Interview / Archiv /

 

"Das Thema wurde in den Schulen nur sporadisch berührt"

Arnold Vaatz (CDU) erinnert an den 17. Juni 1953

Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953
Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)

Es war der Aufstand der Arbeiter, des Volkes, gegen die von oben herab diktierte Gesellschaftspolitik des DDR-Regimes. Am 17. Juni gingen sie auf die Straße - doch die Revolution wurde von sowjetischen Panzern niedergewalzt. Arnold Vaatz, früher im "Neuen Forum", erinnert sich..

Christoph Heinemann: '53, '56, '68, '89 – ist keine Telefonnummer; diese ansteigenden Jahreszahlen sind die Wegmarken des Sinkflugs des real existierenden Sozialismus in Europa und Deutschland. 1953 passierte, was im Selbstverständnis des Arbeiter- und Bauernstaates niemals hätte passieren dürfen: die Arbeiter – und nicht nur die – gingen auf die Straße. Aus dem Protest gegen höhere Arbeitsnormen wurde eine Bewegung, die das gesamte Regime infrage stellte. Wir hören Tondokumente vom 17. Juni 1953:

O-Ton: "Kolleginnen und Kollegen, wir alle haben die jüngsten Ereignisse unserer Deutschen Demokratischen Republik mit Ruhe begonnen. Wir haben die Absicht, alle so wie wir hier stehen, einen Demonstrationszug durch die Stadt zu führen, und ich fordere alle Kollegen auf, sich an dem Zug zu beteiligen, an dem Demonstrationszug."

O-Ton: Der Demonstrationszug kommt heran. Das sagt sich so leicht, da gehen Tausende von Menschen, denen der Regen überhaupt nichts ausmacht, der strömende Regen, der stellenweise in einen ausgesprochenen Guss übergegangen ist, wo es mit Eimern geschüttet hat, wie der Berliner sagt. Die Männer und Frauen und Mädchen kommen genau so, wie sie heute Früh sich in die Arbeitskleidung geworfen haben, mit ihren blauen Anzügen, ein großer Teil hat die blauen Schutzbrillen noch so, wie sie morgens vor den Feuerkesseln gestanden haben."

Heinemann: Eine Radioreportage vom 17. Juni '53. – Am Telefon ist Arnold Vaatz (CDU), stellvertretender Unions-Fraktionschef im Deutschen Bundestag. Guten Morgen!

Arnold Vaatz: Guten Morgen.

Heinemann: Herr Vaatz, Sie sind Jahrgang 1955, haben bis 1990 in der DDR gelebt. Was haben Sie in Ihrer Schulzeit über den 17. Juni 1953 gelernt?

Vaatz: In der Schule nichts, zu Hause sehr viel. Das Thema wurde in den Schulen nur sporadisch berührt. Ich erinnere mich, in der zehnten Klasse etwa wurde uns kurz erklärt, dass es da konterrevolutionäre Putschversuche oder so was gegeben hätte. Es war also sichtlich der Schule daran gelegen, dass das Thema möglichst nur gestreift wird.
Zu Hause sah es ganz anders aus. Meine Eltern haben dort über diese Ereignisse sehr oft gesprochen, insbesondere dann, wenn Freunde oder Verwandte dazustießen. Auf diese Weise habe ich im Grunde zwei diametral unterschiedliche Sichtweisen mitgekriegt.

Heinemann: Und geprägt hat Sie die elterliche?

Vaatz: Selbstverständlich.

Heinemann: War der 9. November 1989 die Vollendung des 17. Juni '53? Das heißt, war die Erinnerung an den Volksaufstand und auch an die Unterdrückung des Volksaufstandes vor 22 Jahren noch wach?

