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StartseiteEssay und DiskursDer "Neue Mensch" im Nationalsozialismus07.11.2010

Der "Neue Mensch" im Nationalsozialismus

Teil 3 der Reihe "Perversion einer Utopie"

"Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl" wollte Hitler seine Jugend haben. In Leni Riefenstahls Filmen wurden das hellenistische Körperideal und jenes des martialisch nordischen Helden propagiert. Die Juden wurden zum Feind der "Herrenrasse" erklärt.

Von Albrecht Betz

Leni Riefenstahl (Mitte) mit Propagandaminister Joseph Goebbels und Adolf Hitler. (AP Archiv)
Leni Riefenstahl (Mitte) mit Propagandaminister Joseph Goebbels und Adolf Hitler. (AP Archiv)
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Der "Neue Mensch" im Italo-Faschismus
Der sowjetische "Neue Mensch"

Als wehrlos gegen Missbrauch, gegen unlautere, betrügerische Entwendung bedürften große Begriffe wie "Führer", "Retter" und "Reich" der historischen Entzerrung. Das schreibt der ins Exil vertriebene Philosoph und unorthodoxe Marxist Ernst Bloch 1937 in seinem berühmten Essay Zur Originalgeschichte des Dritten Reiches. Er ordnet diesen für den Nationalsozialismus zentralen Topos ein in die christlich-chiliastische Tradition: Die Perspektive ist die der Utopie einer neuen Gesellschaft von neuen Menschen.

"Denn im Original hatte das Dritte Reich den sozialrevolutionären Idealtraum der christlichen Ketzerei bezeichnet: den Traum von einem dritten Evangelium und der Welt, die ihm entspricht ... Hat doch das Christentum, vom ökonomischen Anlass her, darin seinen Unterschied zu allen übrigen Religionen, dass es als Ideologie der Unterdrückten begonnen hat."

Der "deutsche Messias", zu dem seine Umgebung Hitler propagandistisch aufgebaut hat, sieht das - im gleichen Jahr - ganz anders. Nicht als Ergebnis eines Kampfes der Klassen, die er wohlweislich nicht erwähnt, könne es zu einem glückhaften, erfüllten Endzustand kommen, sondern nur als Ergebnis eines unnachgiebigen Rassenkampfes. In einem geballten Abschnitt seiner Nürnberger Reichsparteitagsrede von 1937 stellt Hitler die körperliche Ertüchtigung in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Projekt des "Neuen Menschen":

"Die größte Revolution hat Deutschland erlebt durch die in diesem Lande zum ersten Mal planmäßig in Angriff genommene Volks- und damit Rassehygiene. Die Folgen dieser deutschen Rassenpolitik werden entscheidender sein für die Zukunft unseres Volkes als die Auswirkungen aller anderen Gesetze. Denn sie schaffen den neuen Menschen."

Genauer müsste der "Führer" vom "Neuen Deutschen" sprechen - denn den Menschen im universalistischen oder humanistischen Sinn gibt es für Hitler nicht. Neu - und er sagt es unverblümt - heißt: rassisch homogen. Der Weg, der dorthin führt, ist ein Prozess der Reinigung und der Hygiene, der physischen Steigerung und zugleich der Säuberung; der "Ausmerzung" von Verunreinigungen und Vergiftungen durch Rassenmischung. Dies sind die schlimmsten Sünden der Vergangenheit. Der Weg zum Heil, zur Erlösung - für die der "Führer" steht - führt über die biologische Regeneration. Sie ist Voraussetzung für alles weitere: rassische Gesundheit als Basis für Willen, Härte, Disziplin und Kampfgeist, für Leistungs- und Opferbereitschaft, aber auch für große Kulturschöpfungen aus "arischem" Geist; ferner: für politische Loyalität und Identifikation mit der "Volksgemeinschaft"; für Glaube und Fanatismus im Dienst am Reich, das da schon ist, aber vor allem noch kommt.

Auf diesem "Reichsparteitag der Arbeit", 1937, hatte Hitler die Grundsteinlegung des "Deutschen Stadions" vorgenommen, des letzten geplanten Großbaus des Nürnberger Geländes. Laut Urkunde des Grundsteins sollten sich nach seinem Willen ...

