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StartseiteRock et ceteraDie Farben von Manchester09.04.2017

Britsche Band The Slow ShowDie Farben von Manchester

Die junge Formation The Slow Show hat soeben ihr zweites Album veröffentlicht, doch in ihrer Heimat Manchester, der Metropole mit der großen musikalischen Vergangenheit, wird sie kaum wahrgenommen. Auf dem europäischen Festland, vor allem in Deutschland und den Niederlanden, ist der Erfolg bereits größer.

Von Paul Baskerville

(Tatjana Ruuegsegger)
Die Band The Slow Show hat vor Kurzem ihr zweites Album veröffentlicht. (Tatjana Ruuegsegger)
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Musik "Ordinary lives"

Manchester hat eine große Musiktradition. The Fall, Joy Division, The Smiths, The Stone Roses, Happy Mondays, Elbow, Lost under Heaven sind nur ein paar Namen einer langen Liste renommierter Künstler aus der Stadt. Eine der neuesten Entdeckungen heißt The Slow Show. Ihre Songs sind besonders liebevoll und detailliert arrangiert. Die Band hat die Sympathie der Deutschen schnell gewonnen.

"Wir sind immer überrascht und gerührt, wenn ein Konzert ausverkauft ist. Dann wird es uns bewusst, wie viele Leute sich für unsere Musik interessieren. Wir sind auch sehr dankbar dafür. Aber es ist schon so, dass wir viel auf dem europäischen Festland aufgetreten sind. Wir haben unsere wachsende Beliebtheit schon mitbekommen. Also kommt es uns natürlich vor. Es war kein Blitzerfolg. Diese Schritt für Schritt-Entwicklung war wichtig, damit wir sicheren Fuß fassen konnten. Wir haben lange gebraucht, um uns richtig wohl zu fühlen. Gerade für mich als Sänger empfand ich es als eine Lehrzeit, die ich abarbeiten musste. Diese Anfangsphase war sehr nützlich für uns."

Musik "Dresden"

Rob Goodwin singt wie er redet. Warm und angenehm klingt er. Sein Gesang ist so sanftmütig und besonnen wie er selbst.

"Wir als Band haben immer gedacht, dass die Stimme nur Bestandteil des Ganzen und nicht wichtiger als die anderen Instrumente sei, aber die Leute achten halt oft mehr auf den Sänger. Ich habe mich dadurch ziemlich lange unter Druck gesetzt gefühlt. Ich hatte noch nie zuvor in einer Band gesungen. Mir war nicht klar, ob ich das konnte oder überhaupt wollte. Als Fred und ich die ersten Songs zusammen komponierten, habe ich auf den Demos gesungen. Der Plan war eigentlich einen richtigen Sänger zu holen, der bereits Erfahrung hatte. Dann wurde mir klar, wie schwierig es wäre, jemandem zu erklären, worum es in den Songs geht. Ich habe festgestellt, dass es doch wichtig ist, dass ich die Songs singe, weil ich die Texte verstehe, und meine Stimme passt dann schon. Ich hatte nicht den Anspruch, eine perfekte Gesangsleistung mit einem enormen Stimmumfang zu vollbringen. Ich wollte lediglich, dass die Geschichten in den Songs auf angemessene Weise vermittelt werden. Ich habe mich als Sänger schon unter Druck gesetzt gefühlt, aber ich weiß inzwischen, dass es eine gewisse Stimmlage gibt, bei der ich mich wohl fühle, die für diese Band genügt."

Musik "Testing"

Mit dem zweiten Album ist Robs Stimme gewachsen.

"Was den Gesang betrifft, habe ich bei dieser Platte, richtig Fuß fassen können. Bei "White water" klang ich immer unterschiedlich, weil das Debütalbum über einen sehr langen Zeitraum entstand. Da war ich noch in der Experimentierphase. Das neue Album ist eher beständig. Ich glaube, die Produktion strahlt eine Selbstsicherheit aus. Wir wissen, was wir gut können. Der ganze Arbeitsprozess war einfacher. Wir fühlen uns in unserer Haut wohler, als früher."

Musik "Strangers Now"

Rob erkennt das kulturelle Erbe der Musikstadt an, nämlich die enorme Zahl an wichtigen Bands. Zugleich nimmt er auch einen gewissen Abstand davon.

