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StartseiteSprechstundeVerhütung mit Nebenwirkung07.06.2016

Der besondere FallVerhütung mit Nebenwirkung

Schwindelanfälle, Depressionen, Migräne: Diese Symptome ließen Evi Graf jahrelang nicht los. Die Diagnose nach 42 Arztbesuchen: Es müsse psychosomatisch sein. Doch Evi Graf und ihr Mann gaben nicht auf: Im Uniklinikum Marburg fand sich schließlich die Lösung - an unerwarteter Stelle.

Von Mirko Smiljanic

Eine Frau hält eine Hormonspirale in ihrer Hand vor ihrem Gesicht. (imago stock&people)
Die Hormonspirale ist eine verbreitete Verhütungsmethode bei Frauen - und kann offenbar unerwartete Nebenwirkungen haben. (imago stock&people)
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Freitagmittag im bayerischen Aschaffenburg vor dem Haus der Familie Evi und Jochen Graf.

 "Guten Tag, Hallo."

Evi Graf öffnet die Tür, 40 Jahre, Bankangestellte, klein, zierlich.

"Kommen Sie erst mal rein."

Der Flur führt ins geräumige Wohnzimmer, Wände und Böden sind in mediterranen Farben gehalten, rechts öffnet sich der Raum hin zu einer großen Terrasse, links geht’s in die Küche, an der Wand steht ein Kaminofen:

"Sehr schön, ja, vor allem für jemanden wie mich, der immer friert."

Eine Augenweide auch der Boden, so Jochen Graf, innenarchitektonisch führt aber eindeutig seine Frau Regie:

"Die hat gesagt, wir wollen nicht eine Fliese neben der anderen haben, dass alles ein Muster hat in Braun oder in Weiß oder in Grau, sondern hat gesagt, wir machen verschiedene Mosaike rein, wie zum Beispiel diese Abtrennung hier in der Mitte und verschiedene Muster rein."

"Hier können wir uns zusammensetzen."

"Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen"

Evi und Jochen Graf, ein Ehepaar mit einer sehr speziellen Krankengeschichte. In diesem besonderen Fall spielen beide eine Rolle. Krank war aber nur Evi Graf, die vor zehn Jahren erste Symptome registrierte:

"Die ersten Beschwerden waren starke Schwindelattacken, ich war mit meiner Tochter unterwegs damals, die war noch recht klein, zwei Jahre alt, und da traf mich die erste Schwindelattacke. Das habe ich damals auf das heiße Wetter geschoben, habe dann aber später ganz oft Schwindelattacken gehabt und die wurden immer stärker und das hat sich dann auf viele Stunden des Tages auch ausgebreitet."

Nach und nach verstärken sich die Schwindelattacken, außerdem kommen neue Symptome hinzu: Herzrhythmusstörungen, permanente Müdigkeit, Depressionen, starke Kopfschmerzen.

"Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen. Mein Hausarzt hat zwar die Fäden in der Hand gehalten und hat gemeint, was man so untersucht, MRT des Kopfes, um einen Hirntumor auszuschließen, Wirbelsäule, neurologische Untersuchungen und so weiter. Und nach 42 Arztbesuchen meinte dann mein Hausarzt, das müsse psychosomatisch sein."

Evi Graf ist skeptisch und hinterfragt den Medizinbetrieb: Warum arbeiten ihre Ärzte nicht Hand in Hand? Warum schauen sie immer nur auf einzelne Symptome und nicht auf den ganzen Menschen? Die "Psychoschiene", wie sie es nennt, gefällt ihr ganz und gar, notgedrungen lässt sie sich aber auf diese Erklärung ein:

"Ich habe ganz viele Medikamente genommen und viele Entspannungstechniken erlernt, war auch beim Psychologen und hab meine ganze Lebensgeschichte aufgearbeitet, aber es hat ja nun alles nichts geholfen. War dann ziemlich verzweifelt und, ja, hatte auch manches Mal einen Punkt, wo ich gerne aufgeben wollte."

