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StartseiteDLF-MagazinDagegensein als Beruf20.06.2013

Dagegensein als Beruf

Vollzeiteinsatz auf Demonstrationen

Die Macht der Banken, Atomkraft oder Ausbeutung der Natur: Jutta Sundermann ist dagegen, und zwar hauptberuflich. Sie ist immer auf Achse, im Namen des außerparlamentarischen Protestes. 20 Paten der Bewegungsstiftung sichern ihr dafür ein Grundeinkommen.

Von Vanja Budde

Jutta Sundermann ist keine Miet-Demonstrantin: Sie sucht sich ihre Kampagnen selber aus.  (picture alliance / dpa / Katia Christodoulou)
Jutta Sundermann ist keine Miet-Demonstrantin: Sie sucht sich ihre Kampagnen selber aus. (picture alliance / dpa / Katia Christodoulou)

Dunkle Wolken ziehen über das Brandenburger Tor in Berlin. Jutta Sundermann und eine Handvoll Mitstreiter von Attac wollen gegen die Banken demonstrieren, die ihrer Meinung nach den Planeten ausbeuten.

"Ist vorher immer spannend, vor so einer Aktion, ob das auch klappen kann. Hauptbild ist ja, wie wir die Welt an einem dicken Seil gemeinsam aus dem Geldspeicher herausziehen. Der Geldspeicher ist eine Kulisse, Stoff auf Holzrahmen – mal schaun."

Touristen scharen sich staunend um die Aufbauarbeiten. Doch als der Planet gerade mal halb aufgeblasen ist, versagt die Luftpumpe; der Banktresor fällt in sich zusammen, und nun fängt es auch noch an, zu regnen. Bei den Aktivisten des globalisierungskritischen Bündnisses Attac macht sich schlechte Laune breit.

Jutta Sundermann lässt sich nicht verdrießen. Jetzt zeigt sich, wie gut wir improvisieren können, meint das lebenslustige Energiebündel fröhlich. Sie trägt ihr glattes, dunkelbraunes Haar kinnlang, hat ein offenes, ungeschminktes Gesicht und ein eben solches Wesen.

Es gießt in Strömen: Die Aktivisten scharen sich um die schlappe Weltkugel, halten ein nasses Transparent hoch, auf dem die Umverteilung des Reichtums gefordert wird. Jutta Sundermann greift unverdrossen zum Megafon.

"Boris, sind da Batterien drin?"
"Ja, aber lass bleiben, ist doch Quatsch jetzt!"
"Wir haben extremen Reichtum auf der einen Seite und große öffentliche Armut auf der anderen Seite. Gemeinsam wollen wir die Welt dem Geld entreißen."

Die Altstadt von Wolfenbüttel in der niedersächsischen Provinz ist ein friedlicher Ort. Die Sonne scheint auf die schiefen Fassaden der Fachwerkhäuschen; Geranien blühen auf Fensterbänken. In einem solchen Hutzelhaus an einer schmalen Kopfsteinpflastergasse wohnt Jutta Sundermann.

"Ich wohne ja hier in einem alten Lehmhaus. Ich finde es supertoll, nach einer langen Telefonkonferenz und mehreren Stunden E-Mail-Bearbeitung dann den Computer auszuschalten, gehe ich eine Treppe runter und dann krempele ich die Ärmel hoch und mache erst mal einen Lehmputz."

Die Berufsaktivisten bietet Saftschorle an, erzählt freimütig und enthusiastisch. Ihr heute 17-jähriger Sohn und die 20-jährige Tochter hätten ihr materiell stets sehr bescheidenes Leben immer akzeptiert, sagt Sundermann. Die Kinder hat sie allein groß gezogen.

"Das Geheimnis war, glaub‘ ich, dass ich sehr, sehr wenig brauche. Und auch meine beiden Kinder, was ich nicht wusste vorher, weil mir viele gesagt haben, daran werde ich scheitern, die fanden das OK."

Jutta Sundermann ist kein Miet-Demonstrant: Sie sucht sich ihre Kampagnen selber aus. Etwa 20 Paten der "Bewegungsstiftung" sichern ihr dafür mit Spenden ein Grundeinkommen von etwa 900 Euro im Monat. Die Attac nahestehende Stiftung wurde 2002 gegründet, um öffentlichen Protest gegen soziale und politische Missstände anzukurbeln. Sie finanziert nach eigenen Angaben acht hauptberufliche "Bewegungsarbeiter" mit insgesamt rund 40.000 Euro im Jahr. Die Paten sind politisch interessierte Bürger, die sich aber nicht in Vollzeit der Kampagnenarbeit widmen können oder wollen.

"Für mich ist schon klar, dass das eine Riesenfreiheit ist und auch ein großes Glück. Ich kann jeden Tag neu entscheiden, was mir wirklich am Herzen liegt. Und das nehme ich dann in Angriff."

Jutta Sundermann engagiert sich schon als Schülerin politisch: Beim Bund für Umwelt und Naturschutz im Odenwald baut sie Nistkästen und trägt Kröten über die Straße, damit fängt alles an.

"Ich glaube, es war sehr wichtig, dass ich so mit 15, 16 in Netzwerke reingekommen bin mit sehr entschlossenen jungen Leuten, wo ich gemerkt habe, wie viel es mir bedeutet, mit anderen Menschen zusammen ein Projekt auf die Beine zu stellen."

Sundermann ist Autodidaktin, sie hat nicht studiert. Und zu den Grünen ist sie nicht gegangen, weil es ihr in Parteien viel zu hierarchisch zugeht und man zu viele Kompromisse machen müsse. Ihre Motivation schöpft sie aus einer humanistischen Weltsicht.

"Ich bin ein ganz großer Menschenfan und kann mich wirklich sehr begeistern, wenn ich merke: Zusammen mit anderen passiert jetzt was, was viel wert ist. Das finde ich auch bei politischer Arbeit, dass sich Dinge entwickeln, dass auch Gruppen lernen können und mir diese Erfahrungen, die Begegnungen sehr viel bedeuten und auch das Gefühl, eigentlich in ganz Deutschland und an vielen Stellen sogar in der ganzen Welt Menschen zu kennen, die nicht den Kopf in den Sand stecken."

Ist Jutta Sundermann ein naiver Gutmensch? Vielleicht habe sie sich in all den Protest-Jahren irgendwie ein bisschen Naivität und Glaube an das Gute bewahrt, meint die Attac-Mitbegründerin. Das schützt wohl auch vor Frustration angesichts der realen Machtverteilung in Politik und Gesellschaft.

"Vielleicht ist das so, dass ich einen Wutverbrennungsmotor im Bauch habe und das eher, als eine Energiequelle immer wieder auch sehe. Und umgekehrt habe ich aber schon vor Längerem angefangen, mir einen Platz im Kopf zu reservieren für schöne Erfahrungen, für Erfolge und für Belege dafür, dass es nicht sinnlos ist, das zu tun, was ich probiere."

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