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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWir werden zu schnell zu alt - und weniger30.04.2015

Demografischer WandelWir werden zu schnell zu alt - und weniger

Die Deutschen werden immer älter und immer weniger. Mehr als 80 Millionen Menschen leben heute in der Bundesrepublik, 2060 werden es laut Statistischem Bundesamt nur noch etwa 67 bis 73 Millionen sein. Die Einwanderung kann den Trend verlangsamen, aber nicht stoppen.

Von Johannes Kulms

Eine Figur eines älteren Mannes sitzt auf einer Euro-Münze. (imago / Becker&Bredel)
Der drastische demografische Wandel in Deutschland erschwert die Erfüllung des Generationenvertrags. (imago / Becker&Bredel)

Seit Jahren gehört Deutschland zu den beliebtesten Einwanderungsländern der Welt. Lag die Nettozuwanderung im Jahre 2010 noch bei rund 130.000, gab es im Jahre 2013 mit fast 440.000 mehr als eine Verdreifachung. Dass immer mehr Menschen nach Deutschland einwandern, wirkt sich auch auf die Bevölkerungszahl aus. Diese hat sich in den letzten Jahren nicht nur stabilisiert - sie ist sogar gewachsen:

"Das ist in der Tat im Wesentlichen auf die Wanderung zurückzuführen. Das ist der bedeutendste Unterschied zur Bevölkerungsvorausberechnung 2009", sagt der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler.

Sein Haus hat diese Woche seine neueste Bevölkerungsvorausberechnung vorgestellt. Darin wird untersucht, wie verschiedene demografische Faktoren wirken. Neben der Zuwanderung sind dies die Geburten- und Sterberate. Zurzeit leben in Deutschland rund 81 Millionen Menschen. Auch wenn der demografische Wandel bereits im vollen Gange ist: Die nächsten fünf bis sieben Jahre wird die Bevölkerungszahl durch die hohe Einwanderung noch ein wenig ansteigen, prognostiziert das Statistische Bundesamt.

"Die grundsätzlichen Ursachen des Bevölkerungszugangs bestehen jedoch weiter fort und werden sich auf lange Sicht noch stärker als in der Vergangenheit auswirken."

Denn: Die Einwanderung kann den Trend verlangsamen, aber nicht stoppen: Die Deutschen werden immer älter - und immer weniger. Im Jahr 2060, rechnet das Statistische Bundesamt vor, würden noch mit zwischen 68 und 73 Millionen Menschen in Deutschland leben - je nachdem, wie sich die Einwanderung sich in den nächsten Jahrzehnten entwickelt.

Die Auswirkungen sind drastisch: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 wird fast um ein Drittel zurückgehen. Derzeit ist rund jeder Fünfte in Deutschland über 65. Im Jahre 2060 wird es jeder Dritte sein. Und: Die Zahl der 80-Jährigen und Ältere wird sich bis dahin verdoppelt haben. Wie hoch müsste die Einwanderung sein, um zumindest zahlenmäßig den Trend zu brechen?

"Also um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, würde das etwa 450.000 jährlich sein. Aber das ist natürlich eine rein hypothetische Frage", sagt Olga Pötzsch. Sie ist im Statistischen Bundesamt im Referat "Demografische Analysen und Methoden, Vorausberechnungen, Geburten, Sterbefälle" tätig.

Als Prognose will das Statistische Bundesamt seine Aussagen nicht verstanden wissen - sondern wörtlich als "Wenn-Dann-Aussagen" eben als "Bevölkerungsvorausberechnung". Grundlage dafür bildet der Bevölkerungsstand vom Stand 31. Dezember 2013. In acht unterschiedlichen Varianten wurde anschließend untersucht, wie sich die Zahl unter verschiedenen Annahmen verändert. Wobei bei der Vorstellung der Ergebnisse zwei davon ausgewählt wurden.

Demnach haben die Statistiker angenommen, dass die Geburtenrate mit 1,4 Kindern im Schnitt je Frau bis 2060 gleich bleibt. Hierin spiegelt sich ein Trend wider, der schon länger in Deutschland zu beobachten ist, sagt Olga Pötzsch: "Das ist Zunahme der Kinderlosigkeit zum einen. Und zum anderen immer weiterer Aufschub der Familiengründung. Das heißt, das biologische Fenster verkleinert sich immer weiter."

Einbezogen in die Berechnung wurde auch eine steigende Lebenserwartung bis 2060: Von sechs Jahren bei den Frauen und sieben Jahren bei den Männern. Als dritter Faktor wurde das Thema Zuwanderung berücksichtigt - in zwei Varianten. Einmal ein langfristiger Wanderungssaldo von 100.000 pro Jahr - also die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung. In der zweiten Variante wurde von einem durchschnittlichen Saldo von 200.000 ausgegangen.

