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StartseiteInterview"Deutschland wird die negativen Effekte spüren"09.02.2017

Brexit-Verhandlungen"Deutschland wird die negativen Effekte spüren"

Der Brexit wird nach Ansicht des stellvertretenden DIHK-Hauptgeschäftsführers Achim Dercks große Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben. Um größere Schäden zu vermeiden, sei es wichtig, dass es nicht zu einem unregulierten Austritt ohne Übergangsregelungen komme, sagte er im Deutschlandfunk.

Achim Dercks im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer DIHK (imago stock&people)
Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer DIHK (imago stock&people)
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Viele Unternehmen seien derzeit verunsichert, sagte Dercks. Deshalb sei es gut, dass die zweijährige Verhandlungsperiode nun bald beginne. Einige hätten noch die Hoffnung, "dass auf dieser Wegstrecke sich manche Meinung noch ändert". Dafür gebe es derzeit aber keine konkreten Anhaltspunkte. Man sei daher besser beraten, sich an den Fakten zu orientieren, betonte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. "Und die sprechen im Moment dafür, dass wir uns damit beschäftigen müssen, wie man den Brexit mit möglichst wenig Schäden über die Bühne bringt."

Der "harte Brexit" sei "der realistische Weg"

Der von den Briten angestrebte "harte Brexit" sei "der realistische Weg", betonte Dercks. Einen Austritt ohne Schäden für alle Seiten werde es aber nicht geben können. Eine Freihandelszone wäre eine "Option, die auf jeden Fall viele Handels- und Austauschmöglichkeiten offen lässt". Die "Hauptangst" in der Wirtschaft sei, dass dies in den zwei Jahren nicht zu erreichen sei. "Wichtig wäre, dass es nicht zu einem unregulierten Brexit kommt - ohne Übergangsregelungen." Der wäre dann sehr schädlich.

In Deutschland hingen rund 750.000 Arbeitsplätze am Export nach Großbritannien, erklärte Dercks. Die seien zwar nicht alle gefährdet. "Aber wenn es zehn Prozent weniger Exporte gibt als heute, dann wird das natürlich auch Auswirkungen auf die Arbeitsplätze haben." Großbritannien selbst werde "der größte Verlierer" bei dem Austritt sein, aber auch Deutschland werde "negative Effekte" spüren.


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Am Telefon ist Achim Dercks. Er ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, also des deutschen Mittelstands. Schönen guten Tag, Herr Dercks.

Achim Dercks: Guten Morgen, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Dercks, gehen Sie noch davon aus, dass der Brexit aufzuhalten sein wird? Es soll ja noch, bevor wirklich dann der Bruch vollzogen wird, noch eine Abstimmung geben im Parlament.

Dercks: Gut ist jedenfalls, dass wir jetzt wissen, dass die zweijährige Verhandlungsperiode jetzt bald beginnt, denn das gibt zumindest ein ganz klein bisschen Klarheit, wie es jetzt weitergeht. Es ist ja in diesen Zeiten schwierig, vorauszusagen, was im nächsten Monat passiert. Daher weiß man auch nicht, was am Ende der zwei Jahre wirklich sein wird. Das ist auf der einen Seite Grund für die Verunsicherung vieler Unternehmen natürlich. Auf der anderen Seite gibt es viele in der Wirtschaft, die noch so ein ganz kleines Fünkchen Hoffnung haben, dass auf dieser Wegstrecke sich vielleicht manche Meinung noch ändert. Im Moment gibt es dafür aber keine konkreten Anhaltspunkte.

"Einen Brexit ohne wirtschaftliche Schäden wird es nicht geben können"

Heckmann: Das heißt, Sie haben diese Hoffnung nicht?

Dercks: Im Moment habe ich diese Hoffnung nicht. Ich könnte jetzt ein Sprichwort bringen über die Hoffnung, aber man ist ja besser beraten, sich an den Fakten zu orientieren, und die sprechen im Moment dafür, dass wir uns damit beschäftigen müssen, wie man den Brexit mit möglichst wenig Schäden über die Bühne bringen kann.

Heckmann: Und zwar wie?

Dercks: Das ist auch eine offene Frage. Wir wissen jetzt, dass Theresa May und die Briten ja einen harten Brexit anstreben. Das ist im Zweifel auch nicht nur taktisch der nachvollziehbare Einstieg, sondern ist auch der realistische Weg. Einen Brexit ohne wirtschaftliche Schäden für alle Seiten wird es nicht geben können. Es wird auch kein Rosinenpicken geben können, so sehr sich das einzelne wünschen würden. Also wir müssen sehen, wie wir es schaffen, in den zwei Jahren möglichst konkrete Vereinbarungen hinzubekommen. In der Tat sind wir im Moment da etwas ratlos, wie das so schnell gehen soll. Das ist der Grund, warum sich viele in der Wirtschaft auch Sorgen machen.

"Was, wenn am Ende der zwei Jahre kein Freihandelsabkommen vorliegt?"

Heckmann: Es wird keine Rosinenpickerei geben. Das hört man in diesen Tagen und in diesen Wochen immer wieder, jetzt auch von Ihnen. Also auch keine Freihandelszone, jedenfalls nicht so schnell. Jetzt ist allerdings die Frage, wie schnell wird sich diese Haltung eigentlich ändern, wenn Großbritannien erst mal aus der EU ausgeschieden ist? Denn eine Freihandelszone mit Großbritannien wäre doch möglicherweise auch im Interesse der deutschen Unternehmen, auch des Mittelstands, oder?

Dercks: Ja, natürlich wäre das eine Option, die auf jeden Fall viele Handels- und Austauschmöglichkeiten offenlässt. Nur ist auf der Zeitachse es unrealistisch, innerhalb dieser zwei Jahre ein solches Freihandelsabkommen vorzubereiten, von der formalen Hürde mal abgesehen, dass die Briten dann mit sich selbst verhandeln würden über so ein Abkommen, weil sie ja noch in der EU sind. Aber CETA hat rund sieben Jahre gedauert und das ist die Hauptangst: Was ist am Ende der zwei Jahre, wenn dann - und das ist realistisch - kein ausgehandeltes Freihandelsabkommen vorliegt. Wie sieht eine solche Übergangslösung aus? Da stochern wir im Moment im Nebel. Verlängert man die Frist der Verhandlungen dann vielleicht doch, jenseits aller Regularien? Da wissen wir im Moment nicht Bescheid. Wichtig wäre, dass es nicht zu einem unregulierten Brexit kommt ohne Übergangsregelungen, weil der ist dann sicherlich sehr schädlich, und jetzt werden Investitionen zurückgehalten. Aber dann wird es sicherlich ob der großen Unklarheiten auch noch deutlich stärkere Dämpfer beim Export zum Beispiel nach Großbritannien geben, als wir den jetzt schon auch für 2017 wieder erwarten.

"Das britische Pfund hat abgewertet, deshalb sinkt die Kaufkraft der Briten"

Heckmann: Inwieweit spürt denn die deutsche Wirtschaft bereits Auswirkungen des Brexits?

Dercks: Wir schätzen, dass in diesem Jahr der Export nach Großbritannien um fünf Prozent zurückgeht und damit sich ganz anders entwickelt als in den Rest der Welt, wo wir insgesamt ein gutes Plus erwarten. Das ist schon Ausdruck auch des Brexits. Das britische Pfund hat abgewertet, deshalb sinkt die Kaufkraft der Briten, was natürlich sich dann auch auf die Importe aus aller Welt niederschlägt. Auch sinken bereits Investitionen deutscher Unternehmen, die sich einfach zurückhalten, weil sie denken, es lohnt sich nicht, wenn nachher ich nicht mehr im Binnenmarkt bin, und wenn ich weniger investiere, dann wird natürlich in dem Zuge auch weniger aus Deutschland nach Großbritannien an Waren verbracht.

Heckmann: Und ist das schlimm? Ist das eine schlimme Entwicklung? Will sagen, wie wichtig ist der britische Markt für Deutschland und Europa und anders herum?

Dercks: Ja, der ist extrem wichtig. Großbritannien ist der drittwichtigste Exportpartner Deutschlands nach USA und Frankreich. 90 Milliarden Euro allein Exporte nach Großbritannien werden jedes Jahr getätigt. Es ist so selbstverständlich geworden, dass wir intensiv verbunden sind mit unseren europäischen Nachbarn, dass wir uns gar nicht klar machen, dass auch ein einzelnes Land wie Großbritannien hier so eine immense Bedeutung hat.

Rund 750.000 deutsche Arbeitsplätze hängen am Export nach Großbritannien

Heckmann: Das heißt, der Brexit, der kann uns auch ganz unmittelbar und erheblich schaden?

Dercks: Ja. In Deutschland hängen rund 750.000 Arbeitsplätze am Export nach Großbritannien. Die sind natürlich nicht alle gefährdet, aber wenn es zehn Prozent weniger Exporte gibt als heute, dann wird das natürlich auch Auswirkungen auf die Arbeitsplätze haben. Wir sind zum Glück im Moment ja gleichzeitig in einer guten wirtschaftlichen Situation. Das sind auch keine Dinge, die von heute auf morgen passieren. Der Brexit ist noch nicht da. Aber wenn es so kommt, dann wird unter dem Strich sicherlich Großbritannien der größte Verlierer sein, aber wie immer bei Einschränkungen von Handel und Warenaustausch werden gerade die Deutschen natürlich auch negative Effekte spüren. Deshalb sind die Sorgen ja auch in der deutschen Wirtschaft recht groß.

Heckmann: Das sagen ja auch die meisten Experten, Herr Dercks, dass die Briten sich ins eigene Fleisch schneiden würden in erster Linie. Vielleicht sind die Briten aber auch nicht so dumm, wie die Kontinentaleuropäer immer glauben. Donald Trump, der hat ja bereits ein Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich angekündigt. Am Ende könnte London besser dastehen als jemals zuvor.

Dercks: Ja, aber auch da werden die Relationen, glaube ich, falsch eingeschätzt. Der Handel Großbritanniens mit den EU-Nachbarn ist vom Volumen her bald dreimal so groß wie das Handelsvolumen mit den USA.

"Mit Handelseinschränkungen sinkt der Wohlstand"

Heckmann: Das kann man ja ändern.

Dercks: Ja, das kann man ändern. Aber wie gesagt, die Relationen bleiben erst mal und die Größe des Marktes und die Nähe des Marktes ist natürlich in Europa deutlich größer. Natürlich werden die Briten das versuchen, aber unter dem Strich gilt, genauso wie im Verhältnis Europa zu den USA, mit Handelseinschränkungen und neuen Hürden sinkt der Wohlstand, und von daher wird das alleine sicherlich an diesem Grundbefund auch nichts ändern.

Heckmann: Sie haben die USA angesprochen. Donald Trump hat ja Zwangssteuern ins Spiel gebracht. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Handelskrieg kommt?

Dercks: Wenn ich das wüsste. Die Sorge ist natürlich da, weil das Stichwort Importzölle, Strafsteuern jetzt dann doch immer häufiger genannt wird, und das ist natürlich auch für deutsche Unternehmen, die mit den USA natürlich einen ihrer wichtigsten Märkte auch haben, ein sehr schwieriger Punkt. Auf der anderen Seite haben wir immer noch die Hoffnung, dass sich auch in den USA die Einsicht durchsetzt, dass solche Maßnahmen natürlich vor allen Dingen den Amerikanern selbst schaden. Das gilt sowohl im Verhältnis zu ihren direkten Nachbarn - im Moment wird ja vor allen Dingen über Mexiko diskutiert -, aber auch im Verhältnis zu den Europäern und damit zu Deutschland. Auch hier gilt, es ist am Ende der amerikanische Wähler, der amerikanische Bürger, der die Hauptzeche zahlt, denn es würden dann ja auch Strafzölle auf Vorprodukte fällig, die in den USA weiterverarbeitet werden. Es würden vor allen Dingen alle Produkte teurer werden.

Jetzt haben wir in Deutschland zum Glück die Situation, dass, ich sage mal, der deutsche Maschinenbau jetzt nicht von niedrigen Preisen lebt, von daher vielleicht weniger Sorgen hat als manches chinesische Unternehmen, aber unter dem Strich ist hier eine große Verunsicherung, weil wir einfach nicht wissen, wohin die Reise geht. Das schlägt sich im Moment nicht direkt nieder, weil konjunkturell die USA im Moment gut laufen, aber am Horizont ist das natürlich eine Belastung, die auch hier bei Investitionen in den USA im Moment auf jeden Fall schon zu Zurückhaltung führt.

Heckmann: Wir werden das mit Sicherheit intensiv weiter verfolgen. Über die Folgen des Brexits und der möglichen Abschottung der USA haben wir gesprochen mit Achim Dercks. Er ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Herr Dercks, danke Ihnen für Ihre Zeit und Ihnen einen schönen Tag!

Dercks: Ja, vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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