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StartseiteSprechstundeHochrisikoarbeitsplatz Shisha-Bar20.09.2016

Der besondere FallHochrisikoarbeitsplatz Shisha-Bar

Übelkeit, Schwindel und kurze Bewusstlosigkeit. Mit diesen Symptomen erscheint ein junger Afghane am Abend des ersten Advents 2014 in der Notfallzentrale des Nürnberger Klinikums. Die Ärzte diagnostizieren ihm eine schwere Kohlenmonoxidvergiftung. Geholt hat er sie sich bei seinem neuen Nebenjob in einer Shisha-Bar.

Von Mirko Smiljanic

Eine junge Frau raucht in einer Shisha-Bar in Berlin eine Shisha-Pfeife. (dpa)
Shisha-Bars sind sehr beliebt in Deutschland, vor allem bei jungen Leuten. (dpa)

30. November 2014, 23 Uhr, Notaufnahme im Klinikum Nürnberg: Mäßiger Betrieb an diesem späten Sonntagabend. Verbrennungen ersten Grades, ein Unterarmbruch, Schnittverletzungen. Routiniert arbeiten Ärzte und Schwestern die Fälle ab, niemand wird stationär aufgenommen. Doch die Ruhe trügt an diesem ersten Advent. Um kurz nach elf Uhr öffnet sich die Tür und ein offensichtlich verwirrter junger Mann steht im Raum.

"Er erzählte uns, dass er seit drei Tagen in einer Shishabar Probearbeiten war, seine Arbeitszeit beginnt so um 15:30 Uhr, und er sei in der Arbeit so um 22:00 Uhr ungefähr einmal kurzzeitig bewusstlos geworden, ihm war schwindelig und er hat sich unwohl gefühlt"

Er rauchte regelmäßig Shisha mit Freunden

Erinnert sich Professor Michael Christ, Chefarzt der Klinik für Notfall- und Intensivmedizin im Klinikum Nürnberg.

"Anschließend, nachdem er wieder aufgewacht ist, hätte er einmalig erbrochen. Was er nicht angegeben hat, sind sehr starke Kopfschmerzen, Druck auf der Brust, Atemnot, und er hat auch nicht angegeben, dass er irgendwie an einem Infekt leidet"

Die Kommunikation mit dem 20-jährigen war schwierig, er stammt aus Afghanistan und sprach kaum Deutsch.

"Er wirkt sehr verunsichert und leidend und kann sich nicht richtig ausdrücken, kann nicht genau sagen, woran es gelegen haben könnte. Er hat bei uns verneint, dass er irgendwelche Vorerkrankungen habe, er hat verneint, dass er Drogen eingenommen hätte, Nikotin überhaupt nicht, Alkohol vielleicht einmal pro Monat, was er regelmäßig machen würde so im privaten Umfeld, eine Shisha mit anderen Freunden zu rauchen."

Sauerstofftherapien am Universitätsklinikum Düsseldorf

Ortswechsel: Universitätsklinikum Düsseldorf, Druckkammer für Hyperbare Sauerstofftherapie, eine stählerne Röhre mit bequemen Sesseln.

"Wir haben hier in Düsseldorf eine Therapiedruckkammer für 12 Personen, das heißt, wir haben hier 12 Sitzplätze, die Sie um sich herum sehen, wir gucken jetzt gerade auf die geschlossene Tür der Vorkammer, wo wir vier Schleusenplätze haben, wo wir vier Patienten oder Sie gleich ein- und ausschleusen können während der Therapie."

Das sagt Dr. Sven Dreyer, Leitender Druckkammerarzt am Universitätsklinikum Düsseldorf. Er bereitet eine Patientin für einen 20-Meter-Tauchgang vor. Natürlich ohne Wasser, der Druck wird durch einströmende Luft erzeugt.

"Carsten, wir können starten, okay, wir haben die gesamte Zeit immer Sprechverbindung nach draußen, das heißt, draußen wird immer gehört, was wir hier drin sprechen und wenn er reinsprechen möchte, kann er das auch jederzeit, jeder einzelne Platz ist mit einer Videokamera im Blickfeld, sodass wir draußen immer sehen, wie es dem Patienten optisch geht. Zudem sehen Sie große Fenster, sodass Sie in diesem U-Boot, das erinnert ja so ein bisschen vom Raum her daran, Sie merken, der Druck fängt an auf die Ohren zu kommen, keine Raumangst bekommen müssen, wenn Sie nicht wirklich Klaustrophobiker sind."

