und Glücklichen entlassen werden, in der alles sichtbar bleibt.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel fasste 2013 die Entwicklung seit Jeremy Bentham zusammen:

"Der Philosoph Jeremy Bentham hat die Idee einer weitreichenden, selbstorganisierten Überwachung durch Öffentlichkeit in seinem Konstrukt des ‚Panopticons' [...] entwickelt. Was Bentham sich damals noch als Gebäude vorstellte, als Radialsystem, in dem der Wächter jeden im Gebäude befindlichen Menschen von einem Überwachungsturm in der Mitte aus sehen konnte, kann für die heutige, virtualisierte Form Modell stehen. Das digitale Panopticon entsteht aus der gegenseitigen Beobachtung der Menschen im Netz. Es bedarf keiner Mitte mehr und keines zentralen Wächters."

Das digitale Netz ein Ort abstrakter Arbeit

Hinzuzufügen ist allerdings: Manche sehen immer noch mehr als andere. Denn das digitale Netz bleibt wie das Panopticon ein Ort abstrakter Arbeit. Die gelieferten Informationen werden von Internetkonzernen genutzt, um Profite zu erwirtschaften. Zugleich dienen sie als Basis, um unerwünschtes Verhalten weltweit zu kontrollieren. Der Unterschied zum Panopticon besteht in der Freiwilligkeit dieser Arbeit: Niemand wird gezwungen, alle nehmen teil und sollen sich glücklich fühlen. Diese Arbeit produziert Informationen durch allgemeine Transparenz. Aber diese Informationsarbeit wird nicht bezahlt. Von einem marktgerechten Lohn ist nicht mehr die Rede. Der einzige Lohn, den etwa "soziale Netzwerke" bieten, besteht in der Hoffnung, durch diese Transparenz zu existieren.

Markus Metz und Georg Seeßlen bezeichneten 2011 diese Maschinerie als "Blödmaschinen":

"Das große Projekt dieses Jahrhunderts scheint es zu sein, Herrschaft zu subjektivieren und zu emotionalisieren, das heißt eine wachsende Mehrheit der Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig und gegenwärtig dem zu unterwerfen, was vordem durch Gewalt und Hierarchie erzeugt wurde. Eine Blödmaschine ist also eben dies: Eine Maschine, die eine Kraft der Kontrolle in einen Impuls zum Kontrolliert-Werden verwandelt, wobei im Kontrolliert-Werden genügend ‚Körper' und ‚Ästhetik' verblieben ist (Lust und Schönheit, Angst und Aggression), um definitiv [...] unverzichtbar zu werden."

Die auf diese Weise produzierte "Natur" braucht keinen Erzieher mehr. Sie bestätigt sich selbst durch ihre bloße Existenz. Die in diesem System arbeitenden Menschen charakterisiert der Soziologe Ulrich Bröckling als "unternehmerisches Selbst":

"Selbstmanagement soll die Potenziale der ganzen Person [...] aktivieren. Unternehmer zu werden, hängt nicht am Erwerbsstatur, sondern ist eine ‚Lebenseinstellung'. Was auch immer jemand gerade tut oder unterlässt, es kann in die Beurteilung eingehen. Dem verallgemeinerten Voyeurismus entspricht deshalb ein ebenso verallgemeinerter Exhibitionismus: Weil man stets und von allen gesehen wird, muss man sich günstig präsentieren; die Folgen: impression management, Ästhetisierung, Identitätsarbeit."

Bröckling beschreibt hier den allgegenwärtigen Markt, der sich bis in unser Selbst verlängert hat. Die Technik des Netzes entspricht diesem Markt, der eine optimierte Selbststeuerung verlangt.

Scheinbare Selbstbestimmung

Proteste gegen bisherige autoritäre Gesellschaften wie in den 60er-Jahren konnten auf diese Weise integriert werden. Denn an die Stelle bisheriger Autoritäten tritt nun die scheinbare Freiheit, selbst zu bestimmen. Jeder erscheint für sich selbst verantwortlich, während dieses Selbst bereits ein Teil der Marktwirklichkeit ist.

2004 analysierte Lutz Dammbeck in seinem Film "Das Netz", wie und warum die Technologie einer vernetzten Welt entstanden ist. Die technischen Möglichkeiten wurden im Kalten Krieg entwickelt. Ein drohender Atomkrieg verlangte vernetzte Befehlsstrukturen. Ein zentraler Befehlspunkt wäre zu anfällig und könnte ausgeschaltet werden. Nur ein dezentrales Befehlsnetz könnte überleben.

Geistige Grundlagen wurden zwischen 1946 und 1953 auf den Treffen der Josiah Jr. Foundation entwickelt. Diese wissenschaftlichen Konferenzen diskutierten darüber, wie zukünftig Vorurteile und autoritäres Verhalten wie im Faschismus verhindert werden können. Die empirischen Untersuchungen Horkheimers und Adornos zur "Autoritären Persönlichkeit" bildeten eine Grundlage. Autoritär gesteuerte Gesellschaften wie der Faschismus und dann der Kommunismus sollten in einer allgemeinen Selbststeuerung überwunden werden. Bisherige unvorhersehbare und gefährliche Natur wird ersetzt durch eine neue, möglichst weltweit geltende Natur, die sich selbst reguliert und gesellschaftliche Katastrophen ausschließt.

Lutz Dammbeck:

"Wie [...] konnte man unblutig und ohne Operation tief in die Persönlichkeit und das Bewusstsein von Menschen eindringen, um diese dann gezielt zu verändern? Wie wird aus Aggression Harmonie?

Nach dem Gestaltpsychologen Kurt Lewin, einem Mitglied der Macy-Gruppe, müssen zuerst die alten Werte und Gleichgewichte zerstört werden, um die Verhältnisse ‚flüssig' zu machen. Dann können neue Gleichgewichte und Werte etabliert werden. Diese müssen dann durch Selbst-Regulierung dauerhaft gefestigt werden, Umerziehung muss in Selbst-Umerziehung übergehen [...] Die erforderlichen Werkzeuge und Baupläne sind [...] neue und schnellere Rechenmaschinen [...] und kybernetische Modellwelten, mit denen alle Bereiche von Wissenschaft, Kultur und Politik kontrollier- und steuerbar erscheinen. Das verspricht auch die Programmierung neuer Menschen - antiautoritärer Menschen nach Maß."

Technisch produzierte Natur und Autoritäten

Rousseau wollte bisherige Feudalstrukturen durch eine anerzogene "Natur" überwinden. Jetzt soll eine technisch produzierte Natur an die Stelle bisheriger Autoritäten treten. Alle handeln richtig, weil sie Teil dieser Natur sind. Die Marktgesellschaft wird damit als Natur abgesichert. Eine Alternative soll nicht einmal mehr gedacht werden können. Diese produzierte Natur verlangt Transparenz. Denn niemand soll sich der verlangten Selbstregulierung entziehen. Diese Natur bleibt vor allem misstrauisch.

"Das Ziel ist die totale Ausforschung von Persönlichkeit und Verhalten, um dann wünschenswerte Strukturen des Charakters erzeugen und steuern zu können[...]"

berichtete Lutz Dammbeck über die Hochbegabten- und Führungs-Experimente des Havard-Psychologen Henry A. Murray aus den 50er-Jahren.

"Ziel [...] ist es, die Teile der Persönlichkeit aufzudecken, die das ‚subject' gern verbergen möchte [...] Schließlich werden die jetzt transparenten Personen mit ihrem eigenen Verhalten konfrontiert, damit sie selbst ihr Verhalten ändern können."

Murray wird eng mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammenarbeiten, um unerwünschtes Verhalten zu kontrollieren. Wenn wir alle in der inzwischen produzierten Transparenz-Gesellschaft sichtbar ausgestellt werden, so wissen wir doch nicht, wer uns beobachtet und unser scheinbar selbst bestimmtes Leben konditioniert. Deshalb nannte Miriam Meckel ihr 2013 erschienenes Buch über unsere dauernde Sichtbarkeit "Wir verschwinden":

"Wie [...] der Generalverdacht die Unschuldsvermutung ersetzt, zeigt der durch Edward Snowden ausgelöste Skandal um die umfassende Datenauswertung durch die Geheimdienste. Im ersten Schritt werden die Daten gesammelt, im zweiten werden sie nach verdächtigen Hinweisen durchforstet. Das war einmal anders. Da brauchte man einen richterlichen Beschluss, um auf Daten zugreifen, zum Beispiel Telefone abhören zu können. Doch in Zeiten von Big Data ändern sich sogar die Grundvoraussetzungen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. In der digitalen Zeit sind die Systemeinstellungen [...] längst auf totale Überwachung [...] gesetzt worden. Das geschieht für die meisten Menschen im Unsichtbaren."

