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StartseiteBüchermarktAuffallen um jeden Preis17.08.2014

Buch der WocheAuffallen um jeden Preis

Ob Günter Grass, Elfriede Jelinek oder Martin Walser: Längst sind Autoren nicht mehr nur Intellektuelle hinter verschlossenen Türen, sondern Teil des Literaturbetriebs. Lesungen werden zu Happenings, Autoren zu Popstars. Carolin John-Wenndorf hat untersucht, wie sich die Rolle des Autors gewandelt hat.

Von Angela Gutzeit

Günter Grass bei einer Lesung (JOHN MACDOUGALL / AFP)
Selbstinszenierung als Marke: Der Autor ist heute mehr denn je Teil des Mediengeschäfts. (JOHN MACDOUGALL / AFP)
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Der Schriftsteller ist eine faszinierende Gestalt. Seinen unangreifbaren Geniestatus hat er zwar längst eingebüßt. Aber immer noch gesteht man ihm in der Öffentlichkeit die Rolle des gedankenschweren Weltdeuters zu. Er ist gefragt als Kommentator des aktuellen Zeitgeschehens und augenscheinlich gefällt er sich in dieser Position. Denn stehen Kamera und Mikrofon bereit, so räsoniert beispielsweise Günter Grass – Suppe kochend – über deutsche Befindlichkeiten. Martin Walser lässt den Blick unter buschigen Augenbrauen über den Bodensee schweifen und spricht über das Alter, über Augustinus oder über Bosnien. Handke lässt das lange Haupthaar im Winde wehen und fordert "Gerechtigkeit für Serbien".

Oft tadelt und verreißt man sie dafür und bietet ihnen doch immer wieder – süchtig nach tieferen Einsichten oder nach einem neuen Literaturskandal – ein Forum für mehr oder weniger tiefschürfende Meinungsäußerungen und effektvolle Selbstdarstellungen. Dabei könnte man mit Carolin John-Wenndorf durchaus bezweifeln, dass der ehrenvolle Status des Schriftstellerdaseins zwangsläufig zum Interpreten von Gesellschaft, Politik, von Lebens- und Wertvorstellungen befähigt. Mehr noch: Die Germanistin hält diese Zuschreibung wie auch die Inanspruchnahme dieser Rolle durch die Dichter selbst für ein Missverständnis.

"Ohne Unterlass wird eine Berufsgruppe geadelt und ihr eine besondere Fähigkeit zum letztgültigen Urteil in politischen, philosophischen und gesellschaftlichen Zweifelsfragen zugesprochen, deren Mitglieder sich im alltäglichen Leben nicht selten durch Neurosen und bei zeithistorischen Fragen durch Unsicherheiten auszeichnen. Und tatsächlich, die Rolle des Denkers scheinen die Dichter jüngst nicht mehr so recht auszufüllen. Ich möchte sogar behaupten, das ehrenvolle Gewand des Intellektuellen war den Schriftstellern schon immer ein wenig zu groß."

Damit ist John-Wenndorf nah bei Adorno, der in seiner philosophischen Schrift "Minima Moralia" nicht nur der Ansicht entgegentritt, Schriftsteller trügen das moralische Weltgesetz in sich, sondern auch feststellt: "Schriftsteller sublimieren nicht." Womit er die Illusion ad absurdum führt, der Dichter verwandle seine Leidenschaften in sozial erwünschte Werke und therapiere damit gleichzeitig seinen Lebensschmerz und emotionalen Überschuss. Das Gegenteil sei der Fall: Schriftsteller neigten dazu, in der Öffentlichkeit den idealisierten Erwartungen gegenläufige, exhibitionistische, "heftige, frei flutende und zugleich mit der Realität kollidierende, neurotisch gezeichnete Instinkte" zu zeigen, so Adorno in seiner etwas gewundenen Diktion.

In Carolin John-Wenndorfs umfangreicher wissenschaftlicher Studie findet man für dieses Urteil durchaus eindrucksvolle Belege: Gisela Elsner, die sich nach und nach qua Frisur in ein gruseliges Kleopatra-Zitat verwandelte, bevor sie sich schließlich umbrachte; Elfriede Jelinek, die in Interviews über ihr furchtbares Mutter-Verhältnis spricht und sich selbst als strohdumm bezeichnet; Rainald Goetz, der sich während einer Lesung vor laufender Kamera mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzt und blutend weiter liest.

Inszenierung als Marke

Aber lassen wir Gerechtigkeit walten: Die Mehrheit der Schriftsteller neigt keinesfalls zu diesen extremen Exzessen, Entgleisungen und Selbstentblößungen. Wohl aber können effektvolle Selbstinszenierungen bekannter Größen stilbildend wirken auf dem umkämpften Feld des literarischen Geschehens. Und es ist deshalb nachvollziehbar, warum John-Wenndorfs bevorzugte Studien-Objekte Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und vor allen Dingen Elfriede Jelinek heißen. Sie haben es geschafft, eine Marke auszubilden – auch jenseits ihres Werkes - in Auseinandersetzung oder in Anpassung an gewandelte gesellschaftliche, vor allen Dingen auch mediale Verhältnisse.
Grundlegend für John-Wenndorfs Studie ist die These

"dass der bisher hinter seine Texte, nicht aber hinter sein Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit zurückgedrängte Schriftsteller versucht, sich selbst als Protagonist in den Diskurs des literarischen Feldes einzubringen, und zwar nicht allein durch seine Prosa oder Lyrik, sondern indem er sein Ich vermittels einer für ihn typischen Ausdrucksweise und der kombinierten Anwendung unterschiedlicher Inszenierungsstrategien zur Anschauung bringt."

Will sagen, die Neigung zur wirksamen Selbstdarstellung ist nicht neu, hat aber seit der Moderne ikonografische und performative Formen hervorgetrieben, die das Autor-Ich immer mehr ins Scheinwerferlicht und sein Werk nicht selten zugunsten der Mündlichkeit, der Selbstäußerungen und der bildlichen Inszenierung in den Schatten stellt. Ja, manchmal ist offensichtlich ein Autor sogar interessanter als sein Werk.

Ein Aspekt, den der Literaturwissenschaftler Michael Bogdal aufgreift in seinem Essay "Nach Gott haben wir nichts Wichtigeres mehr gehabt als die Öffentlichkeit", einer lesenswerten Auseinandersetzung mit Martin Walser und seiner Frankfurter Friedenspreisrede 1998. Bogdal zitiert hier Kritikerstimmen, die zu bedenken geben, dass sich das Phänomen Walser auf "vielversprechenden schriftstellerischen Fehlschlägen" gründen würde, die er offensichtlich durch sein Genie der medienwirksamen Anpassung kompensiere. Reich-Ranicki toppte das Ganze mit der Bemerkung: "Ob dieser Autor ganz oder teilweise scheitert – sein Ruhm wächst."

Leider greift John-Wenndorf diese seit den 60er-Jahren immer wieder geäußerte Einschätzung nicht auf. Sie muss auch nicht stimmen. Aber sie würde gut passen in das von ihr gezeichnete Bild eines Literaturbetriebs, in dem Markt- und Medieninteressen und die Mythenbildung von Autoren um ihre Person und ihr Werk unauflöslich miteinander verbunden sind.

Das schmälert jedoch keineswegs den Informationswert dieser Studie, deren Fokus sich übrigens vorrangig auf die deutschsprachige Literatur richtet. Ihre Leistung besteht vorrangig in der Zusammenschau von Diskursanalyse, geschichtlicher Einordnung und Herausarbeitung einer Schriftsteller-Typologie mitsamt der Formen ihrer Selbstdarstellung.

Das gab es in dieser Form noch nicht, obwohl das Feld der schriftstellerischen Inszenierung schon in vielen Einzelstudien intensiv bewirtschaftet wurde.

Ihr Streifzug durch die Geschichte der Herausbildung des Dichter- bzw. Künstler-Individuums ist sicherlich als Pflichtprogramm zu werten, aber in diesem Kontext durchaus nützlich. Noch einmal wird in Erinnerung gerufen, dass die individuelle Repräsentation eines Künstlers im Mittelalter noch keine Rolle spielte. Ein Dichter trat nicht als Person hervor, sondern wurde als Typus dargestellt. An der Epochenschwelle vom Mittelalter zur frühen Neuzeit erwacht dann das individuelle Selbstverständnis des Künstlers. Im Dichterporträt Oskar von Wolkensteins ist das noch mit Insignien der Gelehrsamkeit gepaart.

Der spanische Künstler Diego de Velázquez weiß sich 1656 schon selbstbewusster in Szene zu setzen, indem er aus einem seiner Bilder keck herausschaut. Es entwickelt sich, wie John-Wenndorf schreibt, ein "Spiel des wohlüberlegten Zeigens und Verbergens". Das hat Konsequenzen für das Individuum im Allgemeinen und den Künstler, den Schriftsteller im Besonderen.

"Der Sinn der Identität liegt seit Ende des Mittelalters nicht mehr in der gegebenen lebensweltlichen Ordnung des Seins, die der Mensch bisher nur zu erkennen brauchte, sondern der Sinn muss erst in das Sein hineingelegt werden – mit all den Fallstricken. Sinn ist nicht länger gegeben, sondern wird zunehmend konstruierter Eigensinn."

Das heißt, die Lebensstile werden heterogener. Die Entstehung eines bürgerlichen Publikums im 18. Jahrhundert sorgt für eine kulturelle Öffentlichkeit, die Vorlieben entwickelt, sowie für Angebot und Nachfrage und eine Pluralisierung der "künstlerischen Distinktionsmechanismen".

Originalität war von nun an gefragt, das Hervortreten der eigenen, unverwechselbaren Stimme. Da war der Schriftsteller längst freigesetzt aus höfischer Abhängigkeit und damit gezwungen sich gegen Konkurrenz zu positionieren. Mit dem Aufkommen der Fotografie wurde schließlich eine neue, bislang unbekannte Nähe zwischen Künstler und Rezipient geschaffen.

Der sich mediengerecht in Szene setzende Dichter wurde bewundert, zum Sehnsuchtsobjekt und zur Deutungsinstanz für "Gott und die Welt". Eine Überforderung, was selbst gestellte und gesellschaftliche Ansprüche angeht, wie die Germanistin meint.

Kein Wunder also, wenn er dadurch auch zur Zielscheibe von Kritik und Hasstiraden wurde. Die Reaktionen auf Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede im März dieses Jahres, speziell auf deren verbale Entgleisung über die "Halbwesen", die ihrer Meinung nach die moderne Reproduktionsmedizin hervorbringt, sind dafür ein deutliches Beispiel. Der Entrüstungssturm, der durchs Land fegte, stellte phasenweise ihr gesamtes Lebenswerk infrage.

Schön ist, wie die Wissenschaftlerin in ihrem historischen Exkurs immer wieder witzige wie erhellende Parallelen zieht zwischen Künstler-Selbstdarstellungen verschiedener Jahrhunderte. Etwa wenn sie den dämonisch wirkenden Seitenblick auf einer Fotografie von Stefan George in Beziehung setzt zu Velázquez und seinem den Betrachter fixierenden Selbstporträt. Oder wenn sie das selbstbewusste Spiel mit der Inszenierung der Bohemiens des 19. Jahrhunderts neben die sich stilbewusst gebenden Pop-Autoren der 1990er-Jahre rückt.

Benjamin von Stuckrad-Barre im Maßanzug, in Gestik und Attitüde gekonnt Baudelaire zitierend. Das hat was und macht deutlich, wie sich historisch ein Referenzsystem herausbildet hat oder – um es mit Carolin John-Wenndorf zu sagen – über die Jahrhunderte ein Archiv der Inszenierungstechniken mit immer noch erweiterbaren Formen, Posen und Codes entstanden ist. Aus ihm bedient sich der Schriftsteller mehr oder weniger absichtsvoll oder fügt ihm je nach gesellschaftlicher Anforderung neue hinzu.

Die zwölf Praktiken der Selbstdarstellung

Zu den Höhepunkten des Buches gehören unbedingt John-Wenndorfs Dichtertypologie und die "zwölf Praktiken der Selbstdarstellung". Da fragt man sich als Leser natürlich zunächst, ob diese Form des Schematismus gut gehen kann. Zumal sie sogar mit Grafiken zur Einordnung verschiedener Dichtertypen arbeitet. Es überrascht und erheitert jedoch an dieser Analyse, dass sie ihr Verfahren ganz offensichtlich selbst ein bisschen auf die Schippe nimmt. Für eine Dissertation keine Selbstverständlichkeit. Zwar steckt die Germanistin das Feld, in dem sie die Autoren verortet, sorgsam mit den theoretischen Erkenntnissen Pierre Bourdieus, Roland Barthes und Michel Foucaults ab, wenn es zum Beispiel um Mythos und Diskursanalyse geht. Aber diese Typologie hat neben dem unzweifelhaften Erkenntnisgewinn auch erheblichen Unterhaltungswert.

Da werden das Cross-Dressing und die Geschlechterparodie bei Else Lasker-Schüler aufgerufen sowie die "religiös-ethnische Dissimulation" bei BrUNO Doessekker alias Binjamin Wilkomirski, der sich eine falsche Identität als ein von Auschwitz gebrochener Jude zulegte und damit Suhrkamp, die Öffentlichkeit und leider auch die Autorin dieses Beitrags täuschte. Es werden die Selbstdarstellungen von Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Alexa Hennig von Lange und Sibylle Berg auf ihren Homepages aufgerufen: Von Plaudertasche, fortlaufender biografischer Erzählung bis zur strikten Reduktion auf ein paar Werktitel ist alles vorhanden. Da geht es weiterhin um "das diskursleitende Prinzip" des Markenzeichens wie bei Wladimir Kaminer mit seinem roten Stern.

Oder um John von Düffel, der seit seinem Roman "Vom Wasser" und seinem Essay "Ich schwimme, also schreibe ich" die Analogie zum nassen Element nicht mehr los wird. Für Kritiker ein gefundenes Fressen. Da lässt sich mit Anspielungen wie "John von Düffel geht baden" oder Ähnlichem herrlich jonglieren. Wie beim Schauspieler, der jahrelang den Kommissar im "Tatort" gab und nun auf immer sein Image mit dem Krimi-Genre verbandelt sieht, so kann auch der Mythos, die Marke, an der der Schriftsteller selbst eifrig gebastelt hat, zur Bürde werden. So verfangen im eigenen Image sieht sich auch von Düffel:

"Ich habe mich beispielsweise beim Schwimmen filmen lassen. Als der Aspekte-Literaturpreis kam, bin ich mit Kameraleuten in ein Bonner Freibad gegangen, obwohl ich aufgrund vieler Lesungen nicht gut trainiert war. Dort habe ich meine Runden gedreht und war mit meinem Schwimmstil völlig unzufrieden. Bei dem Film ging es nicht darum, meinem Trainingszustand zu beurteilen, sondern um den Teil einer Vermarktungsstrategie ( ... ).

Ich hatte nichts gegen ein Merkmal wie "John von Düffel ist ein Wassermann", sondern habe mich gefragt: Wie viele Merkmale darf man haben oder wie vielseitig darf man sein? Das war der Moment, als ich merkte: Das ist größer und stärker als du, denn ich habe gesehen, dass ich gewissen Etiketten nicht mehr entkomme. ( ... ) Das einzige, was ich noch hätte machen können: Ich hätte ein Buch über Feuer, eins über Erde und eins über die Luft schreiben können und wäre dann der Mann mit den Elementen gewesen. Aber ich hätte nicht mehr etwas ganz anderes machen können."

Auch Bodo Kirchhoff hat sich in seinem Aufsatz "Schreiben und Narzissmus" von 1995 kritisch mit der schriftstellerischen Selbstdarstellung, hier mit der Wirkungsmacht der Fotografie, auseinander gesetzt:

"Wie muss man als ( ... ) Schriftsteller aussehen? Grimmig? Verrückt? Heruntergekommen? Oder eher nichtssagend, um nur den Text wirken zu lassen; ja wäre es vielleicht das Beste, gar kein Foto herauszurücken oder höchstens ein verschwommenes, als sei man verschollen? Und dann mit Accessoires – mit Zigarette, ohne Zigarette, falls aber mit Zigarette, filterlos? Und mit Brille, ohne Brille, mit Schreibzeug, ohne Schreibzeug - , ferner die Frage des Hintergrundes: Bücher; ein Baum; eine Mauer? Industrieschrott? ( ... ) Fragen über Fragen, welche die dumpfe Ahnung, dass jedes Bild des Autors Romane aufseiten der Leser in Gang setzt."

Kontur gewinnen im Literaturbetrieb

Wie man es also dreht und wendet, ob der Schriftsteller will oder nicht, ob er als Autor völlig hinter seiner Sprache verschwindet wie Thomas Pynchon – was ja auch als Marke gilt - oder alle Register der Aufmerksamkeitsgenerierung zieht wie Martin Walser oder Günter Grass – ohne gewisse Grundeigentümlichkeiten, die der jeweiligen Dichterexistenz Kontur geben, kommt in der heutigen Zeit kein Autor mehr aus.

So finden wir, wie John-Wenndorf es auf den Punkt bringt, über die üblichen Selbstpräsentationen in Lesungen, Filmen, Fotos, Websites, Offenen Briefen, Reden und Tagebüchern hinaus auch oft biografische Schlüsselszenen und Kernthemen, die die Schriftstellerpersönlichkeit möglichst in Einheit mit ihrem Werk konstituieren sollen. Peter Handke stellt selbst immer wieder eine Verknüpfung her zwischen seinen frühkindlichen Erlebnissen und seiner Grundemotion der Angst und der Fremdheit. Bei Grass wird biografisch abgeleitet die Scham beschworen, bei Jelinek der Lebensekel.

Elfriede Jelinek nimmt in Carolin John-Wenndorfs Studie einen deutlich exponierten Platz ein. Das hat einen nachvollziehbaren Grund: Jelinek ist ein Phänomen, ein Gesamtkunstwerk, ein Chamäleon, eine Sphinx. Auf jeden Fall nicht zu fassen und doch überaus kalkuliert präsent. In der Vergangenheit hatte sie sich mehrmals im Stil ihrer jeweils aktuellen Roman-Protagonistin ablichten lassen.

Demonstrativ und herausfordernd. In Interviews pflegt sie sich öffentlich zu demontieren, negativ zu bewerten und Intimes preiszugeben, um dann im selben Atemzug den Wahrheitsgehalt ihrer eigenen Aussage zu bezweifeln. An Jelineks Vexierspiel, raffiniert vernetzt mit dem radikalen gesellschaftskritischen Gestus ihrer Werke, scheiden sich regelmäßig die Geister. Eine provozierende Selbstgenerierung bis an die Schmerzgrenze und mit hohem Einsatz.

"Bei Jelineks geballter nihilistischer Selbstminimierungsrhetorik im Dienste der Aufrechterhaltung einer kalkulierten Öffentlichkeitsoptik zwischen (inszenierter) Negation und (inszenierter) Dominanz entsteht ein virtuelles Bild der Autorin, ihr Mythos, jenseits aller empirischen Identität. Ein Subjekt aus Zeichen, Aussagen, Gesten, Floskeln, Sprachritualen, die den Ideen Foucaults insofern entsprechen, als hier die Figur der Autorin sich selbsttätig und gleichwohl den marktkapitalistischen Mechanismen entsprechend aufzulösen und zu verflüchtigen beginnt."

Die Frage stellt sich: Ist dieses Oszillieren zwischen Präsenz und Verflüchtigung bei Jelinek ein Akt der Verweigerung, der Verzweiflung oder ein wohl kalkuliertes Spiel mit dem Image des beschädigten Autors? Oder beides?

Vielleicht ist ja, wie John-Wenndorf meint, tatsächlich der Lebensschmerz die Grundkonstante der dichterischen Existenz und zwar historisch gesehen. Da der Dichter nicht zu sublimieren vermag, wie eingangs behauptet wird, trägt er den Schmerz, den Mangel je nachdem, ob es sich um den "selbst- oder den weltbezogenen Typus" handelt, so die Germanistin John-Wenndorf, in verschiedener Weise nach außen. Das kann produktiv sein. Nur steht der Autor heute mit seinem Engagement, mit seinem Auftreten und seinem Werk, wie Dieter Forte es einmal formulierte, eben nicht mehr in einem " nicht-instrumentellen Verhältnis".

Es habe sich eine Art "Eduscho-Tschibo-System der Literatur" herausgebildet, so Forte. Die Aufmerksamkeit werde durch einen preiswerten Verkaufsschlager erregt, den Kaffee gebe es nebenher. Alles wird vermarktet. Auch die Verzweiflung. Deshalb wohl das gewagte Spiel der Elfriede Jelinek mit der Öffentlichkeit und der eigenen Identität.

Wiedergewinnung der schöpferischen Tätigkeit

Am Schluss ihres Buches fragt Carolin John-Wenndorf, wie sich denn nun eine authentische, repräsentationskritische Lebensphilosophie und ein vom Voyeurismus befreites kulturelles Leben verwirklichen lasse. Ihr Gewährsmann ist hier der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor.

Eine Wiedergewinnung des echten, ungebrochenen Selbst, so Taylor, sei nur durch die Wiedergewinnung( ... ) der schöpferischen Tätigkeit denkbar und durch ein kultursprengendes Sprechen ( ... ), das über die reine (Selbst-)Darstellungsfunktion hinausreiche, mit dem Ziel, dem Wort seine primäre Funktion jenseits des Explosiven und Sekundären zurückzugeben. Wie das zu erreichen sei, weiß der Philosoph offensichtlich auch nicht. Und so bleibt mit Carolin John-Wenndorf und ihrem empfehlenswerten Buch nur die Hoffnung...

"dass sich das inszenierte Leben früher oder später selbst persifliert – und dass eine bescheidene, das Kollektive und nicht das Individuelle betonende, sich von ökonomischen Interessen und Verkaufserfolgen einmal befreite unabhängige Gegenströmung, eine neuartige "Gegenöffentlichkeit" entwickeln wird."

Die Besinnung auf das Wesentliche der dichterischen Existenz bewegte schon den Dramatiker Heiner Müller, der in diesem Zusammenhang anmerkte: "Der Wunsch nach Größe produziert oft kleine Menschen". Das allerdings könnte man auch vielen anderen Zeitgenossen ins Stammbuch schreiben.

Caroln John-Wenndorf: "Der öffentliche Autor. Über die Selbstinszenierung von Schriftstellern",
transcript Verlag. 495 Seiten. 44.99 Euro.

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