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StartseiteBüchermarktImmer mit dem Finger in die Wunde30.01.2014

Ben Marcus: "An Land gehen"Immer mit dem Finger in die Wunde

Alle Erzählungen im Band "An Land gehen" von US-Autor Ben Marcus sind von einer niederschmetternden Wucht und gehen stets ans Limit. Er schafft es, die Verzweiflung seiner Protagonisten mit unfassbar reichen sprachlichen Möglichkeiten zu erzählen.

Von Brigitte Neumann

In der finsteren Welt von "Méto" hat es einen Weltkrieg mit biologischen Waffen gegeben. (dpa / Oliver Berg)
Das Leben ist für die Protagonisten von Ben Marcus düster und qualvoll. (dpa / Oliver Berg)
Weiterführende Information

Kein schöner Land (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 31.10.2013)

Wenn Sprache krank macht (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 30.08.2012)

Diese Kurzgeschichten sind das, was Kafka von guter Literatur fordert: Sie soll beißen und stechen, uns mit einem Faustschlag auf den Schädel wecken, sie soll uns wie ein Unglück heimsuchen, wie der Tod, sie soll "die Axt für das gefrorene Meer in uns" sein. Ben Marcus schreibt genau so. Er zielt auf wunde Punkte und trifft immer ins Schwarze. Denn seine Geschichten sind unverdünnt düster.

Sie handeln von Leuten, denen man lieber nicht begegnen möchte. Von Pedanten, die Wahrscheinlichkeitsrechnungen über das Eintreffen des Todes anstellen; von Menschen, die in einem seitenlangen Satz und in Zeitlupe zu Boden gehen; von  Psychopathen, die jeden Handgriff, jeden Blick, jede Tasse Kaffee genau terminieren; von einem dicken Creative Writing Professor, der sich seinen stupiden Studenten ausgeliefert fühlt.

Ben Marcus unterrichtet zwar seit 20 Jahren Creative Writing an der Columbia University, ist aber groß, hager und – wie es heißt – als Dozent sehr beliebt, obwohl er skeptisch ist, was die Aussichten in der Schriftstellerei angeht.

"Ich bin immer wieder verblüfft, dass es überhaupt jemanden gibt, der das tun möchte. Denn wir müssen uns fragen: Wo sind die Leser für all das Geschriebene?"

Mit seinen beiden ersten, bislang noch nicht übersetzten Büchern "The Age of Wire and String" und "Notable American Women" hat sich der 46-Jährige einen Ruf als genialer experimenteller Prosaautor erschrieben. Noch mit dem letztes Jahr auch auf deutsch erschienenen Roman "Flammenalphabet" über das Ende der Sprache blieb Ben Marcus ein "authors author", also einer, den vor allen Dingen Schriftsteller lieben. Das könnte sich nun ändern.

Selbsthass und totale Isolation

Erzähltechnisch gesehen öffnet sich der Autor mit seiner Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel "An Land gehen" für ein größeres Publikum. Inhaltlich gesehen kennt er weiterhin keine Gnade: Seine Figuren leiden unter einem meist bis ins Groteske gesteigerten Selbsthass, viele unter totaler Isolation und Selbstbezogenheit, ihr schwarzer Humor geht meist auf eigene Kosten. Allen gemeinsam ist, dass sie keinen Schimmer davon haben, dass es ein Genuss sein könnte, auf der Welt zu sein. Wieso schreibt Ben Marcus nicht auch über diesen Aspekt unserer Existenz, schließlich gibt es ihn doch?

"Ich will einfach nicht. Ich find es nicht interessant. Es ist fast Abscheu. Glück ist gewissermaßen eine Gegebenheit. Ich meine, dass es etwas extrem Aufbauendes, Urkomisches und Erlösendes in der dunkelsten Literatur gibt. Eine Ehrlichkeit in der Schonungslosigkeit, die mich glücklich macht. Denn es fühlt sich nicht an, als würde ich ausweichen müssen oder mich verstecken."

"Misery is enjoyable", hat A.L. Kennedy mal geschrieben, deren Kurz-Geschichten häufig davon handeln, wie Leute ihr Elend als Heimat empfinden, weil eine andere nicht mehr erreichbar scheint. Ben Marcus beschreibt ebenfalls eine Misere, seine Figuren und er scheinen aber etwas anderes darin zu finden, nämlich die Genugtuung, einer allgewaltigen Banalisierungsmaschinerie zu entkommen. Er schreibt über Leben als Leiden. In seiner Kurzgeschichte "Erste Liebe" heißt es:

"In Wirklichkeit ist jeder Menschenkörper die Ankündigung eines bevorstehenden Verschwindens."

Schrot für die Verwandtschaft

Alle seine Erzählungen sind von einer niederschmetternden Wucht, auch die mit dem Titel "Was hast du getan?". Paul besucht seine Familie nach langer Zeit. Er ist dick. Er schwitzt. Er will den Moment des Wiedersehens hinausschieben. Aber Vater, Mutter und die Schwester holen ihn schon am Flughafen ab:

 "Nun standen sie da, zu einem Klumpatsch zusammengepresst, dass es nur eine Schrotladung gebraucht hätte, alle drei mit einem einzigen Schuss niederzustrecken."

Warum dieser Hass? Weil wir es nicht erfahren, fahnden wir in jedem Satz nach Hinweisen. Paul scheint um einiges gewitzter und wacher zu sein als der Rest der Familie. Ist es das, was ihn zum Außenseiter macht? Seine Schwester, die Mutter, der Vater, die ganze Verwandtschaft begegnen ihm mit Argwohn, eigentlich so, als sei er eine Zeitbombe, die jederzeit hochgehen könnte. Er hat Angst vor ihnen. Sie vor ihm.