" ... nunmehr die Deutschen jährlich in der Zeit des Reichsparteitages bis in fernste Jahrhunderte hinein an dieser Stätte im Wettkampf miteinander messen, um das höchste Ziel der nationalsozialistischen Revolution zu verwirklichen: ein Volk, gestaltet in körperlicher Kraft und Gesundheit, erfüllt von der stolzen Stärke tapferer Männer und schönster Frauen."

Hitler, seinerseits erfüllt von Klischees antiker griechischer Sportler und germanischer Helden, wollte eine "athletische Jugend", stark und schön: Leibeserziehung stand im Mittelpunkt nationalsozialistischer Erziehung. Sport - als eine Art Vorschule der Nation - war gleichermaßen unentbehrlich für die "völkische Gesundung" wie als vormilitärische Ausbildung; der künftige "Größte Feldherr aller Zeiten" hatte stets auch die Steigerung der "Wehrkraft" im Visier. Den Sport - und seine Popularität bei den Massen - zu nutzen und umzufunktionieren für künftige Eroberungen bot sich an, zwang sich geradezu auf durch das eigene kriegerische Weltbild - und die Fronterfahrung:

Zitat aus der NS-Ideologie:
"Der Sport ist nicht nur dazu da, den einzelnen stark, gewandt und kühn zu machen, (…) er soll auch abhärten und lehren, Unbilden zu ertragen."

Über den Nazi-Philosophen Alfred Baeumler wurde derlei Bestandteil der Lehre von der "politischen Leibeserziehung" und integriert in die "Weltanschauung" der Partei.

Zwei Jahre zuvor bereits hatte Hitler in Nürnberg in einer einprägsamen Formel verkündet, wie er sich seine Jugend, die HJ, vorstelle:

"Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl."

Als Begründung für diese Kombination aus animalischer Natur, aus Widerstandsfähigkeit und Technik fügt er hinzu:

"Damit unser Volk nicht in den Entartungserscheinungen der Gegenwart untergeht, müssen wir einen neuen Menschen erziehen."

Zugrunde liegt die sozialdarwinistische Überzeugung, dass nur die Stärksten überleben können. Degenerationsängste und Züchtungsutopien gehen dabei Hand in Hand. Nur durch Auswahl ist Überlegenheit, ist die nordische "Herrenrasse" zu gewinnen. Darum hören die versammelten Massen der Partei, ebenfalls 1935 in Nürnberg, in griffiger Antithese nicht nur, was der Führer sich wünscht, sondern auch was er bekämpft. Er verkündet es im bekanntesten - und infamsten - der Nazi-Gesetze: dem "zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", das die Verbindung von "Ariern" und "Nichtariern", das heißt vor allem von Juden, unter Strafe stellt. Die "Treue zum deutschen Blut" wird zum Rechtsgut erklärt.

Als charismatischer Führer sprach Hitler auf den Reichsparteitagen, deren Ablauf militärische Muster zugrunde lagen, in der Pose des Feldherrn. Auf der Führerkanzel stand er abgehoben weit über den in der Arena versammelten Massen; mitten unter ihnen befand er sich bei der Überführung der "Blutfahne" vom Gefallendenkmal zur Haupttribüne, wenn er - an der Spitze einer "Prozession" zur Heldenehrung der Märtyrer - mit der Blutfahne als Reliquie mitten durch seine Anhänger schritt.

Wie hemmungslos die Nationalsozialisten bereits vor der Machtübergabe den katholischen Formenfundus plünderten, hatte ein kritischer Beobachter wie Ernst Bloch schon 1930 bemerkt:

" ... abgezogene christliche Ideologie; der Blutherr steht für Jesus, der Kriegsstaat für die Gemeinde."

Für dieses Konkurrenzverhältnis zwischen Nazismus und Christentum und beider Liturgien haben spätere Religionssoziologen den Begriff "mimetische Rivalität" gefunden.

