Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
StartseiteTag für TagDer Konflikt zwischen der AfD und den Kirchen in Erfurt04.02.2016

Der Dom bleibt dunkelDer Konflikt zwischen der AfD und den Kirchen in Erfurt

Der Erfurter Dom soll keine Kulisse für die AfD abgeben, deshalb bleibt er bei Demonstrationen der rechtspopulistischen Partei unbeleuchtet. Darin sieht der thüringische AfD-Chef Björn Höcke eine unzulässige parteipolitische Einmischung der Kirchen. Seine Anhänger tragen Transparente wider die "Pfaffen" durch die Straßen.

Von Henry Bernhard

Tausende Menschen stehen auf dem Domplatz in Erfurt während einer Kundgebung für Mitmenschlichkeit und Toleranz. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Tausende Menschen nahmen in Erfurt an einer Kundgebung für Mitmenschlichkeit und Toleranz auf dem Domplatz teil. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Mehr zum Thema

Kundgebung in Erfurt AfD-Anhänger stehen im Dunkeln

"Wenn Höcke spricht, dann verdunkelt sich der Dom!", ruft Björn Höcke in die Menge. Demonstranten sagen: "Wenn ich irgendwann aus der Kirche austreten werde, dann nicht, weil ich meinen Glauben verloren habe, sondern weil die "Funktionsträger" in dieser Kirche verrottet sind genauso wie die Politiker in unserem Staat." - "Herr Bischof! Wenn sie Mumm haben, Herr Bischof: Kommen sie doch einfach raus und erzählen sie uns auf dem Podium hier genau, was sie an uns stört!"

"Komm her, du Sau!" ruft ein erregter Demonstrant mit sich überschlagender Stimme. Ein anderer: "Hängt dem Pfaffen seine Eier an die "Gloriosa". Die Umstehenden sind amüsiert. Die "Gloriosa" ist die 500 Jahre alte Glocke im Erfurter Dom. Und der "Pfaffe" ist der katholische Bischof Ulrich Neymeyr, dem der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke und andere Redner der AfD auf dem Erfurter Domplatz Hetze unterstellen. Der Grund: Katholische und evangelische Kirchen haben zu Friedensandachten vor den AfD-Demonstrationen aufgerufen. Und: Der Erfurter Dom, sonst am Abend strahlend in Szene gesetzt, bleibt während der Demonstration im Dunkeln. Bischof Ulrich Neymeyr hat es angeordnet.

Ulrich Neymeyr: "Ja, es ist ein massives Zeichen! Der Dom ist schon das Schmuckstück, und wir haben ja auch gesagt, das soll dann nicht als prächtige Kulisse dienen. Es ist eine Mahnung für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, dass von den Menschen, die zu uns gekommen sind, so geredet wird, dass deutlich wird: Das sind Menschen! Und dass sie auch entsprechend behandelt werden und dass so über sie gesprochen wird, dass sie nicht nur als ein einziges Problem, eine große Welle, Woge und Masse gesehen werden."

Dem Teufel das Kreuz ins Gesicht schlagen

Die Entscheidung des Bischofs, den Dom zu verdunkeln, wurde vielfach diskutiert. Die Demonstranten und Redner auf dem Domplatz erregte sie zutiefst, da sie hier bürgerlichen Widerstand ausmachten und nicht den der "üblichen Verdächtigen", der Linken, Grünen, Gewerkschafter. Entsprechend zornig reagierten sie – Beispiel Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag, Landesvorsitzender und Wortführer der Deutschnationalen in der Partei. "Ich zitiere Martin Luther: Man muss dem Teufel das Kreuz ins Angesicht schlagen, so weiß er, mit wem er umgeht."

Bischof Neymeyr bleibt gelassen. "Ich merke, da ist auch ein wunder Punkt getroffen, dass man doch spürt: Da wird ein wichtiges Mahnmal gesetzt."

Es geht den AfD-Funktionären in Thüringen aber nicht nur darum, gegen die Verdunklung zu protestieren, sondern sie möchten den Kirchen das politische Mandat überhaupt absprechen.
Björn Höcke: "Pfarrer und Bischöfe haben in meinen Augen eigentlich die Aufgabe, die Frohe Botschaft unters Volk zu bringen. Und heute spielen sie leider Hobbypolitiker."

Die Kirche als unpolitischer Hort des Frommen: Für Bischof Neymeyr keine Option. "Ja, das ist nicht mein Verständnis vom bischöflichen Dienst. Also, ich sehe mich als Bischof als jemand, der auch die Botschaft des Evangeliums in die Gesellschaft hinein sagt."

