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StartseiteForschung aktuellDie Gene der Plagegeister03.02.2016

BettwanzenDie Gene der Plagegeister

Seit Tausenden von Jahren ernähren sie sich von menschlichem Blut und inzwischen sind sie resistent gegen beinah jedes Insektizid geworden: die Bettwanzen. Forschergruppen haben nun das Genom dieses Plagegeistes entschlüsselt und hoffen, neue Ansatzpunkte für eine Bekämpfung der Plage entwickeln zu können.

Von Jochen Steiner

Eine Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut, veröffentlicht von der Harvard Universität (Foto undatiert). (Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University)
Eine Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut. (Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University)
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"Lass dich nicht von den Bettwanzen beißen!" Das ist in den USA ein beliebter Spruch, wenn Eltern ihre Kinder ins Bett bringen. Doch allzu oft passiert es: Die Bettwanzen krabbeln im Schutz der Dunkelheit hervor und saugen Menschenblut, ihre Lieblingsnahrung. Zurück bleiben meist gerötete Flecken auf der Haut, die tagelang jucken.

Die Wanzen leben seit Tausenden von Jahren bei und von den Menschen. Mit dem intensiven Einsatz von Pestiziden wie DDT ging ihr Bestand deutlich zurück. Aber seit etwa 20 Jahren tauchen sie wieder verstärkt auf, weil sie gegen die gängigen Insektizide resistent geworden sind. Bettwanzen können jede Nacht aufs Neue beißen und Blut saugen, manchmal leben Tausende Tiere in einem einzigen Haus. Das reduziere die Lebensqualität der Bewohner deutlich, sagt Joshua Benoit von der University of Cincinnati. "In sehr vielen größeren Städten in den USA und überall auf der Welt sind Bettwanzen zu Hause. Mit der Entschlüsselung ihres Erbguts hoffen wir, neue Ansatzpunkte zu finden, sie zu beseitigen."

Der Molekularbiologe entschlüsselte zusammen mit einem internationalen Forscherteam das komplette Erbgut der Bettwanze. Die Wissenschaftler wollten wissen, was eine Bettwanze zur Bettwanze macht. Joshua Benoit und seine Kollegen fanden nur relativ wenige Gene, die für das Aufspüren der Wirte, also meist der Menschen, zuständig sind. Diese geringe Anzahl sei aber ausreichend, denn die Insekten ernähren sich fast ausschließlich von Menschenblut, sie müssen also nur einen einzigen Wirt ausfindig machen.

Über 200 Resistenzgene

Anders sieht es bei den Resistenzgenen gegen Pestizide aus: Die Forscher entdeckten über 200 von ihnen im Erbgut der Wanzen. "Normalerweise werden die Pestizide versprüht und landen auf den Bettwanzen. Dann dringen sie in den Körper ein. Doch es gibt Gene, die dafür sorgen, dass die Körperdecke, die Cuticula, dicker wird und die Pestizide erst gar nicht in die Tiere gelangen. Außerdem haben wir Gene gefunden, die die Gifte im Körper abbauen können, sollten sie doch hineingelangen."

Auch ein internationales Forscherteam um Jeffrey Rosenfeld vom American Museum of Natural History in New York hat das Bettwanzen-Genom entschlüsselt. Die Wissenschaftler kamen zu einem weiteren Ergebnis: Die Wanzen leben nicht für sich allein.

"Die Bettwanzen besitzen ein großes Mikrobiom. Wie beim Menschen auch leben viele Bakterienarten in Symbiose mit den Wanzen. Eine Bakterienart zum Beispiel stellt den Insekten lebenswichtige Vitamine zur Verfügung. Wenn man diese Bakterien abtöten könnte, dann würde man auch die Bettwanzen loswerden."

Bettwanze ist nicht gleich Bettwanze

Auch Joshua Benoit denkt über alternative Methoden zur chemischen Keule nach, um weitere Resistenzen zu vermeiden. "Man kann große Raumheizgeräte in ein Haus stellen und die Innentemperatur für ein paar Stunden auf 42 bis 45 Grad Celsius halten. Bettwanzen können diese Hitze nicht vertragen und sterben dann."

Andere Forscher überlegen, gentechnisch veränderte Bettwanzen auszusetzen, damit im Laufe der Zeit so viele unfruchtbare Insekten entstehen, dass die Populationen langsam aussterben. Doch so einfallsreich die Wissenschaftler auch sein mögen, eine Tatsache macht ihnen zusätzlich zu schaffen. "Sie sind äußerst widerstandsfähig, was Inzucht angeht. Sollten nur ein paar Tiere zum Beispiel eine Insektizid-Anwendung überleben, dann können sie sich über etliche Generationen vermehren, ohne die Nachteile einer Inzucht fürchten zu müssen."

Außerdem ist Bettwanze nicht gleich Bettwanze: Selbst innerhalb einer Stadt konnten die Forscher einzelne Wanzen-Populationen genetisch voneinander unterscheiden. Sie werteten 1.400 Proben aus ganz New York City aus. "Wir haben uns Proben angesehen, die entlang der zwei U-Bahn-Linien gesammelt wurden, die nach Manhattan hinein und hinaus führen. Die Bettwanzen in Brooklyn oder Queens unterscheiden sich von denen in Manhattan."

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