Samstag, 18.11.2017
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNoam Chomsky über das Ende der Chancengleichheit06.11.2017

Der amerikanische TraumNoam Chomsky über das Ende der Chancengleichheit

Manche nennen ihn Amerikas letzten Linksintellektuellen: Noam Chomsky. Der Linguist meldet sich immer wieder politisch zu Wort. In jüngster Zeit hat er seine Stimme unter anderem gegen einen ungezügelten Kapitalismus erhoben. In seinem neuen Buch "Requiem für den Amerikanischen Traum" warnt er vor der sozialen Ungleichheit in den USA.

Von Tamara Tischendorf

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Das Buchcover "Requiem für einen amerikanischen Traum" von Noam Chomsky. Im Hintergrund rechts die Freiheitsstatue. (Buchcover: Kunstmann Verlag, Hintergrundbild: imago/Klaus Steinkamp)
Chomsky hat die 1930er Jahre, die Zeit der "Great Depression", noch als Kind erlebt. Anders als damals fehle heute allerdings der Glaube an kommende, bessere Zeiten, stellt der Autor fest. (Buchcover: Kunstmann Verlag, Hintergrundbild: imago/Klaus Steinkamp)
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"Vom Tellerwäscher zum Millionär" - "From rags to riches" - das ist die Kurzformel für den "amerikanischen Traum." In seinem gerade auf Deutsch erschienen Buch hat Noam Chomsky ihn sich vorgenommen - in seiner Eigenschaft als Popstar der Kapitalismuskritik. Gleich zu Beginn wird deutlich: Chomsky stimmt eine Totenmesse an:

"Ein wesentlicher Bestandteil des amerikanischen Traums ist die soziale Mobilität: Auch wer arm geboren ist, kann es durch harte Arbeit zu Wohlstand bringen. Gemeint ist damit, dass jeder einen gut bezahlten Job finden, sich ein Haus und ein Auto leisten und seinen Kindern eine Ausbildung finanzieren kann [...] All das ist in sich zusammengebrochen."

Chomsky hat die 1930er Jahre, die Zeit der "Great Depression", noch als Kind erlebt. Anders als damals fehle heute allerdings der Glaube an kommende, bessere Zeiten, stellt der Autor in seiner Ausgangsanalyse fest. Unter der Überschrift "Requiem für den Amerikanischen Traum" beschreibt Chomsky, wie sich in den USA Macht und Reichtum in den Händen weniger konzentriert haben.

Die große Draufsicht

Der selbst ernannte "libertäre Sozialist" und "Anarchist" hat eine Kampfschrift gegen die soziale Ungleichheit und ein Loblied auf den politischen Aktivismus formuliert. Sein Hang zur ganz großen Draufsicht, den er als Linguist gepflegt hat, spiegelt sich strukturell auch in seinem Abgesang auf den Aufstiegsmythos wieder:

"Schauen wir uns die amerikanische Gesellschaft einmal an. Stellen Sie sich vor, Sie würden sie vom Mars aus betrachten. Was sehen Sie?"

Ein Obdachloser in der Fifth Avenue in New York, USA. (picture alliance / dpa / Xinhua /Landov  )Ein Obdachloser in der Fifth Avenue in New York, USA. (picture alliance / dpa / Xinhua /Landov )

Chomsky selbst sieht eine beispiellose soziale Ungleichheit. Aus der Marsperspektive macht er auch gleich die Schuldigen aus: "Vor allem die Superreichen" seien dafür verantwortlich - schreibt er. Innerhalb der letzten Dekade sei die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik so umgebaut worden, dass sie in erster Linie dem "obersten Zehntel Prozent" der Bevölkerung diene. Die Mittelschicht sei dagegen immer stärker unter Druck geraten.

Chomsky sieht zehn Prinzipien am Werk, denen der systematische gesellschaftliche Umbau folge:

"1. Demokratie einschränken,
 2. Ideologie bestimmen,
 3. Wirtschaft umgestalten,
 4. Andere die Last tragen lassen,
 5. Solidarität bekämpfen,
 6. Regulierungsbehörden regulieren,
 7. Wahlen manipulieren,
 8. Den Pöbel im Zaum halten,
 9. Zustimmung konstruieren und
 10. Die Bevölkerung an den Rand drängen."