Die zu "Volksgenossen" zu formenden jungen Deutschen kamen indes aus verschiedenen christlichen Konfessionen; die Verankerung der Partei im protestantischen Norddeutschland war mindestens ebenso stark wie die im eher katholischen Süden. Die integrative "Leistung" der Parteiführung bestand darin, das Erbe beider konfessioneller Kulturen aufzunehmen : Sie verknüpfte Formen römisch-deutscher Katholizität mit Ritualen preußisch-protestantischer Fest- und Staatskultur.

Damit war - so wird aus dem Rückblick deutlich - zugleich ein wichtiges Instrument für die Täuschung der Massen gefunden: Deren übergroßen Erwartungen konnte die Führung real nur zum Teil entsprechen; überwiegend mussten sie durch schönen Schein, ästhetisch-imaginär, ersatzbefriedigt werden. Die massenhafte Faszination, oft hergestellt mit den modernsten technischen Medien, war der Gegenpol zur stets drohenden Gewalt. Abweichungen bargen für den Einzelnen unkalkulierbare Risiken. Das gilt für alle drei großen Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als Kuriosum sei vermerkt, dass Hitler - der vorhatte, die Kirchen nach dem gewonnenen Krieg mit Stumpf und Stiel auszurotten - sich nicht selten positiv auf Christus berief, dem er arisches Blut attestierte: Christus als Inkarnation des Göttlichen, der als erster den Mut gehabt habe, die Juden aus dem Tempel zu jagen. Ein Kampfgenosse gleichsam gegen den Materialismus und die Juden als dessen Repräsentanten.

Die Idee von Christus als Arier war um 1900 in rechten Kreisen verbreitet worden durch einen "Klassiker" der völkischen Weltanschauungsliteratur; sein Titel: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts; sein Autor: der Biologe und eingedeutschte englische Schwiegersohn Richard Wagners, Houston Stewart Chamberlain. Das zweibändige Werk, ebenso wie Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts eine heute ungenießbare Kompilation, aber Bestseller während mehrerer Jahrzehnte, versuchte, den Pessimismus von Arthur Gobineaus bekanntem Essay über die "Ungleichheit der Menschenrassen" ins Positive zu wenden: Durch Hygiene, "Rückzüchtung" und "Entmischung" könne die ursprüngliche Reinheit der Rassen zurückgewonnen werden; die nordische sei - als einzig "kulturschöpferische" - die wertvollste und die zur Herrschaft berufene. In einer abenteuerlichen Konstruktion arisierte Chamberlain Christus und baute so eine Brücke zu den zahlreichen Gruppen der "germanischen Christusgläubigen", die um die Jahrhundertwende florierten.

Schon damals gewann der Antisemitismus Züge eines Heilsversprechens. Allein durch den christlichen Erlösungsgedanken - doch nur in Gestalt des arischdeutschen Christentums - sei der jüdische Griff nach der Weltherrschaft noch aufzuhalten. Dietrich Eckart, der wichtige Ideengeber des frühen Hitler, war überzeugt, der ewige Jude sei in das Christentum eingedrungen und habe es verfälscht.

Im Verlauf breitete sich, dem biologischen Zeitgeist entsprechend, eine horrende Ungeziefermetaphorik aus; im Film wurde sie abscheuerregend ins Bild gesetzt. Auch theologische Schlagworte gewannen an Lautstärke: Goebbels sprach von dem Juden als "Antichrist der Weltgeschichte". Die langlebige Diskriminierungstradition, die Rede vom "Volk der Gottesmörder", floss ein in das Amalgam von pseudo-naturwissenschaftlichen, vorwiegend eugenischen Gewissheiten, wonach es im Interesse des vor Zersetzung zu schützenden "Volkskörpers" sei, Schwaches und Krankes auszugrenzen und zu eliminieren. Wenig verschlug dabei, dass eine solche Praxis nur um den Preis des Verrats aller humanen Werte zu haben war.

Es gehörte zu Hitlers Überzeugungen als Demagoge, rhetorisch effektvoll nur mittels eines massiven und drastischen, in viele Richtungen ausstrahlenden Feindbildes wirken zu können. Die Juden als Gegenrasse: Das war die konzentrierteste Formel. Sie stand für das Böse schlechthin, für die "Volks- und Gemeinschaftsfremden", war unentbehrlich für das Freund-Feind-Schema, in dem aggressives, vereinfachtes Denken sich abspielt.

Der erhoffte, zu züchtende "Neue Mensch" musste vor dem Hintergrund dieser Negativfolie umso leuchtender erscheinen. Das hellenistische Körperideal und jenes des martialisch nordischen Helden war durch Leni Riefenstahls Filme "Triumph des Willens" und "Olympia" weithin propagiert worden. Solche Körper waren zugleich Medium des politischen Diskurses, über sie wurden Macht und Überlegenheit visualisiert.

Als negativer Gegenpol wurde Entartung - von der Körpergestalt und dem Verhalten bis zur ekelerregenden Gestik und Mimik - inszeniert in Feindbild-Filmen wie "Der ewige Jude" und "Jud Süß". Es galt die mörderische Formulierung von Goebbels: "Der Jude ist der plastische Dämon des Verfalls." Erst indem die biologistischen Begriffe mit moralischen Kategorien - wie ehrlos und bösartig - verbunden wurden, erhielten sie ihren aggressiven Charakter. Extreme Kontraste sollten so auf der einen Seite Angst und Ekel, Verachtung und Empörung erzeugen und die Zuschauer in Richtung auf Hass und Ausgrenzung orientieren.

Entgegengesetzt ging es darum, Begeisterung, Bewunderung für physische Schönheit und sportliche Hochleistung sich entfalten zu lassen und damit Ansporn zur Nachfolge zu generieren.

Der "Neue Mensch" - zugleich idealistisch und heroisch, von einfacher, nobler Natürlichkeit, wohlproportioniert, selbstsicher, unerschrocken. Demgegenüber der "fremdrassige Untermensch": materialistisch und parasitär, feige, hässlich und hinterhältig. Der Unreine als Unglück für die Reinen. Selbst wenn die Erscheinung des "auserwählten Volks" ins Abstoßend-Groteske verzerrt wurde: Es war immer noch ein auserwähltes Volk zuviel. Der Aufbau der "Herrenrasse" erforderte in dieser Optik die Zerstörung der "Gegenrasse".

"Herrenrasse" und "Übermensch" - Begriffe, mit denen die Nazis nach ihrem verlorenen Krieg von den Siegern ironisch konfrontiert wurden - waren, so wie sie als Begriffe zumeist gehandhabt wurden - vulgarisierter Nietzsche. Das Nichtverständnis seiner komplexen, kulturkritischen Texte verhielt sich umgekehrt proportional zu dem enormen Ansehen, das er bei den Nationalsozialisten genoss.

Am ehesten dürften sie in die Kompilation "Wille zur Macht" und in seinen "Zarathustra" geschaut haben; in dessen Vorrede wird die Vorstellung vom "Neuen Menschen" so zusammengefasst:

"Der Übermensch ist der Sinn der Erde."

Nietzsche nennt das späte Werk "Zarathustra" den "Ja-sagenden Teil" seiner - weithin tragisch und pessimistisch getönten - Philosophie. Ihre Grundelemente hat der Heidelberger Philosoph Karl Löwith in einem Satz resümiert:

"Nietzsches eigentlicher Gedanke ist ein System, an dessen Anfang der Tod Gottes, in dessen Mitte der aus ihm hervorgegangene Nihilismus und an dessen Ende die Selbstüberwindung des Nihilismus zur ewigen Wiederkehr steht."

Es ist der Tod Gottes, der den Übermenschen hervortreten lässt. Mit ihm - als dem "Neuen Menschen" - beginnt erst die wahre Geschichte der Menschheit, die nun zum Schöpfer ihrer eigenen Welt werden kann: Der handelnde Mensch tritt an die Stelle des handelnden Gottes, wie es bereits die Aufklärung forderte, an die Stelle der himmlischen Erlösung tritt die Evokation der irdischen Erlösung.

