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StartseiteMarkt und MedienBloggen in Weißrussland22.09.2012

Bloggen in Weißrussland

Weißrussische Oppositionsmedien bieten im Netz wenig Kritisches

In Weißrussland lähmt das Internet einen möglichen Widerstand eher als ihn zu verstärken. Das berichtet der weißrussische Blogger Viktor Malischewski kurz vor den Wahlen. Oppositionelle Zeitungen würden bessere und kritischere Inhalte liefern.

Von Sabine Adler

Der Protest auf der Straße ist in Weißrussland nach wie vor das effektivste Mittel der Opposition. (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
Der Protest auf der Straße ist in Weißrussland nach wie vor das effektivste Mittel der Opposition. (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
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Wie die Diktatur Lukaschenkos zu spüren ist

Die Nervosität steigt. Wenige Tage vor der morgigen Abstimmung über die 110 Sitze im Parlament häufen sich die Festnahmen von Oppositionspolitikern und Journalisten, die wegen ihrer Medienwirksamkeit im Ausland mehr Aufsehen erregen als die kleinen Wahlkampfveranstaltungen selbst. Eine Handvoll Aktivisten der oppositionellen Jugendbewegung "Zmena", "Wechsel", forderten Passanten vor einem Warenhaus in Minsk auf, die Wahl zu boykottieren. Weißrussische Fotografen, Kameraleute, Reporter wollten darüber berichten und wurden prompt festgenommen.

Seit Tagen sind unliebsame Webseiten nicht zugänglich. Viktor Malischewski weiß, dass seinem Blog jederzeit das gleiche Schicksal drohen kann. Niemand sieht voraus, welche Seiten wann geschlossen oder eine zeitlang gesperrt werden.Verglichen mit regierungskritischen Zeitungen können Lukaschenkos Gegner im Internet relativ ungestört ihre Ansichten darlegen. Ihre Seite wird in der Präsidialadministration registriert, eine Erlaubnis ist nicht nötig. Dafür kann das Aus jederzeit aus heiterem Himmel kommen, gibt der Blogger zu bedenken.

"Eigentlich ist das schlechter, denn die Zeitungsredaktionen werden vorgewarnt. Da gibt es Gerichtsprozesse, aber im Internet wird die Seite einfach geschlossen, ohne Ankündigung."

Der Blogger, ein 38-jähriger ehemaliger Journalist der "Komsomolskaja Prawda", nimmt den vom Kolchos-Direktor ins Präsidentenamt aufgestiegenen Aleksandr Lukaschenko aufs Korn, aber ebenso die völlig zerstrittene Opposition, der es einmal mehr nicht gelungen ist, einen Boykott der Wahl, die den Namen nicht verdient, zu organisieren. Weder die Oppositionsmedien, so sie denn erscheinen, noch die Internetzeitungen sind für den Blogger einer echte Alternative zu den staatlichen gleichgeschalteten Medien.

"Unsere Oppositionsmedien werden seit zehn Jahren vom Ausland finanziert. Sie sind es nicht mehr gewohnt, selbst Geld zu erwirtschaften und darunter leidet der Journalismus. Die besten Journalisten haben das Land sowieso längst verlassen und die, die noch hier sind, sind es nicht gewohnt, um Leser zu kämpfen. Egal, welche der vielen Internet-Zeitungen man liest, überall findet man die gleichen Informationen, man hat den Eindruck, dass einer vom anderen kopiert. Wirklich andere, interessante Informationen haben nur die wenigen Zeitungen, die wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen. Sie schaffen das, weil sie Inhalte anzubieten haben."

Wie sehr sich die Opposition und die ihr nahestehenden Medien in der Diktatur eingerichtet haben, meint der kritische Blogger unter anderem daran zu erkennen, dass seit Jahren Shanna Litwina zur Vorsitzenden des Weißrussischen Journalistenverbandes gewählt wird, mit dem immer gleichen kommunistisch anmutenden Wahlergebnis, was weniger gegen die international ausgezeichnete Journalistin spricht, als um so mehr gegen die Kollegen, so Malischewski. Ihm missfällt der mediale Gleichklang nicht nur in den von Lukaschenko kontrollierten Redaktionen, sondern auch bei dessen Gegnern.

"Ich will über Politik auch mal anderes schreiben, ironisch, mit Humor, denn daran fehlt es uns eindeutig."

Sein Blogg wird von weißrussischen Nutzern etwa so häufig angeklickt wie die oppositionellen Webzeitungen. Dass vom Internet eine mobilisierende Wirkung auf die Kritiker der 18 Jahre währenden Diktatur ausgeht, bezweifelt der Blogger stark.

"Es sitzen sehr viel mehr Leute zu Hause vor dem Computer und schauen sich von dort aus die Proteste an, als auf der Straße sind. Das ist doch sehr bequem: Du sitzt da, hast das Gefühl teilzunehmen, empörst dich im Chat wie man mit den Demonstranten umgeht, wie sie geprügelt werden, aber du riskierst absolut nichts. Du siehst alles, empörst dich, und wirst dabei sogar noch unterhalten."

Dass die Diskussion im Internet zu einer Aktion auf der Straße führt, hält Malischewski für wenig wahrscheinlich. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Das was auf der Straße geschieht, wird lebhaft im Internet diskutiert.

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