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StartseiteBüchermarktAlice Munro: "Liebes Leben", S. Fischer Verlag16.02.2014

Buch der WocheAlice Munro: "Liebes Leben", S. Fischer Verlag

Der Erzählband "Liebes Leben" der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro soll, laut eigener Aussage, ihr letztes Buch gewesen sein. Vier der vierzehn Geschichten sind autobiografisch. Sie seien das, was sie noch zu ihrer Vergangenheit zu sagen habe, so Munro.

Von Maike Albath

Alice Munro, undatiertes Bild (Please credit: DEREK SHAPMAN HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES)
Dunkle Triebe, wie sie jeder Mensch in sich trägt, bilden den geheimen Motor von Alice Munros Erzählungen. (Please credit: DEREK SHAPMAN HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES)
Weiterführende Information

Geschichten mit Seele - Neues von der Altmeisterin (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 09.12.2013)

Literaturnobelpreis - Alice Munro (DRadio Wissen, Kultur, 11.10.2013)

"Eine Innovatorin der Short Story" (Deutschlandfunk, Kultur Heute, 10.10.2013)

"Das ist wirklich eine große Autorin" (Deutschlandradio Kultur,Thema, 10.10.2013)

Es ist so, wie es immer ist bei Alice Munro. Man liest den ersten Satz und steckt mitten in einem fremden Leben. Merkwürdig, sollte man es vorher tatsächlich nicht gekannt haben?

Kaum hatte Peter ihr den Koffer in den Zug getragen, schon schien er es eilig zu haben, wieder auszusteigen. Aber nicht, um wegzugehen. Er erklärte ihr, es sei nur sein dummes Gefühl, der Zug könnte sich in Bewegung setzen. Dann stand er draußen auf dem Bahnsteig, schaute zu ihrem Fenster hoch und winkte. Lächelte und winkte.

Sofort scheint einem diese Szene einer Ehe so vertraut wie ein alter Hausschuh, weich und bequem. Ein Mann begleitet Frau und Tochter zum Bahnhof. Doch etwas Beunruhigendes schleicht sich hier bereits ein. Oberflächlich betrachtet, treibt Peter tatsächlich nur die Sorge um, aus Versehen nach Toronto mitfahren zu müssen, noch dazu ohne Fahrkarte und ohne Gepäck. Auf einer zweiten Ebene aber wird etwas ganz anderes verhandelt. Peter nimmt schon jetzt seltsame Schwingungen wahr, die sich seiner Kontrolle entziehen, er hat, wie Alice Munro es ihm in den Mund legt, "ein dummes Gefühl".

Die Tiefenschicht des Textes verrät, dass längst etwas in Bewegung geraten ist. Ein paar Abschnitte weiter wissen wir schon bestens Bescheid über Peter: Er ist Ingenieur von Beruf, sieht gut aus, hat eine große Vorliebe für alles, was praktisch und berechenbar ist. Noch als Baby floh seine Mutter mit ihm aus der kommunistischen Tschechoslowakei, wo der Vater entgegen der Planung zurückblieb und starb. Seine Frau landete in Kanada und zog ihren Sohn allein groß, der zu einem zupackenden Kanadier heranwuchs.

In diesem Sommer nun soll Peter auf dem äußersten Zipfel des Festlandes, in Lund, Bauarbeiten beaufsichtigen. Greta, so skizziert Alice Munro ihre Heldin, scheint das schiere Gegenteil von ihrem Ehemann zu sein: Sie begeistert sich nur für Dinge, die nicht von unmittelbarem Nutzen sind, liest alte Epen und schreibt Gedichte, die ab und zu in Zeitschriften erscheinen. In Toronto will sie das Haus einer Freundin hüten und auf diese Weise in der Nähe ihres Mannes sein, der in Lund keine Unterbringungsmöglichkeit für seine kleine Familie hat. So jedenfalls lautet die offen ausgesprochene Begründung.