Überwachung durch Drohnen

Dieses nicht transparente Überwachungssystem wird mit tödlicher Konsequenz eingesetzt. Überwachung durch Drohnen gehört in besonders verdächtigen Teilen der Welt inzwischen zum Alltag. Überwacht wird aus Zentralen, Tausende Kilometer vom Einsatzort der Dohnen entfernt. Der Verdacht reicht oft bereits für den tödlichen Einsatz aus. Krieg wird damit zum Alltag, er beginnt und endet nicht und bedarf keiner Kriegserklärung. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman:

"[...] es handelt sich um einen [...] Schritt in dem Bestreben den Krieg so zu führen, dass er [...] möglichst unsichtbar bleibt [...] und sie machen damit das Kriegsführen selbst [...] um so einfacher und natürlich auch verlockender."
Bauman vergleicht diesen Drohnenkrieg mit den begeisterten Facebook-Usern. Die einen fürchten um ihr Leben, wenn sie gesehen werden, die anderen suchen die Transparenz, denn nur wenn sie gesehen werden, werden sie beachtet. Nur dann existieren sie. Wer auf welche Seite gehört, das wird nach der Verwertbarkeit entschieden. Bauman weiter:

"Dieser Gesellschaft anzugehören, ist eine Fron, die nie endende Mühen erfordert. Die Angst davor, sich nicht anpassen zu können, ist von der Angst abgelöst worden, nicht genügen zu können."

Individuelle Selbstvermarktung im Netz

Jeder arbeitet im Netz an seiner "individuellen Selbstvermarktung". Auch die Menschen, die noch von den tödlichen Drohnen bedroht werden, könnten dazugehören, - wenn sie beweisen, dass sie sich dieser Selbstvermarktung unterworfen haben. Aber auch dann bleibt ein allgegenwärtiges Misstrauen. Denn Drohnen können auch in den sogenannten westlichen Gesellschaften eingesetzt werden, wenn nicht mit ihrer jetzigen tödlichen Konsequenz, dann zur permanenten Überwachung, damit alles so bleibt, wie es ist, damit jeder an seiner eigenen Überwachung mitarbeitet und schließlich diese Mitarbeit als Vergnügen empfindet. Nach Innen und nach Außen basiert diese freiwillige und genussvolle Knechtschaft auf dem Ausschluss aller Menschen, von denen angenommen wird, dass sie sich dieser Selbstvermarktung entziehen.

Zygmunt Bauman spricht deshalb von weltweiten Bereichen des "Bann-opticons", in das alle gesperrt bleiben, die den Verwertungskriterien nicht entsprechen. Das Panopticon sollte noch umerziehen, das "Bann-opticon" hält fern und fällt, notfalls, ein Todesurteil. Dieser Zwang und diese Drohung wirken. Wenn wir uns noch nicht selbst eingeordnet haben, so wird uns bei Strafe des dauernden Ausschlusses nichts anderes übrig bleiben.

Die digitalisierte Produktion braucht keine Stechuhr, denn jeder ist selbst verantwortlich für seinen Arbeitseifer, der als Vergnügen empfunden werden soll. Arbeit lässt sich nicht mehr auf Zeiten und Orte beschränken.

Der Philosoph Byung-Chul Han:

"Heute sind wir zwar frei von den Maschinen des Industriezeitalters [...] aber die digitalen Apparate bringen einen neuen Zwang, ein neues Sklaventum hervor. Sie beuten uns [...] noch effizienter aus, als sie aufgrund ihrer Mobilität jeden Ort in einen Arbeitsplatz und jede Zeit in Arbeitszeit verwandeln [...] so können wir der Arbeit nicht mehr entkommen."