Freilich geht Nietzsche bei der Kennzeichnung des Übermenschen über Andeutungen kaum hinaus - ähnlich wie Marx beim "totalen Menschen". Zu seinen Haupttugenden gehören titanenhafte Stärke und "Wille zur Macht"; insofern ist er der Antitypus des von Schwäche, Mitleid und Nächstenliebe geprägten "christlichen Menschen", dieser defizitären, vom Sündenbewusstsein niedergedrückten Existenz. Der Übermensch soll die Opposition von Körper und Geist überwinden. Die "Umwertung aller Werte" soll in ihm zur historischen Wirklichkeit werden. Er selbst ist noch Verheißung, mit "Zarathustra" hat sie indes schon begonnen.

Was die Nationalsozialisten besonders ansprechen musste, war die - durch Nietzsches Autorität gestützte - eigene Überzeugung, dass der Übermensch planbar, herstellbar, durch Züchtung zu schaffen sei; die Selbsterklärung zur Herrenrasse nahm gewissermaßen den "Neuen Menschen" schon vorweg.

Zitat Nietzsche: "Es ist von nun an die Entstehung von Geschlechtsverbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen, eine Herrenrasse heraufzuzüchten, die zukünftigen 'Herren der Erde'; eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbstgesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird: - eine höhere Art Menschen, die sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichtum und Einfluss, des demokratischen Europas bedienen als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am 'Menschen' selbst als Künstler zu gestalten."

Am entgegengesetzten Pol stehen die vielen "Letzten Menschen", die durch den Tod Gottes in eine geschichtslose, ja triviale Existenz gestürzt sind und richtungslos in waberndem Auf und Ab, bloß animalisch sich reproduzierend und dem alltäglichen kleinen Glück huldigend, banal - gleichsam als schiere Konsumenten - in vorgestanzten Bahnen widerstandslos vor sich hinleben, zu Aufschwüngen nicht mehr imstande. Sie sind, mit einem späteren Ausdruck Thomas Manns, abgeglitten in die "Wonnen der Gewöhnlichkeit".

Hingegen geht es dem Übermenschen darum, vom fremdbestimmten "Du sollst" zum selbstbestimmten "Ich will" und "Ich bin" zu gelangen.

Zitat Nietzsche: "Die eine Bewegung ist unbedingt die Nivellierung der Menschheit, ein großer Ameisenhaufen und so weiter. Die andere Bewegung, meine Bewegung ist ... das Schaffen Übermächtiger. Jene erzeugt den letzten Menschen, meine Bewegung den Übermenschen."

Zwei deutsche Autoren von Rang, beide Nietzscheaner durch und durch und dem NS-Regime um 1933 mit einer Mischung aus Nähe und Distanz begegnend, äußern sich damals zum "Neuen Menschen", der bei beiden nur ein heroischer sein kann: Ernst Jünger und Gottfried Benn.

Jünger hat seinen neuen Menschen nach dem Vorbild des kaltblütigen Kriegers modelliert. "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt" ist, als Essay, eine kulturanthropologische Vision, in der sich alle anderen früheren Bestimmungen des Arbeiters - auch ökonomische und soziale - auflösen. Ähnlich dem Übermenschen Nietzsches ist der Typ des Arbeiters von spartanischer Selbstzucht und zynischer Härte, von heroischer Pflichterfüllung, immun gegen Schmerz und Tod, gegen Glück und Unglück; er gehört zu einer neuen Aristokratie, ist Krieger eines planetarischen Imperialismus.

Sein Gegenbild ist - mit Blick auf Frankreich - der "Bürger", der vielleicht als "citoyen" begann, in jedem Fall aber als schmerzempfindlicher "bourgeois" von molluskenhafter Weichheit endete - mit ridikülem Sicherheitsbedürfnis um sein Eigentum zitternd. Er ist ohne Gestalt und muss verschwinden.

Die antibürgerliche Stoßrichtung seines Essays, der 1932, kurz vor der Machtübergabe erscheint, signalisiert Jünger gleich zu Beginn mit der Datierung des Vorworts: Berlin, 14. Juli. Das heißt: ein "Anti-quatorze juillet" wird hier programmatisch angekündigt, ein Fehdehandschuh geschleudert, ein Zeitalter ins Visier genommen, das sich den Kategorien der Französischen Revolution - wie Individuum und liberale Demokratie (mit dem Egoismus der Parteien und Klassen) - entzogen hat. Das Muster der Gliederung des Staates ist künftig ...