Der evangelische Studentenpfarrer Andreas Fincke hat an einigen Demonstrationen gegen die AfD teilgenommen und fühlte sich nicht ganz wohl, einfach nur dagegen zu sein und womöglich die Spaltung der Gesellschaft zu vertiefen. Seitdem organisiert er regelmäßig vor den AfD-Demonstrationen in Erfurt ökumenische Friedensandachten. Nicht gegen die AfD, sondern für Mitmenschlichkeit, für eine Willkommenskultur, wie er betont.

Andreas Fincke: "Die Kirchen sind nicht politisch tätig, aber sie beziehen natürlich Position an bestimmten Fragen; das Evangelium ist auf Öffentlichkeit gerichtet. Also, das sind natürlich Argumente, die wir kennen, also, wo ich auch mit meiner Erfahrung aus der DDR sage: Das höre ich nicht zum ersten Mal, dass die Kirche sich gefälligst auf das Beten begrenzen soll. Das verkennt das Wesen des Evangeliums und das Wesen einer christlichen Kirche, die natürlich Stellung bezieht zu Fragen, die in der Gesellschaft diskutiert werden. Das ist auch ihre Aufgabe. Die Entscheidungen treffen andere."

Fincke erlebt in den letzten Wochen immer wieder, dass es nach seinen Vorträgen in Kirchgemeinden, egal, zu welchem Thema, immer sehr schnell um die Frage geht, wie weiter mit den Flüchtlingen zu verfahren sei. Auch deshalb will er nicht einfach nur gegen die AfD demonstrieren. Der evangelische Theologe sagt: "Aus Sicht der Kirchen besteht ja das Problem auch darin, dass es innerhalb der Kirchengemeinden durchaus disparate Positionen gibt. Es gibt Orte, in denen große Flüchtlingsheime sind, wo die Kirchengemeinden auch sehr zerrissen sind in dieser Frage. Aber auch dann kann der Appell ja nur lauten: Mit den Realitäten umgehen, auf die Menschen zugehen und ein Stück Verständigung ermöglichen, damit auch Vorurteile abgebaut werden."

Die AfD als Sammelbecken laizistischer Kirchenkritiker?

Kirchgemeinden seien der richtige Ort zum Kennenlernen der Fremden. In seiner Studentengemeinde hat er letztens mit Syrern gekocht, einfach, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber Fincke sieht in der AfD aus kirchlicher Sicht nicht nur das mangelnde Mitgefühl mit Flüchtlingen als Problem. "Die AfD entwickelt sich in letzter Zeit immer mehr zu einem Sammelbecken von Kirchenkritikern, vielleicht kann man sogar sagen, von Kirchenhassern. Also, nach meinem Eindruck, der ich die atheistische Szene in Deutschland ganz gut kenne, muss ich sagen, dass im letzten Viertel Jahr die AfD ja viele dieser Themen extrem aufgreift, zum Beispiel ihre Ablehnung der Kirchensteuer, also des staatlichen Einzugs der Kirchensteuer, ist ja ein Top-Thema. Also, man könnte sich schon fragen, ob sozusagen die aktuelle laizistische, kirchenkritische Bewegung sich nicht im Augenblick in der AfD versammelt."

Aber es sind nicht nur Kirchenhasser, die die AfD anzieht. Auch Kirchentreue sind unter den Demonstranten. Christen, die das Abendland bedroht sehen. Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junckermann, hat vor kurzem erklärt, es sei für einen Christen mit dem Evangelium nicht vereinbar, auf eine Kundgebung zu gehen, auf der regelmäßig rassistische Äußerungen zu erwarten sind. Bischof Neymeyr stellt in Frage, ob Katholiken an Demonstrationen teilnehmen sollten, auf denen er, der Bischof, beschimpft wird. Für den verdunkelten Dom bekommt er kritische Post, aber auch Hassmails aus ganz Deutschland und einige Ankündigungen, aus der Kirche auszutreten. Ähnliches erlebte auch sein Kölner Amtsbruder Rainer Maria Woelki, als der vor einem Jahr den Dom verdunkelte.

Ulrich Neymeyr: "Mich schmerzt jeder Kirchenaustritt. Es ist die Frage, warum dann jemand austritt. Weil er austritt, weil er sagt, "Ich möchte nicht ständig hören, Flüchtlinge sind Menschen, denen müssen wir auch so begegnen, mit Mitmenschlichkeit, mit Nächstenliebe." Dann betrifft das tatsächlich den Kern des Evangeliums. Und dann muss ich es akzeptieren, wenn deshalb jemand aus der Kirche austritt."

Bei der nächsten AfD-Demonstration in Erfurt wird der Dom wieder dunkel bleiben.
Björn Höcke ruft: "Herr Bischof, schauen sie auf diesen Platz: Es ist Ihr Volk! Wir sind das Volk!"
"Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!", rufen die Sprechchöre.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk