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StartseiteBüchermarktVon der sanften Heilkraft des Alltags17.08.2015

Banana Yoshimoto: Moshi MoshiVon der sanften Heilkraft des Alltags

Wie übersteht man die Trauer über einen überraschenden Todesfall in der Familie? Mit heilsamer Alltagstherapie versuchen es die Protagonistinnen in Banana Yoshimotos Roman "Moshi Moshi". Die Autorin spielt darin lässig mit uralten buddhistischen Traditionen - am Schluss bleibt jedoch ein fader Geschmack zurück.

Von Michaela Schmitz

Autoverkehr abends in der Einkaufsstraße Ginza in Tokio (dpa/picture alliance/Matthias Tödt)
Autoverkehr abends in der Einkaufsstraße Ginza in Tokio (dpa/picture alliance/Matthias Tödt)

Welche Anmut in der diskreten Schönheit alltäglicher Verrichtungen liegt, wird in den Filmen des japanischen Kultregisseurs Yasujirō Ozu mit Sinnen greifbar. Eine einfache buddhistische Lebensweisheit, die der Meister des stillen Kamerablicks in spannungsgeladener Ruhe erzählt. Brennpunkt seiner leisen Familiengeschichten ist oft der Tod eines nahen Familienmitglieds. Viele spielen in Ozus Heimatstadt Tokio.

Auch Banana Yoshimotos Buch "Moshi Moshi" spielt in ihrer Heimatstadt Tokio. Genauer gesagt im Bohème-Viertel Shimokitazawa. Auch ihr modernes japanisches Großstadtmärchen ist eine Familiengeschichte rund um den Tod eines nahen Angehörigen. Und eine Erzählung über die sanfte Heilkraft des Alltags. Yoshie, genannt Yotchan, ist Anfang zwanzig, als ihr Vater sich zusammen mit einer völlig unbekannten Frau im Wald der Präfektur Ibaraki das Leben nimmt. Sein gewaltsamer Tod ist für sie und ihre Mutter unbegreifbar. Außerdem treibt sie die Angst um, dass ihr Vater auch im Totenreich nicht zur Ruhe kommt. Im Hochhausappartement der Eltern im Stadtteil Meguro bleibt der Geist ihres Vaters für sie überall spürbar. Auch, als Yotchan längst in den Stadtteil Shimokitazawa umgezogen ist, suchen sie immer wieder Träume an ihren Vater heim:

"'Hallo? Hallo?'- Mitten in der Nacht war ich am Telefon. Ich befand mich in meinem Zimmer in Meguro. Immer wieder rief ich verzweifelt in die Muschel. Wenn ich mit Vater sprechen könnte, würde alles wieder gut werden, dachte ich."

In Shimokitazawa lebt Yotchan in einem alten Haus über einem Secondhandladen an der Chazawa-Straße. Die einfache, etwas in die Jahre gekommene Wohnung ist ihre Rettungsinsel. Die Arbeit als Kellnerin im Bistro "Les Liens" direkt gegenüber wird für sie zur Überlebenshilfe. Die täglichen einfachen Arbeiten im Restaurant, das Essen zubereiten, Servieren, Aufräumen und Abspülen, sind für Yotchan Rituale einer heilsamen Alltagstherapie.

Geisterbeschwörung am Sterbeort

Bis ihre Mutter an die Tür klopft. Sie will bei Yotchan wohnen. In ihrer alten Wohnung in Meguro lässt auch sie der Geist des Vaters nicht los. Erst widerwillig, später dankbar lässt Yotchan sich auf die Wohngemeinschaft ein. Es sind alltägliche Dinge, vor allem aber das gemeinsame Essen gehen oder selbst zubereiten, über das Mutter und Tochter ins Leben zurück finden. Die besondere Art zu essen ist es auch, die Yotchan auf einen Gast im Bistro aufmerksam werden lässt. Er heißt Aratani.