Vaatz: Ich glaube, sie war damals nicht mehr präsent, denn die meisten Akteure aus dieser Zeit waren zu diesem Zeitpunkt entweder Kleinkinder, oder noch gar nicht geboren. Ich glaube, dass die Ereignisse im November 1989 mit anderen Dingen zu tun hatten, insbesondere mit der Tatsache, dass Gorbatschow ganz offensichtlich ernst machte mit seinem Abstehen von der ehemaligen Breschnew-Doktrin. Das war Wasser auf die Mühlen derer, die sagten, wir können es riskieren, ohne dass es zu einem Blutvergießen kommt. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite: Ich glaube, es war die fortschreitende Depression in der Wirtschaft, die völlige Perspektivlosigkeit von jungen Leuten, die sichere Einsicht von jungen Menschen, dass sie, wenn sie sich nicht selbst befreien, ihr ganzes Leben in der DDR werden zubringen müssen, dass sie keine Chance haben, aus diesem Land rauszukommen, sich selber irgendwo anders zu verwirklichen, das Verschwinden des 17. Juni aus der Erinnerung, und zwar das Verschwinden der Methode seiner Niederschlagung, dass also die beherrschenden Bilder eben nicht mehr die tragischen Endpunkte von diesen Ausbruchsversuchen aus dem sozialistischen System waren, die das Handeln bestimmte, sondern eben einfach die Einsicht in die Perspektivlosigkeit der Gegenwart.

Heinemann: Schauen wir, Herr Vaatz, in den Westen. Der 17. Juni wurde in der Bundesrepublik offiziell als Tag der deutschen Einheit gefeiert, aber für viele Westdeutsche war er kein Gedenk-, sondern eher ein Freizeittag. Haben Sie sich vor der Wende darüber geärgert, wie viele Wessis sich mit der Teilung abgefunden hatten?

Vaatz: Ja, und das ist auch ganz offen gesagt das Ende meines Interesses für die SPD gewesen und das niemals begonnene Interesse für die Grünen.

Heinemann: Aber in der Union haben ja auch viele Lippenbekenntnisse abgegeben.

Vaatz: Ja was heißt Lippenbekenntnisse? In der Union stand es nach wie vor im Grundsatzprogramm. Es ist versucht worden, das aus dem Grundsatzprogramm rauszudrängen; das ist von der Mehrheit der Union verhindert worden. Ich glaube nicht, dass die deutsche Einheit gekommen wäre, wenn nicht Leute wie Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl und andere dafür gesorgt hätten, dass die deutsche Wiedervereinigung ein Kernziel der deutschen Politik bleibt. Dann wäre die Lafontainsche oder auch von anderen SPD-Größen vorgeschlagene Realität oder das Vorgeschlagene eingetreten und Realität geworden, nämlich man hätte die Staatsbürgerschaft der DDR anerkannt und hätte dann überhaupt keine juristische Möglichkeit, glaube ich, gehabt, die Wiedervereinigung zu vollziehen. Wir hätten dann eine Art österreichische Lösung gekriegt und würden jetzt weit, weit hinter dem zurückhinken, was wir im Augenblick haben. Das, glaube ich, ist eine Großtat der CDU, und aus dem Grunde habe ich überhaupt keinen Grund, von dieser Partei abzurücken. Das große Problem bei den '68ern ist, dass sie aus sicherer Entfernung - - also sie liebten es, die Früchte des Kapitalismus zu konsumieren, und betrachteten im Osten aus sicherer Entfernung den Sozialismus als sympathische Alternative, der sie zujubelten, wo sie aber nicht leben wollten. Und diese Schizophrenie, die einer der peinlichsten Auftritte des Bewusstseins in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist, die hat die westdeutsche Szenerie geprägt, und aus dem Grunde muss ich sagen, wenn Sie auf den 17. Juni anspielen: Es ist richtig gewesen, diesen 17. Juni als Feiertag festzulegen, es ist aber Realität gewesen, dass im Wesentlichen unter dem Eindruck der '68er die westdeutsche Gesellschaft sich über weite Teile, keineswegs über 100 Prozent, aber über weite Teile geweigert hat, zu begreifen, was sich hinter dem 17. Juni verbirgt.