"Diese Leute hier müssten sterben, damit Paul frei sein könnte. Was Unsinn war, wie er wusste. Es war Paul, der sterben müsste."

Aber dann stirbt Paul nicht, sondern reist einfach ab. Ben Marcus über "Was hast du getan?" und seine Strategie beim Schreiben:

"Es ist nicht notwendig, interessant oder unterhaltend, die ganzen Informationen, die man als Autor über eine Figur hat, auch niederzuschreiben. Ich denke eher darüber nach, was ausgelassen werden kann. Geheimnisse in einer Geschichte sind wichtig, denn um das Rätsel zu lösen, tut der Leser einen Teil der Arbeit. Sie kurbeln seine Vorstellung an. Eine Lücke zu lassen und nicht zu wissen, was das wohl für eine schreckliche Sache gewesen war, zwingt ihn in die Story hinein. Er fühlt sich beklommener und nimmt Anteil."

Der Mensch als sprechendes Tier

Nach diesem Muster funktioniert auch die Geschichte "Das Treueprotokoll" über eine Evakuierung, deren Hintergrund im Dunkeln bleibt. Vielleicht ist eine Epidemie ausgebrochen? Ein Trupp sportlicher und perfekt organisierter junger Leute hat jedenfalls das Kommando übernommen. Es geht um den reibungslosen Ablauf der Aktion. Menschen werden zu Sachen, Gefühle sind im Weg. "Das Treueprotokoll" ist eine Studie über den plötzlichen Einbruch des Faschismus. Und sie erinnert an Ben Marcus‘ brillanten Roman "Das Flammenalphabet". Auch da übernehmen private Milizen die Herrschaft. Nur trifft das tödliche Sprachfieber unterschiedslos alle und macht sie wieder gleich. Die Menschen sterben, wenn sie reden, wenn sie zuhören, wenn sie schreiben, wenn sie lesen. Der in Deutschland 2012 erschienene Roman handelt von Macht und Ohnmacht der Sprache.

"Ich denke, dass wir ein inneres Leben haben, das die Sprache nicht wirklich erreichen kann. Und es braucht übergeschnappte Schriftsteller, die mit ihren Fähigkeiten versuchen, in diese Gebiete vorzudringen. Sprache, jedenfalls für mich, ist ein unglaublich gutes Werkzeug, um etwas auszugraben und zutage zu fördern und immer wieder Sinnbilder und Symbole dafür zu finden, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein."

Der Mensch ist ein sprechendes Tier, sagt Ben Marcus. Und wir leben in einem Zeitalter der Kommunikation. Aber ausgerechnet da lässt der Autor die Sprache giftig werden. Wie passt das zusammen?

"Also für mich war das Projekt, ein Buch über die Macht der Sprache zu schreiben, sehr interessant. Und zwar, indem ich es bis ins Extrem trieb, indem ich den Regler einfach ganz aufzog. Denn ich konnte es mir nicht vorstellen. Ich lebe und atme, um zu lesen, zu schreiben und zu sprechen und zu denken. Leben ohne Sprache, das stelle ich mir als ein sehr, sehr schreckliches Problem vor. Und deshalb ist das vielleicht auch ein interessanter Roman. Denn ich mag Romane, die von schrecklichen Problemen handeln."

Eine neue Klasse von Einsamkeit

Ben Marcus, Sohn eines jüdischen Mathematikers und einer irischen Buchkritikerin, ist für einen klaren Blick auf die Hölle unserer Existenz. Diese Chuzpe haben derzeit wenige Schriftsteller. Aber bei Ben Marcus stellen Schwache, Entgleiste, Hässliche das Gros der Protagonisten. Viele von ihnen sind dick wie Paul. Und auch wenn sie es nicht sind, sie wirken allesamt wie Brüder.

"Oh Gott, ich hoffe nicht. Das wäre dann eine grauenvolle Familie. Vielleicht sind sie alle nur Spielarten der gleichen Person. Vielleicht wollte ich zu sehr herausstreichen, wie verletzlich sie sind. Oder zeigen, wie fremd sie sich anderen Menschen gegenüber fühlen und sich selbst gegenüber auch. Wie unbehaglich in ihrer eigenen Haut. Weil ich mich selbst auch manchmal unbehaglich mit mir fühle. Um die Geschichte nicht als die von mir zu erzählen, ändere ich einige Dinge, aber das Gefühl ist immer noch das gleiche."

Das Gefühl ist doch immer das Gleiche, ja. Und seltsamerweise erzeugt diese von Ben Marcus beschriebene, furchtbare Welt durchhängender Fettsäcke, bleicher Hyperallergiker und gottverlassener Dauermasturbatoren beim Lesen manchmal Heiterkeit. Trotzdem: Seine Geschichten gehen stets ans Limit. Denn hier hat einer genau die richtigen Worte gefunden zur Beschreibung einer neuen Klasse von Einsamkeit, Worte für das kleine, versteckte Unglück, das überall in den Ecken und Winkeln gärt, Worte für ein zeittypisches Gefühl der Verameisung und des Verlorengehens.

Ben Marcus ist ein Schriftsteller mit unfassbar reichen sprachlichen Möglichkeiten, der die Verzweiflung seiner Figuren mit Worten zusammenschießt und dann als Kadaver-Feuerwerk an den Himmel nagelt. Das hat Wut, Wucht und Klarheit. Sein Kurzgeschichtenband "An Land gehen" strahlt eine im Wortsinn unheimliche Kraft  aus. 

 

Ben Marcus: "An Land gehen. Erzählungen"Aus dem amerikanischen Englisch von Gerhard Henschel und Thomas Melle. Hoffmann und Campe Verlag, 400 Seiten, 22,99 Euro

 

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