"Ich hatte das Gefühl, einen Meister bei der Teezeremonie zu betrachten. Jede Bewegung war von äußerster Sparsamkeit und ging harmonisch in die nächste über, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Trotzdem spürte man, dass er mit Leidenschaft bei der Sache war."

Der attraktive Aratani gefällt ihr. Zufall oder Schicksal: Er kennt ihren Vater aus seinem Klub in Shinjuku. Der populäre Band-Keyboarder Imo hatte oft dort gespielt. Doch zu einer Beziehung mit Aratani ist Yotchan noch nicht bereit. Aratani rät ihr zu einer Geisterbeschwörung am Sterbeort ihres Vaters. Nach schintoistischer Vorstellung, muss man nach dem Tod der Verwandten aktiv dafür sorgen, dass die Toten den Weg ins Jenseits finden und dort befriedet werden. Sonst irrt die Totenseele ziellos im Diesseits umher und stiftet als Gespenst Unfrieden. Doch Yotchan kann sich erst dazu entschließen, als sie erfährt, dass das Bistro schließen muss. Das alte Gebäude soll abgerissen werden. Mit Yamazaki, einem Freund und früheren Band-Mitglied ihres Vaters, fährt sie für die Zeremonie nach Ibaraki. Yotchan fühlt sich befreit. Und verliebt sich spontan in den deutlich älteren Yamazaki vom Typ Inspektor Columbo. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht von ihm wegzugehen, fällt ihr schwer. Genauso wie der Abschied von ihrem Bistro:

"Wie immer berührte ich kurz den Stamm der Zierkirsche genau neben dem Bistro (...). Wenn dieser Kirschbaum im Frühling voll erblüht ist, fällt ein rosa Schein auf die grüne Wand des Restaurants, und auf einmal ist die ganze Umgebung in eine ganz andere, zarte Stimmung getaucht. Die vorbeigehenden Passanten schauen hoch zur Baumkrone, und dann strahlen sie auf einmal wie verzückte Kinozuschauer (...)"

Auf der Suche nach einem "Buddhismus light"

Doch Yotchan wagt einen Neubeginn. Sie will mit Michiyo, der Besitzerin von "Les Liens", für drei Monate nach Paris gehen, um nach ihrer Rückkehr in einem neuen Bistro von ihr zu arbeiten. Kurz vor ihrer Abfahrt wird Yotchan bewusst: Erst in Shimokitazawa mit seinen unüberschaubaren verwinkelten Gassen und Kramläden und im "Les Liens" hat sie gelernt, dass jeder mit jedem verbunden ist und alles mit allem zusammenhängt. Nicht zufällig steht "Les Liens" im Französischen für "Verbindungen", "Verknüpfungen", "Beziehungen". Jetzt begreift Yotchan die schintoistische Lebensphilosophie, nach der nicht nur Menschen, sondern auch Orte und Dinge beseelt sind. Sie versteht: Das Alltägliche ist das eigentliche Wunder. Für Yotchan der entscheidende Schritt zum Loslassen des Vaters, zu spiritueller Selbstreinigung und zum Erwachsen werden.

Banana Yoshimoto spielt in ihrem modernen japanischen Entwicklungsroman "Moshi Moshi" lässig mit uralten buddhistischen Traditionen. Die Autorin trifft damit offenbar das Bedürfnis vieler junger japanischer Großstadt-Bohèmiens. Im hektischen Tokioter Alltag suchen sie nach einer Art "Buddhismus light", einer esoterischen Fast-Food-Religion. Westeuropäern bleibt nach Yoshimotos Cocktail aus kulinarischem Lifestyle und ostasiatischen Lebensweisheiten ein zwar oft exotisch überraschender, meist jedoch eher fader Geschmack.

Banana Yoshimoto: Moshi Moshi. Aus dem Japanischen übersetzt von Matthias Pfeifer.
Diogenes Verlag 2015. 304 Seiten, 21,90 Euro.

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