Zygmunt Bauman sieht in dieser Arbeitswelt ein weiter entwickeltes Panoptikum, dass jeder für sich selbst baut, um aus dieser "verfleißigten" Welt nicht heraus zu fallen:

"Wie die Schnecke, die ihr Haus immerzu bei sich trägt, so müssen die Beschäftigten in der schönen neuen flüchtig-modernen Welt ihr jeweils persönliches Panoptikum selbst hervorbringen und auf dem eigenen Buckel mit schleppen. Sie sind uneingeschränkt verantwortlich dafür, sich selbst in gebrauchsfähigem Zustand zu erhalten und ihren störungsfreien Betrieb zu gewährleisten (wer sein Mobil- oder Smartphone zu Hause lässt [...] und sich damit der lückenlosen Verfügung [...] entzieht, kann in ernsthafte Schwierigkeiten geraten)."

Wenn die Kritik an der technologisch ermöglichten Transparenz-Gesellschaft darauf hofft, Datenschutz durch verbesserte Technologie zu ermöglichen, dann wird der entscheidende Bezug dieser Technik übersehen. Denn die technischen Möglichkeiten des Netzes werden in einem sozialen und ökonomischen Umfeld eingesetzt und entwickelt, das auf umfassende Verwertung setzt.

Abstrakte Wirklichkeit

Das digitale Netz mathematisiert die Welt. Diese abstrakte Wirklichkeit kann in Börsenkurse und Geldmengen übersetzt werden. Nichts anderes soll mehr existieren. Kein Ausweg? Vielleicht hilft der Blick auf eine Kultur, die nicht der Tradition westlicher Aufklärung entstammt.

Die Kulturwissenschaftlerinnen Christina von Braun und Bettina Mathes untersuchten, was Transparenz in der islamischen Kultur bedeutet. Sie nannten ihre Untersuchung über die Sichtbarkeit und Privatheit im Islam "Verschleierte Wirklichkeit": Die Tradition der westlichen Aufklärung basiert auf der Abstraktheit des Geldes. Alles wird entschleiert, um alles dieser Abstraktheit zu unterwerfen:

"Die Erbschaft des Okzidents besteht in der Macht des Symbols, das eine Loslösung vom Leiblichen sowie die Inkarnation des Abstrakten einfordert Der Orient hat sich der ‚Mathematisierbarkeit der Welt' verweigert: der Übertragung der Zahl in die Sinnlichkeit selbst [...] Das Kopftuch macht unsichtbar, aber es hat etwas zu verbergen, einen ‚wirklichen' Frauenkörper. Das substanzlose Geld hingegen bedient sich des Frauenkörpers, um zu verbergen, dass es nichts ist als ein Zeichen: ein Symbol, an das zu ‚glauben' gilt."

Auch die im Netz produzierte Transparenzgesellschaft macht nicht sichtbar, sondern abstrahiert und macht alles und jedes zum bloßen Zeichen. Unsichtbarkeit gegenüber der verwirklichten umfassenden Verwertungslogik würde dagegen die Wiedergewinnung eines wirklichen Lebens bedeuten. Aber wie machen wir uns unsichtbar? Auch die islamischen Kulturen sind der Verwertungslogik unterworfen. Trotzdem: Nicht das Netz ist das Problem, sondern der Glaube, dieses Netz sei mehr als ein bloßes Instrument. Der Zögling in Rousseaus Erziehungsroman "Émile" sieht deshalb die Natur, wie er sie sehen soll, weil er die Tricks des Pädagogen nicht durchschaut. Wir stehen im Bann einer konstruierten Wirklichkeit, die wir als einzig mögliche Realität wahrnehmen sollen.

Enzensberger Regeln für den Umgang mit dem digitalen System

Ende Februar 2014 veröffentlichte der Schriftsteller und Essayist Hans Magnus Enzensberger in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zehn Regeln für den Umgang mit den "digitalen Nachstellungen von Geheimdiensten und Unternehmen", wie die Zeitung formulierte. Die erste Regel beginnt mit den Sätzen:

"Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist."

Und in der zehnten Regel empfiehlt Enzensberger:

"Netzwerke wie Facebook nennen sich ‚sozial', obwohl sie ihren Ehrgeiz daransetzen, ihre Kundschaft so asozial wie möglich zu behandeln. Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen. Wer bereits das Unglück hat, einem solchen Unternehmen anzugehören, der ergreife so schnell wie möglich die Flucht."

Enzensberger gibt zu, dass mit solchen "simplen Maßregeln", wie er selbst schreibt, das Problem nicht zu lösen sei. Er geht erst recht nicht davon aus, dass technische Vorrichtungen Ausspähung und Kontrolle stoppen könnten. Ein soziales Verhalten in den Netzwerken hält er nicht für möglich. Enzensberger fordert deshalb politische Lösungen. Er diskutiert aber nicht, wie Politik sich gegen den Markt durchsetzen soll.

Die Netzgesellschaft hat eine Natur des Marktes produziert, die keinen Ausstieg innerhalb der Logik dieses Marktes zulässt. Niemand wird auf Profite oder Arbeitsplätze verzichten. Wir alle sind bereits innerhalb der geforderten alltäglichen Selbstoptimierung gefangen. Anlässlich der Leipziger Buchmesse im März 2014 wurde über die verlegerischen Absichten des Versandhändlers Amazon berichtet. Die Kundendaten, die ermittelten Kaufinteressen oder das über E-Books ausgeforschte Leseverhalten könnten Informationen für die zukünftigen Bestseller liefern. Der Verlag Amazon würde seine Autoren unmittelbar darüber aufklären können, welche Bücher auf dem Markt ankommen und deshalb geschrieben werden müssten. Solche Technik übermittelt unmittelbar die Wünsche des Marktes nach einem möglichst hohen Profit. Vorschläge gegen die gefürchtete Allmacht des Netzes müssten sich deshalb vor allem gegen diese Profitgesellschaft richten und nicht allein gegen die technischen Mittel der Ausspähung.

Da wir bereits Teil dieser produzierten Natur sind, würden sich diese Vorschläge aber auch gegen uns selbst richten. Das von Enzensberger empfohlene Wegwerfen eines Handys ist nur gut gemeint. Denn die verlangte allgemeine Selbstregulierung lässt kein Außen mehr zu. Die Netzgesellschaft erscheint als ein Endpunkt, Zukunft nur noch als technische Perfektion. Genau dieser hoffnungslose Eindruck aber ist das Ergebnis dieser perfektionierten Welt. Alles erscheint transparent und gleichzeitig im wörtlichen Sinne aussichtslos.

Zygmunt Bauman sieht genau darin wiederum ein Mittel, das alles so bleibt, wie es ist:

"Die Kluft zwischen den überwältigenden ‚Sach'-Zwängen und den kargen Mitteln zu ihrer Abwehr muss das Gefühl der Ohnmacht immer weiter nähren [...] Allerdings muss die Kluft selbst keineswegs immer weiter bestehen: Sie erscheint nur deshalb unüberbrückbar, weil uns die Zukunft als unausweichliche Fortsetzung der gegenwärtigen Trends dargestellt wird [...]"

Nach dem 11. September 2001 suchte Bauman Auswege aus dem allgemeinen Sicherheits- und Beobachtungswahn, jenseits der Versprechungen perfektionierter Technologie. Diese Auswege erscheinen in der gegenwärtigen Debatte als fremd und überschreiten unsere vorgeschriebenen Denkmuster.

"Aus [...] Verantwortung für den Anderen entstehen Frieden und Wohlstand, Freiheit und Sicherheit [...] Es ist dies eine Stadt, deren Tore sich niemals schließen. Sie ist ein Ort der Integration und des Vertrauens. Und ihr Licht muss schließlich alles vertreiben, was heute im Dunkeln geschieht."

Die Aufklärung der Transparenzgesellschaft produziert eine Dunkelheit, in der nur noch bewertet und kontrolliert wird. Wirkliche Aufklärung aber besteht in der Anerkennung des Anderen. Erst dann könnten wir sehen.

Unrealistisch? Genau, darum geht es.

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