Kaum wahrnehmbares Störgeräusch

Knapp, nüchtern, mit diskreter Eleganz und in syntaktisch klar strukturierten Sätzen schildert Alice Munro die Lage des Ehepaares und arbeitet vom ersten Satz an ein Störgeräusch ein. Es kommt beiläufig daher, sodass man es kaum wahrnimmt. Doch dann nistet sich Peters übertriebene Angst wie ein Tinnitus auch im Leser ein. Gleichzeitig nehmen die Geschehnisse ihren Lauf, alles schreitet den normalen Gepflogenheiten entsprechend voran: Die Arbeit verlangt Veränderungen, eine Familie zieht für ein paar Monate um, Frau und Kind treten eine Zugfahrt von Vancouver nach Toronto an, die den äußeren Rahmen der Erzählung absteckt.

Genau wie die Figuren versuchen auch wir, diese ungute Ahnung wegzuschieben, dieses Unberechenbare, vielleicht sogar Unheimliche, das aus irgendwelchen Tiefen hervorzukriechen scheint. Munro lässt Peter weiter im Ungewissen. Uns verschafft sie durch eine Rückblende einen gewissen Vorsprung. Wir erfahren, dass Greta im Sommer auf einem Schriftstellerempfang gewesen war, jedoch ohne beachtet zu werden, weshalb sie rasch mehrere harmlos wirkende bunte Getränke in sich hinein geschüttet hatte. Ein freundlicher Herr aus Toronto, deutlich älter als sie, erbarmte sich der betrunkenen Dichterin und kutschierte sie nach Hause. Harris Bennett, ein Journalist mit einer Ehefrau in der Psychiatrie.

Auf der Lions Gate Bridge sagte er: "Entschuldigen Sie meine Redeweise. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich Sie küssen soll oder nicht, und beschlossen, es nicht zu tun." Sie meinte herauszuhören, sie habe etwas an sich, was nicht ganz die Ansprüche für einen Kuss erfüllt. Die Demütigung machte sie mit einem Schlag wieder nüchtern. "Wenn wir von der Brücke runterkommen, müssen wir dann rechts zum Marine Drive?", fuhr er fort."Ich verlasse mich auf Ihre Anweisungen."

Im folgenden Herbst und Winter und Frühling gab es kaum einen Tag, an dem sie nicht an ihn dachte. Es war, als fiele man sofort nach dem Einschlafen in immer denselben Traum. Sie pflegte den Kopf an das Rückenpolster des Sofas zu lehnen und sich vorzustellen, dass sie in seinen Armen lag. Man sollte meinen, dass sie sich nicht an sein Gesicht erinnern konnte, doch es erstand in allen Einzelheiten, das verknitterte Gesicht eines recht müde aussehenden Mannes, der zu Spott neigte und nur wenig Zeit im Freien verbrachte.

Auch sein Körper fehlte nicht, war zwar nicht mehr jung, aber kundig und unendlich begehrenswert. Sie weinte fast vor Verlangen. Doch dieser Tagtraum verschwand, ging in Winterschlaf, wenn Peter nach Hause kam. Alltägliche Zärtlichkeiten traten dann in den Vordergrund, zuverlässig wie immer. Der Traum ähnelte in vielem dem Wetter von Vancouver – eine trübe Sehnsucht, eine regnerische, träumerische Traurigkeit, eine Schwere ums Herz. Was war denn nun mit der Weigerung, sie zu küssen, die ein ungalanter Hieb sein konnte? Sie strich sie einfach aus. Vergaß sie völlig.

Längst erzählt Alice Munro aus Gretas Perspektive, Peters Wahrnehmung spielte nur zu Beginn der Geschichte eine Rolle. Die Schriftstellerin behandelt ihre Heldin durchaus mit Sympathie, schildert anschaulich die Langzeitwirkung unterdrückter erotischer Anziehung, dennoch ist ihr Blick seziermesserscharf. Kühl registriert sie die romantischen Sehnsüchte der jungen Frau, die sich von einem fremden Mann Erlösung erhofft. Bloß wovon? Greta weiß es selbst nicht. Vor ihrer Abfahrt hatte sie die Ankunftszeit des Zuges auf einem Zettel notiert, ihn in einen Umschlag an Harris Bennett gesteckt und ein Gedicht dazu gelegt: Sie hoffe, ihr Brief erreiche Japan, lautete ein Vers.

Die dumpfe Vorahnung ihres Mannes ist also durchaus berechtigt. Obwohl er als Ingenieur ausschließlich auf die faktische Wirklichkeit vertraut, spürt er, dass seine Frau sich nicht nur räumlich von ihm entfernt. "Japan erreichen" lautet auch der Titel dieser Geschichte, und mit Japan ist ganz grundsätzlich ein fremder Kontinent gemeint, eine ferne Insel, eine neue Sphäre, in die Greta unterwegs ist. Sie löst sich aus den bisher geltenden Regeln und probiert etwas anderes aus, ohne jede Rücksicht. Es ist eine typische Konstellation für Munro: Gesichert wirkende Verhältnisse brechen von einem Augenblick auf den anderen zusammen, und nicht einmal die Akteure könnten benennen, warum das so ist. Ob daraus Befreiung oder Zerstörung folgt, bleibt offen. Am Ende steht Greta wieder auf einem Bahnsteig.

Wechsel der Perspektiven

Dort begannen die Leute, die vor ihnen gegangen waren, auseinanderzustreben, um von den Wartenden in Empfang genommen zu werden, die ihre Namen riefen oder einfach auf sie zugingen und ihre Koffer nahmen.

Wie jemand jetzt ihren Koffer nahm. Ihn an sich nahm, Greta an sich nahm und sie zum ersten Mal küsste, auf entschlossene und feierliche Weise. Harris. Anfangs ein Schock, wirres Durcheinander in Gretas Innerem, dann ungemeine Beruhigung. Sie versuchte, Katy festzuhalten, aber die riss sich in diesem Augenblick los. Sie versuchte nicht, fortzulaufen. Sie stand einfach da und wartete darauf, was nun kam.

Noch einmal wechselt Munro die Perspektive: Katy bemerkt die Veränderungen, schaut genau hin und distanziert sich. Dieser skeptische Blick des Kindes ist charakteristisch für Alice Munro. Ohne stilistisch Aufhebens davon zu machen, lässt sie etwas ins Kippen geraten. Abrupte Kehrtwendungen kennt Munro auch aus ihrem eigenen Leben, so unspektakulär ihre schriftstellerische Karriere zwischen Kindererziehung und Haushaltspflichten zunächst ihren Anfang nahm.

Genau wie Greta hatte Alice Munro einmal die viertausend Kilometer weite Reise quer über den kanadischen Kontinent angetreten, allerdings in die umgekehrte Richtung. 1951 war sie mit ihrer Familie aus South-West-Ontario, wo sie 1931 geboren wurde, nach Vancouver umgezogen. Ein paar Jahre später eröffnete sie mit ihrem Mann in dem Badeort Victoria auf Vancouver Island eine kleine Buchhandlung. Munro war auf einer Silberfuchsfarm aufgewachsen, und ihre Eltern hatten sie für eine Zukunft als Ehefrau eines Farmers erzogen. Aber Alice interessierte sich vor allem für Bücher und ergatterte ein Stipendium für das Studium der Journalistik.

Schon damals konnte sie eine ihrer Kurzgeschichten an einen Radiosender verkaufen, doch nach zwei Jahren lief das Stipendium aus, und ihr fehlten die finanziellen Mittel, um weiter zu studieren. Sie tat das, was 1951 für eine Zwanzigjährige normal war und was auch ihre Heldinnen immer wieder tun: Sie heiratete und bekam hintereinander vier Töchter. Wenn die Einkäufe erledigt waren, die Mahlzeiten gekocht und die Kinder Mittagsschlaf hielten, zog sich Munro in die Wäschekammer zurück, wo ihre Schreibmaschine stand, und entwarf neue Erzählungen, für Romane fehlte ihr schlichtweg die Zeit.

Geschult an Anton Tschechow und den großen amerikanischen Vertretern des Genres wie Edgar Allen Poe oder Raymond Carver, berichtete sie von Dingen, die ihr vertraut waren: von tief protestantischen Familien in Ontario, von Frauen und Männern, die sich plötzlich fremd wurden, von Töchtern, die ihre Mütter hassten und immer wieder von ungestilltem Verlangen. 1968 erschien Munros Debüt Tanz der seligen Geister und war sofort ein großer Erfolg.

Fünf Jahre später trennte sie sich nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem ersten Mann, heuerte als Dozentin für Kreatives Schreiben an der Universität an und kehrte mit ihren jüngeren beiden Töchtern zurück in die Gegend, in der sie groß geworden war und wo die meisten ihrer Erzählungen angesiedelt sind.

Geschichten aus der Vergangenheit

Alice Munros neuer Band "Liebes Leben" enthält vierzehn Geschichten. Den Ausklang bilden vier Erzählungen, die autobiografisch sind. Vieles tauchte bereits in anderen Konstellationen in ihrem Werk auf: die Silberfuchszucht des Vaters, der schließlich Pleite ging, die Figur der Mutter, die mit 39 Jahren an einer seltenen Form von Parkinson erkrankte und von der Tochter gepflegt werden musste, die Einsamkeit der kleinen Alice, die mit anderen Mädchen nichts zu tun haben wollte und stattdessen von Wissbegierde getrieben war.

Diese Texte seien das, was sie noch zu ihrer Vergangenheit zu sagen habe, lässt Alice Munro am Anfang der kleinen Serie verlauten. In einer Geschichte schildert sie, wie sie einen Sommer lang nach einer Blinddarmoperation, bei der man ihr auch eine gutartige Geschwulst entfernt hatte, keinen Schlaf findet und nachts durch den Garten geistert. Einmal trifft sie auf ihren Vater.

Keine Albträume?

Nein.

"Dumme Frage", sagte er. "Schöne Träume würden dich nicht aus dem Bett scheuchen."

Er wartete ab, ob noch etwas kam, er fragte nichts. Ich hatte vor, mich zurückzunehmen, aber ich redete weiter. Die Wahrheit kam mit nur wenigen Abstrichen heraus. Als ich von meiner kleinen Schwester sprach, sagte ich, dass ich Angst hatte, ihr weh zu tun. Ich glaubte, das wäre genug, er würde schon wissen, was ich meinte. "Sie zu erwürgen", sagte ich dann. Ich konnte mich doch nicht bremsen. Jetzt konnte ich es nicht mehr ungesagt machen. Ich konnte nicht mehr zu der Person zurückkehren, die ich zuvor gewesen war. Mein Vater hatte es gehört. Er hatte gehört, dass ich mich für fähig hielt, ohne Grund die kleine Catherine in ihrem Schlaf zu erwürgen.

Er sagte: "Tja." Dann sagte er, kein Grund zur Sorge. "Menschen haben manchmal solche Gedanken." Er sagte das ganz ernsthaft und ohne jede Beunruhigung, nicht erschrocken, auch nicht überrascht. Die Menschen haben solche Gedanken oder auch Ängste, wenn du so willst, aber das ist wirklich kein Grund zur Sorge, nicht mehr als ein Traum, denk ich mal. Er sagte nicht ausdrücklich, es bestehe keine Gefahr, dass ich so etwas täte. Er schien es eher für selbstverständlich zu halten, dass so etwas nicht passieren konnte.

Archaische Abgründe als Motor der Erzählungen

Hier ist er wieder, dieser geheime Motor, der alle Geschichten von Alice Munro antreibt: Ein dunkler Trieb, archaische Abgründe, wie sie jeder Mensch in sich trägt, so sehr man sich auch um Domestizierung bemühen mag. Ihr Vater hat die Größe, nicht zu erschrecken, sondern die dunklen Gefühle seiner kleinen Tochter anzunehmen. Vielleicht war genau dies eine Schlüsselerfahrung, vielleicht konnte Alice Munro sich deshalb auch als Schriftstellerin diesen unauslotbaren Verkrustungen des Ichs stellen. Der Tod ist in ihren Erzählungen allgegenwärtig, auch Vernichtungsgelüste, und immer wieder gibt es Kinder, die zu Opfern werden.

Alice Munro musste selbst den Verlust einer kleinen Tochter verkraften. In ihren Geschichten empfinden sich häufig Geschwister als schuldig, weil sie absichtlich keine Hilfe holen. In dem neuen Band taucht in der Erzählung "Kies" ein Geschwisterpaar auf, das mit dem frisch eroberten Freund der Hippie-Mutter zurechtkommen muss. Das ältere Mädchen stürzt sich eines Tages halb im Spiel mit Kleidern in eine Kiesgrube, das jüngere Kind wartet einen Moment zu lang vor der Tür des Wohnwagens, hinter der sich die schwangere Mutter mit ihrem jugendlichen Freund vergnügt. Das Bild der Schwester, wie sie sich ins Wasser stürzt, verblasst nie mehr.

Eine der besten Geschichten aus "Liebes Leben" dreht sich um eine literaturversessene Lehrerin, die während des Zweiten Weltkrieges in einem Sanatorium für TBC-kranke Kinder landet. Die junge Frau kommt sich vor wie in einem russischen Roman, erfindet Spiele für ihre Schüler und schließt Bekanntschaft mit der lebhaften Mary, der Tochter der Köchin. Außer altjüngferlichen Krankenschwestern gibt es sonst nur noch einen knurrigen Arzt. Eines Tages lädt Dr. Fox sie zu sich nach Hause ein.

Er wusch das Geschirr, ich trocknete es ab. Er band mir ein Geschirrtuch um die Taille, um mein Kleid zu schonen. Als die Enden fest verknüpft waren, legte er die Hände auf meinen Rücken. Der feste Druck, die gespreizten Finger – es hätte beinahe eine berufliche Bestandsaufnahme meines Körpers sein können. Als ich an jenem Abend zu Bett ging, konnte ich immer noch diesen Druck spüren. Ich spürte, wie dessen Intensität vom kleinen Finger bis zum harten Daumen wanderte. Ich genoss es.

Das zweite Abendessen endet im Bett. Zuvor allerdings war Mary vorbei gekommen, um Alister Fox, der eine Vaterfigur für sie ist, mit einer kleinen Theateraufführung zu überraschen und ihm Kekse zum Valentinstag zu überreichen. Der Arzt hatte das Mädchen kalt abblitzen lassen und nach Hause verfrachtet. Nach einer leidenschaftlichen Nacht teilt er der Heldin mit, er habe vor, sie zu heiraten. Die Verlobten bilden eine verschworene Gemeinschaft; niemand erfährt von ihrem Plan. Einige Zeit später fahren sie in die nächste Kleinstadt, wo sie einen Termin beim Standesamt haben. Vorher führt Alister seine zukünftige Frau in eine Gaststätte, und als sie sich wieder ins Auto setzen, hat sich etwas verschoben.

Das Auto steht vor einem Eisenwarengeschäft. Schneeschaufeln gibt es zum halben Preis. Im Schaufenster hängt immer noch ein Schild, auf dem steht, dass hier Schlittschuhe geschliffen werden. Auf der anderen Straßenseite steht ein Holzhaus, das mit gelber Ölfarbe angestrichen ist. Die Treppe zu seiner Tür ist nicht mehr sicher und mit zwei gekreuzten Brettern vernagelt. (…)

Alister kurbelt die Fensterscheibe hoch und widmet sich ganz dem Auto, um aus der engen Lücke zu scheren und dabei nicht den Lieferwagen zu streifen. Und wenig später wäre ich froh, sogar zu jenem Augenblick zurückkehren zu können, als er den Hals reckte, um nach hinten zu schauen. Besser als die Hauptstraße von Huntsville hinunterzufahren, wie er es jetzt tut, als gäbe es nichts mehr zu sagen oder zu regeln. Ich kann es nicht, hat er gesagt. Er hat gesagt, er kann das nicht tun. Er kann es nicht erklären. Nur, dass es ein Fehler ist. Ich glaube, ich werde nie fähig sein, ein verschlungenes S wie das auf dem Schlittschuh-Schild zu sehen, ohne seine Stimme zu hören. Oder rohe, kreuzweise vernagelte Bretter wie die vor der Treppe des gelben Hauses gegenüber dem Geschäft.

"Ich werde dich jetzt zum Bahnhof fahren. Ich werde dir eine Fahrkarte nach Toronto kaufen. Ich bin ziemlich sicher, dass am Nachmittag noch ein Zug nach Toronto geht. Ich werde mir eine sehr plausible Geschichte ausdenken und dafür sorgen, dass jemand deine Sachen packt. Du musst mir deine Adresse in Toronto geben, ich glaube, ich habe sie nicht aufgehoben. Ach, und ich werde dir eine Empfehlung schreiben. Du hast gute Arbeit geleistet. Du hättest das Semester sowieso nicht zu Ende bringen können – ich habe es dir noch nicht gesagt, aber die Kinder sollen verlegt werden. Große Veränderungen stehen an." Ein neuer Ton in seiner Stimme, fast unbekümmert. Ein fideler Ton der Erleichterung.

Auf der Höhe ihrer erzählerischen Kunst

Virtuos zieht Alice Munro mehrere Register, fokussiert Details und wechselt dann in die Totale, lässt auf innere Monologe wörtliche Rede folgen. Auch in diese Geschichte hat sie ein Störgeräusch eingefügt. Wäre die junge Frau weniger hingerissen gewesen, hätte sie es vielleicht bemerkt. Alice Munro erteilt ihrer Heldin dieses Mal selbst das Wort. Mit einer gewissen Verblüffung hatte die junge Lehrerin beobachtet, wie unverhältnismäßig irritiert Doktor Fox auf Marys Theaterkunststück reagiert hatte. Aber sie hatte keine Rückschlüsse daraus gezogen. Am Ende des Abends warf der Arzt sogar noch Marys Kekse in den Schnee: lauter kleine Herzen mit rotem Zuckerguss. Diese Geste findet in der Szene vor dem Eisenwarenladen ihren Widerhall. Alister Fox agiert mit derselben Kälte, schneidet sämtliche Gefühlsfäden mit derselben Grausamkeit ab.

Aber Alice Munro, und das ist das Großartige an dieser Schriftstellerin, stellt diese Verbindung nicht her. Es bleibt dem Leser überlassen, das komplexe Wechselspiel aus Korrespondenzen und Spiegelungen zu dechiffrieren und die Bilder für innere Zustände, Spannungen und Ängste zu deuten. Nicht alle Geschichten in dem neuen Band sind gleichermaßen gelungen, manchmal knirscht die Mechanik, und vor allem in den autobiografischen Texten gibt es einige störende Wiederholungen. Aber in etlichen ist Alice Munro auf der Höhe ihrer erzählerischen Kunst. Sie kartografiert das menschliche Dasein mit all seinen Höhenflügen und Armseligkeiten. Unbeirrbar, präzise und makellos.

Alice Munro: "Liebes Leben"
14 Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning.
S. Fischer Verlag, 368 Seiten, 21,99 Euro.

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