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StartseiteDeutschland heute"Es gibt hier keine Perspektive"25.08.2015

Brennpunkt Duisburg-Marxloh"Es gibt hier keine Perspektive"

Bundeskanzlerin Angela Merkel war heute zum Bürgerdialog in Duisburg-Marxloh zu Gast. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt: viele Ausländer, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die Bewohner fordern Veränderungen.

Von Murat Koyuncu

Frauen mit Kopftüchern kaufen in Duisburg-Marxloh ein. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Während immer mehr Deutsche aus Marxloh wegzogen, kamen viele türkische Gastarbeiter. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
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Zlatko Mikonic sitzt vor einem Straßencafé auf der Weseler-Straße und schaut auf einen Flyer, auf dem geschrieben steht: "Merkel in Marxloh". Er nimmt einen Schluck aus seinem Teeglas und schüttelt den Kopf. Angela Merkels kurze Visite werde hier nichts ändern, sagt der 35-jährige Rumäne. Es hätte hier schon viel früher etwas passieren müssen.

"Speziell in Duisburg gibt es keine Perspektive für die Jugendlichen. Wenn man 16, 17 wird, muss man entweder ins Internetcafé, in die Spielhalle oder was anderes machen, Drogen verticken zum Beispiel. Es wird gesagt, die Jugendlichen müssen sich integrieren, aber speziell hier in Duisburg werden Gegenden geschaffen, wo nur Ausländer sind. Und das wird bewusst von der Gesellschaft, vom System gemacht."

Auch Kellnerin Canan Cicek, die mit einem Tablett voller Teegläser aus dem Café kommt, ist sich sicher, dass diese Parallelgesellschaft kein Zufall ist:

"Die Leute wurden ja nicht asozial geboren, sondern wurden asozial gemacht. Das liegt alles an der Perspektive, an dieser Umgebung. Die Leute waren ja nicht von Anfang an so. Das heißt, dass diese Stadtteile von der Gesellschaft den Menschen aufgezwungen wurden, indem man diese Menschen mit Migrationshintergrund an einen Ort zusammenbringt, denen keine Perspektive gibt und denen schon von Anfang an sagt: Hier, Hauptschule - Du wirst es zu nichts bringen. Dann nimmt man denen schon alles weg und dann kommen so Sachen raus wie Zuhälter, Drogendealer und keine Ahnung was."

Einst ein Trend-Stadtteil mit Flaniermeile

In den 50er-Jahren war Duisburg-Marxloh ein Trend-Stadtteil, die Weseler Straße eine Flaniermeile. Viele Besucher aus anderen Städten kamen, um hier einzukaufen. Später änderte sich das Bild: Während immer mehr Deutsche wegzogen, kamen viele türkische Gastarbeiter. Sie hatten hier in der Stahl- und Kohleindustrie Arbeit gefunden. In Folge der EU-Osterweiterung kamen Familien aus dem Balkan dazu. Heute leben hier Menschen aus knapp 100 Kulturen. Ein Viertel der Jugendlichen hat keinen Schulabschluss und knapp die Hälfte hat gerade mal die Hauptschule geschafft.

Marxloh hat nicht nur bei vielen Außenstehenden das Image eines sogenannten sozialen Brennpunktes. Auch einige deutsche Marxloher wie Sybille Mann fühlen sich durch das Verhalten einiger nicht-deutscher Jugendlicher unwohl:

"Durch Fußball spielen die halbe Nacht, dass sie auch eine halbe Nacht durch die Passage laufen, randalieren, in die Ecke pissen - ich sag das so, wie das krass ist. Oder auch etwas mal demolieren. Als dann hier noch eine Baustelle war, die Baugerüste mitten auf der Straße aufgestellt wurden und die Autos halten mussten mit quietschenden Reifen. Oder es wird hinten auf den Baugerüsten herumgeturnt, dass die Polizei kommen muss. Aber viel macht die Polizei auch nicht."

"An jeder Ecke werden Drogen gedealt"

Die bulgarisch-türkische Schülerin Dragana Vodjevic beklagt, dass die Politiker zu wenig gegen die Missstände in Marxloh tun:

"Nach der Schule gibt es immer eine Massenschlägerei, vor der Schule, deswegen will ich hier auch raus. Auch abends, wenn ich mal raus gehe und dann nach Hause laufe: In jeder Ecke werden Drogen gedealt und dagegen wird nichts unternommen."

Ihre Schwester Mila, die in einer Eisdiele arbeitet, kritisiert das Verhalten einiger ihrer bulgarischen Landsleute:

"Also ich kann ein Beispiel von gestern Abend nennen: Ich hatte eine ältere Dame hier und die Schüler haben hier Fußball gespielt. Und die Dame meinte nur ganz freundlich, das bitte zu unterlassen. Und die wurden immer lauter. Die haben immer den Ball hierher geworfen - die haben provoziert. Man hört das, im Vorbeigehen, wenn man hier kellnert, zwischen den Kunden. Es gibt viele Deutsche, die sich aufregen, ältere Leute. Die können es nicht verstehen, wieso so viele Mitmenschen hier sind, die 'nichts tun'. Das ist das Problem. Die sehen nicht, dass sie arbeiten, die sehen nur, dass sie hier herumsitzen, Fußball spielen, das ist es."

Fehler in der Vergangenheit

Für die Deutsch-Türkin Nesrin Can, die in einem Juwelier-Laden auf der Weseler Straße arbeitet, sind diese Jugendlichen weder kriminell noch gefährlich. Diese Halbstarken hätten eben keine Perspektive und langweilten sich. Sie meint, dass die Probleme von heute auf politische Fehler in der Vergangenheit zurückgehen:

"Vielleicht haben vorher die Leute den Fehler gemacht, dass sie die Türken, als sie hierher kamen, direkt in die Arbeit gesteckt haben und nicht gesagt haben, dass sie Deutsch lernen sollen, am Anfang. Die waren immer unter sich, das war ja am Anfang so. Und irgendwann war es dann zu spät, als sie gesehen haben, dass die Leute nicht mitkamen, also dass sie nur zur Arbeit gegangen sind und dann nach Hause und alles andere, wie Deutsch lernen, mit Deutschen Freundschaften schließen, dazu hatten sie keine Zeit."

 

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