• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteLyrixAugust 2014: In die Fremde01.08.2014

August 2014: In die Fremde

Im August besucht »lyrix« die Sonderausstellung "Von Istanbul bis Yokohama" im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln. Zu ausgewählten historischen Fotografien haben wir ein Gedicht von der Lyrikerin Birgit Kreipe ausgewählt.

(Museum für Ostasiatische Kunst)
Scowen & Co: Eingang zum buddhistischen Tempel in Kandy, ca. 1876, Albuminabzug, 224 x 280 mm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, P 551 (Museum für Ostasiatische Kunst)

Im August zieht es »lyrix« "in die Fremde": Die Sonderausstellung "Von Istanbul bis Yokohama: Die Reise der Kamera nach Asien 1839-1900" zeigt 350 seltene historische Fotografien, die die ursprünglichen Reiserouten der ersten Globetrotter und Touristen nach Asien lebendig werden lassen. Die Ausstellung führt den Betrachter von den Sehenswürdigkeiten des Vorderen Orients bis in die Länder Ostasiens und gibt einen guten Eindruck von der damals stark romantisierten europäischen Sicht auf die asiatische Kultur wieder.

Das Foto von der mit Temari-Bällen jonglierenden Frau ist in zarten, rosa Pastelltönen koloriert. Es bildet einen Augenblick ab, keinesfalls ein typisches Alltagsleben.

(Museum für Ostasiatische Kunst)Unbekannt: Mit Temari-Bällen jonglierende Frau, ca. 1890er Jahre, Albuminabzug, handkoloriert, 266 x 206 mm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, P 132 (Museum für Ostasiatische Kunst)

Die andere Fotografie bildet Schiffe ab - sie befinden sich im Hafen der Industriestadt Kalkutta. Hier findet Austausch statt: Waren aus fernen Ländern treffen ein, Schiffe und Menschen treten ihre Reise in andere Kontinente an. Aus der Aufnahme spricht eine Lebhaftigkeit und zugleich eine stille Romantik, die im Betrachter eine unbestimmbare Nostalgie auslöst. 

 

(Museum für Ostasiatische Kunst)Unbekannt: Kalkutta, ca. 1860er-1870er Jahre, Albuminabzug, 210 x 285 mm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, P 390 (Museum für Ostasiatische Kunst) 

Mit der Entdeckung der Fotografie zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekam das Reisen eine ganz neue Bedeutung: Momente konnten nicht nur gemalt oder gezeichnet werden -  der Kontakt zu "fremden Kulturen" wurde für die Menschen zu Hause und die Nachwelt sehr authentisch festgehalten. Somit waren die ersten Reisenden mit Kamera auch so etwas wie ethnologische "Kundschafter".

Heute sind nahezu alle Regionen der Erde erforscht und auch wenn wohl nur wenige von euch schon einmal in Asien oder im Nahen Osten waren, haben wir doch viele Bilder von Städten, Landschaften und Menschen vor unserem inneren Auge. Gibt es für uns heutzutage überhaupt noch etwas "Fremdes", unbekannte Länder und Kulturen? Die Medien und das Internet liefern uns zu jedem noch so fernen Thema Bilder und Informationen auf Knopfdruck. Und selbst die größte räumliche Distanz ist durch soziale Netzwerke und Videochat binnen weniger Sekunden überwindbar. 

Auch in dem Gedicht von Birgit Kreipe finden wir Eindrücke eines Reisenden: hier sind es keine Fotos, sondern "nachrichten von überall". Wir erfahren nicht, wo genau sich das lyrische Ich befindet, anscheinend in einem 'gestörten' Urlaubsparadies ("versteinerte sonnenuntergänge"). Vermeintliche Idylle ("das meer wirft muscheln aus") trifft auf harte Realität ("überall flüchtlinge").

 

nachrichten von überall

ich wollte längst schreiben.
aber nachts geht etwas umher
und begräbt postkarten unter sich.

hier ist es wie immer.
das meer wirft muscheln aus
versteinerte sonnenuntergänge.

farben wiederholen sich in der stadt.
in den rötlichen überwürfen der vögel
den insektenflügeln, ballons. es könnte schön sein. ich ...

die generäle sind tot. ihre vision existiert nicht mehr.
in den schaukästen der museen schmauchspuren.
das imperium flackert noch

klein wie eine website, wird es von drachen bewacht
auch sie elektrisch, die schuppen kacheln, nach oben hin
dunkler, oder blüten. oder strandkiesel. oder wasser. ich ...

überall flüchtlinge. ihre notkirchen pappkartons
versetzt und verschoben, bis die schriftzüge
nicht mehr profan sind. sonnenlicht klebt wie fruchtfleisch

und der lärm wäre tödlich, wenn nicht urlaub wäre.
er kommt vom meer. 100 schaumweiße kathedralen
baut es auf, pro atemzug, und verwirft sie wieder.

meine unzulänglichkeit schmerzt mich.
wenn ich könnte, würde ich euch orchideen schicken
die wachsen hier wild.

all meine kronen habe ich wieder verloren.
ach so: im traum habt ihr mir einen neuen laptop geschenkt.
dafür danke ich euch.

(aus: Birgit Kreipe, schönheitsfarm, Verlagshaus J. Frank 2012)

Hier geht es zur Autorenseite von Birgit Kreipe

 

Wie seht ihr es? Ist das Fremde für euch ein weit entferntes Land? Oder ein exotisches Gericht auf einer Speisekarte? Bei welchen Anlässen zieht es euch in die Ferne und wohin? Jetzt seid ihr gefragt:

Wir freuen uns auf eure Gedichte! 

 

Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage.
Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.

 

(Foto: Ludwig Rauch)Birgit Kreipe (Foto: Ludwig Rauch)Birgit Kreipe, geb. in Hildesheim. Kindheit und Jugend auf dem Land. Studium der Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen, lebt in Berlin. Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in erostepost, ostragehege, randnummer, lichtungen, zeitzoo; mit Catherine Hales in "no man's land", "washington square"; sowie in: "Die Schönheit ein deutliches Rauschen". "Ostseegedichte" und "Schneegedichte". Hrsg. von Ron Winkler, und im Jahrbuch Lyrik 2011, 2013). Im Juni 2010 erschien "wenn ich wind sage, seid ihr weg", Verlag im Proberaum, Klingenberg. Im Frühjahr 2012 erschien "schönheitsfarm" im Verlagshaus J. Frank, Berlin.

   

 

Außenansicht des Ludwigsburg Museum (© Foto: Rainer Gärtner, Köln)Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Außenaufnahme vom Aachener Weiher aus. (© Foto: Rainer Gärtner, Köln)Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln wurde im Jahr 1913 als erstes Spezialmuseum für die Kunst Ostasiens in Deutschland eröffnet. Mit buddhistischer Malerei und Holzskulpturen, Stellschirmmalereien, Farbholzschnitten und Lackkunst, chinesischen Sakralbronzen, Frühkeramik sowie Steinzeug und Porzellan, Objekten der japanischen Schreibkunst und klassischen chinesischen Möbeln, ist das Museum ein Schatzhaus für die Kunst Chinas, Koreas und Japans.

 

 

 Die Unterrichtsmaterialien für August zum Download!

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk