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StartseiteInterviewBergdolt: Hohe Insolvenzmasse bedeutet hohes Honorar26.11.2012

Bergdolt: Hohe Insolvenzmasse bedeutet hohes Honorar

Millionenvergütung für Lehman-Insolvenzverwalter

Das Honorar des Lehman-Insolvenzverwalters, Michael Frege, richte sich nach der Insolvenzmasse von 15 Milliarden Euro, sagt Daniela Bergdolt. Die Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ergänzt, dass er von seinem Honorar auch sehr viele Anwälte und Experten bezahlen müsse.

Friedbert Meurer im Gespräch mit Daniela Bergdolt

Ein Firmenschild der ehemaligen Lehman Brothers Bank (AP)
Ein Firmenschild der ehemaligen Lehman Brothers Bank (AP)

Friedbert Meurer: Vor vier Jahren ging die US-amerikanische Lehman-Bank Pleite. Die allermeisten Deutschen hatten bis dato noch nie etwas von dieser Bank gehört. Aber was dann folgte, war ein Tsunami in der Finanzwelt. Banken standen weltweit am Abgrund, ganze Staaten gerieten ins Schlingern, bis hin zu Griechenland heute. Die Pleite der Lehman-Bank hat darüber hinaus auch Tausende Sparer in Deutschland um ihr Geld gebracht, denen man zuvor gesagt hatte, Lehman-Papiere, die sind absolut sicher. Das Kapitel Lehman-Bank ist längst nicht geschlossen: Es gibt alleine für den deutschen Zweig von Lehman offenbar eine Insolvenzmasse von 15 Milliarden Euro. Und um diese Riesensumme gibt es ein Hauen und Stechen. US-Hedgefonds haben gezockt und Lehman-Papiere gekauft, als Lehman schon pleite war, und sie wollen jetzt Kasse machen. Und der Insolvenzverwalter steht im Zwielicht: Michael Frege und seine Kanzlei sollen einem Gutachten zufolge mit einem Honorar von bis zu sage und schreibe 800 Millionen Euro rechnen können. - Am Telefon Daniela Bergdolt, sie ist die Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Guten Morgen, Frau Bergdolt.

Daniela Bergdolt: Guten Morgen!

Meurer: Bis zu 800 Millionen Euro Honorar für den Insolvenzverwalter - gibt es irgendeine Rechtfertigung dafür?

Bergdolt: Ja, natürlich! Die Rechtfertigung ist eine gesetzliche: Es richtet sich nach den Gesetzen für einen Insolvenzverwalter. Da ist Maßgabe die Insolvenzmasse, insbesondere was er aus der Insolvenz herausgeholt hat, also wie erfolgreich er war in dem Eintreiben von Forderungen. Und da war der Insolvenzverwalter der Lehman-Bank - das muss man ganz klar sagen, das hat nichts mit den Zertifikaten zu tun für unsere Anleger aus Deutschland - sehr erfolgreich. Er hat eine sehr hohe Quote herausgeholt, und danach richtet sich sein Honorar.

Meurer: Finden Sie diese Irrsinnssumme in Ordnung?

Bergdolt: Sie klingt halt absolut zu hoch. Ich möchte ihn jetzt nicht in Schutz nehmen, aber man muss schon wissen: Er hat wirklich sehr viele Anwälte und Experten beschäftigt, damit er diese Forderungen überhaupt alle eintreiben kann, damit er sie überhaupt findet, damit er sie realisieren kann. Und 800 Millionen bleiben jetzt nicht bei dem Insolvenzverwalter. Er muss davon sehr viele Anwälte, Experten bezahlen. Und das Honorar richtet sich halt einfach nach der Insolvenzmasse. Eine hohe Insolvenzmasse bedeutet einfach auch ein hohes Honorar.

Meurer: Die Kanzlei sagt, Frau Bergdolt, wir haben alleine 100 Juristen extern zu bezahlen mit 720.000 Anwaltsstunden. Wenn man das mal nach Adam Riese ausrechnet, dann heißt das, diese 100 Juristen, haben die vier Jahre lang nichts anderes gemacht, als jeden Tag acht Stunden lang in dieser Sache zu arbeiten? 100 Juristen vier Jahre lang, ist das möglich?

Bergdolt: Klingt nach viel, aber es war die größte Pleite der Welt, die wir je erlebt haben, und da musste schon ordentlich gearbeitet werden. Und noch mal: Dieser Insolvenzverwalter war sehr erfolgreich.

Meurer: Wie hat er das eigentlich geschafft?

Bergdolt: Ja wahrscheinlich mit den vielen Leuten. Er hat halt einfach die Forderungen eintreiben können, er hat eine sehr gute Quote herausgebracht, und das ist letztlich das, warum auch sein Honorar so hoch ist.

Meurer: Wie viel wird denn von den 800 Millionen Euro, wenn es denn so viel sind - das steht nicht fest -, wie viel wird er denn tatsächlich bekommen, wie viel geht an externe Personen?

Bergdolt: Das kann ich von außen her nicht sagen. Sie haben jetzt gehört: Er hat 100 Anwälte beschäftigt und Experten, also da bleibt sicherlich ein guter Teil bei ihm. Aber er hat natürlich auch selbst einen Riesenapparat zu tragen.