Zitat Jünger: " ... die Heeresgliederung, nicht aber der Gesellschaftsvertrag. Herrschaft und Dienst sind ein und dasselbe ... und der Führer wird daran erkannt, dass er der erste Diener, der erste Soldat, der erste Arbeiter ist."

Im Frühjahr 1933, vierzehn Tage vor der Bücherverbrennung, der die Werke vieler bislang tonangebender, nun ins Exil verbannter Autoren zum Opfer fallen, begrüßt Gottried Benn im Berliner Rundfunk die Nazis mit der Rede "Der neue Staat und die Intellektuellen". Die Herrschaft des Geistes über den Sog des Nihilismus sieht er im Bündnis mit dem totalen Staat verwirklicht; Passagen des Textes klingen wie ein Manifest:

"Die Geschichte verfährt nicht demokratisch, sondern elementar, an ihren Wendepunkten immer elementar. Sie lässt nicht abstimmen, sondern sie schickt den neuen biologischen Typ vor, sie hat keine andere Methode, hier ist er, nun handle und leide, baue die Idee deiner Generation und deiner Art in den Stoff der Zeit, weiche nicht, handle und leide, wie das Gesetz des Lebens es befiehlt. Und dann handelt dieser neue biologische Typ, und natürlich werden dabei gewisse Gesellschaftsverhältnisse verschoben, gewisse erste Ränge leer gefegt, gewisse Geistesgüter weniger in Schwung gehalten; aber meistens richten sich derartige Bewegungen doch auch gegen eine Gesellschaft, die überhaupt keine Maßstäbe mehr schafft, kein transzendentes Recht mehr errichtet, und verdient denn eine solche Gesellschaft etwas anderes als Joch und neues Gesetz ?"

Der Mediziner Benn als Anti-Demokrat, der der "Bewegung" huldigt und - ungeachtet dessen, dass ihm die Emigranten hemmungslosen Irrationalismus und Anpassung an das Dritte Reich vorwerfen - dem biologischen Fatalismus frönt. Der bürgerliche "Intellektualismus" sei am Ende, er sehe "heute die Bindung rückwärts als mythische und rassische Kontinuität, Äußerungen tiefer anthropologischer Verwandlung."

"Es erscheint mir nicht zweifelhaft, dass aus dieser Verwandlung noch einmal ein neuer Mensch in Europa hervorgehen wird, halb aus Mutation und halb aus Züchtung: der deutsche Mensch."

Der Pfarrerssohn Benn hat keine Angst davor, in einem ebenfalls 1933 entstandenen Essay mit dem Titel "Züchtung" eine große Figur des Alten Testaments als Gewährsmann in Anspruch zu nehmen:

"Es hat sich herausgestellt, dass der größte völkische Terrorist aller Zeiten und größte Eugeniker aller Völker Moses war. Der Achtzigjährige, der Stotterer, der die in fünfhundertjähriger Zwangsarbeit zermürbten Israeliten zum Abmarsch bewegte, in der Wüste die Alten bewusst zugrunde gehen ließ, um allein die Jugend, das gute Material, nach Kanaan zu führen. Sein Gesetz hieß: quantitativ und qualitativ hochwertiger Nachwuchs, reine Rasse - Feuertod gegen Rassenvermischung."

So sei Rassenzüchtung "uralt" und auch jetzt ein Gebot der Stunde:

"Also gibt es nur eins: Gehirne muss man züchten, große Gehirne, die Deutschland verteidigen, Gehirne mit Eckzähnen, Gebiss aus Donnerkeil. Verbrecherisch, wer den neuen Menschen träumerisch sieht, ihn in die Zukunft schwärmt, statt ihn zu hämmern; kämpfen muss er können - die Angriffe gegen Deutschland werden erst beginnen: vom Westen, vom Osten, vom Liberalismus, von der Demokratie -, also ... "

... fährt Benn fort in der sicher steilsten seiner - von lutherischem Pathos durchtränkten - Formulierungen, die er zu Lebzeiten mit gutem Grund nie wieder veröffentlichte:

" ... Gehirne mit Hörnern, dessen Hörner sind wie Einhornshörner, mit denselben wird er die Völker stoßen zu Hauf bis an des Landes Enden. Dies Psalmenwort, nicht militaristisch gedacht, aber militant. Eine militante Transzendenz, Züchtung von Rausch und Opfer für das Sein verwandlungsloser Tiefe, Härte aus tragischem Gefühl, Form aus Schatten, nordisch, darüber Schwerter. Militante Transzendenz -: der neue deutsche Mensch, nie rein irdisch, solange er jung ist, sehr promethidisch, wenn er altert, am ehesten unter allen Typen einer Reife nah. Ich weiß, dies Volk wird frei werden, das kein Glück mehr will, sondern seine Züchtung."

Dass die Geschichte mutiere und ein Volk sich züchten wolle zu großer Bestimmung, ist kaum länger als zwei Jahre Benns Überzeugung. Sehr bald kommt er zu der Einsicht, die Nazis seien wie eine Schauspieltruppe, die stets Faust ankündige, dann aber nur Husarenfieber zur Aufführung bringe.

Im Rückblick auf die Neuzeit ist wohl keine andere Zeit derart von Utopien des "Neuen Menschen" geprägt wie das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Die "Urkatastrophe" des Ersten Weltkriegs steigerte die Dringlichkeit grundlegender Erneuerung. In allen drei großen Diktaturen, der sowjetischen, der italo-faschistischen und der nationalsozialistischen, ging es um Projekte, die zwar säkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, tatsächlich aber von religiösen Mythen getragen waren; vielleicht steigerte dies das Programm des "Neuen Menschen" als Glücksbringer.

Indes: Die Desavouierung der Heilsversprechen durch die gescheiterten Versuche ihrer Realisierung, die zerstörten Träume, die unerfüllten und gescheiterten Utopien hinterließen traumatische Enttäuschungen. Die prometheischen Hoffnungen und Erwartungen führten zu Vertreibung und Vernichtung, vervielfacht durch jene technischen Möglichkeiten, von denen gerade man sich den beschleunigten Zugang zum Heil versprochen hatte.

Die Propaganda der totalitären Staaten war totalitär auch insofern, als sie - kompromissfeindlich - mit dem Gegenüber von apokalyptischen Ängsten und chiliastischen Hoffnungen spielte. Sie reduzierte Komplexität. Der jüngstvergangenen, verdorbenen, dem Untergang geweihten Welt stellte sie die zukünftige, bessere, heilvolle gegenüber. Unterschlagen wurde dabei, dass es - wie meist - auf den Blickwinkel, die Perspektive ankommt: Worin die einen die Verderbtheit der Welt, den Anfang vom Ende sehen - das erscheint den anderen als paradiesischer, erstrebenswerter Zustand. Wie dem immer sei: Seit dem Ende der Herrschaft des Totalitarismus zieht man es vor, auf die individuelle Freiheit zu setzen und misstraut einem Glück, dass sich nach aller Erfahrung der Verplanung und Technisierung entzieht.

Wer erlebt hat, wie sich Führer als Verführer entpuppten und wie ein Traum zum Albtraum wurde, wer erfuhr, wie Utopien pervertiert wurden, dürfte resistent sein gegen künftiges In-Aussicht-stellen eines "Neuen Menschen".

Das noch immer nicht wirklich gelöste Rätsel bleibt der hohe Grad an Zustimmung zu den totalitären Systemen, die ja auch Destruktionskräfte von ungeheurem Ausmaß freisetzten; sie planten Massenmord und Holocaust ein. Sicher kann ein Historiker feststellen, dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 Adolf Hitler - ursprünglich nur Chef einer bayrischen Exotenpartei - dazu verhalf, die Rolle des vielfach ersehnten Messias spielen zu dürfen und an die Spitze einer künftigen Massen-, ja Einheitspartei zu gelangen. Die Hoffnungen auf nationalen Wiederaufstieg, auf neue Machtstellung Deutschlands waren ein Motor: Aber erklären sie alles? Und gibt es eingeschliffene Vorurteile, Spuren früherer Mentalität, die nach dem Zusammenbruch der Diktaturen weiterleben?

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