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StartseiteKultur heuteHeikle Ästhetisierung der Terrorbekämpfung03.02.2018

Der Fotograf Edmund Clark in New YorkHeikle Ästhetisierung der Terrorbekämpfung

Wir seien im Krieg gegen den Terrorismus zu Komplizen der Überwachung, Manipulation und Entmenschlichung geworden, sagt Edmund Clark. Mit seinem multimedialen Projekt im New Yorker International Center of Photography will der britische Fotograf den Blick auf diese bedenkliche Entwicklung lenken.

Von Sacha Verna

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Man sieht den Umriss des Soldaten und den Zaun mit NATO-Draht als schwarze Silhouetten im Gegenlicht der untergehenden Abendsonne. (AFP / MLADEN ANTONOV)
Als Mitglied der Presse erhielt Edmund Clark die Erlaubnis, in Guantánamo zu fotografieren - in den vergangen zehn Jahren sind seine Fotoserien zu einem multimedialen Projekt herangewachsen (AFP / MLADEN ANTONOV)
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Noch vor einigen Jahren hätte Edmund Clark auf die Frage nach seinen Lieblingssongs auch "American Pie" genannt. Doch seit er weiß, dass das amerikanische Militär den Ohrwurm von Don McLean einsetzt, um Terrorverdächtige bei Verhören wach zu halten, haben sogar einzelne Zeilen daraus ihre Bedeutung für ihn geändert. "The day the music died" zum Beispiel. "Der Tag, an dem die Musik starb" ist deshalb zu einem passenden Titel für seine Ausstellung im International Center of Photography geworden, in deren Hintergrund der Song nun spielt:

"In dieser Ausstellung geht es darum, wie die Ereignisse der letzten 17, 18 Jahre und der Krieg gegen den Terrorismus uns alle verändert haben. Wie vermeintliche Schutzmaßnahmen unserer Regierungen gesetzliche, ethischen und kulturelle Normen beeinflusst haben. Und wie wir alle zu Mittätern geworden, weil wir die sogenannte Terrorbekämpfung einfach als neue Normalität akzeptiert haben." 

Fotoserien als multimediales Projekt

Clarks Fotoserien über die Auswirkungen des Krieges gegen den Terrorismus auf Opfer, Täter und die Gesellschaft an sich sind in den vergangen zehn Jahren zu einem multimedialen Projekt herangewachsen. Es begann damit, dass er als Mitglied der britischen Presse die Erlaubnis erhielt, in Guantánamo Bay zu fotografieren. Die geschlossene Tiki-Bar für das Personal etwa. Den Untersuchungstisch in einem Autopsieraum, die Toilettenartikel eines Insassen. Aufnahmen von Personal und Insassen selbst waren verboten.

Dann fing Clark an, sich für die Bürokratie zu interessieren. In der New Yorker Ausstellung präsentiert er Siebdrucke von Namenslisten und Protokollen, die so stark zensiert sind, dass sie große schwarze Blöcke bilden. Es gibt Videoinstallationen wie jene mit dem Titel "Body Politic". Da sind postkartengroß nebeneinander Ausschnitte von Reden und Rednern montiert, von George W. Bush und Condolezza Rice bis Mullah Omar - tonlos allerdings.

Mit Tönen arbeitet Clark in einer anderen Installation. Da überlappen sich die Stimme einer Frau, die aus dem Leitfaden zur Behandlung von Gefangenen in Guantánamo Bay vorliest, und die eines Mannes, der seine Behandlung als Gefangener in Guantánamo Bay schildert.

"Ich will die unsichtbaren Vorgänge zeigen"

Dazu werden idyllische Bilder aus Kinder- und Gartenbüchern und von prächtigen Villen auf eine Leinwand projiziert.

"Es geht um Spektakel, Dokumentation, Fotografie, um das Bild überhaupt: Ich will die Leute dazu bringen, hinter die Bildschirme zu schauen, auf denen wir all diese Bilder wahrnehmen, hinter die Gesichter. Ich will die unsichtbaren Vorgänge zeigen und diese geopolitischen Ereignisse auf eine menschliche Ebene bringen."

Gefahren der Ästhetiserung

Das gelingt allerdings nicht. Die menschliche Ebene, auf die Edmund Clark die Geopolitik bringen möchte, droht in dieser Ausstellung verloren zu gehen. Die künstlich-künstlerischen und interpretativen Schichten sind hier so zahlreich, dass der eigentliche Skandal kaum mehr zu erkennen ist - die Überwachung, die Manipulation, die alltäglichen Formen, die der Krieg gegen den Terrorismus angenommen hat. Dass diese Ästhetisierung Gefahren in sich birgt, räumt Clark ein.

Die Ästhetisierung sei ein Teil des Prozesses, wenn man sich dem Thema visuell nähere.

Gut möglich, dass manche Besucher Don McLeans "American Pie" künftig mit anderen Ohren hören werden. Den Beigeschmack der Selbstgefälligkeit wird Aufklärung im Museum dieser Art jedoch nicht los. Der Krieg gegen den Terrorismus geht weiter, während teure Kataloge darüber in unseren Bücherregalen Staub ansetzen.

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