Heinemann: Herr Vaatz, Sie sind, wenn Sie mir diese Formulierung gestatten – und ich erkläre Sie gleich -, der Albtraum jedes Fraktionsvorsitzenden, das heißt ein Abgeordneter, der sich ein eigenes Urteil bildet, der sich taktischen Spielregeln nicht unbedingt unterwirft. Sie sind auch ein bisschen von Ihrer Partei abgerückt, das heißt, Sie unterstützen zum Beispiel die Energiewende der CDU in der geplanten Form nicht. Wir wollen jetzt nicht über Energie sprechen. Ist diese Haltung auch Erbe der DDR-Freiheitsbewegung?

Vaatz: Das weiß ich nicht. Wenn nicht der DDR-Freiheitsbewegung, sondern sie ist entstanden unter dem erbarmungslosen Leidensdruck einer Gesellschaft, die sich des ganzen Menschen bemächtigen wollte, die an jedem einzelnen Individuum demonstrieren wollte, dass der Staat, die staatliche Idee, also die beherrschende Philosophie, die die Staatspolitik antreibt, für jedes Individuum verbindlich und stärker als dieses ist. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man beugt sich. Wenn man sich beugt, dann ist dieses die Kapitulation für das gesamte Leben und in der Tat das Delegieren des eigenständigen Denkens an andere. Wenn man es allerdings versucht, zu widerstehen, dann zwingt es einen, ein eigenes Koordinatensystem zu entwickeln und aus diesem eigenen Koordinatensystem ein Urteilsvermögen zu entwickeln, von dem man sich tatsächlich steuern lässt. Und mich hat dieses eigene Urteilsvermögen noch niemals enttäuscht während meiner ganzen Zeit. Sicher habe ich viele, viele Fehlurteile getätigt, das will ich überhaupt nicht bestreiten, aber das eigene Urteilsvermögen, das eigene Koordinatensystem eröffnet einem auch einen sehr, sehr leichten Weg zur Korrektur von Fehlern. Ich kann nur jeden ermuntern, sich nach seinem Urteilsvermögen, nach seinem Koordinatensystem und nach seinem inneren Kompass zu richten. Ein Mensch, dessen Kompassnadel aus Pappe ist, sodass sie sich nach beliebigen Richtungen ausrichtet, wird in der Politik immer nur Schaden anrichten.

Heinemann: Der Dresdener CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Vaatz: Auf Wiederhören.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Linkspartei in Thüringen"Für Regierungsbeteiligung Kröten geschluckt"

Bodo Ramelow am Wahlabend in einem TV-Studio in Erfurt.

Ihren Erfolg in Thüringen hat die Linkspartei laut dem Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt ihrem "realistischen, sich auf unser System einlassenden Kurs" dort zu verdanken. Dieser könnte die Partei eines Tages auch auf Bundesebene attraktiv machen, sagte er im DLF.

Ebola-Hilfe"Alles umsetzen, was versprochen wurde"

Tankred Stöbe (Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen) am 17.06.2014.

Die Bundesregierung müsse endlich ihre versprochene Ebola-Hilfe in die Tat umsetzen, forderte der Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, Tankred Stöbe, im DLF. Viel sei angekündigt, vor Ort aber noch kein Patient von offiziellen deutschen Helfern behandelt worden.

Rot-Rot-Grün in Thüringen"Die Zeichen stehen gut"

Die Generalsekretärin der SPD, Yasmin Fahimi.

Die Entscheidung des Thüringer SPD-Landesvorstands, ein rot-rot-grünes Bündnis eingehen zu wollen, hat SPD- Generalsekretärin Yasmin Fahimi begrüßt. Sie freue sich, dass es eine einstimmige Entscheidung gewesen sei, sagte sie im DLF. Entscheidend seien die besten inhaltlichen Übereinstimmungen gewesen.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.