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StartseiteMarkt und MedienMorde an Journalisten06.08.2016

BrasilienMorde an Journalisten

Gleydson Carvalho wurde 2015 während seiner Radiosendung im Studio erschossen. In Brasilien ist das kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr wurden sieben Journalisten ermordet, alle prangerten Korruption an.

Von Grit Eggerichs

Ein Studiomikrofon (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Gleydson Carvalho wurde im Studio ermordet. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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"Der Radiomitarbeiter Gleydson Carvalho ist mit zwei Schüssen getötet worden, als er seine Sendung in diesem Radio moderierte."

Dieses Radio - das ist ein kleiner Sender in Camocim, Bundesstaat Ceará. Der Moderator wurde ermordet. Einer der Auftragsmörder und zwei Komplizen konnten nach der Flucht gefasst werden. Ihre Aussagen belasten die Familie eines Bürgermeisters im Sendegebiet von Rádio Liberdade.

"Das Erste, was die Festgenommenen sagten, war, dass Gleydson Carvalho sterben musste, weil er zu viel redete. Nur das, sie haben nicht gesagt, worüber, nur dass er zu viel redet."

Der Staatsanwalt Evânio Matos Filho ermittelt. Der Fall Gleydson Carvalho reiht sich ein in eine lange Reihe von Morden, Drohungen und Einschüchterungen gegenüber Medienschaffenden in Brasilien.

"Weitere sieben Journalisten wurden 2015 getötet. Alle prangerten die Korruption an."

Platz 104 auf der Rangliste der Pressefreiheit

In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Brasilien auf Platz 104 von 180. Für ein Land, in dem es keine Diktatur gibt und in dem kein Krieg geführt wird, ist das ein besonders schlechter Wert.

Die Stimmung in Brasilien ist aufgeheizt. Der Staat ist praktisch zahlungsunfähig, gegen die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff läuft ein Verfahren, im Interimskabinett sitzen mehrere Minister, die unter Korruptionsverdacht stehen. Korruption ist zweifellos ein großes Problem im Land. Die Berichterstattung darüber allerdings auch.

Der Medienkonzern GLOBO verfügt über die meistkonsumierten Nachrichtenportale, Fernseh- und Radiosender in Brasilien. Die Berichterstattung besonders im Fernsehen hat einen eindeutigen Schwerpunkt: den geschönten Haushalt der suspendierten Präsidentin Dilma Rousseff und die Korruptionsfälle in ihrer Arbeiterpartei. Die zahlreichen Vergehen der Konservativen bleiben eher Randthemen.

Bei Globo TV ist es die Gewichtung von Themen - Lokaljournalisten in kleinen Sendern oder Onlineportalen aber machen sich oft nicht einmal die Mühe, zu recherchieren. Das Ziel ist vielmehr, den politischen Gegner des Dienstherrn als korrupt und als "Feind des Volkes" zu denunzieren.

Der Bürgermeister und das Radio

Die meisten Hörer von Rádio Liberdade leben in den Gemeinden Martinópole und Granja. Ein Mann taucht auffällig häufig in diesem Radiosender auf: Romeu Aldgueri, der Bürgermeister einer Gemeinde im Sendegebiet. Er gibt Interviews, hält Ansprachen und wird von Moderator Gleydson Carvalho und seinem Nachfolger als ‚dicker Freund’ bezeichnet. Jeder im Sendegebiet, den ich frage, weiß: Bürgermeister Romeu Aldigueri gehört der Sender.

Doch laut Artikel 38 des brasilianischen Telekommunikationsgesetzes darf kein Mitglied eines Parlaments und kein Bürgermeister Manager oder Besitzer eines Rundfunksunternehmens sein. Ich spreche Romeu Aldigueri darauf an.

"Ich, Eigentümer des Radios? Nein."

Die Löhne der Radiokollegen aber werden von einem Mitarbeiter seiner Stadtverwaltung ausgezahlt. Das Senderequipment wurde mit Mitteln des Bürgermeisters finanziert.

"Und es ist ja klar, dass das ganze Rathaus das Radio nutzt, um seine Arbeit darzustellen, ne? Was die Stadt so macht."

Sender wie Rádio Liberdade sind fast immer auf das Kapital der politischen Eliten angewiesen. Was sich daraus ergibt, nennen die Beteiligten "parceria" -  "Partnerschaft". Die Justiz müsste es einen Verstoß gegen das Mediengesetz nennen. In Brasilien allerdings gilt das als Kavaliersdelikt. Die Staatsanwaltschaften sind überlastet, andere Probleme scheinen drängender. Staatsanwalt Evânio etwa betrachtet die Besitzverhältnisse bei Rádio Liberdade höchstens als Randaspekt seiner Ermittlungen.

Gewalt und sturkturelle Probleme

Reporter ohne Grenzen berichtet von 40 Parlamentsabgeordneten und Senatoren in Brasília, die in ihren Heimatbundesländern Sender, Zeitungen und Onlineportalen kontrollieren. Daher kann es kaum ausreichen, Gewalt gegen Journalisten als die Gefahr für die Pressefreiheit zu begreifen, sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.

"Wir prangern einerseits natürlich Gewalt gegen Journalisten an, aber wir haben immer auch die strukturellen Probleme im Blick, eben auch das Problem, dass Pressefreiheit strukturell beeinflusst werden kann, sei es durch Besitzstrukturen, sei es durch ein aktivistisches Verständnis von Journalismus, weil wir genau das auch als Problem in einem Land wie Brasilien sehen."

Viele brasilianische Journalisten werden nicht deshalb Opfer von Gewalt, weil sie mutig recherchieren und unbequeme Wahrheiten äußern. Sondern weil sie sich in einem schmutzigen Kampf um Macht auf eine Seite stellen und denunzieren, statt zu recherchieren.

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