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"Der Wunsch nach Wandel ist schon groß hier unter den Leuten"

Freier Journalist Müchler über die Zukunft Äthiopiens nach dem Tod des Ministerpräsidenten

Benno Müchler im Gespräch mit Mario Dobovisek

Der verstorbene äthiopische Premierminister Meles Zenawi  (AP)
Der verstorbene äthiopische Premierminister Meles Zenawi (AP)

Menschenrechtsgruppen warfen ihm vor, die Meinungsfreiheit zu missachten. Nachdem Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi nun gestorben ist, hoffen viele Bürger auf den großen Wandel im Land, sagt Journalist und Äthiopien-Kenner Benno Müchler. Er selbst glaube jedoch weniger an eine Veränderung des politischen Kurses.

Mario Dobovisek: Viele Jahre lang war er an der Macht: zunächst als demokratischer Hoffnungsträger gefeiert, wurde Äthiopiens Ministerpräsident Zenawi später aufgrund seiner rigiden Politik scharf kritisiert. Seit Juli gab es Gerüchte über seinen Gesundheitszustand, gestern Abend ist er nun im Alter von 57 Jahren gestorben. In Äthiopiens Hauptstadt, in Addis Abeba, erreichen wir unseren Kollegen Benno Müchler. Was bedeutet der Tot Zenawis für Äthiopien?

Benno Müchler: Hallo! Das ist eine Frage, natürlich jetzt auf jeden Fall ein ganz klarer Schnitt jetzt erst mal. Zenawi war nicht nur 15 Jahre, man kann noch weiter zurückgehen, auch 20 Jahre lang jetzt an der Macht. Als ich heute Morgen die Nachricht bekommen habe und dann draußen war bei den Leuten, hat man schon natürlich erst mal Hoffnungen bekommen, dass es jetzt bald Wandel gibt. Das ist hier ganz klar unter den Leuten zu sehen. Aber auch manche Taxifahrer haben mir gesagt, das war jetzt mein Premierminister, ich bin jetzt schon ein bisschen traurig. Aber ich denke, das kann man schon sagen: Der Wunsch nach Wandel ist schon groß hier unter den Leuten.

Dobovisek: Was verursacht diesen Wunsch? Wofür stand Zenawi in den letzten Jahren?

Müchler: Zenawi stand für ein ganz krasses und scharfes Wirtschaftswachstum. Man muss wissen: Äthiopien ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt, hat aber seit schon gut fünf Jahren ein Wachstum um die zehn Prozent erreicht, kontinuierlich, und das wird auch so weitergehen. Das hatte jetzt nicht nur gute Folgen für die Wirtschaft, sondern eben auch eine starke Inflation. Die Nahrungsmittelpreise sind hier in den letzten zwei Jahren stark angestiegen und gewachsen und das haben die Leute schon alle sehr, sehr stark gefühlt. Das Wirtschaftliche ist das eine, und natürlich das, was Sie auch ansprachen in Ihrem Beitrag, die Frage der Menschenrechte, der Pressefreiheit, des Rechts auf freie Meinungsäußerung ist natürlich eine ganz andere Frage und die Leute hatten oder haben hier generell sehr, sehr viel Angst. Deswegen ist jetzt schon eine Erleichterung zu sehen.

Dobovisek: In Äthiopien gibt es bloß eine Partei und Zenawis Nachfolger hat diese bereits bestimmt: es wird der stellvertretende Ministerpräsident werden. Wird sich mit ihm an dem Kurs, den Sie gerade beschrieben haben, etwas ändern?

Müchler: Nein, danach sieht es nicht aus. Man kann sagen, es sieht wirklich danach aus, dass die Partei die Nachfolge jetzt gut vorbereitet hat. Zenawi war jetzt sechs Wochen lang nicht mehr öffentlich zu sehen. Der neue Mann, Hailemariam Desalegn, der auch Außenminister war, ist ein Mann von Zenawi. Er hat lange für ihn als spezieller Berater gearbeitet für soziale Fragen. Was jetzt neu an ihm ist, das ist schon ein Unterschied: Er kommt nicht aus Nordäthiopien, er ist jetzt kein Mann aus der Tigray-Region. Die Tigray-Region war die Region, die den Kampf gegen den kommunistischen Diktator vor 1991 gewonnen hat und dann später auch die Ministerposten besetzt hat. Der neue Mann kommt aus dem Süden, und was auch ganz interessant ist: er ist auch kein orthodoxer Christ, die hier die größte Mehrheit stellen, wenn es um die Religion geht, sondern er ist ein Protestant.

Dobovisek: Wir können Sie sehr schwer verstehen, Herr Müchler. Die Leitung nach Äthiopien scheint sehr, sehr lang zu sein. Dennoch kurz noch zum Schluss die Frage: Äthiopien gilt ja als verlässlicher Partner der USA im Kampf gegen den Terrorismus, wir haben es gehört. Wird sich daran möglicherweise etwas ändern?

Müchler: Daran wird sich wohl nichts ändern. Aber es bleibt die Frage, ob der neue Mann wirklich die zentrale Macht hier halten kann. Äthiopien ist und war bis dato ein sicheres, stabiles Land gewesen, aber ist eben auch ein riesiges Land, dreimal so groß wie Deutschland, über 70 verschiedene Sprachen gibt es hier, ein Land der Ethnien, und das ist immer die Frage, kann ein Mann, kann die Regierung dieses Land zusammenhalten.

Dobovisek: Benno Müchler in Addis Abeba – vielen Dank für Ihre Einschätzungen nach dem Tod des Ministerpräsidenten dort.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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