Die Macht in den Händen der Reichen

Diese formelhaften Zuspitzungen sind zugleich die Überschriften für die zehn Kapitel, in die Chomsky sein Buch unterteilt. Stilistisch zielt der Autor eher auf die Bestsellerlisten dieser Welt denn auf die wissenschaftliche Gemeinschaft. Die Marsperspektive liefert vor allem schemenhafte Konturen bereits bekannter Argumente aus dem Arsenal der Globalisierungskritik. Immerhin verfällt Chomsky nicht in ein simples "Früher war alles besser":

"Wie ein roter Faden zieht sich der Gegensatz zwischen der Forderung nach mehr Freiheit und Demokratie von unten und dem Bemühen der Elite um Macht und Herrschaft durch die amerikanische Geschichte. Er prägte bereits die Staatsgründung."

Um seine Thesen zu belegen, zieht Chomsky Texte und Reden sehr unterschiedlicher Gewährsmänner heran: Der Menschenrechtler Malcolm X oder der PR-Stratege Edward Bernas kommen ebenso zu Wort wie Aristoteles oder Adam Smith. Chomsky zitiert gleichermaßen aus einer Studie der City Group Bank wie aus einer Mitschrift des Verfassungskonvents aus dem Jahr 1787.

Einer der maßgeblichen Autoren der Verfassung war James Madison, später der vierte Präsident der USA:

"Madison kam zu dem Schluss, man müsse die Demokratie einschränken, mit anderen Worten: das System so gestalten, dass die Macht in den Händen der Reichen liege, und die Bevölkerung auf vielerlei Weise spalten, damit sie sich nicht zusammenschließen könne, um den Reichen die Macht zu entreißen."

Porträt von James Madison, Secretary of State und später vierter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (imago/United Archives )James Madison, vierter Präsident der USA (imago/United Archives )

Madison machte sich stark dafür, dass die Senatsmitglieder nicht gewählt, sondern aus dem Kreis der Wohlhabenden ernannt werden.

Der Einfluss der gut Betuchten habe besonders seit den 1970er Jahren wieder stark zugenommen, meint Chomsky.

Die Schwächen der US-Demokratie

Der Finanzmarktkapitalismus und die Verlagerung der Produktion ins Ausland hätten den "Herren der Welt" in die Hände gespielt. Gewinne würden abgeschöpft, Verluste sozialisiert. Selbst nach der Finanzkrise von 2007 säßen die Profiteure der globalen Wirtschaft noch an den Schalthebeln der Macht:

"Die Leute, die man zur Lösung der Krise herbeiholte, waren jene, die sie verursacht hatten - Robert Rubin und seine Kumpane, die Clique von Goldman Sachs. Sie, die uns die Suppe eingebrockt haben, sind nun mächtiger denn je. Zufall?"

Chomskys agitatorische und bisweilen zynische Rhetorik gleitet oft ins Verschwörungstheoretische ab. Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er der US-amerikanischen Demokratie nicht zutraut gegenzusteuern. Am Ende setzt er seine Hoffnung auf die Kraft sozialer Bewegungen:

"Zu einem nicht geringen Teil meines Lebens habe auch ich mich dem politischen Aktivismus gewidmet. Ich kann nicht behaupten, dass ich darin große Erfolge vorzuweisen habe. Ich bin nicht besonders gut darin […] jedenfalls bin ich nicht der beste Organisator. Aber wenn sich etwas verändert, dann liegt das daran, dass viele Leute unablässig tätig sind. Sie arbeiten in ihren Gemeinden, am Arbeitsplatz, oder wo immer sie auch sind - und sie legen die Basis für Massenbewegungen, die dann Veränderungen herbeiführen. So hat sich die Geschichte seit jeher fortentwickelt."

Noam Chomskys Buch bietet keine neuen Einsichten. Aber: Hier schreibt einer, der den eigenen Tod und zugleich die existenzielle Bedrohung der Gattung Mensch vor Augen hat. Wer in letzter Zeit eine dringliche Aufforderung, sich zu empören, vermisst hat, ist mit Chomskys "Requiem für den Amerikanischen Traum" gut bedient.

Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht.
Kunstmann Verlag München, 192 Seiten, 20 Euro

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