Das Ergebnis der Berechnungen: Deutschlands Bevölkerung schrumpft bis 2060 auf rund 68 bis 73 Millionen. Statistikamts-Präsident Egeler erklärt die Gründe: "Die Zahl der Bevölkerung geht langfristig zurück, weil die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Geborenen immer stärker übersteigt. Die Nettozuwanderung - also der Saldo der Zuzüge nach und der Fortzüge aus Deutschland - kann die dadurch entstehende Lücke nicht auf Dauer schließen. Bei der niedrigen jährlichen Geburtenrate, die bereits seit über vier Jahrzehnten auf dem Niveau von 1,4 Kindern je Frau stagniert und für die Zukunft als annähernd konstant angenommen wird, fällt jeder neuer Geburtsjahrgang kleiner aus als der seiner Eltern."

Schon seit den 70er-Jahren ist in Deutschland dieses "Geburtendefizit" zu beobachten - es sterben jedes Jahr also mehr Menschen, als geboren werden. Im Jahr 2013 hat das Geburtendefizit laut Statistischen Bundesamt einen Höchststand erreicht - mit 212.000. Und in diese Richtung geht es weiter:

"Es wird nun bis Anfang der 2050er Jahre kontinuierlich auf 500.000 ansteigen. Im Jahre 2060 werden voraussichtlich etwa 500.000 mehr Menschen sterben als Kinder geboren werden. Die abnehmende Zahl der Geburten und das Altern der bevölkerungsstarken Jahrgänge führt zu Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung."

Daraus ergibt sich: Immer mehr ältere Leute stehen immer weniger jüngeren gegenüber. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten wird die Zahl der Menschen über 65 Jahre deutlich ansteigen. Im Jahr 2037 werden es voraussichtlich 40 Prozent mehr sein. Stark zulegen wird auch die Gruppe der 80-Jährigen und Ältere. Um das Jahr 2050 wird mit zehn Millionen ein Höchststand erwartet. Steigt die Lebenserwartung noch einmal deutlich, könnten es sogar elf Millionen sein. Das wäre im Vergleich zum Jahr 2013 ein Zuwachs von 124 beziehungsweise 147 Prozent.

Roderich Egeler sieht die Berechnungen einerseits als Bestätigung eines schon lange sichtbaren Trends. Aber: "Die Nachjustierung der Ausgangsparameter mildert aber das Ausmaß der demografischen Veränderungen - wie weitere Schrumpfung und Alterung - etwas ab. Die künftigen Veränderungen erscheinen aber auch deshalb weniger gravierend als bei früheren Vorausberechnungen, weil sich Deutschland bereits im demografischen Wandel befindet."

Die Politik hat in den letzten Jahren mehrere Maßnahmen vorgenommen, um Kindererziehung und Arbeitsleben besser vereinbaren zu können. Zum Beispiel die Einführung des Elterngeldes oder der Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen. Die Geburtenrate habe sich seitdem leicht verändert, sagt Olga Pötzsch:

"Aber wir haben zum Beispiel gesehen, dass es eine Veränderung gab, gerade bei Frauen der 70er-Jahrgänge. Dass ab 2007, 2008 nahm die Geburtenhäufigkeit etwas zu und bleibt dann aber auf diesem Niveau in etwa. Das heißt also, es gibt keine weiteren Gewinne, aber wir haben doch eine kleine Erholung der Geburtenrate gehabt. Ob das sie dann eindeutig auf diese Maßnahmen zurückzuführen ist, ist natürlich dahingestellt."

Doch wenn schon die Geburtenrate in Deutschland so niedrig ist - wieso kann der Bevölkerungsschwund nicht durch eine deutlich verstärkte Zuwanderung aufgefangen werden, wie es häufig vorgeschlagen wird? Referatsleiterin Bettina Sommer verweist auf die Jahre zwischen 2011 und 2013:

"Das sind ja Jahre, in denen wieder relativ starke Zuwanderung erfolgt ist. Dann waren drei Viertel der Zuwanderung oder des Wanderungsüberschusses gingen auf Personen aus Europa zurück. Und davon entfiel der größte Anteil wiederum auf Personen aus der Europäischen Union. Die größte Zuwanderungsgruppe in diesem Zeitraum stellten Polen. Das war die Folgerung der Arbeitnehmerfreizügigkeit, die für die Länder, die 2004 der EU beigetreten waren, dann ja erst ab 2011 voll gegolten hat."

Auch aus Südeuropa sowie Rumänien und Bulgarien sind in den letzten Jahren vermehrt Menschen nach Deutschland gezogen. "Demografisch gesehen haben aber beispielsweise die ost- und südeuropäischen EU-Staaten stark alternde Bevölkerungen. In 10 bis 20 Jahren werden in diesen Ländern also weniger Menschen im wanderungsaktiven Alter sein. Dementsprechend wird in Deutschland künftig voraussichtlich mit deutlich weniger Zuzug aus diesen derzeit wichtigsten Herkunftsregionen zu rechnen sein."

Damit wird deutlich: Deutschland ist vom demografischen Wandel stark betroffen. Doch es ist nicht das einzige Land, das sich dieser Herausforderung gegenübersieht.

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