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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturRote Sonne, Roter Tiger - Maos Lebensgeschichte08.02.2016

Biografie von Charlotte KernerRote Sonne, Roter Tiger - Maos Lebensgeschichte

Von Sandra Pfister

Die Autorin Charlotte Kerner. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Die Autorin Charlotte Kerner. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Mao ist in China eine immer noch übermächtige Ikone. Der einstige Revolutionär prangt nicht nur auf Geldscheinen, sondern ein übergroßes Porträt von ihm ziert auch nach wie vor den Platz des Himmlischen Friedens.

"Ein Europäer hätte 400 Jahre leben müssen, vom späten Mittelalter bis zur Jetztzeit, um am eigenen Leib die Veränderungen zu erfahren, die im 20. Jahrhundert dieses riesige Land und das Denken seiner Menschen regelrecht umgepflügt haben. In Zeiten eines solchen rasanten Wandels ist Mao Zedong eine Konstante geblieben – eine zeitlose Ikone, an die man sich halten und auf die man sich beziehen kann, zustimmend oder protestierend."

Schreibt die Autorin – wohl wissend, dass Protest gegen Mao Zedong in China auch heute noch nicht gern gesehen wird. Denn Mao hat 1949 das moderne China überhaupt erst begründet. Die Autorin schildert ausgiebig und mit viel Sympathie, warum das ein großes Verdienst war. Als Mao 1893 geboren wurde, war China ein Armenhaus, beherrscht von einer inkompetenten und korrupten kaiserlichen Dynastie, die die chinesische Bevölkerung verelenden ließ. Hinzu kam, dass China von den Kolonialmächten Deutschland, Italien und den USA im Würgegriff gehalten wurde. Besonders die Japaner richteten entsetzliche Massaker unter der Zivilbevölkerung an.

Die Autorin tastet sich sehr abwägend heran

Mit der Gründung der Volksrepublik China setzte Mao Zedong dem zunächst ein Ende. Doch wer Mao zum kommunistischen Helden verklärt, hängt einer naiven Sichtweise an, wie sie in mancher 68er-WG anzutreffen war.  

Davon ist Charlotte Kerner weit entfernt. Ihr Buch ist – das ist mit Blick auf China auch heute noch nicht selbstverständlich – frei von jeglicher Ideologie.

Mao Zedong war ein Diktator – unter seiner Führung verloren 70 Millionen Chinesen ihr Leben. Was sich chinesische Intellektuelle nur während der Demokratiebewegung 1989 zu sagen trauten, das kann und muss die Autorin benennen – aber sie tastet sich doch sehr abwägend heran: 

"War Mao Zedong also wegen der Großer-Sprung-Politik ein 'Massenmörder'? Dieser Begriff wird oft verwendet, um ihn auch in eine Reihe mit Hitler zu stellen. Mao hat sich hier auf ganz andere Weise, aber nicht weniger schuldig gemacht. Zwar hat er nicht wie der deutsche Diktator den Befehl zur Ermordung ganzer Menschengruppen gegeben, aber trotzdem zwischen 1959 und 1961 Millionen auf dem Gewissen, weil er nicht früher das Signal zum Gegensteuern gab. Er hätte die politische Macht und vor allem die Menschenpflicht gehabt, zu handeln, aber hier versagte er." 

Die Autorin verschweigt also keineswegs die negativen Seiten der Herrschaft Mao Zedongs. Allerdings hätte ihre Dekonstruktion des Mao-Mythos an manchen Stellen deutlicher ausfallen können. Denn Kerner misst dem Tyrannen Mao weit weniger Gewicht bei als den Umständen, die ihn zu einem Revolutionär und Kämpfer gemacht haben. Das gibt dem Buch eine gewisse Unwucht.  

Gelegentlich wünscht man sich klarere Worte 

Denn Mao ließ Jahrzehnte lang Blut vergießen. Während der "Bodenreform" drangsalierten seine Lakaien systematisch Landbesitzer, die pauschal als Ausbeuter verunglimpft und enteignet wurden; viele von ihnen wurden hingerichtet. Der "Große Sprung nach vorn", bei dem Mao die Bauern in Kommunen zwang, führte zu einer katastrophalen Hungersnot, bei der 38 Millionen Chinesen verhungerten. Das war keineswegs nur ökonomischer Unkenntnis geschuldet; Mao Zedong war sich bewusst, wie moderne Historiker gezeigt haben, dass als Kollateralschaden seiner gesellschaftlichen Umwälzung möglicherweise die Hälfte der Chinese sterben müsste.

Weitere Millionen wurden getötet, verschwanden in Gefängnissen oder Arbeitslagern, als Mao sich bei der sogenannten "Kulturrevolution" seiner innerparteilichen Gegner entledigte. All das liest man bei Charlotte Kerner, und zwar kenntnisreich und gut lesbar geschrieben. Doch sie ist derartig erkennbar um Ausgewogenheit bemüht, dass man sich gelegentlich klarere Worte wünscht, zum Beispiel hier.  

"Als Chinas kommunistischer Herrscher starb, ließ er ein Entwicklungsland zurück, aber China war dank seiner Politik auch 'grundlegend industrialisiert' und vor allem unabhängig vom Ausland geworden. Es stellte alles selbst her, vom Waschmittel bis zur Eisenbahn." 

Charlotte Kerner hätte deutlicher machen sollen, wie die Nachwirkungen von Maos unmoralischer Politik das politische Klima in China bis heute vergiften. Und mit Blick auf etwas jüngere Leser, die der Verlag Beltz & Gelberg ja durchaus ansprechen will, hätte das Buch etwas anschaulicher und kürzer ausfallen dürfen.

Charlotte Kerner: Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong. Verlag Beltz & Gelberg. 313 Seiten. 19,95 Euro. 

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