Hat sie aber nicht, auch weil Jochen Graf seine Frau nach Kräften unterstützt. Er recherchiert im Internet, geht mit zu den Arztterminen und bezweifelt immer mehr die psychischen Erklärungen.

"Als Partner von ihr hört man den Ärzten auch zu. Ich glaube, bei vielen von den Leuten hat es mit Psyche gar nichts zu tun, die versuchen es in irgendeine Kategorie zu schieben und sagen, das ist das, weil sie nicht weiter wissen, die Ärzte."

Spontane Fahrt zum Universitätsklinikum Marburg

Die wahren Ursachen der Leiden seiner Frau kennt auch Jochen Graf nicht, aber er hat eine Idee, wer sie wissen könnte. Einer Eingebung folgend, fahren seine Frau und er mit den wichtigsten Krankenakten an einem späten Nachmittag im April 2014 ins 120 Kilometer entfernte Marburg. Ihr Ziel ist das "Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen" am Universitätsklinikum. Natürlich sind die Büros längst geschlossen, trotzdem lassen sie sich den Weg zu Professor Jürgen Schäfer zeigen, dem Leiter des Zentrums, um ihm zumindest die Krankenakten unter die Tür hindurchzuschieben. Sie haben Glück, Jürgen Schäfer arbeitet noch:

"Bei dem Geraschel habe ich die Tür geöffnet, hab eigentlich gedacht, da steht die Putzkolonne vor der Tür, war aber nicht so, es war Frau Graf mit ihrem Mann."

Sie werden hereingebeten und erzählen ihm ihre Geschichte bis kurz vor Mitternacht. Der Funke springt über: Jürgen Schäfer übernimmt den Fall, an dem Dutzende Ärzte und Kliniken gescheitert sind.

"Dann hatten wir eine kurzfristige stationäre Abklärung für ein oder zwei Tage vereinbart, wo wir dann ein paar apparative Untersuchungen durchführten, solche Dinge wie Schlafapnoe-Diagnostik, wir haben auch umfassende Labordiagnostik, Bildgebung, Ultraschalldiagnostik und solche Dinge gemacht, damit wir halt nichts übersehen."

Nichts! Wieder kein aussagekräftiger Befund. Als nächstes laden Schäfer und eine Kollegin Evi und Jochen Graf zu einem gemeinsamen Anamnesegespräch: Alles fragen sie ab, strukturiert und systematisch. Unter anderem möchten sie wissen, wie sich die Krankheit von Jahr zu Jahr entwickelt hat, wann die Symptome schwächer sind, wann stärker. Hier hakt Jochen Graf ein.

"Ich hab gesagt, es kann ja nicht sein, dass es vor der Schwangerschaft massiv schlechter war und während der Schwangerschaft sind die Beschwerden besser geworden, also weniger geworden."

Wie sie denn verhüte, will Jürgen Schäfer wissen. Mit einer gestagenhaltigen Spirale. Die Ärzte werden stutzig. Ein Durchbruch?

"Zunächst war ich war ich total verblüfft, aber ich hab es sofort für möglich gehalten."

Der große Durchbruch

Hormone haben einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden des Menschen, weiß Jürgen Schäfer, das Internet sei voll von Beschreibungen unerwünschter Nebenwirkungen gestagenhaltiger Spiralen. Er empfiehlt, sie zu entfernen, ein Versuch sei es wert.

"Nach dem ersten Zyklus, man hat ja bei einer Hormonspirale eigentlich schon keinen mehr, nach dem ersten Zyklus habe ich schon eine Besserung verspürt, und nach dem dritten Zyklus war meine Migräne dann weg."

Es war tatsächlich ein Durchbruch: Heute fühlt sie sich deutlich besser, Kopfschmerzen und Depressionen sind verschwunden. Ein großer Erfolg für Jürgen Schäfer und sein Team. Ein Segen für Evi Graf.

"Na ja, dafür sind wir hier, man muss aber natürlich auch immer sehen, wie dünn manches Mal das Eis ist, von Übersehen oder Vergessen, gerade mal so eine Spirale, das ist dann tatsächlich manchmal ein kompliziertes Puzzlespiel, um da auf eine Lösung zu kommen."

 

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