"Manchester ist eine seltsame Stadt. Wir sind sehr stolz, daher zu kommen, und wir lieben es dort. Wir sind aber nicht vom musikalischen Erbe der Stadt geprägt, obwohl wir stolz auf deren Musiktradition sind, und wir mögen vor allem die Musik, die aus der Gegend kommt. Die Menschen dort haben uns geprägt im ästhetischen Sinne: Die Farben, die Geräusche…das ganze Lebensgefühl von Manchester inspiriert uns sehr. Aber wir haben uns nichts von anderen Bands dort abgeguckt. Wir waren immer sehr eigenständig und sehr eigenwillig. Am Anfang haben wir nur das gemacht, was wir wollten. Das hat sich geändert, weil wir inzwischen Fans haben. Wir haben einen Sinn der Verantwortung ihnen gegenüber, ihnen zu gefallen."

Musik "Strangers Now"

"Es ist oft über uns geschrieben worden, dass wir gar nicht wie eine Manchester-Band klingen. Wir sind schon sehr eifrig dabei, wenn es darum geht, den Leuten zu erzählen, dass wir aus Manchester kommen. Wir haben aber keinen Sinn einer Mission, das nächste Kapitel in der Manchester Geschichte zu sein, weil wir uns nicht in dem Sinne als Teil der Szene dort empfinden. Wenn wir unbewusst eine Fortsetzung der Manchester Musik sein sollten, dann ist es halt so, aber wir haben uns das nicht bewusst vorgenommen."

Musik "Hurts"

Es gab bereits auf dem Debütalbum einen Hit. Ein Lieblingsstück der Fans. Das Publikum jubelt bei diesem Stück am meisten und singt jede Textzeile mit. Beim Song "Bloodline" herrscht Partystimmung. Das Lied wird die Band für immer begleiten, so ähnlich wie Elton John’s "Your Song" von seinem Debüt. The Slow Show haben "Bloodline" ganz am Anfang ihrer Laufbahn geschrieben, bevor sie überhaupt ernsthaft an eine Karriere dachten.

"(Gelächter) Ja! Stimmt schon! Aber "Bloodline" verkaufte sich leider nicht so gut wie "Your song"! Am Anfang schrieben wir einfach Lieder. Wir hatten Lust drauf. Wir hatten keinen Plattenvertrag. Daher gab es keine Einschränkungen. Irgendwann kam "Bloodline" zustande. Aus heiterem Himmel "Bloodline" jeden Abend zu spielen, empfinden wir gar nicht als lästig. Wir lieben das Lied auch. Wir spielen alle Songs freiwillig und gerne. Wie sind einfach sehr dankbar für die Resonanz. Wir waren etwas älter, als wir anfingen. Ein Paar der Bandmitglieder haben schon bei anderen Bands mitgewirkt. Fred hatte schon viele Künstler produziert. Als ich The Slow Show mit Fred ins Leben rief, war es klar, dass er ein Projekt starten wollte, bei dem er keine Zugeständnisse machen musste. Als Produzent hat er oft genug Rücksicht nehmen müssen. Er wollte ganz egoistisch nur auf sich selbst hören müssen. Mir ging es genau so. Wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht richtig ehrgeizig."

Musik "Bloodline"

"Brawling tonight" vom aktuellen Album "Dream Darling" ist eine kuriose melancholische, aber dennoch hübsche Darstellung von Prügeleien unter Fußballfans.

"Ja, in der Tat. Das Lied erzählt die Geschichte der Stadt nachts. Ich wohnte für kurze Zeit in einer Dachgeschoss-Studiowohnung in der Innenstadt. Abends saß ich da stundenlang und schaute aus dem kleinen Fenster und beobachte das wilde Leben auf der Straße unten. Es gab dann zur späten Stunde Schlägereien vor einer Kneipe. Es ist manchmal schwer die Romantik darin zu erkennen (lacht), wenn Manchester United sich mit Manchester City Fans prügeln."

Musik "Brawling tonight"

Wenn The Slow Show Songs schreiben, entstehen sie langsam, mit viel Liebe zum Detail. Die Lieder schwanken zwischen Bombast und Minimalismus, als ob sie widersprüchliche Strömungen miteinander vereinen wollen.

"Wenn wir Songs aufnehmen haben sie erstmal lediglich eine skelettartige Form. Fred und ich arbeiten ewig an den Arrangements. Es wird regelrecht daran gemeißelt. Manchmal basteln wir endlose Soundschichten übereinander, aber machen dann mal einen Rückzieher, damit ein Song doch wieder am Schluss eher sparsam arrangiert ist. Wir haben das Glück, dass Fred schon als Produzent gearbeitet hat. Was unseren Sound betrifft, müssen wir die richtige Gratwanderung zwischen üppig und sparsam finden."

Musik "Brother”

"Wir diskutieren manchmal tagelang darüber sogar Monate , ob ein Song gewaltig klingen soll, oder ob es er eher ein stilles Feeling vermitteln sollte. Wir sind uns bewusst, dass es Leute geben könnte, die denken, wir hätten manchmal unseren Sound unnötig ausgeschmückt. Auch wenn Streicher sich wunderschön bei der Produktion anhören, sind wir kritisch und fragen uns, ob sie wirklich immer notwendig sind, und setzen sie nur ein, wenn es passt. Fred und ich haben immer gerne die Art von Platten gehört, die sich für Kopfhörer eignen. Auch wenn man sie schon 100 Mal gehört hat, entdeckt man immer wieder neue, liebevolle Details. Es war unser Ziel so etwas selbst zu schaffen"

Musik "Brother"

Die Musikpresse vergleicht junge Bands gerne mit Künstlern aus der Vergangenheit. Im Zusammenhang mit The Slow Show ist der Name The Blue Nile öfter gefallen, eine schottische Gruppe, die ihre Blütezeit in den 80er Jahren erlebte. The Blue Nile hatte einen ähnlichen sanften Perfektionismus, und ihre Songs erzählten auch melancholische Geschichten. Aber The Blue Nile war definitiv kein Vorbild für the Slow Show.

"Ich liebe The Blue Nile, aber ich kenne sie nicht lange. Erst als wir mit ihnen verglichen worden sind, habe ich mich aus Neugier mit der Band beschäftigt. Ihre Musik haut mich um, besonders das erste Album. Es ist Erzählkunst vom Feinstem. Ihre Produktionstechnik ist wunderschön und herrlich subtil aber dennoch faszinierend."

Musik "The Blue Nile”

Bei drei Songs auf dem "Dream Darling" Album ist ein Berliner Chor mit an Bord, Cantus Domus. Dadurch wirkt die Musik von the Slow Show noch feierlicher und besinnlicher, bekommt einen religiösen, andächtigen Charakter.

"Wir haben Glück mit den Leuten gehabt, mit denen wir zusammenarbeiten. Fred hat eine Woche mit dem Chor in Berlin verbracht. Wir sind schon früher mit demselben Chor beim Haldernfestival aufgetreten, also ist es inzwischen ein altes Verhältnis. Der Dirigent Ralf teilt unsere Vision, und sie beschäftigen sich alle mit den Liedern, auf denen sie mitwirken. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass wir Gastmusikern den Inhalt von Songs richtig erklärt haben. Wir hielten es für sinnvoll, damit ihre Beiträge auch dementsprechend emotional angepasst werden können."

Musik Breaks today

Die Deutschland-Tournee Ende 2016 in mittelgroßen Hallen war ausverkauft. Noch vor ein paar Jahren hat die Band in winzigen Clubs gespielt, wo es einfacher ist, eine intime Stimmung zu vermitteln. Rob Goodwin glaubt, dass seine Band trotz des Erfolgs immer noch sehr direkt und publikumsnah bleiben kann.

"Die Shows werden immer größer, da ist es nicht mehr angemessen, bloß mit einer akustischen Gitarre zu stehen und sechs intime Songs zu spielen. Wir haben gerade vor 2000 Menschen in Utrecht gespielt, man muss sich schon entsprechend anpassen. Die Konzerte vermitteln mittlerweile ein Gefühl von Erhabenheit. Wir müssen ein gewisses Schauspiel bieten. Wir haben an Selbstvertrauen gewonnen. Dadurch sind die Songs auf der neuen Platte noch persönlicher geworden. Ich hatte keine Bedenken mehr, mich in den Liedern seelisch zu offenbaren. Ich glaube, die Texte sind deutlich intimer als auf der ersten Platte."

Die Musik von the Slow Show ist intensiv, leicht melodramatisch, aber nie kitschig. Die sensible Baritonstimme von Rob Goodwin ergänzt die stark atmosphärischen Klanglandschaften von the Slow Show. Es sind Songs mit einem Hauch von Mysterium und Romantik. So kann man den Aufstieg von The Slow Show erklären. Musik, die beim Publikum gut ankommt.

Musik Lullaby

Diese Sendung können Sie nach Ausstrahlung sieben Tage nachhören.

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