Meurer: An wen geht jetzt dieses Geld? Also nicht das Honorar, darüber haben wir geredet. 15 Milliarden Euro Insolvenzmasse, wer kriegt diese 15 Milliarden?

Bergdolt: Ja die Insolvenzgläubiger. Das wird verteilt nach entsprechenden Schlüsseln. Das kommt natürlich darauf an, wie wer Zugriff auf die Insolvenzmasse hat. Die Eigentümer sind immer die allerletzten, die bekommen den Rest. Die Gläubiger in verschiedenen Stufen bekommen mehr, die werden als Erstes bedient. Dann geht das in Stufen nach unten. Und Sie sprechen vielleicht jetzt die Hedgefonds an: Die haben natürlich jetzt Papier gekauft, Anleihen, und hoffen, dass diese noch höher bedient werden. Aber da muss man ganz klar sagen: Wer Anleihen eines insolventen Unternehmens kauft, der zockt und der hat halt auch das Risiko, dass er sich verzockt.

Meurer: Zu dieser Zockerei: Hedgefonds haben nach der Pleite, als alle gesagt haben, bloß keine Lehman-Papiere kaufen, Lehman-Papiere gekauft, spekulieren jetzt auf die Situation, die eingetreten ist. Warum sagt man eigentlich nicht, wer nach der Pleite Papiere kauft, der geht leer aus bei einer Insolvenz?

Bergdolt: Das könnte man so aufnehmen, dazu müsste man aber das Gesetz ändern. Im Moment ist es einfach so, dass diese Papiere weiter gehandelt werden, auch nach einer Insolvenz. Der Preis fällt natürlich entweder auf fast null, oder sehr weit nach unten, und dementsprechend ist das halt schlicht eine ganz große Zockerei. Wer ein Papier eines insolventen Unternehmens kauft, das dort vielleicht noch mit einem Prozent gehandelt seines Nennbetrages gehandelt wird, der weiß, was er kauft. Er kauft ein hoch spekulatives Papier, das kann auch mit null ausgehen. Dann hat man selbst diese ein Prozent verloren. Oder, wenn man erfolgreich ist, oder wenn man Glück hat - von Erfolg kann man, glaube ich, nicht sprechen, sondern wenn man Glück hat, so wie jetzt hier -, dass der Insolvenzverwalter so gut ist und so erfolgreich Forderungen eintreibt, dann kriegt man darauf nicht ein Prozent, sondern vielleicht 20 Prozent oder 30 Prozent.

Meurer: In diesem Fall, glaube ich, sogar 80 Prozent.

Bergdolt: Und wenn es 80 Prozent sind - und das ist ja wohl das Ziel dieses Hedgefonds: Die wollen an dem Honorar von dem Insolvenzverwalter herumknausern, damit noch mehr rauskommt -, dann kann ich nur sagen, da würde ich eher vorschlagen, freut euch, dass ihr so viel bekommen habt.

Meurer: Es wird darüber spekuliert, oder es heißt, die Hedgefonds hätten den Insolvenzverwalter Frege zuhause angerufen, mit unfreundlichen Anrufen, und dann diese Sache mit dem Honorar, 800 Millionen Euro, sei auch von den Hedgefonds lanciert worden. Mit wie harten Bandagen wird da gekämpft?

Bergdolt: Na ja, mit der Bandage Geld und Gier. Es ist halt einfach so: Da geht es wirklich um Geld und Gier, und ich muss gestehen, ich verurteile das. Ich finde, wer hier ein solches Zockerpapier gekauft hat, sollte sich mit seinem Gewinn, den er gemacht hat - ich meine, wir reden ja da nicht um eine Verdoppelung wahrscheinlich, sondern um eine Verdrei- oder -vierfachung des eingesetzten Kapitals -, der sollte mal irgendwann auch sagen, es ist gut.

Meurer: Was ist, Frau Bergdolt, eigentlich mit den kleinen Lehman-Geschädigten? Kriegen die jetzt Geld aus der Masse?

Bergdolt: Wenn Sie die Zertifikategläubiger ansprechen - das ist das Problem. Die hängen nicht an der Lehman-Bank hier in Deutschland, also überhaupt nicht an diesem Insolvenzverfahren, sondern die hängen an der niederländischen Gesellschaft, und das ist ein ganz anderes Bier. Da sind Gelder gekommen auch schon, aber Bruchteile, Bruchteile. Da bewegen wir uns an einstelligen%bereichen.

Meurer: Also die Großen sahnen ab, die Kleinen gehen fast leer aus?

Bergdolt: Ja das muss jetzt nicht sein, aber das dauert halt auch alles lange. So eine Insolvenz ist nicht etwas, was sich innerhalb von wenigen Stunden und Tagen abwickelt, sondern das dauert, und jetzt ist einfach die Frage, ob aus den Niederlande noch was kommt, oder ob das jetzt schon alles ist. Das werden wir sehen.

Meurer: Um die Insolvenzmasse der Lehman-Bank, des deutschen Zweiges, hat ein Hauen und Stechen eingesetzt. Daniela Bergdolt war das, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Schönen Dank, auf Wiederhören!

Bergdolt: Herzlichen Dank - auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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