"Stochern langer Stangen im Nebel"

Der diensthabende Notarzt am Klinikum Nürnberg untersucht mittlerweile den jungen Afghanen. Schwindel und Verwirrtheit sind ihm deutlich anzusehen, er befindet sich in keinem guten Zustand.

"Es werden Vitalparameter erhoben, es wird die Atemfrequenz erhoben und die Herzfrequenz, der Blutdruck, systolisch und diastolisch, die Temperatur und die Sauerstoffsättigung mittels eines speziellen Messgerätes."

Die Ergebnisse passen nicht ist Bild.

"Ganz normal!"

Was tun? Abwarten in der Hoffnung, dass sich die Probleme wie so häufig in der Notfallmedizin von selber lösen? Vieles spricht dafür, nur ein Punkt dagegen: Die kurzzeitige Bewusstlosigkeit des Patienten. In solchen Fällen leitet das Klinikum Nürnberg ein standardisiertes Analyseverfahren des Venenblutes ein – durchaus vergleichbar mit dem Stochern langer Stangen im Nebel.

"Und da zeigte sich als Zufallsbefund, dass er einen COHb von 33 Prozent hat, COHb ist eine Messgröße, die die Kombination aus dem Hämoglobin mit Kohlenmonoxid wiedergibt, Normalwerte bei Normalsterblichen, ja, so unter fünf Prozent, bei Rauchern kann es schon mal auf acht Prozent gehen, in der Situation hatte er einen COHb von 33 Prozent, das geht also schon in den lebensbedrohlichen Bereich rein."

Die Diagnose ist eine Kohlenmonoxidvergiftung

Es kommt raus: Der junge Mann leidet an einer schweren Kohlenmonoxidvergiftung, die üblicherweise in Sauerstoffüberdruck-Kammern behandelt wird.

"Kohlenmonoxid ist ein Gas, das entsteht bei unvollständiger Verbrennung, und Kohlenmonoxid ist ein geruchs- und geschmacksloses Gas, wie das Kohlendioxid, das wir aus der Luft kennen, ja auch, es besitzt den schwerwiegenden Nebeneffekt, dass es mit einer höheren Bindung ans Hämoglobin geht, das heißt, es verdrängt den Sauerstoff vom roten Blutfarbstoff, dem Hämoglobin, sodass der Patient, wenn er nicht ausreichend und schnell genug therapiert wird, innerlich erstickt, ohne dass er das mitbekommt."

Es sei denn, der Patient atmet reinen Sauerstoff möglichst unter erhöhtem Druck ein – also in einer Tauchkammer. Der höhere Druck ist wichtig, um das Sauerstoffangebot zu steigern und so das Kohlenmonoxid rasch aus dem Blut zu verdrängen. Viel hilft viel!

"Und dadurch, dass wir das Angebot an Sauerstoffmolekülen verzwanzigfachen, haben wir eine Chance, diese höhere Bindung wieder aufzulösen."

Der junge Mann aus Afghanistan hatte großes Glück: Die sofort eingeleitete Sauerstofftherapie in Nürnberg reduzierte den Kohlenmonoxidwert von lebensbedrohlichen 33 Prozent auf unter fünf Prozent. Bleibt zum Schluss die Frage, wie und wo er sich die schwere Vergiftung zugezogen hat?

"Die Lösung ist tatsächlich die Shishabar. Beim Rauchen von dem Tabak wird ja glühende Kohle verwendet, wenn Sie da anziehen, wird es durch Wasser durchgeleitet, Sie leiten aber natürlich auch die Luft, die in der Verbrennungskammer dieser Shisha entsteht, atmen Sie mit ein."

Beim jungen Afghanen war die fast tödliche Dosis schon deshalb schnell erreicht, weil er in der Bar einen ganz speziellen Job hatte: Er musste die Pfeifen für die Gäste anrauchen!

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